In einem kurzen ärmellosen Sommerkleid sitzt die junge Jan Podlich auf einem Blumenkübel und blinzelt vergnügt in die Sonne. Sie ist gerade 15 Jahre alt, neben ihr steht ihre zwei Jahre ältere Schwester Peg. Die beiden verbringen den Tag im berühmten Garten von Paghman, dem malerischen Kurort der afghanischen Bourgeoisie, etwa 20 Kilometer entfernt von Kabul. Das Foto zeigt die beiden Amerikanerinnen im Sommer 1967. Man sieht dem Bild die Zeit an, es wirkt ein wenig verblichen und fleckig, doch das Rot der Blumen leuchtet noch immer intensiv.
2012 fanden die Schwestern das Bild zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Afghanistan-Fotos in einer Kiste auf dem Dachboden ihres Vaters. Heute hat Paghman seinen Glanz verloren. Das hügelige Städtchen wurde verheert durch die Kriegswirren der letzten vierzig Jahre: Bürgerkrieg, Invasion der Roten Armee, Stammesrivalitäten, Machtergreifung der Taliban-Milizen, Krieg gegen den Terror. Afghanistan kommt nicht zur Ruhe.
"Endlich raus aus Arizona"
William Podlich ahnte 1966 nichts davon. Als der Professor für Pädagogik seinen Töchtern kurz vor Weihnachten eröffnete, dass die Familie für ein Jahr nach Afghanistan gehen würde, weil er dort einen Job als Lehrer angenommen habe, jauchzten die Mädchen vor Freude. "Endlich raus aus dem immergleichen Tempe im heißen Arizona, endlich ein Abenteuer", hatten sie gedacht, erinnern sich Jan und Peg im Gespräch mit einestages.
Bis auf den Kauf von Winterstiefeln, kniehoch, schwarz, hatten sich die Mädchen nicht auf die Reise vorbereitet. "Wir haben uns Afghanistan ein bisschen wie Denver, Colorado vorgestellt. Weil es dort auch Schnee gibt", sagt Peg Podlich. "Was uns kulturell erwarten würde, konnten wir uns gar nicht vorstellen." Deshalb steckten sie einfach ihre Kleidchen, Miniröcke, Handtäschchen und Sonnenbrillen in den Koffer und machten sich auf nach Kabul.
Umso verblüffter waren sie bei ihrer Ankunft in Afghanistan: Zum ersten Mal sahen sie verschleierte Frauen auf der Straße. "Ihre bunten Gewänder, die Körper, Gesicht und Hände verdeckten, wehten im Wind. Für uns sahen sie aus wie freundliche Geister", sagt Jan Podlich. Sonst wunderten sie sich über kaum etwas, im Gegenteil: Die beiden Teenager fühlten sich schnell pudelwohl in ihrer neuen Heimat. Mit einer ganzen Reihe von Schnappschüssen hat ihr Vater die unbekümmerte Zeit in Afghanistan festgehalten.
Fotoschatz gegen Vorurteile
An den Wochenenden machten sie Ausflüge, fuhren mit dem Bus über die Grenze nach Pakistan und erkundeten das Nachbarland. "Ich habe mich nie unsicher gefühlt", sagt die ältere Schwester. Wenn die beiden Frauen von Afghanistan erzählen, spürt man die Freude. Sie erinnern sich gerne an die Menschen, die prachtvollen Moscheen, die Bazare mit dem wundervollen Obst, die antiken Stätten. "Am besten haben mir die Buddha-Statuen im Bamiyan Valley gefallen", sagt Peg Podlich. "Das war das Älteste, was wir je gesehen haben."
Die Statuen wurden 2001 von den Taliban zerstört, ebenso wie weite Teile des kulturellen Erbes in den letzten Jahrzehnten vernichtet worden sind. Wer sich Afghanistan heute vorstellt, denkt an Krieg und Zerstörung. Deshalb sind die Podlich-Schwestern so stolz auf ihren Fotoschatz: "Die meisten unserer Landsleute meinen, sich durch die Nachrichten im Fernsehen ein Bild von diesem Land machen zu können", sagt Jan Podlich. "Dabei bilden sich schnell Vorurteile über Religion und Lebensweise." Sie und ihre Schwester wüssten jedoch um das Potential dieses Landes: Sie erinnern sich genau, wie es einst dort war, und glauben fest daran, dass es dort wieder schön werden kann. Die Fotos ihres Vaters sind ihr Beweis.
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Shopping-Time: Jan Podlich beim Einkaufen auf dem Basar von Istalif in der Provinz Kabul. "Wir trugen eigentlich immer das, was wir wollten: kurze, ärmellose Kleider. Das hat niemanden gestört."
Hügel der Könige: Jan, links, und Peg Podlich im Garten von Paghman im Jahr 1967. "Diese Fotos anzusehen ähnelt dem Gefühl, das man bekommt, wenn man sich Bilder vom zerstörten Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ansieht und sie mit dem vergleicht, was davor war und Jahrzehnte später wiederaufgebaut wurde", sagt Peg Podlich. "Ich hoffe, dass auch Afghanistan eines Tages wieder so wird, wie es einmal war."
"Slow but sure": "Langsam aber sicher" haben die Podlichs dieses Foto genannt. Esel sind noch heute ganz besonders nützliche Tiere in Afghanistan, vor allem zu Transportzwecken.
Werdende Lehrer: Diese Studierenden besuchten das "Higher Teachers College of Kabul", an dem Bill Podlich im Auftrag der Unesco von 1967 bis 1968 unterrichtete.
Kulturaustausch: "Mein Vater hat immer gesagt, nachdem er im Zweiten Weltkrieg gedient hatte, wolle er nur noch im Namen des Friedens dienen", erinnerte sich Peg Podlich. Sein Dienst in Kabul war ein Teil davon.
Blick auf Istalif: Diese Schattensuchenden blicken auf das Zentrum afghanischer Töpferkunst, die Stadt Istalif.
Peg und Jan Podlich sind stolz auf die Fotos ihres Vaters: "Wir wollen mit ihnen zeigen, wie wunderschön und friedlich es damals war." Istalif wurde in den neunziger Jahren fast vollständig durch Kämpfe zerstört.
Sommerkleid und Sonnenbrille: Die junge Peg Podlich im Sommer 1967 in Kabul. "Als mein Vater uns vorschlug, mit ihm nach Afghanistan zu kommen, waren wir total aufgeregt", erinnert sich Peg. "Ich konnte mein letztes Highschool-Jahr in einem exotischen Land verbringen."
Auf dem Nachhauseweg: "Damals gingen Mädchen ebenso wie Jungen bis sie sechzehn waren zur Schule, die besten studierten danach am College weiter", sagt Peg Podlich. "Alle trugen Schuluniformen. Mädchen durften auch auf dem Weg zur Schule keinen Ganzkörperschleier tragen."
Auf zum Markt: Viehhändler treiben ihre markierten Schafe zum Markt in der Hauptstadt
Das Tal von Bamiyan: Das 2500 Meter hoch gelegene Tal ist bekannt für die Buddha-Statuen von Bamiyan. Es ist von der Unesco als Weltkulturerbe gelistet. Die Statuen waren einst...
...die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt - die beiden größten und bekanntesten waren 53 beziehungsweise 35 Meter hoch. Im März 2001 wurden sie von den Taliban zerstört, weil laut Scharia die Darstellung menschlicher Figuren nicht erwünscht ist.
Dosenshopping: Der Aziz-Supermarkt im Stadtteil Shar-i-Nau war der einzige Einkaufsladen von Kabul, erinnert sich Peg Podlich. Die meisten Lebensmittel kaufte man an den zahlreichen Marktständen. Die Schwestern Peg und Jan liebten vor allem die frischen Früchte, die sie auf der Straße kauften.
Freiluft-Friseur: Ein Afghane bekommt auf offener Straße den Kopf rasiert. Der Amateurfotograf Bill Podlich hielt mit seiner Kamera von 1967 bis 1968 das Leben in der afghanischen Hauptstadt Kabul fest.
Kuchen in Kabul: Ein kleiner Junge dekoriert in einer afghanischen Bäckerei süßes Gebäck
Snack und Schnack: In Afghanistan spielt sich ein Großteil des Lebens im Freien auf der Straße ab, hier ein Stehcafé mit "Gebäck to go" im Angebot. Wer will, verweilt und plaudert mit den Verkäufern.
Abkühlung: Im Sommer ist Afghanistan heiß und trocken. Hier suchen junge Männer Erfrischung im Fluss Kabul, andere waschen ihre Kleider im Wasser.
"Wie freundliche Geister": In Kabul sahen die Schwestern Peg und Jan zum ersten Mal verhüllte Frauen. Der sogenannte Chadri, ein Ganzkörperschleier, ist für diese Frau kein Hindernis, ihr Kind auf dem Rücken zu tragen.
Menschenauflauf im Zentrum von Kabul: Vor Timur Schahs Mausoleum - das in den neunziger Jahren im Krieg schwer beschädigt wurde - fand 1967 eine Demonstration statt
Große Schwester: Drei Fotoboxen hat der 2008 verstorbene Vater Bill hinterlassen. Hunderte Bilder erinnern an die Zeit, in der er mit seiner Familie in Afghanistan war.
Unterricht im Freien: Eine Schule in Afghanistan
Mit Fleischspieß und Melone: Besonders gern erinnern sich Peg und Jan an das afghanische Essen. "Wenn ich an den Duft der Lammspieße denke, direkt vom Rost - Yum!" Nicht weit vom Haus war ein Naan-Ofen. Stundenlang beobachteten die Mädchen den Brotbäcker und seine flinken Hände.
Professor, Vater, Fotograf: William "Bill" Podlich hatte ein Faible für ferne Länder. Als er 1966 von der Unesco einen Job als Lehrer in der Hauptstadt Afghanistans angeboten bekam, sagte er sofort zu. Rund ein Jahrzehnt vor der Invasion der Sowjets hielt er das idyllische Leben in dem Land mit seiner Fotokamera fest.
Eiszeit: "Vielleicht erkennen die Amerikaner durch Fotos wie diese, dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten mit den Menschen dieses Landes haben als Unterschiede."
Ausflug nach Pakistan: Peg Podlich, vorne links mit Sonnenbrille, bei einer Busreise von Kabul nach Peschawar in Pakistan. Die Familie machte oft gemeinsame Ausflüge.
Algebra und Schlamm: Eine Jungenklasse einer Mittelschule in Kabul während des Mathe-Unterrichts
Die Schwestern Podlich: Jan (links) war gerade 15, ihre Schwester Peg 17 Jahre alt, als ihr Vater sie mit nach Afghanistan nahm. "Wir stellten uns Afghanistan ein bisschen wie Denver, Colorado vor", erzählte Peg Podlich.
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