Hitlers HNO-Arzt Mit dem Skalpell am Hals des Massenmörders

Was wäre gewesen, wenn? Carl Otto von Eicken hätte Adolf Hitler 1935 die Kehle durchschneiden können – aber entfernte ihm nur einen Stimmbandpolypen. Der hypochondrische Diktator wurde zum Dauer-Patienten des Arztes.
Seine Stimme war Adolf Hitlers wichtigstes Kapital

Seine Stimme war Adolf Hitlers wichtigstes Kapital

Foto: United Archives International / stock&people / IMAGO

Der Patient, zu dem der führende deutsche Hals-Nasen-Ohren-Arzt Carl Otto von Eicken 1935 gerufen wurde, war davon überzeugt, an Kehlkopfkrebs erkrankt zu sein. Er hatte dann aber doch nur einen etwa einen Zentimeter großen Polypen auf den Stimmbändern. Der Name des Mannes wurde in der Krankenakte mit »Adolf Müller« angegeben. Ein Tarnname. In Wahrheit hieß er Adolf Hitler.

Die »NZZ am Sonntag« berichtet  in ihrer aktuellen Ausgabe von einer Recherche, die der Schweizer Robert Doepgen für seine Maturaarbeit (nötig für das schweizerische Abitur) über seinen Ururgroßvater von Eicken unternahm. Dabei stöberte er Briefe und andere Dokumente auf, die zeigen, wie körperlich nah der Arzt dem Diktator kam.

Ohne seine Reden hätte Hitler keinen Erfolg habt, sind Forscher überzeugt. Hier eine gestellte Aufnahme

Ohne seine Reden hätte Hitler keinen Erfolg habt, sind Forscher überzeugt. Hier eine gestellte Aufnahme

Foto: imago stock&people / imago/United Archives International

Die erste Behandlung fand demnach am 23. Mai 1935 in Hitlers pompöser Berliner Staatskanzlei statt. Von Eicken entfernte Hitler, dessen Stimme viele Forscher als unabdingbar für seinen Erfolg einschätzen, unter Einsatz eines Skalpells den Polypen. Seiner Cousine schrieb der Arzt, der Diktator sei danach »beglückt« gewesen und habe ihm auf den Oberschenkel gehauen.

Von Eicken hätte die Möglichkeit gehabt, den Diktator aus der Welt zu schaffen, der Schnitt an der Kehle hätte nur um wenige Millimeter verlängert werden müssen. Er verzichtete. Einem sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter sagte von Eicken nach dem Krieg: »Ich war sein Arzt, nicht sein Mörder.« Inwieweit er selbst hinter der Ideologie der Nationalsozialisten stand, geht aus den Dokumenten laut »NZZ am Sonntag« nicht hervor.

Aus der ersten Behandlung resultierte ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, das bis kurz vor Kriegsende anhielt. Von Eicken behandelte Hitler auf dem Obersalzberg, als der Hypochonder davon überzeugt war, einen Dorn verschluckt zu haben. Immer wieder ließ Hitler sich von ihm untersuchen, auch im Juli 1944 nach dem von Claus Graf von Stauffenberg geplanten Attentat auf ihn.

Hitlers Trommelfelle waren bei der Detonation der Bombe geplatzt, überhaupt gefiel der Zustand des Patienten dem Arzt nicht, heißt es in dem Bericht. Besorgt nahm er zur Kenntnis, dass »seine körperliche als auch seine geistige Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit« nachgelassen hätten, wie er in einem weiteren Brief an seine Cousine schrieb. »Nachdem die Trommelfelle geheilt und die Erschütterung des inneren Ohres, die Gleichgewichtsstörungen bedingt hatten, behoben waren, bekam er eine Mandelentzündung und eine Kieferhöhlen-Eiterung«, schrieb er am 5. Januar 1945. »Das Leben im Bunker und das ungünstige Klima in Ost-Preussen waren all dem nicht förderlich.«

»Der Führer ging brav jeden Tag an die frische Luft«

Zuletzt sah von Eicken den Diktator kurz vor dem Jahreswechsel 1944/1945. Im November hatte er Hitler einen weiteren Stimmbandpolypen entfernt. Danach trank man Sekt. In einem weiteren Brief berichtet von Eicken: »Der Führer ging brav jeden Tag an die frische Luft. Er bekam wieder rote Backen, auch sein Schlaf wurde besser.« Der Brief endet mit der Zeile: »Ich war zuletzt am 30.12. bei ihm und konnte ihn für ganz hergestellt erklären. Er strahlte.«

kae