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Europas Monarchen: Herrschaftszeiten! Als der Adel gehen musste

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Ende des Adels in Deutschland "Das war der Abpfiff, also trollten sie sich"

Mit der Monarchie war es in Deutschland vor 100 Jahren vorbei, andere Länder haben heute noch einen in der Krone. Historiker Frank Lorenz Müller erklärt, wie Könige ihren Status sichern - und warum viele scheiterten.
Von Ruth Hoffmann

SPIEGEL: Mit Inkrafttreten der Weimarer Verfassung endete in Deutschland 1919 die Monarchie. Außer dem Kaiser mussten auch mehr als 20 regionale Monarchen der Einzelstaaten abdanken. Wie konnte all das, anders als zuvor in Russland, nahezu lautlos, ohne Blutvergießen und binnen weniger Tage geschehen?

Müller: Es ist ein Symptom für die umwälzenden Veränderungen, die vorher schon stattgefunden hatten. Fast nirgends drehten die Monarchen noch an den großen politischen Rädern. Einige waren zudem, wie Friedrich August III. von Sachsen oder König Wilhelm II. von Württemberg, eher unauffällige, durchaus liebenswürdige Persönlichkeiten. Weder das Volk noch die Revolutionäre wollten ihnen ans Leder. Viele sind in Nebenschlösser ausgewichen. Sie wussten, das war der Abpfiff - also trollten sie sich vom Feld.

SPIEGEL: De facto regierten längst die Parlamente. Wie groß war der Einfluss der Monarchen zu dieser Zeit noch?

Müller: Von einer wirklichen Parlamentsherrschaft konnte noch nicht die Rede sein, zumal die Monarchie als Institution noch immer von breiten Bevölkerungsschichten akzeptiert wurde. Allerdings rächte sich, dass sich die Monarchen im Ersten Weltkrieg an die Spitze der Nation und des Heeres gestellt hatten: Nun mussten sie ihrem Volk nach millionenfachem Sterben eine Niederlage präsentieren. In diesem Dilemma war 1870 schon Napoleon III. untergegangen, als er im Krieg gegen die deutschen Staaten unterlag. Und ähnlich erging es jetzt den Herrschern in Berlin, Wien und Sankt Petersburg. Die Niederlage beschleunigte die Abwendung von der Monarchie.

SPIEGEL: Sie hatten eine lange Vorwarnfrist: Am 21. Januar 1793 starb Frankreichs König Ludwig XVI. auf dem Schafott, die Ideen von Demokratie und Gleichheit verbreiteten sich in ganz Europa. War somit das Ende der Monarchien auch in anderen Ländern nur noch eine Frage der Zeit?

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2019
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Der Adel: Zum Herrschen geboren? Warum viele Familien immer noch so mächtig sind

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Müller: Um die Wende zum 19. Jahrhundert stand so ziemlich alles, was bisher gültig gewesen war, auf dem Prüfstand: Die große Revolution in Frankreich hatte die politische Ordnung ins Wanken gebracht, die Industrielle Revolution mit ihren neuen Herstellungsmethoden und Transportmitteln die Wirtschaft revolutioniert. Überall brach das Neue herein, und das Alte stand plötzlich unter gewaltigem Druck, sich zu rechtfertigen.

SPIEGEL: Auch die Monarchen?

Müller: Kaiser und Könige hatten sich jahrhundertelang als gottgewollte Herrscher dargestellt. Sie zu hinterfragen, war Häresie. Diese Selbstverständlichkeit ging jetzt verloren. Sie galten nicht mehr automatisch qua Geburt als legitimiert, sondern mussten dem Volk ein überzeugendes Angebot machen und sich um die "Untertanenliebe" aktiv bemühen, die sie vorher einfach behauptet hatten.

SPIEGEL: Wie versuchten sie das?

Müller: Sie gaben sich als treusorgende Landesväter, die sich für das Wohl der Nation und der Menschen verantwortlich fühlten - auch für die Bauern und die einfachen Arbeiter. Paradoxerweise wurde auch der Nationalismus zu einer Stütze der Monarchie, obwohl er eigentlich eine Bedrohung für die Herrscher war. Sie mussten sich etwas einfallen lassen, um nicht davon hinweggespült zu werden.

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Europas Monarchen: Herrschaftszeiten! Als der Adel gehen musste

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SPIEGEL: Inwiefern strahlte der Nationalismus Gefahr für die Könige aus?

Müller: Weil er dem dynastischen Prinzip widersprach. Die europäischen Königshäuser waren eng vernetzt, letztlich alle miteinander verwandt und verschwägert. Sich durch Landesgrenzen voneinander abzusetzen, war gar nicht so einfach. Vor allem aber ist der Gedanke der Nation eigentlich egalitär: Jeder Bürger hat als Mitglied der Nation die gleichen Rechte. Auch der König ist also kein besserer Deutscher, Italiener oder Franzose als alle anderen.

SPIEGEL: Wie gelang es Monarchen, diesen Widerspruch aufzulösen?

Müller: Sie machten sich den Nationalismus zu eigen und setzten sich an seine Spitze. Als nach der sogenannten Rheinkrise, einem Grenzkonflikt mit Frankreich in den 1840er Jahren, ein nationaler Sturm losbrach, beeilten sich die deutschen Fürsten, ihre Begeisterung zum Ausdruck zu bringen. Sie überhäuften etwa Nikolaus Becker, Komponist des Liedes "Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein", mit Ehrungen und Geschenken. Denn sie fürchteten, als Oberhäupter kleiner Einzelstaaten und daher als Gegner eines machtvollen deutschen Patriotismus wahrgenommen zu werden. Also gaben sie sich als glühende Vertreter dieser Idee...

SPIEGEL: ...und als Repräsentanten der Nation.

Müller: Genau. Der jeweilige Monarch behauptete, die Interessen des Landes besonders gut zu vertreten, weil er dessen höchste Tugenden verkörpere. Loyalität gegenüber dem Königshaus sei deshalb patriotisch. Nach dieser Logik war es kaum noch möglich, der Monarchie kritisch gegenüberzustehen, ohne in den Verdacht zu geraten, kein wahrer Patriot zu sein. Dieser Trick gelang den meisten Herrschern sehr gut.

SPIEGEL: Viele betonten zugleich ihre Rolle als oberster Heerführer.

Müller: Aus Sicht des 19. Jahrhunderts eine fast selbstverständliche Rechtfertigung für die herausgehobene Stellung des Herrschers, der schließlich schon in der Antike als Feldherr die Truppen befehligt hatte. So inszenierten sich Könige oder Kaiser öffentlichkeitswirksam als Befehlshaber, traten in Uniform auf und verbreiteten das Bild des wehrhaften Herrschers, der seine Nation beschützt. Ironischerweise waren Kriege zu dieser Zeit aber längst so kompliziert geworden, dass die Monarchen ihre Armee in Wirklichkeit gar nicht mehr führen konnten. Das übernahmen spezialisierte Militärs.

SPIEGEL: Die Monarchen taten nur so?

Müller: Ja, es war eine große Inszenierung. Und ziemlich bizarr: Die Könige hatten meist keine Ahnung von den komplexen Anforderungen einer modernen Armee, mussten aber herauskehren, wie unverzichtbar sie in dieser Stellung waren. Das militärische Schaulaufen bekam etwas Operettenhaftes. Das beste Beispiel ist der Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II., der das Militärische in fast schon grotesker Weise zelebrierte, während ihn seine Generäle allesamt für lächerlich und inkompetent hielten.

SPIEGEL: Warum ließ sich das Volk davon täuschen?

Müller: Militärische Spektakel machten den Alltag der Menschen farbig. All die Paraden und Heldengedenktage waren Teil ihres Lebens. Und weil das 19. Jahrhundert eine überwiegend friedliche Zeit war, wirkten das Marschieren unter Waffen und all das Tschingderassa auf die Zeitgenossen nicht so bedenklich, wie es uns heute erscheint. Der Historiker Jakob Vogel hat dafür den treffenden Begriff "Folkoloremilitarismus" geprägt.

SPIEGEL: Schon in dieser Zeit gaben viele Könige Einblicke in ihr Privatleben, indem sie sich zum Beispiel im Kreise ihrer Familie fotografieren ließen. Was trieb sie dazu?

Müller: Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Die sogenannte königliche Zeigepflicht gab es lange schon: Monarchen mussten sich zu bestimmten Anlässen dem Volk präsentieren, oder zumindest ihrem Hof. Jetzt aber veränderte sich die Öffentlichkeit. Immer mehr Medien berichteten, mehr Leute durften wählen und interessierten sich somit für Politik.

SPIEGEL: Also mussten Monarchen um die Zuneigung des Volkes buhlen?

Müller: Deswegen machten sich die Monarchen, zumindest äußerlich, den bürgerlichen Tugendkatalog zu eigen - nach dem Motto: Wir sind wie ihr, nur besser. Nun hielt das Ideal der bürgerlichen Ehe, gegründet auf Liebe und Treue, Einzug in ihre öffentliche Darstellung. Die Zuschauer sollten sich daran ergötzen, wie schön und vollkommen das heimische Glück bei Hofe war. Was daran tatsächlich echt war, ist natürlich eine andere Frage.

SPIEGEL: Das erinnert an manche Royals heutzutage.

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Müller, Frank Lorenz

Die Thronfolger: Macht und Zukunft der Monarchie im 19. Jahrhundert - Mit zahlreichen Abbildungen

Verlag: Siedler Verlag
Seitenzahl: 464
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Müller: Die Mechanismen dieses königlichen Schauspiels sind heute genau dieselben. Erfunden wurden sie aber im 19. Jahrhundert und haben erstaunlich gut funktioniert. Das "lange 19. Jahrhundert" beginnt mit der französischen Revolution, aber 1914 ist Europa bis auf Frankreich, die Schweiz, Portugal und vielleicht noch das kleine San Marino völlig monarchisch. Kein einziger Staat, der sich in dieser Zeit - meist durch Abspaltung - neu gründete, begann seine Unabhängigkeit als Republik.

SPIEGEL: Selbst nach dem Ersten Weltkrieg überlebte die Monarchie in manchen Ländern. Auch alles eine Frage der Inszenierung?

Müller: Die Monarchien der Siegermächte entwickelten eine ganz neue Aufgabe für sich: die Erinnerungspolitik. Besonders ausgeprägt war das in Großbritannien und Belgien, wo die Monarchen fortan die Nation in der Trauer um die gefallenen Helden anführten. Der "Remembrance Day" am 11. November wurde in Großbritannien zum nationalen Feiertag, bis heute spielt die königliche Familie dabei eine zentrale Rolle. Die Kriegserfahrung konnte also für die Monarchie in die eine oder die andere Richtung ausschlagen, je nachdem, wie sie damit umging. Beim deutschen Kaiser und seinem Kronprinzen kann man in dieser Hinsicht nur die Hände überm Kopf zusammenschlagen - da war wenig zu retten.