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18. November 2011, 09:10 Uhr

Affäre um Hitlers Nachfolger

Dönitz erzählt vom Krieg

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Die Schüler waren fasziniert, die Lehrer begeistert: Im Januar 1963 hielt der Hitler-Nachfolger Karl Dönitz in einem Gymnasium bei Hamburg eine Unterrichtsstunde zum "Dritten Reich" ab. Der Auftritt des ehemaligen Großadmirals sorgte weltweit für einen Eklat - und trieb wenig später einen Beteiligten in den Tod.

Der Applaus wollte kein Ende nehmen. Lehrer und Schüler huldigten ausdauernd dem alten Mann, der auf dem Podium im Auditorium des Geesthachter Gymnasiums stand. Über eine Stunde hatte Karl Dönitz, ehemaliger Großadmiral, Oberbefehlshaber der Marine und Hitler-Nachfolger, an diesem 22. Januar 1963 seinem Publikum Fragen über das "Dritte Reich" beantwortet und aus dem Nähkästchen der braunen Machtzentrale geplaudert. Offensichtlich hatte er den richtigen Ton getroffen. "Die waren alle von seiner Größe und Autorität begeistert", erinnert sich Lutz Fähser, der damals als Schüler im Publikum saß. Allen voran Geschichtslehrer Heinrich Kock, der den Dönitz-Besuch angeregt hatte.

Die historische Fragestunde wäre sicherlich schnell in Vergessenheit geraten, hätte nicht der Journalist Karl Mührl im Publikum gesessen und ein paar Tage später dem Ereignis eine ganze Seite in der "Geesthachter Zeitung" gewidmet. Frenetisch feierte er die Veranstaltung als "besonderes Erlebnis" und "Geschichtsunterricht in höchster Vollendung". Ungeniert drückte Mührl zudem seine Bewunderung für Dönitz aus: "Genauso, wie er im Krieg seine U-Boot-Soldaten begeisterte und zu höchsten Leistungen anspornte, zog er auch diese Jugend schnell in seinen Bann."

Die euphorische und kritiklose Würdigung machte einige Hamburger Journalisten auf die Veranstaltung aufmerksam. Auf einer Pressekonferenz der Kieler Landesregierung am 31. Januar 1963 begannen sie, Fragen zu stellen: Wie konnte es sein, dass ein in Nürnberg zu zehn Jahren Haft verurteilter Kriegsverbrecher Schülern ungefiltert seine Sicht der Dinge präsentieren durfte? Wussten die Schüler, dass sie die rechte Hand Hitlers vor sich sitzen hatten, der nach dessen Selbstmord die Regierungsgeschäfte des "Dritten Reichs" übernommen hatte? Waren sie ausreichend auf die Fragestunde vorbereitet worden? Über Nacht hatte sich die kleine Schulveranstaltung ganz unerwartet zum Politikum ausgewachsen.

Gewaltiges Medienecho

Bald war klar, dass Dönitz nicht als Zeitzeuge aufgetreten war, der sich den kritischen Fragen der Schülerschaft gestellt hatte. Er hatte einer Schar Jugendlicher, von denen viele zum ersten Mal etwas über das "Dritte Reich" hörten, weil der Geschichtsunterricht dieses Thema geflissentlich aussparte, sein Geschichtsbild als Tatsachenbericht verkauft. Er und all die anderen Männer an der Front hätten in den Kriegsjahren lediglich ihre Pflicht als Soldat erfüllt, führte Dönitz aus. Man könne von einem Soldaten "nicht erwarten, dass er bei Kriegsausbruch mit dem Fahrrad ins Auswärtige Amt fahre, um durch Aktenstudium festzustellen, ob der begonnene Krieg ein Angriffskrieg sei".

Die Lehrer, von denen ein Großteil selbst im Krieg gewesen war und eine mehr oder weniger braune Vergangenheit hatte, nickten das Gesagte kommentarlos ab – dankbar über die Generalamnestie, die Dönitz erteilte. Dass es auch eine andere Sichtweise auf die Ereignisse gab, machten sie nicht zum Thema.

Schonungslos prangerten die Medien den unkritischen Umgang mit dem Zeitzeugen Dönitz an. Die "Zeit" beschrieb mit bissiger Ironie den Verlauf der Veranstaltung. "Die 14- bis 20-Jährigen lernten, nur Stalins und Ulbrichts Machenschaften sei es zu verdanken, dass Dönitz nicht auch nach der Kapitulation Chef einer zentralen Reichsregierung blieb." Der SPIEGEL nahm die "drei Kameraden" Dönitz, Mührl und Kock aufs Korn, die in der Veranstaltung die Gelegenheit gesehen hätten, ihre beschönigende Version des Zweiten Weltkriegs zu vermitteln. Selbst die internationale Presse sprang auf das Thema an. Die französische Zeitung "Le Monde" empörte sich: "Der frühere Großadmiral Dönitz hat Hitlers Politik verherrlicht." Das DDR-Organ "Neue Deutschland" witterte die Gelegenheit und unterstellte der Bundesrepublik "faschistische Umtriebe".

Das gewaltige Medienecho setzte die Kieler Landesregierung erheblich unter Zugzwang. Um den Imageschaden zu begrenzen, schlug sie vor, dem Landesbeauftragten für staatsbürgerliche Bildung Ernst Hessenauer vor demselben Publikum sprechen zu lassen - damit das von "Dönitz beschädigte Geschichtsbild von demokratischer Hand restauriert werde", wie es der SPIEGEL formulierte. Doch Schuldirektor Georg Rühsen lehnte mit der Begründung ab, sie würden das Ganze schulintern aufarbeiten. Er sollte diese Entscheidung später bitter bereuen. Denn nun kochte der Fall erst richtig hoch.

Der umstrittene Großadmiral

Rühsen hatte unterschätzt, wie sehr der ehemalige Großadmiral Karl Dönitz die deutsche Gesellschaft polarisierte. Für die einen war er der "Retter der Millionen", weil die deutsche Marine im Frühjahr 1945 reihenweise Flüchtlinge aus Ostpreußen und Pommern an Bord genommen und über die Ostsee ins sichere Schleswig-Holstein geschafft hatte. Hartnäckig hielt diese Fraktion den mittlerweile gründlich widerlegten Mythos von der "sauberen Wehrmacht" aufrecht, als dessen Inkarnation sie Dönitz betrachtete. Von den Gräueltaten der Nazis hatte nach dieser Auffassung niemand in der Wehrmacht gewusst. Seine Verurteilung in Nürnberg hielten sie für eine Fehlentscheidung und Dönitz für ein "Opfer" der Siegerjustiz.

Auf der anderen Seite standen die scharfen Dönitz-Kritiker. Sie warfen ihm vor, ein willfähriger Handlanger Hitlers gewesen zu sein, der mit seinen fanatischen Durchhalteparolen den Krieg künstlich verlängert und damit Millionen Menschenleben aufs Spiel gesetzt hatte. Dass er die nationalsozialistische Ideologie tief verinnerlicht hatte und durchaus antisemitisch eingestellt war, wiesen sie ihm regelmäßig anhand unterschiedlichster Äußerungen nach, die er öffentlich gemacht hatte. Einigkeit über Dönitz bestand nur in einem Punkt: Er hatte als letztes Staatsoberhaupt des "Dritten Reichs" das Beste aus der Kapitulation herausgeholt.

Die Bundeswehrspitze quälte sich jahrelang mit dieser fast "mythischen Großadmiralsfrage", wie es der SPIEGEL schon Jahre vor dem Geesthachter Intermezzo formulierte, und war dankbar, als sich 1958 die Gelegenheit bot, sich von dem umstrittenen Großadmiral a.D. zu distanzieren. In einem Kommuniqué ließ das Verteidigungsministerium verlauten: "Der einstige Großadmiral Dönitz ist nicht Vorbild der Bundeswehr."

Trauriges Nachspiel

Die Reaktion der Presse auf Rühsens Dönitz-loyales Verhalten ließ nicht lange auf sich warten. "Bis heute ist der Oberstudiendirektor der festen Überzeugung, dass die Ausführungen des Großadmirals a.D. weder einer sofortigen Berichtigung noch einer Ergänzung oder auch nur einer kritischen Zwischenfrage bedurften", kommentierte etwa die "Zeit" zynisch. Aufgeschreckt von den immer schrilleren Tönen, für die die Affäre mittlerweile sorgte, schickte das Kieler Kultusministerium Regierungsrat Herrmann Schmidt-Tychsen nach Geesthacht, um den Fall zu untersuchen. Fünf Stunden besprach er sich mit Direktor Rühsen.

Was sie beredeten, ist nicht überliefert. Eine halbe Stunde, nachdem Schmidt-Tychsen gegangen war, verließ auch Rühsen die Schule. Er schlug den Weg zur Elbe ein. Es war das letzte Mal, dass ihn jemand lebend sah. Kollegen fanden am folgenden Tag in seiner Aktentasche einen an seine Frau gerichteten Brief: "Liebe Lonny, nimm es mir nicht übel. Ich gehe in den Tod." Am 25. April – also mehr als zwei Monate später – wurde seine Leiche schließlich in der Oberelbe gefunden. Der Druck, der auf Rühsen lastete, war zu groß geworden.

Statt Hessenauer lud das Geesthachter Gymnasium schließlich den Historiker Karl Dietrich Erdmann ein, um die Dönitz-Geschichtsstunde doch noch ins richtige Licht zu rücken. Am 25. Februar 1963 sprach er vor einem ähnlich großen Publikum wie Dönitz einen Monat zuvor. Erdmann erklärte, dass Dönitz Hitler verfallen gewesen sei. Etliche führende Offiziere hätten sich damals hinter ihren militärischen Aufgaben verschanzt und bewusst politische Fragen ausgeblendet – als eine Art Schutzmechanismus. Letztlich machte Erdmann aber die Schüler für die entglittene Fragestunde verantwortlich: "Ihr habt einfach nicht die richtigen Fragen gestellt!" Was Erdmann nicht berücksichtigte: Den Schülern war das nötige Hintergrundwissen vorenthalten worden.

Dieser Artikel basiert auf dem preisgekrönten Beitrag "Die Dönitz-Affäre - Der Großadmiral und die kleine Stadt" für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale" 2010/2011 von Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums Geesthacht. Mehr Informationen gibt es auf der Website des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.

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