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Die überraschend lange Geschichte des Impfpasses

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700 Jahre Gesundheits-Atteste Die erstaunlich lange Geschichte des Impfpasses

Quarantäne, Lockdown, Grenze zu – die Instrumente zur Bekämpfung tödlicher Pandemien sind 700 Jahre alt. Wer sich bewegen will, wenn die Welt dichtmacht, braucht seitdem einen Pass, der die Gesundheit bescheinigt.

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Als Marcantonio Zezza im Jahr 1611 Venedig verließ, mag ein Stückchen Papier in seiner Tasche zu seinen wertvollsten Besitztümern gehört haben. Der kleine Druck, handschriftlich um seinen Namen und wichtige Daten ergänzt und von einem Offiziellen unterschrieben, bescheinigte ihm, er habe »mit Gottes Gnade« die Stadt »befreit von allem ansteckenden Übel« verlassen.

Gut möglich, dass man ihm ohne solch ein Dokument am Reiseziel den Zugang verweigert hätte oder sogar schon die bloße Durchreise – aus blanker Angst, er könnte den Tod im Gepäck haben. Denn was der nur 16 mal 11 Zentimeter messende Zettel Herrn Zezza bescheinigte, würde man heute knapp so formulieren: Dieser Mann ist frei von Pest.

In Covid-Zeiten erinnert das an die aktuellen »3G«: geimpft, genesen oder getestet. Geimpfte gab es noch nicht, Genesene hingegen schon – und Männer wie Zezza, die frei von Symptomen die »Getesteten« ihrer Zeit gewesen sein mögen. Und ohne so ein Zertifikat zu reisen, war 1611 womöglich mit ähnlichen, wahrscheinlich aber schlimmeren Problemen verbunden als 2021.

Denn die italienischen Stadtstaaten Mailand und Venedig hatten schon ab 1347 damit begonnen , sich effektive Maßnahmen auszudenken, um den grassierenden »schwarzen Tod« durch Unterbrechung der Kontaktketten einzudämmen. Das stand im offenen Gegensatz zur Lehre der Kirche, die Epidemien nicht als ansteckende Krankheiten deutete, sondern zur Strafe Gottes erklärte – wofür auch immer. Noch Pestordnungen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts nannten darum stets als wichtigste und erste Maßnahme gegen die Krankheit das mehrmals am Tag auf Knien abzuleistende Gebet sowie eifrige Buße.

Miasma und Pestsamen: die Idee vom »Erreger«

Doch Mailand und Venedig bewiesen , dass man auch aktiv Einfluss nehmen konnte auf die Eindämmung der Seuche, die regelmäßig bis zu einem Drittel der Bevölkerung betroffener Städte und Landkreise dahinraffte. »Die Isolation der Kranken, die Quarantäne für krankheitsverdächtige Personen, die Reinigung (Purga) verdächtiger Waren, die absolute Passagesperre (Bando) für Kaufleute aus infizierten Orten, alle diese Einrichtungen sind im Wesentlichen in Oberitalien während des 15. Jahrhunderts entwickelt worden«, schrieb die Ärztin und Medizinhistorikerin Vera Waldis in einem Aufsatz.

Bereits 1546 erdachte Girolamo Fracastoro, ein Arzt, Dichter, Philosoph und Universalgelehrter aus Verona, erstmals eine wissenschaftliche These, wie sich die Verbreitung solcher Krankheiten physisch erklären ließ: Neben Gedichten über die Syphilis schrieb er auch ein Traktat über die »Pestsamen«, die auch ohne unmittelbaren Kontakt zu Erkrankten Seuche verbreiten könnten.

Kirche und Establishment erkannten zu dieser Zeit allenfalls noch das »Miasma«, den Pesthauch aus Luft oder Boden, als mögliche Ursache an. Medizinischen Praktikern und den Seuchenbeauftragten der Städte aber lieferte Fracastoro eine konkretere Vorstellung, wie und wogegen man vorgehen könnte, um die Krankheitsverbreitung zu bremsen: Kranke isolieren, den Verkehr einschränken, das öffentliche Leben einer betroffenen Region per »Lockdown« unterbinden, Leichen verbrennen und dazu alles, was mit ihnen in Berührung kam.

Wir wissen heute, dass dieser Kampf gegen die Seuche Jahrhunderte dauern sollte und unzählige Tote nicht verhindern konnte. Wir wissen allerdings nicht, wie viel schlimmer das alles noch hätte verlaufen können. Denn der Ansatz stimmte – und das wissen wir seit mehreren Jahrhunderten.

Frei von Krankheit, frei zu reisen

In ganz Europa verbreiteten sich ab dem 18. Jahrhundert Genesenen- und Gesundheits-Atteste, die Reisenden auch in Zeiten epidemischer Krankheiten Reisefreiheit garantieren sollten. Aus dem frühen 18. Jahrhundert stammen auch die frühesten Berichte über Impfungen gegen die Pocken: Man blies gemahlenen Blutschorf mit lebenden Viren in eine offene Wunde. Überlebte das der Geimpfte, war er danach immun – und da das etwa 90 Prozent der Patienten gelang, wagten es immer mehr, denn die Pocken töteten bis zu 50 Prozent der auf normalem Wege Erkrankten.

Es war der englische Landarzt Edward Jenner, der die Methode entwickelte, die als Prinzip letztlich auch noch heutigen Impfungen zugrunde liegt: Er infizierte seine Patienten ab 1796 stattdessen mit Kuhpocken-Erregern. Die töteten Kühe, verursachten bei Menschen aber nur Nebenwirkungen – und gaben dem Immunsystem so das lebensrettende Signal, sich gegen alles zu wehren, was irgendwie an die verspritzten Krankheitserreger erinnerte. Es wirkte, und daher entstand wenige Jahre darauf eine neue Art amtliches Testat: der Impfpass.

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Viren, Seuchen, Impfungen - Meilensteine der Medizin

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Wie 1611 in Venedig begann das regional, oft auf Betreiben einzelner Ärzte oder Behörden. Als Johann Wetzler 1802 seine »Belehrung des Landvolkes über die Schutzblattern« veröffentlichte, tat er dies in Form einer Beratungsbroschüre für leidgeprüfte Eltern: »Wie oft werdet Ihr nicht, liebe Eltern, in Euren Hoffnungen und Freuden an Euren Kindern durch die Blattern betrogen?« Der junge Arzt Joseph Servatius D'Outrepont bohrte das Konzept im Folgejahr zum Buch unter gleichem Titel auf – und landete so einen Bestseller mit drei Auflagen schon im ersten Jahr.

Die Furcht war groß, denn die Blattern respektive Pocken rafften Kinder zu Tausenden dahin. Wie viel besser war es da, die Kleinen mit »Schutzblattern« zu infizieren, sie damit aber mittelfristig vor Schlimmerem zu bewahren? Entsprechend schnell verbreitete sich die Impfung. In den 1820er-Jahren fertigten Behörden im heutigen Deutschland ihre »Vakzinations-Atteste« längst auf amtlichen Vordrucken aus – damit war der auch überregional gültige »Impfpass« erfunden.

Pandemien schlagen global zu

Dass die eineinhalbjährige Anna Christine Harmsen am 25. August »im Jahr 1831 vakziniert und die ächten Schutzblattern regelmäßig überstanden« habe, bezeugte ihr auf amtlichem Vordruck ein königlich beglaubigter Amtsarzt. Formal galt das Dokument für Schleswig-Holstein, dürfte aber zumindest auch im Rest des deutschsprachigen Raumes akzeptiert worden sein. Bei den Pocken, der ersten tödlichen Krankheit, gegen die man impfen konnte , war die Vakzination von Jung wie Alt spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts Standard.

Auf eine internationale Standardisierung gesundheitssichernder Maßnahmen wartete die Welt da allerdings noch. Während die Pocken in Europa durch Impfkampagnen zusehends an Kraft verloren, wütete an immer mehr Orten die Cholera – Folge der Urbanisierung im Kielwasser der Industriellen Revolution. Katastrophale hygienische Bedingungen waren in den Arbeitervierteln der Normalzustand, und dass sich gerade dort die schlimmsten Krankheiten am schnellsten verbreiteten, trug zum Verständnis der Ursachen und Verbreitungswege bei.

Die waren nun zunehmend transkontinental. 1826 kam es in Indien zu einem Choleraausbruch, und die Krankheit verbreitete sich bis 1837 über China nach Japan, über die Weiten Russlands durch Mitteleuropa und von Großbritannien aus nach Nordamerika. Diese erste als global empfundene Pandemie tötete mindestens Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen – über die Opferzahlen gibt es nicht einmal seriöse Schätzungen. Allein Russland bezifferte die Zahl seiner Opfer auf mindestens 1,1 Millionen. Das schockierte die Welt, fast überall entstanden nun Behörden und Ministerien, deren Auftrag die Bewahrung der Gesundheit ganzer Nationen war.

Schnellere Reaktion auf neue Bedrohungen

Mitte des 19. Jahrhunderts war es dann so weit: Zeitgleich zur ersten industriellen Weltausstellung in London, bei der sich eine als globalisiert erkennende Wirtschaft feierte, tagten 1851 in Paris die Delegierten der Ersten internationalen Sanitätskonferenz gegen die Globalisierung der Krankheit. Ihr Ziel: eine internationale Koordination von Quarantäne- und anderen Eindämmungsmaßnahmen, um »die Verbreitung ansteckender und exotischer Krankheiten« zu erschweren.

Die Regierung Frankreichs hatte die Notwendigkeit schon 1834 erkannt. Sie machte vor allem die Beschleunigung des Reisens durch die Eisenbahn  als größte Pandemiegefahr aus. Zwölf Länder folgten der ersten Einladung und entsandten jeweils einen Diplomaten sowie einen Mediziner. Schon die erste Konferenz endete mit einem gemeinsamen Maßnahmenkatalog, der 137 Artikel umfasste.

Die Sanitätskonferenzen erwiesen sich als effektiv, obwohl aus ihnen zunächst keine formelle internationale Organisation entsprang. 14-mal konferierte eine wachsende Zahl von Ländern nun bis 1938 und reagierte mit neuen Maßnahmen auf neue Bedrohungen – 1866 beispielsweise wieder auf eine Choleraepidemie, 1933 auf die erneute Beschleunigung des weltweiten Reisens durch die Passagierluftfahrt.

Diese Konferenz führte auch zur Einführung des ersten weltweit gültigen, einheitlich designten Impfpasses, der 1944 durch ein Gesundheitsabkommen über Seereisen erweitert wurde. Den Ausweis übernahm dann auch die 1948 gegründete Weltgesundheitsorganisation WHO, die in der Nachfolge der internationalen Sanitätskonferenzen steht.

Das ist bis heute so. 1611 garantierte der venezianische Pest-Freibrief Signor Marcantonio Zezza freies Reisen in Norditalien und dem Gebiet der heutigen Schweiz – das war viel in Zeiten, als man meist von A nach B noch laufen musste. Unser aktueller Impfpass aber, der uns in Zeiten von Covid-19 weiter weltweites Reisen ermöglichen soll, ist kein Dokument eines kleinen Regionalstaates mehr, nicht von der Bundesrepublik Deutschland oder der EU ausgestellt, sondern eines der WHO. Zumindest in Sachen Krankheit und Gesundheit sind wir heute Weltbürger.

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