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Begegnung in Afrika 1965: "Ein deutscher Soldat befolgt die Befehle des Kaisers"

Begegnung in Afrika 1965 "Ein deutscher Soldat befolgt die Befehle des Kaisers"

Khaki-Kluft, schwarze Stiefel und Lederkoppel. Beim Trampen durch Tansania begegnete der 20-jährige Björn Pätzoldt 1965 einem afrikanischen Veteranen. Im Ersten Weltkrieg hatte dieser bis zuletzt die Kolonie Deutsch-Ostafrika verteidigt - und noch immer war er dem Kaiser treu.

Eher zufällig als gezielt spazierte ich über einen deutschen Soldatenfriedhof mitten in Daressalam. Vor einer der Gedenkstätten für die Helden der deutschen Nation verharrte andächtig ein alter Mann, dessen seltsame Kleidung eine magische Anziehungskraft auf mich hatte. In brütender Mittagshitze von Kopf bis Fuß in Khaki-Kluft, beschuht mit schwarzen Schaftstiefeln und um die Hüfte ein ledernes Koppel gegürtet.

In Unkenntnis der Bezeichnungen einzelner Uniformstücke nahm ich staunend auf dem Haupt des offenkundigen Soldaten ein kochtopfförmiges Käppi wahr, an dem zum Nacken hinab ein taschentuchgroßer Lappen hing. Ich überlegte, wie ich mit dem Mann in ein Gespräch kommen könnte.

"Shikamoo", sagte ich auf Swahili und verbeugte mich: "Ich berühre deine Füße."

"Marahabaa!", erwiderte der unverhofft angesprochene Mann: "Ich nehme deine Ehrerbietung entgegen!"

Nun legte ich noch eine Begrüßungsformel nach: "Hujambo?" – "Wie geht es Ihnen?"

"Sijambo." - "Mir geht es gut". Der Veteran schaute mich mit verblüfftem Blick an.

Ich hatte noch einen auswendig gelernten Spruch im Sinn, und so erkundigte ich mich mit artikulierten Worten nach dem Wohlergehen der Familie daheim: "Habari zu nyumbani?"

"Salama", erhielt ich zur Antwort: "In Frieden."

Dem Kaiser auf ewig verbunden

So gerieten wir allmählich in eine Unterhaltung, die wir der besseren Verständigung halber auf Englisch fortzuführen beschlossen. Ja, er sei ein Askari gewesen. Ach, eigentlich sei er es immer noch. Wer einmal in des Deutschen Kaisers Diensten gestanden hat, der bleibe dem Fahneneid bis an das Ende des Lebens verbunden.

"Kann ich Sie zu einem Glas Bier einladen?", lockte ich den alten Krieger. Der war nicht abgeneigt. Plaudernd verließen wir die Stätte der ewigen Ruhe und kehrten bald in einer Kneipe ein. Dort nahmen wir für einige Stunden und Biere lang Platz.

Ich brauchte gar nicht zu fragen. Es sprudelte aus der leibhaftigen historischen Quelle nur so heraus: "Ich habe unter dem großen General von Lettow-Vorbeck gedient... hat mir persönlich die Hand gegeben... ...ist letztes Jahr in hohem Alter verstorben... ...ich bekomme eine Rente vom Reich... ...Bin eurem Reich zu Dank verpflichtet, habe ihm dienen dürfen..."

Mir schienen die Lobeshymnen zu ungeordnet für die Befriedigung meiner Wissbegier. So entschloss ich mich, der Systematik halber doch lieber Fragen zu stellen: "Seit wann haben Sie gedient?"

"Seit Anfang des Krieges... Das Gerücht kam aus Sansibar, England führe Krieg gegen unser Reich."

"Wurdet ihr angegriffen?"

"Ich war in Daressalam stationiert unter dem Kommando des Generals, des großen von Lettow-Vorbeck..."

Bevor mein Gesprächspartner sich wieder in unergiebige Schwärmerei verlieren könnte, unterbrach ich ihn mit der Frage: "Wann und wie fing der Krieg für euch an?"

"Bei uns in Daressalam geschah fast vier Monate nichts. Aber wir haben gehört, dass es Gefechte gab im Norden an der Eisenbahn und am Victoriasee. Auch am Tanganjikasee weit im Westen hat es Kämpfe gegeben. Bei uns war nichts los."

"Daressalam wurde nicht angegriffen?"

"Ganz Tanganjika blieb in unserer Hand"

"Noch lange nicht. Drüben gegenüber vor Sansibar hat ein deutscher Kreuzer ein englisches Kriegsschiff versenkt. Die Briten trauten sich nicht, zu uns zurückzuschießen. Die kämpften lieber anderswo. Auch belgische Truppen wurden eingesetzt. Unsere Kameraden machten sie nieder. Ganz Tanganjika blieb in unserer Hand. In Daressalam war nichts los.

Wir zogen mit unserer Hauptmacht zum Kilimandscharo hinauf. Dort hörten wir, dass zwei englische Kreuzer vor der Hafenstadt Tanga aufgetaucht waren. Die ließen ihre Truppen an Land und wollten die Stadt einnehmen. Dann brachen Kämpfe aus. Wir brauchten zwei Tage und Nächte, bis wir am Kriegsschauplatz waren. Dann griffen wir in die Schlacht mit ein und siegten. Die britische Flotte zog mit ihren Truppen wieder ab."

"Und Daressalam?"

"Vier Wochen später haben britische Kriegsschiffe auch Daressalam beschossen. Ich weiß nicht, was sonst noch überall geschah. Aber an allen Orten und Seiten haben wir gesiegt! Meine Truppe ist dann wieder zurück nach Daressalam. Da hatten wir fast acht Monate Ruhe. Erst dann griffen die Briten uns wieder an. Aber wir hatten gute Anlagen zur Verteidigung. Die Engländer konnten uns nicht gefährlich werden. Fünf Monate lang verharrten wir an der Küste, und es geschah nichts."

"War da Frieden?"

"Eine grausame Schlacht"

"Nein, die Kämpfe fanden woanders statt. Das ganze Land wurde von der feindlichen Übermacht überrollt. Wir wurden dann abgezogen nach Dodoma ins Landesinnere, um den Rückzug in den Süden zu sichern. Dann griffen wir in die Kämpfe in Kondoa ein, um das Gebiet nördlich der Zentralbahn zu sichern. Eine grausame Schlacht. Auf der anderen Seite kämpften für die Briten indische und afrikanische Truppen. Wir Überlebenden zogen uns entlang der Eisenbahn in Richtung Daressalam zurück. Hier griffen uns die Briten wieder an. Wir haben sie siegreich geschlagen! Dann mussten wir weiterziehen."

"War jetzt der Krieg zu Ende?"

"Nein, noch lange nicht."

"Und Daressalam?"

"Das haben die Engländer kampflos besetzt. Von uns waren keine Truppen mehr dort."

"Was geschah mit euch?"

"Aus allen Himmelsrichtungen haben die Feinde uns angegriffen. Sie haben uns nicht besiegt! Wir waren alle erschöpft. Es war an einem Fluss, die Engländer lagerten uns gegenüber nördlich des Ufers, wir hielten unsere Stellung diesseits des Wasserlaufs. Dann hatten wir eine Kampfpause von dreieinhalb Monaten."

"Im ganzen Land?"

"Nein, woanders wurde weiter gekämpft. Nur bei uns war nichts mehr los. Bis die Briten plötzlich eine Großoffensive gegen uns starteten. Wir zogen uns zurück in Richtung Mosambik. Die Engländer besetzten nördlich von uns die Gebiete südlich von Daressalam. Dann begann die Regenzeit. Vier Monate lang gab es kaum noch Kämpfe. Danach ging es wieder los. Wir haben die englische Übermacht noch einmal geschlagen! Dann war für uns wieder drei Monate Gefechtsruhe. Wir zogen uns langsam nach Süden zurück, über die Grenze nach Mosambik."

"War jetzt endlich der Krieg zu Ende?"

"Für uns noch lange nicht. Fast ein Jahr lang haben wir noch gekämpft."

"In Portugiesisch-Ostafrika, in Mosambik?"

"Wir stürmten das portugiesische Fort Ngomano und erbeuteten dort Kriegsmaterial, zogen weiter, überfielen noch einige kleine Forts und brachen zu neuen Schlachten auf. Wir führten noch einige Scharmützel mit Engländern und Portugiesen.

Letztes Gefecht nach der Kapitulation

Zehn Monate lang verbrachten wir dort. Dann kehrten wir wieder auf deutsches Gebiet zurück. Von da aus unternahmen wir einen letzten Feldzug gegen den Feind. Wir überschritten die Grenze nach Rhodesien und hatten nördlich von Kasama unser letztes Gefecht."

"Wann war das genau?"

"Am zwölften November neunzehnhundertachtzehn."

"Da war der Krieg doch schon längst zu Ende! Am elften November wurde die Kapitulation unterschrieben."

"Das wussten wir aber nicht. Uns erreichte die Nachricht erst drei Tage später. Das Reich hatte uns befohlen, die Waffen zu strecken. Schade, wir hätten den Krieg noch gewinnen können. Aber ein deutscher Soldat befolgt die Befehle des Kaisers. Also haben wir uns ergeben."

Der deutsche Kaiser, das konnte der tapfere Kämpfer in dem fernen Ostafrika nun wirklich nicht wissen, hatte aber schon fünf Tage zuvor abdanken müssen.

Leicht geänderte Textauszüge aus: "Nandinda, Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie", Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009.

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