75 Jahre SPIEGEL Wie die fragwürdigen Aids-Berichte immer noch nachwirken

In den Achtzigerjahren schrieb der SPIEGEL diffamierend über homosexuelle Männer – und trug so zu Angst und Aufruhr bei. Welche Rolle der Scharfmacher Gauweiler dabei spielte.

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Es gab zwei Gewissheiten, die mich als Jugendlicher verfolgt haben. Die erste: Wenn du Sex hast, kannst du dich infizieren. Die zweite: wenn schon Sex, dann immer nur mit Kondom.

Als der SPIEGEL im Mai 1982 über Aids schrieb, war es nur ein »Schreck von drüben« mit Blick auf die USA und ich noch nicht auf der Welt. Ein Jahr später, im Juni 1983, druckt der SPIEGEL seinen mittlerweile berüchtigten Titel: »Tödliche Seuche Aids. Die rätselhafte Krankheit«. Auf dem Cover sind zwei Männer, nackt. Das Bild sieht fast aus wie ein Fotonegativ. Es deutet eine sexuelle Handlung an, der eine Mann zeigt uns seinen Hintern und greift nach dem Penis des anderen Mannes, der mit einem runden Bildausschnitt des Virus verdeckt ist.

Die dazugehörige Titelgeschichte beginnt mit einem Zitat aus Albert Camus' »Die Pest«, was sofort auch den Ton des restlichen Artikels setzt: Angst! Panik! Gefahr!

»Droht eine Pest? Wird Aids wie ein apokalyptischer Reiter auf schwarzem Roß über die Menschheit kommen? Ist eine moderne Seuche in Sicht, die sich zu Tod, Hunger und Krieg gesellen wird, wie einst im Mittelalter? Oder werden nur die homosexuellen Männer daran glauben müssen? Vielleicht (wie es Bakteriologe Fehrenbach formuliert), weil ›der Herr für die Homosexuellen immer eine Peitsche bereit hat‹?«

Auch die Illustrationen, die den Artikel begleiten, haben es in sich: »Pest in Wien (1348)«, »Pockenkranker Inder (1974), Cholera-Darstellung (1851)«, »West-Berliner Homo-Szene: Durchseuchungsgrad erhöht«, »Werbung für Homo-Treffpunkte: Monströser Markt.« So lauten die Bildunterschriften aus der Zeit.

Du wirst allein sterben

Der Tenor wirkte niederträchtig: Der Schwule wechselt nicht nur seine Partner wie am Fließband, sondern lebt auch einen hedonistischen Lebensstil – und jetzt bringt er uns die Seuche. Fast schlimmer ist der beigestellte Artikel, überschrieben mit »Die Traurigkeit nimmt zu«, für den der Reporter sich in der Berliner »Homosexuellen-Szene« umschaut:

»Es ist eine eigene Welt, die Subkultur, der homosexuellen Männer Berlins, zwanzig-, vielleicht dreißigtausend Glieder stark; von der Bevölkerung toleriert, denn Homos sind höflich und haben Geld; auch von der Polizei gänzlich verschont, wohl aus den gleichen Gründen. Jetzt aber fürchtet man sich vor zweierlei Übeln: der Krankheit Aids, die einzelnen Homos den Tod bringen wird und – schlimmer noch – vor dem heterosexuellen Echo auf Aids, das allen Homosexuellen die große Freiheit zur Lust von Amts wegen wieder nehmen könnte.«

Spätestens an dieser Stelle hätte irgendwem in der Redaktion etwas auffallen können, hätte jemand stutzig werden können, hätte sich fragen können: Befeuern wir genau dieses Gefühl gerade?

Stattdessen lässt der Reporter Menschen zu Wort kommen, die davor warnen, mit schwarzen Menschen oder Amerikanern zu schlafen, die sich über den Unwillen zur Monogamie echauffieren. Am Ende wird ein Leben an die Wand gemalt vom schwulen infizierten Mann, der ganz allein sterben wird.

Gauweilers harte Linie der Ausgrenzung

Hier werden schon die Grundlagen bereitgelegt, die mich mein jugendliches Leben lang begleiten werden. Deswegen ist dies kein Text darüber, dass der SPIEGEL es damals nicht besser wusste; dieser Text soll nicht versuchen, etwas zu kitten. Er soll verständlich machen, welche Fehler und Folgen die Berichterstattung des SPIEGEL hatte (und bis heute hat).

Der Autor und Journalist Martin Reichert beschreibt in seinem Buch »Die Kapsel«, wie die Berichterstattung des SPIEGEL schwule Männer in Aufruhr und Angst versetzte, welche Folgen der SPIEGEL-Titel und die darauffolgende Berichterstattung auslösten. 1987 tauchte dann Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium des Innern Peter Gauweiler (CSU) auf dem SPIEGEL-Cover auf, mit einer Mund-Nasen-Bedeckung in den Farben des Freistaates. Die Überschrift lautet: »Einer gegen AIDS«.

Gauweiler stand für eine harte Law-and-Order-Politik. Sein Maßnahmenkatalog sah unter anderem vor, verpflichtende Reihenuntersuchungen für die Angehörigen der Risikogruppen einzuführen, zu denen er auch Menschen zählte, die nicht aus Europa kamen. Wenn sich ein Infizierter als uneinsichtig erwies und nicht auf sexuelle Kontakte verzichtete, sollte die ärztliche Schweigepflicht aufgehoben und eine »Absonderung« angeordnet werden können.

Sex = Gefahr?

Genau mit diesen Bildern, Beschreibungen, Ideen bin ich aufgewachsen, befeuert von Medien wie dem SPIEGEL. Immer mit der Angst, potenziell das Virus zu bekommen. Mehr als 15 Jahre nach der SPIEGEL-Berichterstattung musste ich mich immer noch mit den Folgen auseinandersetzen, statt wie meine heterosexuellen Mitschüler:innen deutlich unbeschwerter erste Annäherungen zu erleben.

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Nur an Sex zu denken, hieß für mich, auch mit den eventuellen Konsequenzen leben zu müssen – und weil ich es nicht besser wusste, bedeutete das automatisch für mich: Sex = Gefahr. Für die Generationen vor mir hieß es allerdings noch so viel mehr. Sie haben die Kämpfe ausgefochten, damit ich damals und heute informierter bin, mich sicherer bewegen kann. Reichert schreibt in seinem Buch: »Im Jahr 1996 hatte ich immer das Gefühl, mich in ein gemachtes Bett zu legen – die Schwulenbewegung hatte ihren Kampf gekämpft (...). Es war das Jahr von Vancouver, in dem das Sterben aufhörte.«

Wie die Berichterstattung hätte anders laufen können? Statt ein Schreckgespenst an die Wand zu malen, statt promiske schwule Männer zu dämonisieren, hätte es eine Geschichte über den Zusammenhalt einer Community sein können, die sich selbst hilft, weil es sonst niemand tut. Es hätte auch eine Geschichte über das Scheitern der US-Regierung werden können, über die Gleichgültigkeit des Präsidenten Ronald Reagan. Das schwang oft mit, aber eher am Rande.

»Diese Stimmung förderte nicht die Aufklärung, sondern Angst.«

Bernd Aretz, langjähriger Aktivist der Aidshilfe

Zum 70-jährigen Bestehen des SPIEGEL, zum Jubiläum vor fünf Jahren, erschien ein Interview mit Bernd Aretz. Der HIV-positive Aktivist und ehemalige Rechtsanwalt brachte es sehr genau auf den Punkt: »Diese Stimmung förderte nicht die Aufklärung, sondern Angst«, sagte Aretz, der 2018 starb. Und weiter: »Man musste aufklären, aufklären, aufklären – ohne Druck und Bedrohungsszenarien.«

Was der SPIEGEL aber tat, war vor allem das Gegenteil. Immer in dem Glauben damals, auf diese Weise Menschenleben zu retten. Das klingt nach einer perfiden Argumentation, die sich nicht mit den wirklichen Konsequenzen auseinandersetzen will.

Im Umkehrschluss könnte das heißen, dass alle, die sich zu dieser Zeit nicht infiziert haben, es Medien wie dem SPIEGEL zu verdanken haben, weil sie damals vor der Infektion ausreichend gewarnt hatten. Allerdings, so scheint es mir, verdanken die Überlebenden ihre Rettung eher dem Zusammenhalt in der Community.

Zur Wahrheit gehört auch, dass der SPIEGEL nicht nur auf eine Weise berichtet hat, sondern verschiedene Haltungen veröffentlichte, unter anderem die mildere der damaligen Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth. Der SPIEGEL packte sie 1987 in ein Kondom eingehüllt auf das Cover, weil sie sich gegen Zwangs-HIV-Tests, namentliche Meldepflicht und Isolation stemmte – also sich Gauweilers Forderungen widersetzte und für die Aufklärungskampagne mit Präservativen stand.

So druckte der SPIEGEL in den Neunzigern auch zum Beispiel ein Interview mit dem Act-up-Aktivisten Mark Harrington oder einen Bericht des Regisseurs Rosa von Praunheim. Und die Liste setzt sich bis heute fort.

Das Problem mit dem Preis des Schwulen Netzwerkes

Wegen solcher späteren Texte, besonnener und vielfältiger als die alarmistischen Artikel der Achtzigerjahre, erhielten 2013 die Redaktionen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE die Kompassnadel des Schwulen Netzwerkes NRW. Einige queere Verbände und Initiativen kritisierten das vehement – nicht verwunderlich angesichts der Vorgeschichte.

So warf die Deutsche Aidshilfe dem SPIEGEL vor, den »Grundstein für die Stigmatisierung der Menschen mit HIV gelegt zu haben«. Der Journalist Stefan Niggemeier  nannte die Berichterstattung »infam« und »apokalyptisch«. Und der vorherige Preisträger und Sexualwissenschaftler Martin Dannecker weigerte sich, wie eigentlich üblich, direkt den Preis zu übergeben. Reichert schildert in seinem Buch, wie Dannecker 1986 einen offenen Brief an den SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein verfasste, der mit den Worten endet: »Im SPIEGEL wird seit nunmehr vier Jahren ein antihomosexueller und minderheitenfeindlicher Fortsetzungsroman veröffentlicht.«

Als mein Kollege Markus Verbeet 2013 stellvertretend für die Redaktionen den Preis entgegennahm, nutzte er die Dankesrede, um sich zu entschuldigen:

»Ich kann nur ahnen, was für Verletzungen wir hervorgerufen haben. Ohne es zu wollen, ohne jede Absicht. Aber wir haben diese Verletzungen hervorgerufen. Und ich will Ihnen sagen: Das bedauere ich zutiefst. Wie groß diese Verletzungen sind, haben mir etliche Gespräche gezeigt. Gespräche, die ich in den letzten Tagen geführt habe und auch vorhin, unmittelbar vor dieser Veranstaltung. Ich danke allen, die das Gespräch mit mir gesucht haben und sich dem nicht verweigert haben.«

Ohne Frage war dies ein wichtiger Moment, eine Entschuldigung, die mehr als überfällig gewesen war. Mein jugendliches Ich hätte aber wahrscheinlich mehr gebraucht.

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