Fotostrecke

Radio Afrika: "Großartigstes Tam-Tam"

Foto: Nestor Bachmann/ picture-alliance/ dpa

Rundfunk in Afrika Kalter Krieg per Kurzwelle

Der Kampf der Systeme tobte auch im Äther: Ost und West buhlten mit aufwendigen Radiosendungen um Sympathien in Afrika. Noch heute sind einige Programme dort teilweise die wichtigste Informationsquelle - einige kommen aus Deutschland.

Wenn die Bundesliga-Saison am 18. August beginnt, werden afrikanische Reporter in zwei Studios der Deutschen Welle in Bonn ein ausgewähltes Spiel am Bildschirm verfolgen. In den Sprachen Hausa und Kisuaheli werden sie das Match schildern; die Hausa-Reportage werden etliche Tausend Menschen in Nordnigeria und benachbarten Ländern hören. Fußball live per Radio! Das Bundesliga-Spiel am Samstag zählt zu den beliebtesten Sendungen im Hausa-Dienst der Deutschen Welle (DW).

Der vom Bund finanzierte öffentlich-rechtliche Sender übermittelt im digitalen Zeitalter zwar Berichte und Unterhaltung aus Deutschland vorwiegend via Fernsehen und Internet. Aber in Teilen Afrikas ohne TV- und UKW-Empfang müssen die Leute immer noch ihr Radio anschalten, wenn sie sich über das Weltgeschehen und Ereignisse in ihrer Region informieren wollen. Das sogenannte Dampfradio mit Meterbändern für Kurzwellen existiert immer noch.

"Im Hausa-Kernland gibt es kaum ein Dorf oder Stadtviertel, in dem unser Programm nicht bekannt ist", berichtet Thomas Mösch. Der DW-Hausa-Chef reist regelmäßig aus Bonn ins Sendezielgebiet. "Für viele Menschen dort", so Mösch, "gilt eine Nachricht erst dann als glaubwürdig, wenn darüber neben den eigenen Medien auch die Hausa-Programme der britischen BBC, der Voice of America und der Deutschen Welle berichtet haben." Den einheimischen Sendern misstrauen viele, denn die verbreiten eher Regierungspropaganda als objektive Berichte.

Das Radio löste die Trommeln ab

Der Hausa-Dienst der Deutschen Welle ging 1963 zum ersten Mal auf Sendung und strahlt heute täglich zweieinhalb Programmstunden nach Afrika. Die derzeit elfköpfige Redaktion freut sich über Zuschriften von Hörern. Seit 2006 können die sich zeitgleich zum Programm äußern, zunächst über SMS und neuerdings vor allem auf Facebook. "Die DW ist eine wunderbare Radio-Station", schrieb ein gewisser Buba Infantry im Juni auf Facebook, "sie bringt dir die aktuellen Nachrichten, die du brauchst." Und ein Ibrahim Ahmad wünschte den Mitarbeitern, "möge der allmächtige Allah euch segnen".

Fotostrecke

Radio Afrika: "Großartigstes Tam-Tam"

Foto: Nestor Bachmann/ picture-alliance/ dpa

Tatsächlich ist das Hausa-Programm der Deutschen Welle ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Denn der Kampf zwischen Ost und West um die Köpfe der Afrikaner wurde einst auch im Äther ausgefochten. Vor 50 Jahren konnten vier Fünftel der Bevölkerung des Kontinents noch nicht lesen und schreiben. Aber Umfragen in afrikanischen Städten ergaben, dass dort über 80 Prozent der Bewohner regelmäßig Radio hörten.

"Wir lieben den Rundfunk, weil er für uns die getrommelte Botschaft und den öffentlichen Ausrufer ablöst", schrieb damals der Autor und Musiker Francis Bebey. Der prominente Kameruner nannte das Radio "Afrikas großartigstes Tam-Tam". Afrikas Regierungen nutzen dieses Tam-Tam seit der Unabhängigkeit als ihre Stimme. Bis heute kontrollieren fast überall die Informationsministerien den Rundfunk; Oppositionelle werden nicht an die Mikrofone gelassen.

Die Macht ist mit der Herrschaft über die Radiowellen verbunden; deshalb besetzen Putschisten stets zuerst das Funkhaus. Während des Kalten Krieges drängten sich auch die Auslandsdienste der rivalisierenden kapitalistischen und kommunistischen Staaten auf den afrikanischen Kurzwellen-Meterbändern. Die kommunistischen Länder drangen mit extrem starken Sendern in den afrikanischen Äther vor; westliche Staaten verfügten über Relaisstationen vor Ort - die Voice of America im westafrikanischen Liberia, die Deutsche Welle im zentralafrikanischen Ruanda.

Radio Moskau sendete in zwölf afrikanischen Sprachen

Das Äther-Gefecht um Schwarzafrika tobte in Englisch, Französisch und in zahlreichen einheimischen Sprachen. Die "Stimme Amerikas" sendete täglich 19 Stunden; Radio Moskau war 21 Stunden lang in nicht weniger als zwölf afrikanischen Sprachen dabei; der DDR-Auslandsdienst "Radio Berlin International" und die damals in Köln ansässige "Deutsche Welle" wetteiferten mit je gut zwölf Programmstunden am Tag um Hörer in Afrika. Unter ihnen: vor allem Studenten und junge Angestellte.

Sie schalteten die ausländischen Stationen ein, um Kontakt zur außerafrikanischen Welt zu bekommen. Die lockte über Musik- und Nachrichtensendungen hinaus mit Quizwettbewerben, bei denen T-Shirts, Schallplatten und Fotoapparate zu gewinnen waren. 1965 berichtete die nigerianische "Daily Times" in Wort und Bild, dass ein Mitarbeiter der Deutschen Welle dem 21-jährigen Hörer Sammy E. Oni bei einem Empfang in der deutschen Botschaft ein Transistorradio überbracht habe. Die begehrtesten Gewinne in Rate- und Essaywettbewerben waren Reisen in das Land des Senders.

Mit gutem Erfolg ermutigten die Rundfunkstationen ihre fernen Hörer, Clubs zu gründen. 1969 gab es in Afrika südlich der Sahara 174 Hörerclubs der Deutschen Welle mit etwa 6600 Mitgliedern. Nicht selten war der Clubvorsitzende der einzige, der ein Radio besaß. "Am Samstag werde ich ein Gründungsmitglied, Miss Bernadette Amuneke, heiraten", schrieb ein Clubchef aus Ghana an die Deutsche Welle, "wir haben uns im Hörerclub kennengelernt, der immer eine vereinende Kraft war."

Bundesliga-Quiz im Hausa-Programm

Heute ist die vereinende Kraft zwischen Menschen und Kontinenten das Internet. Die Bedeutung der Rundfunksendungen über Kurzwelle ging dramatisch zurück, Satelliten eröffneten neue technische Möglichkeiten. Die Deutsche Welle und die anderen Auslandssender stellten von Radio- auf TV-Programme um. Hörfunkdienste wurden überall gekürzt oder eingestellt. Mit dem Ende des Kalten Krieges endete auch die große Invasion Afrikas via Kurzwellen-Radio.

Überlebende Dienste, wie der Hausa-Service der DW, suchen Partnerschaften mit einheimischen Sendern. Als sogenannte Rebroadcaster nehmen sie die auf normalen Radios oft nur schwierig zu empfangenden Kurzwellen-Programme aus Deutschland auf und senden sie dann über UKW-Frequenzen. Als Gegenleistung bildet die DW afrikanische Rundfunkleute aus. Der Hausa-Dienst hat jedes Jahr vier Praktikanten aus dem Zielgebiet für sechs Monate in der Redaktion in Bonn.

Redaktionsleiter Mösch führte denn auch auf seiner letzten Reise nach Nord-Nigeria Gespräche mit Kandidaten für die Praktika. Bei einem Partnersender in der Stadt Bauchi überreichte er einem Hörer den Preis für den Gewinn eines DW-Bundesliga-Quiz: ein Trikot von Bayern München.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.