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Haile Selassie: Löwen, Gold und Hungersnot

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imago/United Archives

Haile Selassie Der Wolkenkuckuckskaiser

Er war der erste Staatsgast der Bundesrepublik, Rastafaris verehren ihn bis heute als Messias: Äthiopiens Herrscher Haile Selassie galt weltweit als moderner Märchenkaiser. Im August 1975 wurde er ermordet, seine Leiche verscharrt - von den eigenen Untertanen.

Der Tod flimmerte über die Bildschirme. Gestalten sanken in den Staub, abgemagert bis auf die Knochen. Hungernde Männer, Frauen und Kinder. Und immer wieder Leichen. Szenenwechsel. Rauschende Feste, erlesene Speisen und ein Mann, der seine Hunde mit Fleischhappen von einem Silbertablett füttert.

Mit versteinertem Gesicht sah Äthiopiens Kaiser Haile Selassie am 11. September 1974 in seinem Palast den britischen Dokumentarfilm "Die unbekannte Hungersnot". Er war der Mann mit den Hunden. Zeitgleich mit ihm verfolgten Tausende Äthiopier die Dokumentation. Ihre Empörung wuchs und wuchs angesichts der Bilder aus dem hungernden Norden des Landes.

Panzer rollten am nächsten Morgen aus den Kasernen, ein Militärfahrzeug raste zum Palast. Offiziere durchkämmten die Räume, bis sie in der Bibliothek fündig wurden. Hier erwartete sie Haile Selassie. Müde, alt, aber wie stets in seinen über 50 Regierungsjahren makellos gekleidet. In seiner Uniform führten sie ihn zu einem VW-Käfer. Angesichts des klapprigen Fahrzeugs regte sich noch einmal sein Widerstandsgeist. "Was, hier hinein?"

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Auf der ganzen Welt sorgten sich Menschen um den Märchenkaiser - einen Mann, der mit zahmen Löwen in scheinbar unendlichem Reichtum lebte und aus seinen Luxuskarossen Geld an die Armen verteilte. Der Herrscher eines afrikanischen Landes, der John F. Kennedy, Queen Elizabeth oder Mao Zedong im Blitzlichtgewitter die Hand geschüttelt hatte. Immer wieder hatte Selassies Palastleben die Seiten deutscher Illustrierter gefüllt, die Rastafaris verehren ihn bis heute als Messias.

"Jeder sehnte sich nach einer Zigarette"

Biblisch mutet Selassies Herkunft in der Tat an. Äthiopiens christliche Herrscher sahen sich als Abkömmlinge des alttestamentlichen Monarchen Salomo und der Königin von Saba. Weise wie sein angeblicher Vorfahre hatte sich der am 23. Juli 1892 als Tafari Makonnen geborene Fürstensohn den Thron gesichert. Der europäisch erzogene Selassie, der Französisch sprach und über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügte, erwies sich auch als gewiefter Machtpolitiker. Vom einflusslosen Berater brachte er es über die Position eines Regenten schließlich zum Kaiser.

In einem weißen Seidengewand betrat der knapp 1,60 Meter große Thronfolger am 2. November 1930 die Kirche in Addis Abeba, in der Gesandte und Journalisten aus aller Welt zusammengekommen waren. Sie wurden Zeugen einer stundenlangen Krönung, während der drei Flugzeuge am Himmel halsbrecherische Kunststücke vorführten. Für die Gäste war es vor allem eine Geduldsprobe: "Jeder sehnte sich nach einer Zigarette, einem Drink und der Gelegenheit, möglichst bald bequemere Sachen anziehen zu können", nörgelte der britische Reporter Evelyn Waugh.

Im armen Äthiopien lebte Haile Selassie als Kaiser im märchenhaften Reichtum

Im armen Äthiopien lebte Haile Selassie als Kaiser im märchenhaften Reichtum

Foto: imago/United Archives

Am Ende der Zeremonie verließ der neue Herrscher die Kirche als "König der Könige". Bewundert von Schwarzen in aller Welt - war doch Äthiopien neben Liberia der einzige Staat des Kontinents, der sich einer europäischen Eroberung widersetzt hatte.

"Grübelt und grübelt und grübelt"

Als Staatsmann schmiedete Selassie zahlreiche Pläne, wie er sein Land vor den rachsüchtigen Europäern beschützen könnte. "Was macht er denn noch so spät?", fragte Selassies Berater Daniel Arthur Sandford einmal einen Leibgardisten. "Nichts, er sitzt alleine in seinem Arbeitszimmer und grübelt und grübelt und grübelt", antwortete der Soldat. Ergebnis dieser nächtelangen Überlegungen war ein radikales Modernisierungsprogramm. Zum Entsetzen der Adeligen verbot Selassie die Sklaverei, er rüstete die Armee auf und schickte junge Leute zum Studium nach Europa.

1931 erließ Selassie sogar eine Verfassung. Demokratie hatte der Kaiser allerdings nicht im Sinn. Nur notgedrungen modernisierte er sein Land. "Wir brauchen den europäischen Fortschritt nur, weil wir von ihm umringt sind", gestand der Herrscher ein. So ließ er sich seine Stellung als unumschränkter Herrscher in der Verfassung festschreiben - vor dem sich die Untertanen wortwörtlich in den Staub zu werfen hatten.

Alle Reformbemühungen konnten nicht verhindern, dass 1935 Italien Äthiopien von seinen benachbarten Kolonien aus überfiel. Selassie ging ins Exil - und setzte den Krieg diplomatisch fort. Vor der Generalversammlung des Völkerbunds hielt er am 30. Juni 1936 eine flammende Rede gegen die Untätigkeit angesichts der italienischen Aggression. "Schaffen die Staaten damit nicht einen schrecklichen Präzedenzfall, indem sie sich der Gewalt beugen?", fragte der Kaiser die Politiker.

Seine Anklage blieb unbeachtet, zahlreiche Staaten erkannten die italienische Eroberung an. Trotzig hatte ihn das amerikanische "Times"-Magazin zum Mann des Jahres erklärt. Sein Land sollte er erst 1941 wiedersehen. Mithilfe britischer Truppen hielt Haile Selassie Einzug in Addis Abeba.

Sein Reformeifer erlahmte allerdings. Der Kaiser zeigte vor allem Interesse am eigenen Machterhalt - und an seinen zahlreichen Auslandsreisen.

Reisekaiser

1954 besuchte er als erster offizieller Staatsgast die Bundesrepublik Deutschland. Mit Kamelen, Elefanten und Ponys auf der Beueler Rheinbrücke wollte man dem Afrikaner ein Gefühl von Zuhause geben. Zehntausende Menschen waren zusammengeströmt, um einen Blick auf den Märchenkaiser zu erhaschen - genau wie bald darauf auch in den USA und zahlreichen anderen Staaten, die Selassie besuchte.

Haile Selassie war eines der weitgereistetsten Staatsoberhäupter der Welt. Hier schüttelt er Jackie Kennedy 1963 die Hand.

Haile Selassie war eines der weitgereistetsten Staatsoberhäupter der Welt. Hier schüttelt er Jackie Kennedy 1963 die Hand.

Foto: Corbis

Vor allem in Jamaika, wo er 1966 landete, entfachte der Kaiser Begeisterungsstürme. Kaum war die Maschine zum Stillstand gekommen, versuchten Rastafaris, den Flieger zu stürmen. Nach der Offenbarung des Johannes verehrten die Rastafaris Selassie als Messias, der den Schwarzen die Erlösung bringen würde. "Wir sind nicht Gott. Wir sind kein Prophet", versuchte der Kaiser seine Gläubigen umzustimmen. Schließlich stiftete er eine Kirche auf der Karibikinsel.

Mit Geld, das in seiner Heimat dringend gebraucht wurde. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Selassies Reich betrug 38 Jahre, nur jeder zehnte Äthiopier konnte lesen, berichtete DER SPIEGEL. Demokratische Reformen lehnte Selassie ab. "Das Volk weiß nicht, was es braucht", behauptete der Alleinherrscher. Als 1972 im Norden eine verheerende Hungersnot ausbrach, während das fruchtbare Äthiopien zugleich 200.000 Tonnen Getreide exportierte, rebellierten die Untertanen.

"Hängt ihn!"

In Addis Abeba empörten sich Soldaten, Studenten, Taxifahrer und selbst die Prostituierten. Mit der Ausstrahlung einer zugespitzten Version des Dokumentarfilms "Die unbekannte Hungersnot" am 11. September 1974 versiegten auch die letzten Sympathien für den Monarchen. Weltweit hatte die Untätigkeit des einst so bewunderten Selassie und seiner Beamten für Entsetzen gesorgt.

"Hängt ihn", brüllte eine Menschenmenge vor dem Palast, als Selassie schließlich in dem VW-Käfer abtransportiert wurde. Monatelang versuchten die aufständischen Militärs, angebliche Auslandskonten des Kaisers ausfindig zu machen. Nachdem sie diese Hoffnung schließlich aufgegeben hatten, war er für sie nutzlos geworden. Sein Diener fand den 83-Jährigen am 27. August 1975 leblos in seinem Zimmer - wahrscheinlich mit einem Kissen erstickt. Die Überreste des einst geliebten und ambitionierten Monarchen wurden erst 1992 in seinem Palast entdeckt: Verscharrt unter einer Toilette.