Beatles-Album "Abbey Road" Flotte Käfer auf dem Zebrastreifen

Eine Notlösung wurde eines der berühmtesten Fotos der Popgeschichte: Auf einem Londoner Zebrastreifen spazieren die Beatles ihrem Ende entgegen, vor genau 50 Jahren - ein Cover und seine Geschichte.

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Am 1. August 2019 um 11.35 Uhr ist auf dem Zebrastreifen der Londoner Abbey Road eigentlich alles wie immer. Exakt 49 Jahre und 358 Tage nach der Aufnahme des berühmtesten Albumcovers der Musikgeschichte verewigen sich zwei Hipster per Filzstift auf der Mauer an der Straße. Fünf Touristinnen marschieren abwechselnd im Quartett über den Zebrastreifen, immer eine muss als Fotografin auch den Verkehr aufhalten. Und ein junger Mann winkt in die Webcam, die das bunte Treiben in alle Welt hinaussendet.

Seit bald fünf Jahrzehnten ist dieser Zebrastreifen kein ganz normaler Fußgängerübergang mehr, sondern ein Wallfahrtsort für Bewunderer der größten Popstars aller Zeiten. Und was für den Verlauf dieser Geschichte nicht unerheblich ist: Paul McCartney lebt immer noch.

Es ist ein sonniger Sommertag, als am 8. August 1969 vier junge Männer über die Straße spazieren. Links von ihnen parkt passenderweise ein VW Käfer, quasi der fünfte Beatle; hinten rechts schaut ein Mann zu und hat skeptisch die Hände in die Hüften gestemmt. Sonst nur Londoner Asphalt, Sechziger-Jahre-Autos, eine von Bäumen umsäumte Straße. Ein schlichtes Bild.

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"Abbey Road"-Cover: "Lasst uns einfach über die Kreuzung laufen"

Kurz zuvor am Morgen ist die Stimmung in den Abbey-Road-Studios angespannt. Die Beatles befinden sich in der Endphase ihres elften Albums. Fast ein Wunder, dass es überhaupt zustande kommt: Die gemeinsamen Jahre am Limit, zwischen Verkaufsrekorden und dem Yeah, Yeah, Yeah einer ganzen Generation, haben ihre Spuren hinterlassen.

George Harrison ist immer noch sauer, weil Paul McCartney es Anfang '69 gewagt hat, sein Gitarrenspiel vor versammelter Mannschaft zu kritisieren. John Lennon hat McCartney nicht verziehen, dass der heimlich seine Anteile an einer gemeinsamen Kompositionsrechte-Firma erhöht hat. Und alle sind genervt von Lennons exzentrischer Gattin Yoko Ono, die ihr Doppelbett nach einem kleinen Autounfall kurzerhand mitten im Tonstudio hat aufstellen lassen.

Fixes Foto vor der Studiotür

In zwölf Tagen wird die berühmteste aller Bands zum letzten Mal gemeinsam im Tonstudio stehen. Was an diesem 8. August noch niemand wissen kann. Jetzt plagen die fabelhaften Vier ganz andere Sorgen. Noch immer weiß niemand, wie das neue Album heißen soll - und was auf dem Cover zu sehen sein wird. Eine erste Idee wurde bereits abgeschmettert: McCartney wollte die Platte "Everest" betiteln (nach der Zigarettenmarke des kettenrauchenden Toningenieurs Geoff Emerick) und hat fürs Covershooting einen Trip in den Himalaya angeregt - einmal noch gemeinsam nach Fernost. Aber eine so lange, beschwerliche Reise, wenn die Stimmung gerade eh im Keller ist? No way.

Stattdessen soll heute ein aus der Not geborener weiterer Geistesblitz McCartneys umgesetzt werden. Mit Blick auf den Zebrastreifen vorm Studio hat er Tage zuvor verkündet: "Lasst uns einfach rausgehen, einen Fotografen anrufen und über die Kreuzung laufen. In einer halben Stunde haben wir es hinter uns" - allgemeine Zustimmung.

Video: Der berühmteste Zebrastreifen der Welt

Yoko Ono und Lennon haben einen befreundeten Fotografen engagiert: Ian MacMillan steht gegen 11.30 Uhr mit Hasselblad-Kamera und Leiter vor der Abbey Road 3. Das Motiv hat ihm McCartney auf einen Zettel gemalt. Die Beatles geben MacMillan nur zehn Minuten Zeit für eine anständige Aufnahme.

Dem August '69 in den USA hat der SPIEGEL gerade eine Titelgeschichte gewidmet: Am Tag nach dem Covershooting der Beatles ermordete die Manson-Family Sharon Tate, am 15. August begann das Woodstock-Festival - ohne die Beatles, die Organisator Michael Lang vergeblich angefragt hat. Im Gedächtnis der westlichen Zivilisation wirkt dieser Sommer '69 wie ein Brennglas: Alles, was hier passierte, hatte eine größere Strahlkraft. Und wenn es nur vier Verrückte waren, die im Gleichschritt über eine Kreuzung im Londoner Nordwesten latschten.

Genervter US-Tourist im Bild

So hat sie jedenfalls der Mann im Gedächtnis, den man später "Urvater des Photobombing" nannte: weil das berühmte Cover ihn im Hintergrund zeigte. US-Tourist Paul Cole, damals 49, ging es am 8. August ganz ähnlich wie den Beatles - er hatte die Schnauze voll und brauchte dringend eine Pause. 2008 machte das Boulevard-Blatt "Mirror" die Identität des Unbekannten auf "Abbey Road" öffentlich. "Ich sagte meiner Frau, dass ich jetzt genug Museen gesehen hatte", erklärte Cole im Interview. "Ich wollte einfach draußen stehen und beobachten, was so passierte."

Er wartete also im dunklen Anzug auf seine Frau, neben einem Polizeiauto. "Eine Bande von Verrückten, dachte ich mir, da sie für die Zeit damals schon recht radikal aussahen", erinnerte sich Cole, "man lief nicht einfach barfuß in London rum!" So landete der Tourist auf einem zentralen Album der Hippie-Bewegung und in Millionen Plattenschränken, ein wunderbarer Zufall der Popgeschichte.

Video: "Beatlemania" - so begann die Boyband-Hysterie

DER SPIEGEL

Den Beatles war das damals wumpe. In ihren Gesichtern mag man eine gewisse Müdigkeit erkennen. Vorn der Spiritus Rector dieser Gang, John Lennon: Schuhe, Hose, Sakko ganz in Weiß, dazu Löwenmähne und -bart, die markante Brille mit den runden Gläsern, Hände in den Taschen. Seit knapp fünf Monaten ist er mit Yoko Ono verheiratet, die Flitterwochen verbrachte das Paar vorrangig im Bett, ihr berühmtes "Bed-In" hat Lennon als "urkomischen Werbespot für den Frieden" bezeichnet.

Hinter ihm Ringo Starr mit starrem Blick, Schuhe, Hose, Sakko ganz in Schwarz, dazu weißes Hemd und gigantische Koteletten. Und dann mit Zigarette in der Hand Paul McCartney, eskortiert von einem griesgrämigen George Harrison im Jeanshemd. Auch McCartney wirkt nicht wirklich heiter, eher wie ein ausgelaugter Musiklehrer auf dem Heimweg - und als einziger barfuß an diesem warmen Tag.

Während ein Polizist den Verkehr aufhält, macht MacMillan sechs Fotos. Nummer fünf schafft es letztlich aufs Cover, das einzige mit synchroner Schrittbewegung der Beatles-Beine. Wer die Platte umdreht, sieht vier behoste Victory-Zeichen. Wo das Foto nun im Kasten ist, findet sich auch bald ein Name fürs Album: "Abbey Road". Das steht allerdings nicht auf der Vorderseite, The Beatles ebensowenig. Coverdesigner John Kosh erklärte später, dass "wir den Namen der Band nicht aufs Cover schreiben mussten - es war schließlich die berühmteste Band der Welt!"

"LMW-28IF", Paul ist tot, glasklar!

Und genau deshalb drehen wieder alle durch. Schon vorher kursierte die "Paul is dead"-Verschwörungstheorie, wonach Paul McCartney längst verstorben sei. "Abbey Road" gibt ihr neues Futter. Weil nämlich Linkshänder McCartney erstens eine Zigarette in der rechten Hand hält (Doppelgänger!). Weil er zweitens barfuß unterwegs ist (in England werden Tote häufig ohne Schuhe begraben), und das drittens mit dem rechten Bein voran (die drei anderen mit dem linken). Viertens parkt im Hintergrund ein Käfer mit dem Nummernschild LMW-28IF (nur Ignoranten würden hier übersehen, dass dies die Abkürzung für "Linda McCartney Weeps 28 IF" ist - "Linda McCartney weint 28 WENN"... wenn er überhaupt noch leben würde, schließlich war er bei der Aufnahme des Fotos 27).

Das verstehen Sie nicht recht? Für Freunde verwegener Theorien eine lückenlose Beweiskette: Paul ist tot.

McCartney aber war als Geschäftsmann so gut wie als Musiker. Statt auf Teufel komm raus zu beweisen, dass er noch am Leben war, erkannte er den ökonomischen Vorteil von solchem Humbug. "Am Ende sagte ich: Lassen wir's laufen. Schließlich war es ja auch Werbung für das Album", so McCartney später in einem Interview. Ein kluger Schachzug, "Abbey Road" wurde zur bestverkauften Beatles-Platte und führte stolze elf Wochen lang die Charts an.

Das Notlösung-Cover wurde oft kopiert, nie erreicht. Außer vielleicht von den Red Hot Chili Peppers: 1988 überquerten sie den Zebrastreifen für ihr Minialbum "The Abbey Road E.P." ebenfalls, bekleidet nur mit Socken - über dem Geschlechtsteil. Deutlich biederer gestaltete sich das Remake des FC Bayern, der seine Stars vor dem Achtelfinale gegen den FC Liverpool im Frühjahr 2019 über einen auf den Trainingsplatz gemalten Zebrastreifen marschieren ließ. Nur fair, dass die Münchner für diesen Kulturfrevel aus der Champions League flogen.

Die schleichende Auflösung der Beatles konnte auch der "Abbey Road"-Erfolg nicht verhindern. Es gab sie schon nicht mehr, als am 8. Mai 1970 ihr zwölftes und letztes Album erschien. John Lennons tröstende Worte: "Es ist nur eine Band, die auseinandergeht. Es ist nicht das Ende der Welt." Schon klar. Und der Fußgängerübergang an der Abbey Road 3 ist nur ein stinknormaler Zebrastreifen.

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