Afrikareisende Alexandrine Tinne "Ich habe nie das Glück begriffen, ganz alt werden zu wollen"

Als erste Europäerin wollte Alexandrine Tinne 1869 die Sahara durchqueren. Vor 150 Jahren wurde die steinreiche Niederländerin in der Wüste ermordet - um die Tat ranken sich wilde Legenden.

Henri Auguste d'Ainecy Montpezat/ wikimedia commons

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Entgegen ihrer Gewohnheit tritt Alexandrine Tinne am Morgen des 1. August 1869 ohne ihre zwei Revolver aus dem Zelt. Ein lautstarker Streit hat sie aus dem Schlaf geschreckt: Zwei ihrer 44 Kameltreiber zanken sich. Ihre Begleiter, die Matrosen Kees Oostman und Arie Jacobse, versuchen zu schlichten - und werden niedergestreckt.

Noch im Nachtgewand ruft die 33-Jährige nach dem Anführer ihrer Eskorte und verlangt Aufklärung. Da versetzt ihr ein Tuareg mit dem Säbel einen Hieb auf die linke Schulter, die Niederländerin stürzt zu Boden. "Ihr Blut sprang bis vor unsere Füße", so Tinnes afrikanische Bedienstete Saäda. Weder Saäda noch die anderen Gefolgsleute dürfen ihr beispringen.

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Alexandrine Tinne: Mit Klavier durch die Sahara

Bis zum Nachmittag ruft die schwer verletzte Tinne um Hilfe, dann ist sie verblutet. Der Körper der Toten wird an ein Seil gebunden und aus dem Lager geschleift, Tinne entkleidet, beraubt, im Wüstensand Libyens liegengelassen. So endete Augenzeugen zufolge das kurze Leben der Alexandrine Pieternella Françoise Tinne, steinreiche Erbin auf der Suche nach dem ganz großen Abenteuer.

Oder war alles ganz anders?

Fiel Tinne einer Fehde unter verfeindeten Tuareg-Gruppen zum Opfer, waren Habgier oder Christenhass das vorherrschende Tatmotiv? Hatte ein enttäuschter Liebhaber sie gelyncht? Oder überlebte Tinne den Angriff und geisterte fortan als wohltätige Fee durch Afrika?

"Ich habe keine Eile zu sterben - aber wenn es passiert, gut"

Weil die genauen Umstände ihres Todes nie zweifelsfrei geklärt wurden, ranken sich die wildesten Legenden um das gewaltsame Ende der heute fast vergessenen Frau, die vor nichts zurückschreckte - um als erste Europäerin die Sahara zu durchqueren. Ihren eigenen Tod nahm Tinne billigend in Kauf, wie sie einmal schrieb:

"Ich habe nie das Glück begriffen, ganz alt werden zu wollen (…...) und ich finde nichts beängstigend an dem Gedanken, fröhlich und tapfer mein Ende zu finden anstelle ein langweiliges Leben weiterzuschleppen, so wie ich so viele es habe tun sehen. (…...) Ich habe keine Eile zu sterben - aber wenn es passiert, gut. - Ein kurzes Leben, aber ein fröhliches Leben!"

Lieber tot als tatenlos, lautete die Devise der Unerschrockenen, die mit ihrer Reiselust weltweit für Kopfschütteln sorgte. In Afrika galt Tinne als "Tochter des Sultans von Konstantinopel", andere priesen sie als "Tochter der Liebe" oder "Tochter des Königs". Bizarre Gerüchte kursierten rund um die tierliebe, ledige Reisende. Etwa, dass sie mit einem verzauberten Mann in Hundegestalt herumziehe, der nur nachts zum Menschen werde.

In Europa fand man Tinne vor allem merkwürdig: Die Zeitschrift "Gartenlaube" bezeichnete sie 1869 als "schöne, seltsame Erscheinung". Tinne selbst war der Wirbel um ihre Person völlig schnurz. Sie reise nicht, "um berühmt zu werden und auch nicht, um Aufmerksamkeit zu erwecken", sondern allein für ihr "eigenes Vergnügen", wie sie einmal schrieb.

Liebeskummer befeuerte das Fernweh

Schon als Kleinkind kutschierte die 1835 in Den Haag geborene Tochter eines Kaufmanns und einer Baronin mit besten Verbindungen zum Königshof regelmäßig kreuz und quer durch Europa. Kein Wunder, dass sich das Fernweh der Eltern aufs Kind übertrug.

Kaum war Alexandrine volljährig, investierte sie ihr gesamtes Vermögen in Reisen - laut Mutter Henriette verstärkte Liebeskummer diesen Drang. So unternahm sie ihre erste Orientreise, kurz nachdem sie den deutschen Adeligen Adolf von Königsmark in die Wüste geschickt hatte. "Wir hatten so ein freies Leben", schwärmte Tinne 1856 in einem Brief aus Beirut.

Ägypten, Palästina, Syrien, der Libanon: Immer ferner die Ziele, immer größer ihre Sehnsucht, ins Herz Afrikas vorzudringen: "Instinktiv, wie eine Motte zum Licht" ziehe es sie ins Innere des Kontinents, so Tinne in einem Brief. Die passionierte Amateurfotografin versuchte, wie so viele Afrikareisende ihrer Zeit, zu den Quellen des Nils vorzudringen.

"Alle waren nackt"

Auf ihrem Weg dorthin wurde sie Augenzeugin des grauenvollen Sklavenhandels: "Noch nie in meinem Leben bin ich so verstummt und geschockt gewesen", schrieb sie 1862.

"Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst gesehen hat - es ist widerwärtig. (...) Alle waren nackt, und die Männer trugen um den Nacken schwere Ketten, so dass sie nicht allein aufstehen konnten. Aber, was uns noch am stärksten traf, war ihre Abgezehrtheit, unbeschreiblich."

Tinne ließ spontan zwei Ochsen schlachten, um den Hunger zu lindern. Zudem kaufte sie immer wieder Sklaven frei, nahm von Sklavenjägern ausgesetzte Alte und Kranke in ihre Reisegesellschaft auf, sorgte für deren Unterhalt.

Sie verabscheute den Menschenhandel - eine Kämpferin gegen die Sklaverei war sie aber nicht, wie Pädagogin Antje Köhlerschmidt in ihrer Dissertation über Tinne betont: Um sich die Unterstützung eines Gouverneurs zu sichern, schenkte Tinne ihm ein zehnjähriges Mädchen. Und zu Vermögen war ihre Familie durch Sklavenarbeit in den Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen Südamerikas gekommen.

Expedition mit Klavier und Silberbesteck

Weil die stets mitreisende Henriette nicht auf Komfort verzichten wollte, begleiteten Heerscharen von Bediensteten das Mutter-Tochter-Gespann. Mehr als 500 Träger schleppten für die große Nilfahrt Pelze und Abendkleider, Reifröcke und Porzellangeschirr, eiserne Bettgestelle, Silberbesteck und ein Klavier durch den Sand.

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Auch ihren Schönheitsschlaf wollten die Frauen nicht missen, wie Theodor von Heuglin 1863 lästerte: "Da die Damen das Frühaufstehen durchaus nicht lieben und überdies mehrere Stunden zu Toilette und Frühstück nötig haben", beklagte der mitreisende Afrikaforscher, "wird immer erst unter der glühenden Mittagssonne statt der Morgenkühle abmarschiert".

Doch selbst der größte Luxus schützte nicht vor Tropenkrankheiten: Während einer Expedition in den Sudan starben Mutter Henriette an Malaria und Tante Adriana an Typhus, zudem raffte es zwei Zofen Tinnes, den italienischen Dolmetscher und den Afrikaforscher Hermann Steudner, dahin. "Ein jeder war weg! Es war schrecklich", klagte Tinne - und reiste dennoch munter weiter, allen Sandstürmen, Fieberschüben, Überfällen zum Trotz. Statt auf ihre Verwandten zu hören und nach Europa zurückzukehren, mietete sie sich ein Haus in Kairo, das einst als Harem gedient hatte.

"Ich habe gut gelebt"

Ihre letzte große Reise trat Tinne am 30. Januar 1869 in Tripolis an, begleitet von zwei niederländischen Matrosen, einem deutschen Gymnasiasten, der auf ihren Hund aufpassen sollte, afrikanischen Bediensteten, freigekauften Sklaven und 76 Kamelen. Ihr Ziel: die Durchquerung der Sahara bis zum Tschadsee. In der libyschen Stadt Murzuk traf ihr Tross auf den Afrikaforscher Gustav Nachtigal, mit dem sie nach einem Abstecher zu den Tuareg weiterreisen wollte.

Je tiefer Tinnes Tross in die Wüste vordrang, desto größer die Spannungen unter den sie begleitenden Reitertrupps. Nach der Androhung einer Ermordung binnen dreier Tage beschloss Tinne umzukehren, wurde aber umgestimmt. Sie zog weiter und bezahlte ihren Wagemut mit dem Leben. Vom Mitleid der Nachwelt wollte sie nichts wissen, wie sie in einem Brief betont hatte:

"Wenn mir auf meinen Reisen was zustoßen sollte, was doch ganz gut möglich ist, dann wird man zweifellos sagen: Ja, das kommt davon, von all dem Reisen! Arme Alexine, was für ein Tod etc. etc. Aber du sollst es nicht tun und mich auch nicht bemitleiden. (...) Alles zusammen genommen bin ich zufrieden mit meinem Leben - ich habe gut gelebt (...), ich habe Vergnügen gehabt."


Zum Weiterlesen:
Antje Köhlerschmidt: Alexandrine Tinne (1835 - 1869) - Afrikareisende des 19. Jahrhunderts. Zur Geschichte des Reisens, Magdeburg 1994.

Wilfried Westfal: Tochter des Sultans. Die Reisen der Alexandrine Tinne, Stuttgart 2002.



insgesamt 4 Beiträge
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Jörg-Holger Krause, 29.07.2019
1. David-Neel
Ich empfehle allen Anhängern des Dalaï Lama sich die Aufzeichnungen der Dame durchzulesen, um von dem verklärten Image dieser Religion in die Wirklichkeit zurück geholt zu werden.
Max Ederer, 29.07.2019
2.
Es ist natürlich schön zu hören, dass die Dame Sklaven freigekauft hat, um sich von diesen auf ihren Reisen begleiten zu lassen. Bleibt die Frage--was genau ist jetzt der Unterschied zwischen solchen "freigekauften Sklaven" und einfach nur gekauften Sklaven?
Robin Morgan, 30.07.2019
3. @Max Ederer
Ähm, da steht nicht, dass die freigekauften Sklaven nicht freiwillig und gegen Entgelt mit ihr reisten. Im Übrigen ist das wohl immer bei einem Systemwechsel, die erste Generation hat damit nicht den Hauptgewinn mit Auszeichnung gezogen. Nützt einem ja nichts, wenn man hier freigelassen und an der nächsten Ecke wieder einkassiert wird.
Wilfried Huthmacher, 30.07.2019
4. Vielleicht wäre es einfacher...
Zitat von satissaIch empfehle allen Anhängern des Dalaï Lama sich die Aufzeichnungen der Dame durchzulesen, um von dem verklärten Image dieser Religion in die Wirklichkeit zurück geholt zu werden.
Sie würden die betreffenden Textstellen einfach wiedergeben. Süe dirfen aber eines nicht vergessen: die Frau schrieb sicher auch aus der Sicht einer Westlerin. Und:"Ob sie überhaupt nach Tibet gereist ist bzw. inwieweit Teile ihrer Reiseberichte gefälscht sind, wird vom belgischen Sprach- und Geschichtsforscher Philippe van Heurck allerdings in Frage gestellt"
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