Abgesang aufs Tape Zwischen Liebesbrief und Gesetzesbruch

Fertig bespielte Kassetten - langweilig. Wer Lust aufs Leben hatte, nahm eigene Tapes auf. SPIEGEL-Redakteur Ansbert Kneip war Experte in Sachen Eigenmischung. Auf einestages erinnert er sich an spektakuläre Bootleg-Aufnahmen - und verrät die perfekte Herzensbrecher-Playlist.

Liebevoll gestaltete Kassettenhüllen
Sandra Anni Lang

Liebevoll gestaltete Kassettenhüllen


Bald ist Schluss. Blue-Ray hat die DVD fast abgelöst, MP3-Dateien die CD verdrängt, Schallplatten gibt es nur noch für Liebhaber, und die gute alte Audiokassette leiert nur noch in Altwagen und Kinderzimmerrecordern. Wer nimmt heute noch eine Kassette auf? Wer trägt noch einen Walkman mit sich herum? Die Kassette war das Medium der achtziger Jahre, und so langsam verschwindet sie vom Markt.

Es gab, grob gesagt, drei Sorten von Kassetten: das bereits fertig bespielte Band, das war die Auto-Version der LP. Dann, das wichtigste: das Mixtape, die selbst zusammen gestellte Best of. Für den eigenen Walkman, oder häufiger noch, für das Mädchen, das man beeindrucken wollte.

Die dritte Sorte gab's seltener. Es war das kopierte (oder besser noch: selbstaufgenommene) Bootleg. Lange vor Napster, Bittorrent und Rapidshare haben Freaks heimlich Konzerte aufgenommen und die Kassetten getauscht, per Post oder weitergegeben an Freunde. Eine Tauschbörse im analogen Zeitalter.

Das Tape als Gesetzesverstoß

Ein Bootleg aufzunehmen war damals schwieriger als heute: Heute nimmst du dein Handy mit ins Konzert, hältst es hoch und am gleichen Abend noch stehen die Clips bei YouTube oder sonstwo im Netz.

Auch in den Achtzigern waren Tonaufnahmen beim Konzert natürlich verboten. Aber genauso natürlich wurden die Verbote umgangen. Du nahmst einen Walkman mit Aufnahmefunktion in die Parkatasche - es gab da ein kleines Gerät von Sony, etwa so groß wie zwölf übereinander gestapelte iPod Nanos, also praktisch winzig klein - und schmuggelst dich damit ins Konzert. Der Sony hatte sogar schon Stereomikrofone, die klemmte man sich an den Kragen. Das gab eine bessere Soundqualität. Die lag dann nicht mehr bei "unterirdisch", sondern schon bei "beinahe akzeptabel".

Vom besten Bruce Springsteen Konzert, das der Boss je in Deutschland gegeben hat (Juni 1985, Frankfurter Waldstadion), existiert so ein Audiotape, aufgenommen im Innenraum und natürlich in Stereo. Hat den Vorteil, dass man noch heute hören kann, wer links und wer recht von einem stand und bei der Zugabe (20 Minuten lang "Twist and Shout") falsch mit gegrölt hat. Auf dem David Bowie Konzert seiner "Glass Spider" Tournee hört man jemanden sagen "Nimmst du das etwa auf?", "Willst du einen mitrauchen?" und "Krieg ich ne Kopie?" - Gesetzesverstöße, die mittlerweile verjährt sein dürften.

Tape-Tauschbörse per Post

Als Mitte der achtziger Jahre Doppelkassettenrecorder aufkamen, ließen sich solche Raritäten auf einmal problemlos vervielfältigen. Damit begann ein Tauschhandel, wer jemanden kannte, der auch Bootlegs produzierte, stellte seine Springsteen-Aufnahme zur Verfügung, bekam dafür Lou Reed live in Köln, lernte andere Bootlegger kennen, schickte seine Tapes nach Mailand oder Auckland und bekam Wochen später Post: Bob Marleys Italientour oder U2 aus Australien. Da bei jeder Kopie die Qualität schlechter wurde, besaßen die meisten Bänder kaum mehr als Sammlerwert. Es gab Typen, die hatten einen Viertelmeter verrauschtes Ferrochrom im Schrank stehen, kaum anhörbar, aber das war dann die komplette U2-Welttournee. Damit konnte man Jungs beeindrucken, die ähnlich bekloppt waren, Mädchen aber nicht. Oder höchstens solche, die es schon verwegen fanden, wenn man im Bus schwarzfuhr.

Für Frauen wurde das Mixtape geschaffen, das hatte nichts mit Illegalität zu tun, sondern mit der Mühe, die man aufwenden muss.

Das erste Lied in einem Mixtape ist das wichtigste. Der Anfang muss sitzen, sonst kannst du die ganze Kassette vergessen. Mit einem Mixtape, das, sagen wir, mit "Highway Star" von Deep Purple beginnt, magst du vielleicht einen Kumpel beeindrucken (vorausgesetzt, du fährt einen Kadett mit Ralleystreifen, dein Kumpel hat gar kein Auto und ihr hört die Kassette im Auto). Aber wenn du das Tape einem Mädchen schenken willst - und welchen anderen Grund hat es je gegeben, ein Mixtape herzustellen - dann liegst du mit Highway Star definitiv falsch.

Ein Mixtape ist ein Liebesbrief

An den Anfang gehört ein Lied aus der Kategorie "gitarrenlastig, melodiebetont" - leicht romantisch darf es sein, aber keinesfalls eine Schnulze. James Blunt, zum Beispiel, wäre heutzutage verboten. James Blunt ist Romantik für Weicheier: Sie wird dich für einen Mädchenversteher halten, für einen, mit dem sie über alles reden kann. Aber küssen wirst du sie nie.

Der James Blunt der frühen achtziger Jahre hieß Cat Stevens und war natürlich auch verboten. Cat Stevens hatten die Mädchen selber im Schrank stehen, entweder "Greatest Hits" oder "Tea for the Tillerman" . Wer damals ein Mädchen beeindrucken wollte, nahm The Smiths: "There is a light that never goes out." Cool genug, aber auch romantisch und ein bisschen verzweifelt. Ein Mädchen, das als erstes ein Lied hört, in dem der Junge an ihrer Seite sterben will, diesem Mädchen wird das Herz aufgehen.

Ein Mixtape, das muss man vielleicht erklären, ist so etwas wie eine Playlist, nur komplizierter. Eine Playlist ist wie eine SMS: "hdl". Ein Mixtape ist ein Liebesbrief, handgeschrieben. Denn Kassetten sind analoge Medien. Man nimmt Lied für Lied hintereinander auf, und in genau dieser Reihenfolge werden sie auch abgespielt. Es gibt keinen Shuffle-Modus. Also muss die Reihenfolge stimmen. Jeder Song ist eine Botschaft, die Reihenfolge ist eine Botschaft, das ganze Band ist eine. Meistens lautet sie: "Ich will mit dir schlafen."

Weltschmerz oder cleverness?

Nach den "The Smiths" kann man im Grunde zwei Richtungen einschlagen: Entweder man fährt noch ein bisschen auf der Weltschmerzschiene, das hieße - wir befinden uns ja in den Achtzigern - zum Beispiel Anne Clarks "Hope Road", einem kalten Stück über unerfüllte Wünsche. Damit macht man dem Mädchen klar, dass sie einen klugen Existenzialisten vor sich hat - setzt natürlich voraus, dass sie auf so was steht. In dem Fall wäre Song Nummer drei dann etwas obskur-depressives, "The Nits" aus Holland mit "In the Dutch Mountains". Dann aber dringend wieder was Flottes, sonst redet man tatsächlich den ganzen Abend über Camus und Satre.

Zweite Richtung: Verzicht auf den Existenzialisten, einfach nur klug sein. Lieder spielen, die sie kennt, aber in Versionen, die sie nicht kennt. "Sympathy for the Devil", aber nicht von den Stones, sondern live und ein bisschen jazzig von Natalie Merchant. Später, zur Knutschphase, "Purple Rain", aber in der Fassung von den "Violent Femmes", mit der einer Geige als mächtigstem Instrument.

Ein Mixtape macht Mühe, keine Frage. Ein schönes Cover muss her, die Songtitel müssen - mit ordentlicher Schrift bitte - auf der Innenseite gelistet sein, die Übergänge zwischen den Liedern müssen stimmen. Keine Pausen, kein Knacken von der Plattenspielernadel. Mädchen wissen Mühe zu schätzen.



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Seite 1
Joerg Kostro, 23.01.2010
1.
Grossartig geschrieben und den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf getroffen! Wie wahr, denn manchmal führte der Weg zum Herzen oder wahlweise auch nur ins Schlafzimmer der einen jungen Frau, die es einem angetan hatte, nur über ein gut sortiertes Tape mit ein paar obskuren tracks drauf und dem einen oder anderen one hit wonder!
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