Schwarz-Rot-Gold Unter fescher Flagge

Drei Farben Deutschland: 1919 wurde Schwarz-Rot-Gold zur Nationalflagge. In Weimar blieb sie umstritten, die Nazis verboten sie, die Bonner Republik zeigte sie eher verschämt. Erst mit der Wiedervereinigung entdeckten die Deutschen ihre Fahne neu - und den Party-Patriotismus gleich mit.

DDP

Es war ein einziger Farbenrausch: Als die Welt im Fußballsommer 2006 auf Deutschland schaute, versank das ganze Land in einem Fahnenmeer von Schwarz, Rot und Gold. In den Stadien schwenkten Abertausende Trikoloren, an jedem zweiten Autodach klemmten Deutschlandwimpel und wer keine Hand frei hatte, trug Socken, T-Shirts, BHs in den Nationalfarben oder hatte sie sich gleich auf die nackte Haut gemalt. "Schwarz-Rot-Gold sind die Modefarben der Saison", verkündete die "Bild"-Zeitung.

Wer noch in der alten Bundesrepublik aufgewachsen war, rieb sich die Augen. Junge Deutsche, die sich unbefangen und spaßgetrieben einem patriotischen Farbenreigen hingeben? Dürfen die das denn? So ganz ohne die Zurückhaltung, die ihre Geschichte den Deutschen doch auferlegt? Was finden die überhaupt an diesen komischen Farben? Da kann man doch nicht stolz drauf sein!

Fast 200 Jahre hat es gedauert, bis die Deutschen in der Mehrheit ihren Frieden mit dem "deutschen Dreifarb" gemacht haben, jener traditionsreichen Trikolore, deren Farben der Uniform der legendären Lützower Jäger entlehnt ist - jener Freischärlertruppe, die in den Freiheitskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts gegen Napoleons Besatzer kämpften. Und genau 90 Jahre ist es her, seit Schwarz-Rot-Gold nach dem selbstverschuldeten Untergang des Kaiserreichs zum ersten Mal offizielle Nationalfahne der Deutschen wurde: Am 18. Februar 1919 beschloss der "Staatenausschuss", die Länderkammer der Weimarer Nationalversammlung, die Trikolore zur Reichsfahne zu erheben.

"Schwarze Knechtschaft, rotes Blut, goldene Freiheit"

Dass die erste deutsche Republik diese Farben wählte, hatte seinerzeit gute historische Gründe. Nach 1815 machen Studenten Schwarz-Rot-Gold zum Zeichen ihres Kampfes gegen die Restauration in Europa. "Schwarze Knechtschaft, rotes Blut, goldene Freiheit", lautete eine der Deutungen der prägnanten Farbkombination. Dann trug Pfingsten 1832 der Kaufmann Johann Philipp Abresch die von ihm selbstgefertigte schwarz-rot-goldene "Urfahne" an der Spitze von 25.000 Demonstranten zum Hambacher Schloss hinauf und pflanzte das Tuch mit dem eingestickten Wahlspruch "Deutschlands Wiedergeburt" auf dem Turm der Ruine auf. Mit dem "Hambacher Fest" war die Trikolore endgültig zum nationalen Symbol geworden, unter dem sich freiheitsliebende Demokraten und Anhänger der Einheit aller deutschen Länder versammelten.

Es war ein durchaus machtvolles Zeichen, das die Fürsten bald das Fürchten lehrte. Man täte gut daran, Schwarz-Rot-Gold als Bundesfahne einzuführen, riet Bayernkönig Ludwig I. schon 1846, um so "der revolutionären Partei eine Waffe zu entreißen". Angesichts des Rumorens im Volk folgten die gekrönten Häupter diesem Rat am 9. März 1848. Sich selbst beruhigten sie damit, dass der neue Look ja "der deutschen Vorzeit zu entnehmen sey, wo das deutsche Reichspanier schwarz, roth und golden war". Das allerdings war ziemlicher Kokolores und eher dem Bemühen geschuldet, sich aus der Historie zu legitimieren.

Nicht alle Fürsten kriegten gleich die Kurve. In Berlin ließ Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. ("Schafft mir diese Fahne aus den Augen!") eine gute Woche später auf Demonstranten schießen - nur um weitere drei Tage später einzulenken. Mit einer schwarz-rot-goldenen Armbinde ritt der Hohenzollernkönig am 21. März 1848 durch Berlin. Am Tag darauf erwies er den mit der Trikolore geschmückten Särgen der "Märzgefallenen" die letzte Ehre - ein hochsymbolischer Triumph der deutschen Freiheitsbewegung.

Piratenflagge Schwarz-Rot-Gold

Als zwei Monate darauf die Abgeordneten der neuen Nationalversammlung in Frankfurt am Main zusammentrafen, um eine Verfassung für ganz Deutschland auszuhandeln, war die Paulskirche ganz in Schwarz, Rot und Gold herausgeputzt. Nationalfahne wurde die Trikolore aber nicht. Lediglich über deutschen Schiffen wehte die Trikolore als Kriegs- und Handelsflagge. Als offizielle Fahne anerkannt wurde die neuen Farben gerade einmal von elf Staaten, darunter den USA, Frankreich, Spanien und den Niederlanden. Die Briten betrachteten sie erst mal als "Piratenflagge".

Vier Jahre später war schon wieder Schluss für Schwarz-Rot-Gold. Ein junger, konservativer Abgeordneter namens Otto von Bismarck sorgte im August 1852 dafür, dass die Demokratenfahne während der Sitzungspause vom Bundespalais an der Großen Eschenheimer Gasse geholt wurde. 20 Jahre später machte derselbe Bismarck als Kanzler Schwarz-Weiß-Rot zur Fahne seines aus "Blut und Eisen" geschmiedeten kleindeutschen Kaiserreichs - zusammengesetzt aus dem Schwarz-Weiß Preußens und dem Rot der Hansestädte des Norddeutschen Bundes.

Die politischen Nachlassverwalter des 1918 gescheiterten Bismarck-Reichs holten das schwarz-rot-goldene Fahnentuch wieder hervor. Doch anstatt der fragilen Republik von Weimar als sinnstiftendes Symbol zu dienen, wurde die neue Nationalfahne zum Zankapfel schlechthin - auch weil als Kompromiss Schwarz-Weiß-Rot zur Handelsflagge erklärt wurde. Der "Flaggenstreit" zwischen Republikanern und Reaktionären zog sich durch die gesamte Weimarer Ära, mit absurden Folgen: An manchen Feiertagen wurde gar nicht mehr geflaggt, weil der Staat nicht garantieren konnte, dass überall die richtigen Fahnen aufgezogen wurden. Im Mai 1926 musste gar die Reichsregierung zurücktreten, weil ein Flaggenkompromiss gescheitert war. Am Ende wurde vor deutschen Botschaften im Ausland gleich beide Fahnen gehisst, die doch für vollkommen gegensätzliche Dinge standen.

Eine Pyjama-Fahne von den Besatzern

Die Nazis machten 1933 sofort Schluss mit Schwarz-Rot-Gold am Fahnenmast. Mit Rücksicht auf den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der ihn zum Kanzler gemacht hatte, ließ Hitler die schwarz-weiß-roten Flaggen noch eine Weile neben dem Hakenkreuzbanner wehen. Doch nachdem der alte Mann gestorben war, musste 1935 auch Bismarcks Erfindung in den Fundus. Als gerade zehn Jahre später dann allerdings auch die Hakenkreuzfahnen über den Trümmern für immer eingeholt wurden, erinnerten sich die Deutschen wieder an die alten republikanischen Farben. Von politisch flexiblen Staatsdienern aufgezogen, flatterten in der Stunde Null vor vielen deutschen Behörden wieder Trikoloren, tauchten schwarz-rot-goldene Kokarden an Polizeimützen auf.

So verboten die Besatzungsmächte im Juni 1945 als eine ihrer ersten Amtshandlungen auch Schwarz-Rot-Gold, das sie als unerwünschtes Symbol deutscher Staatlichkeit betrachteten. Stattdessen bekam das besiegte Deutschland von den Alliierten eine unverdächtige Fahne verpasst, dünn blau-weiß-rot-weiß-blau gestreift wie ein altmodischer Pyjama. Sie war einfach dem internationalen Flaggenalphabet entlehnt, in dem sie für den Buchstaben "C" steht. Bis Anfang 1951 führten deutsche Handelsschiffe das "C" als Nationalstander, dann durften auch sie den "Adenauer" hissen, wie die neu-alte Bundesfahne in Schwarz-Rot-Gold bei Seeleuten bald hieß.

Dass die alte Trikolore auch das Hoheitszeichen des neuen Weststaats sein sollte, hatte der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee schon im Sommer 1948 vorgeschlagen. "Trotz des provisorischen und fragmentarischen Charakters des Bundes" sei es "aus technischen und auch aus politischen Gründen erforderlich", dem Bund eine Flagge zu geben. Und für Schwarz-Rot-Gold spreche, "dass diese Farben schon im alten Reichsschild geführt" und zudem "seit Beginn einer deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung allgemein als die Embleme der Deutschen Republik gegolten haben".

Der schwarz-rot-goldene Moment

Wichtiger als die olle Kamelle mit den angeblichen Reichsfarben war den Müttern und Vätern des Grundgesetzes allerdings, dass sich in der Sowjet-Zone inzwischen die SED jene "alte deutsche Farben" unter den Nagel gerissen hatten, für eine zu gründende "deutsche demokratische Republik". Und als Spalter wollten die Westdeutschen um keinen Preis dastehen, weshalb "die Schaffung einer 'separaten' Flagge für niemanden in Frage" kam. Und so führten beide deutsche Staaten noch zehn Jahre lang das gleiche Hoheitssymbol, bis die DDR 1959 den Ährenkranz mit Zirkel hinzufügte. Die ostdeutsche "Spalterflagge" zu zeigen, war in Westdeutschland noch bis 1969 eine polizeilich verfolgte Straftat.

Die jeweilige Variante blieb hüben wie drüben ungeliebt. Der große, schwarz-rot-goldene Moment kam erst 30 Jahre später. Als im November 1989 die Mauer fiel, wurde das uralte Einheitsversprechen der alten Fahne über Nacht atemberaubend aktuell: Abertausende Ostdeutsche schnitten mit der Schere Hammer und Zirkel aus den DDR-Fahnen. Die Botschaft war unmissverständlich.

Seit dem 3. Oktober 1990 um Mitternacht weht nun eine riesige, sechs mal zehn Meter große "Fahne der Einheit" auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag in Berlin. Sie ist nicht aus schwarzer und roter Seide mit Goldstickereien wie das Banner, das einst Lützows Freiheitskämpfer schwenkten. Das Symbol der vollendeten Einheit ist aus Kunststoff und glänzt gemäß den Corporate-Identity-Richtlinien der Bundesregierung in den RAL-Farben 9005 ("Tiefschwarz"), 3020 ("Verkehrsrot") und 1021 ("Rapsgelb").

Stolz kann sie einen eigentlich trotzdem machen.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Michael Düvel, 19.02.2009
1.
Wenn man sich die Bilder anschaut ist es größtenteils immer noch so wie ich es in den ersten 20 Jahren der "Bonner Republik" kennengelernt habe: Die Deutschen identifizieren sich hauptsächlich beim Fußball mit der Nationalflagge. In der "Bonner Republik" war es auch keinem peinlich die Flagge im Stadion zu schwenken. Nur außerhalb wurde sie kaum gezeigt. Ich bin und bleibe ein Kind der "Bonner Republik". Ich habe keinen Nationalstolz und werde auch wohl nie einen entwickeln, und es wird mir nie einfallen die Flagge ans Auto zu klemmen.
Erardo Rautenberg, 19.02.2009
2.
Zu der Thematik empfiehlt sich eine vom brandenburgischen "Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit" kostenlos abgegebene Broschüre, die unter www.politische-bildung-brandenburg.de/extrem/pdf/schwarz_rot_gold.pdf im Internet frei abrufbar ist
Hannes Gnad, 19.02.2009
3.
Die Gründung der Farben kommt in dem Artikel leider etwas kurz: "Nach 1815 machen Studenten Schwarz-Rot-Gold zum Zeichen ihres Kampfes gegen die Restauration in Europa." Ausführlich könnte man darauf hinweisen, daß es die urburschenschaftliche Bewegung war, die Schwarz-Rot-Gold entwickelt hat. Am Anfang standen die Lützower Jäger, von denen sich 1815 viele bei der Jenaischen Burschenschaft wieder fanden. Aus einer rot-schwarzen Fahne mit goldenem Rand wurde ein Jahr später eine rot-schwarz-rote Fahne, mit goldenem Rand und goldenem Eichenzweig in der Mitte. Über das Wartburgfest 1817 entwickelte sich bis 1819 daraus dann Schwarz-Rot-Gold, wobei noch bis zum Hambacher Fest die Farbreihenfolge ("von oben" oder "von unten") unsicher war - auf einigen Darstellungen des Hambacher Festes scheint daher aus heutiger Sicht die Fahne auf dem Kopf zu stehen. Tipp zum Weiterlesen (sehr ausführlich): http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarz-Rot-Gold Liebe Grüße, Hannes Gnad
Walter Prof.Dr. Fröscher, 19.02.2009
4.
In dem Artikel ist knapp und pauschal vom "selbstverschuldeten" Untergang des Kaiserreiches die Rede. "Mitverschuldet" fände ich akzeptabel, "selbstverschuldet" entspricht einer einseitigen Betrachtung der deutschen Geschichte.
Hans Michael Kloth, 19.02.2009
5.
Warum genau sollte das einseitig sein? Die Eliten des kaiserreichs erwiesen sich als unfähig, noch rechtzeitig einen Verständigungsfrieden zu schließen, der den Fortbestand der politischen Ordnung hätte sicherstellen können. stattdessen setzten sie alles auf die "letzte Karte", einen militärischen Sieg, obwohl die USA bereits in den krieg eingetreten waren. als Reichskanzler Max von Baden nach der alternative zu fragen wagte, beschied in Ludendorff knapp: "Dann muss Deutschland eben zu Grunde gehen."
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