Dubioses Sozialexperiment Mordkomplott auf dem "Sexfloß"

Sechs Frauen und fünf Männer trieben 1973 auf einer manövrierunfähigen Plattform 101 Tage über den Atlantik. Mehr als 40 Jahre später berichten einige der Teilnehmer von dem Experiment, das den Ruf hatte, ein "Sexfloß" zu sein.

Eisuke Yamaki/ Fasad Production

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Zum Vorstellungsgespräch brachte die junge Frau ihre kleine Tochter mit. Treffpunkt war ein Hotelzimmer im achten Stock, am Rande von Tel Aviv. Der Expeditionsleiter wollte die Bewerberin besser kennenlernen; sie verabredeten sich zum Schwimmen im Meer. In seinem Buch wird Santiago Genovés später berichten, dass sie danach zum Duschen in sein Zimmer gegangen seien und dass die Frau das Bad hinter sich absperrte. Er habe gesagt: "Ich muss mich wundern, dass Sie mir aus einem so nichtigen Anlass misstrauen und gleichzeitig an meinem Projekt teilnehmen wollen."

Die Frau wird später berichten, dass sie "das Gefühl hatte, dass er ein bisschen anbandeln" wollte. "Da habe ich mir gedacht: sicher ist sicher. Wenn die Tür geschlossen ist, dann ist das eine klare Sache, dass er draußen bleibt."

Genovés nannte sein Projekt "das größte Gruppenexperiment der modernen Verhaltensforschung", es sei eine "Mission für den Weltfrieden". Der 50-jährige mexikanische Anthropologe forschte zu Gewalt. Er wollte herausfinden, wie Konflikte und Aggressionen entstehen - bei Attentaten und in Kriegen, in Irland, in Vietnam und überhaupt. Mit zwölf hatte Genovés erleben müssen, dass sein Vater im Spanischen Bürgerkrieg zum Tode verurteilt wurde, die Familie floh nach Mexiko. Den Wissenschaftler interessierte, warum Menschen gegeneinander kämpfen.

Die Idee zu seinem Projekt kam ihm im November 1972 auf dem Rückweg von einer Fachtagung - da saß er in einem Flugzeug, das von Terroristen entführt wurde. Southern-Airways-Flug 49 endete glimpflich auf Kuba.

Genovés wollte eine ähnliche Situation schaffen: Menschen verschiedener Nationalität, Religion und Herkunft isoliert auf engstem Raum, der Gefahr ausgesetzt, ohne Möglichkeit zur Flucht. Sein Labor würde ein Floß sein, das von Afrika nach Amerika driftet. Vom Meer meinte er, genug zu verstehen, seit er an einer Expedition Thor Heyerdahls teilgenommen hatte.

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Expedition "Acali": Was wirklich auf dem "Sexfloß" geschah

Im Frühjahr 1973 erschien in mehreren Ländern diese Kleinanzeige: "Leiter einer Atlantik-Expedition per Floß sucht Freiwillige, Mann oder Frau, für die Dauer von drei Monaten. Alter 25 bis 40, wenn möglich verheiratet, aber allein teilnehmend. Ausführlicher Lebenslauf erbeten. Vertraulichkeit wird zugesichert."

Die Annonce war Teil des Experiments. Psychologen und Soziologen wollten sehen, wer sich darauf meldet. Die tatsächliche Besatzung hatte Genovés da schon persönlich rekrutiert. Kern seiner Versuchsanordnung: die Besetzung der Schlüsselpositionen mit Frauen, eine Schwedin ernannte er zum Kapitän.

Mit an Bord ging 1973 auch Edna Jonas, heute Reves, die im niederbayerischen Dingolfing lebt. Sie arbeitete in einem Krankenhaus in Tel Aviv, als ihr ein Kollege von der Expedition erzählte und dass dafür eine Ärztin gesucht würde. Sie mochte Abenteuer. "Die Tatsache, dass wir eine kleine Gruppe sind und so lange auf dem Meer, dass man beweisen kann, wie man sich in schweren Situationen verhält und durchhält - das hat mich alles sehr gereizt." Sie stellte sich bei Genovés im Hotel vor, ging mit ihm schwimmen und fand ihn am Anfang auch ganz sympathisch.

101 Tage in einer Kabine

Die 32-Jährige war geschieden und hatte zwei Töchter, vier und acht Jahre alt. Ihre Mutter und ihre Tante waren sofort bereit, sich um die Kinder zu kümmern. "Doch nach einer Woche sagten sie, mein Papa habe sie überzeugt, das nicht zu tun", erzählt Edna Reves, "er hatte Angst um mich und dachte, wenn sie ablehnten, würde ich nicht fahren." Sie konnte dann ihren Freund überreden, auf die Mädchen aufzupassen.

Am 12. Mai 1973 trieb das mit elf Menschen besetzte, sieben mal zwölf Meter große Floß "Acali" von Las Palmas, Gran Canaria, aufs Meer hinaus. Es kam langsamer voran als geplant: 101 Tage teilten die schwedische Kapitänin, die israelische Ärztin, eine schwarze und eine weiße US-Amerikanerin, eine Algerierin und eine Französin, Genovés und sein uruguayischer Schüler, ein japanischer Fotograf, ein zypriotisch-griechischer Gastwirt aus Cambrigde und ein angolanischer Priester eine Schlafkabine, das Freiluftklo und anfangs vor allem das üble Erbrechen infolge der Seekrankheit, die fast alle überkam.

Die Karibik erreichten sie genau zur Hochzeit der Hurrikan-Saison. Zwar hatte ihr Floß ein Ruder, um einen gewissen Kurs zu halten, manövrieren aber konnte es nicht. Nur mit Glück entgingen sie zwei Wirbelstürmen - und einem Tanker, dessen Besatzung sie nicht bemerkte. Wie ein Riesenberg ragte er vor ihnen auf, bevor er in letzter Minute seinen Kurs änderte. Nach 15 Wochen und dem Ausfüllen von 46 Fragebögen sollten die sechs Frauen und fünf Männer Mexiko erreichen.

Uni distanzierte sich

In seinem Buch über das Experiment - Titel: "Die Arche Acali" - beklagte Genovés danach, dass die Boulevard-Presse seine wissenschaftliche Unternehmung schon vor Abfahrt zum "Sexfloß" degradiert hatte. Gleichwohl machte er den Inhalt seiner Fragebögen publik - einschließlich der Antworten der Teilnehmer. Und ließ keinen Zweifel daran, was ihn besonders interessierte.

Sein Fazit nach 14 Tagen: "Wie weit ist das mit dem Sex auf dem "Sexfloß"? Nicht sehr weit. (...) Einige sind noch seekrank und müssen sich übergeben. Nicht sehr verführerisch." Von sich selbst berichtet er in der dritten Person: Die Liebesbeziehung zwischen Santiago und der Französin halte an. Und: "Ein für alle Mal wird angenommen, dass Santiago der intelligenteste Mann auf dem Floß (...) sei."

Ein mexikanischer TV-Sender unterstützte das Projekt; im Gegenzug erwartete er wöchentliche Reports zu allen Ereignissen an Bord für seine Sendung. Und Genovés lieferte.

"Wir hatten die ganze Zeit den Eindruck, dass er uns irgendwie in eine Richtung schubsen will", sagt Edna Reves, "vielleicht fand er das, was tatsächlich passierte, zu uninteressant für einen Film oder sein Buch." So habe Genovés beispielsweise die Verteilung der Schlafplätze bestimmt: immer abwechselnd eine Frau neben einem Mann. "Wenn er beschloss, dass irgendetwas so sein sollte, versuchte er, es hinzubiegen." Immer wieder habe er manipuliert.

Noch auf See erreichte den Professor die Nachricht, dass sich die Universität von dem Experiment distanziere. Die Fachkollegen fürchteten um ihren Ruf und erklärten, sie hätten nichts mit der "Acali" zu tun.

"You speak too much"

Gefragt nach dem für sie Überraschendsten auf der ganzen Reise, sagt Edna Reves heute: "das Verhalten von Santiago". Weil es so anders gewesen sei, als er vorher angegeben hatte. "Er hatte gesagt, er würde ein neutraler Beobachter sein und sich nicht einmischen. Und was hat sich dann entpuppt? Dass er ein sehr ehrgeiziger Macho war." Überall habe er zeigen wollen, dass er besser sei als die anderen. "Das ist doch eigentlich lächerlich für einen 50-Jährigen. Und das war auch der Grund, warum ich ihm ziemlich oft widersprochen habe."

Genovés habe dann zu ihr gesagt: "You speak too much." In seinem Buch kommt sie nicht besonders gut weg, er beschreibt sie mehrmals als "geschwätzig".

Mehr als 40 Jahre nach dem Experiment hat der schwedische Regisseur Marcus Lindeen die verbliebenen Mitglieder der "Acali"-Besatzung noch einmal zusammengeholt: die sechs Frauen und der japanische Fotograf. Genovés war 2013 gestorben. Im Dokumentarfilm "The Raft" von 2018 sprechen sie über ihre Rollen an Bord. Auf dem Floß wollte Genovés die Macht den Frauen geben - um zu sehen, wie die Männer damit klarkommen.

Der Einzige, der ein Problem damit hatte, war offenbar er selbst. Als die Kapitänin wegen eines bedrohlichen Hurrikans vorschlägt, Floß und Besatzung auf einer Karibikinsel in Sicherheit zu bringen, fürchtet Genovés um den Erfolg seines Experiments - und erklärt sich kurzerhand selbst zum Kapitän.

Meuterei

Für die Schwedin, weltweit die erste Frau mit einem Kapitänspatent der Handelsmarine, war das eine Katastrophe. Das, was Santiago getan habe, erklärt sie im Film, sei Meuterei gewesen, eine Straftat, auf die die Todesstrafe stand.

"Acali" sei ins Leben gerufen worden, um "eine Synthese zu erarbeiten über Konflikte, Reibungen, Gewalttätigkeiten, die sich aus menschlichen Beziehungen ergeben", hatte der Professor in seinem Buch geschrieben.

Das wohl größte Aha-Erlebnis in diesem Sinne aber sollte ihm entgehen - er hätte auch nicht mehr davon berichten können: Verärgert und frustriert über das Verhalten des Expeditionsleiters hegte ein Teil der Besatzung Gedanken, Santiago Genovés über Bord und aus dem Leben zu befördern. In Lindeens Film sprechen sie darüber.

Hätten sie ihn wirklich beinahe umgebracht? "Es war halb Ernst und halb Witz", sagt Edna Reves. Sie habe nicht alle Gespräche mitbekommen, weil Genovés zu dieser Zeit an einer Blinddarmentzündung litt, sie fast den ganzen Tag mit der Infusion neben ihm saß und ihm mit der Behandlung das Leben rettete. "Sie haben es nicht wirklich geplant, aber der Gedanke war da."

Die Krankheit verhinderte dann wohl auch die Eskalation. Genovés sei schwächer geworden "und hat dann eh Ruhe gegeben." So war erreicht, was man wollte - "ohne ihn über Bord zu schmeißen".

Die großangelegte Verhaltensstudie wurde somit in erster Linie eine über das Verhalten ihres Expeditionsleiters. Was Genovés auf dieser Reise enthüllte und entdeckte, war vor allem seine eigene Persönlichkeit.

Und der Weltfrieden? Die Begeisterung über die glückliche Ankunft der internationalen Besatzung in Mexiko war groß. Israel hatte sogar einen Sekretär der Botschaft geschickt, um die Vertreterin seines Landes zu begrüßen. Die Teilnehmer erklärten, die Reise habe sie verändert. Auch die Bordärztin dachte neu über ihre Zukunft nach.

Doch in die Euphorie brach jäh die Realität: Nur zwei Wochen, nachdem Edna Jonas nach Israel zurückgekehrt war, begann im Oktober 1973 der Jom-Kippur-Krieg. Am höchsten jüdischen Feiertag hatten Syrien und Ägypten das Land an zwei Fronten angegriffen. Ednas Freund musste zur Armee.

Gleich nach Ende des Krieges heirateten die beiden und reisten nach Deutschland: Er begann ein Studium als Heilpraktiker, sie arbeitete als Ärztin. "Der Krieg war so viel schlimmer als alles, was auf dem Floß passiert ist - er rückte die Erlebnisse in eine andere Dimension."

Edna blieb in Deutschland. Bis zur Rente arbeitete sie als Anästhesistin in einer Klinik und ließ sich außerdem zur Notärztin ausbilden. Als solche ist die inzwischen 78-Jährige noch immer im Einsatz und kümmert sich außerdem um Drogenkranke in ihrer Region. Sie hat die Herausforderung ihres Lebens gefunden.

insgesamt 8 Beiträge
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Roger Winter, 25.07.2019
1. Siebziger
Ein gut erzählter Artikel. Und fast nebenbei erwachen mit wenigen Worten die unbequemen Facetten der Siebziger zum Leben.
Philipp Anné, 25.07.2019
2. Manövrieren konnte es nicht?
"Zwar hatte ihr Floß ein Ruder, um einen gewissen Kurs zu halten, manövrieren aber konnte es nicht." - Seltsam, denn auf Bild 18 hat das Ding eindeutig ein Segel. Von "Treiben" kann da also keine Rede sein.
Thomas Bernhardt, 25.07.2019
3. Exzentrischer Macho
Der Bericht erweckt bei mir einfach nur den Eindruck, dass ein exzentrischer Macho sich einen Personenkult auf seinem Floss aufbauen wollte.
Kai Petzke, 25.07.2019
4. Schöner Artikel!
Vielen Dank für diesen schönen Artikel! Und er zeigt doch auf, wie sich Aggression entwickelt - hier bis zum geplanten Mord an dem Mann, der am wenigsten in die Gruppe passt. War leider schon immer so, und auch derzeit ist in vielen Ländern ja genau diese Form der Aggression wieder am Hochkochen...
Alexander Mieske, 25.07.2019
5.
""Wenn er beschloss, dass irgendetwas so sein sollte, versuchte er, es hinzubiegen." Immer wieder habe er manipuliert." Ja, natürlich. Es war schließlich ein Experiment. Allgemein scheinen mir die Teilnehmer damals ziemlich naiv an die Sache herangegangen zu sein.
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