Doppelagent Heinz Felfe Moskaus Maulwurf beim BND

Nazi, V-Mann des SS-Sicherheitsdienstes - dann Agent des KGB: Heinz Felfe spionierte in den Fünfzigerjahren den BND für die Sowjetunion aus. Dass man Warnungen vor ihm ignorierte, verdankte er auch seiner braunen Vergangenheit.

Klaus Mehner/ ullstein bild

Das Finale war filmreif inszeniert. Erst bekam Heinz Felfe, Leiter des Referats Gegenspionage Sowjetunion im Bundesnachrichtendienst (BND), eine Auszeichnung: In einer samtgepolsterten Schatulle wurde ihm die Medaille "Heiliger Georg" für zehnjährige treue Dienste überreicht. Die Plakette war, wie BND-Präsident Reinhard Gehlen erläuterte, "ein Symbol unserer Arbeit gegen den Bolschewismus".

Dann erfolgte der Zugriff: Drei Kripobeamte stürmten ins Zimmer und verhafteten den soeben geehrten BND-Mitarbeiter - wegen Spionage für den sowjetischen Geheimdienst KGB. Der überrumpelte Felfe versuchte noch schnell, einen Minox-Film hinunterzuschlucken, der geheime Informationen für Moskau enthielt, aber ein Polizist konnte die Vernichtung des Beweismittels geistesgegenwärtig verhindern.

So endete am 6. November 1961 in Gehlens Residenz auf dem BND-Gelände in Pullach bei München, die Karriere des Doppelagenten Heinz Felfe. Zehn Jahre lang hatte er als "Maulwurf" des KGB im BND und in dessen Vorläufer, der "Organisation Gehlen" (OG), überaus erfolgreich gewirkt. Da Felfe stets den Überblick hatte, welche Aktivitäten des KGB in der Bundesrepublik enttarnt worden waren, konnte er seine Auftraggeber vor drohenden Verhaftungen warnen. Durch Felfes Verrat gelang es dem BND zudem nicht, erfolgreiche Gegenspionage-Operationen zu führen.

Es war die größte Schlappe in der Geschichte des BND. Quellen mussten abgeschaltet, Operationen eingestellt werden. Gehlen war blamiert, die deutsche Gegenspionage ein Trümmerhaufen. Felfes Schuld, stellte der Bundesgerichtshof 1963 in seinem Urteil fest, "wiegt schon angesichts des außerordentlich großen Umfangs seiner langjährigen Verratstätigkeit und der hohen Bedeutung des von ihm gelieferten Materials überschwer". Auch sei Felfes "persönliche Gefährlichkeit" groß gewesen, "vor allem wegen seiner wichtigen dienstlichen Stellung, seiner hohen Intelligenz und seiner Gewissenlosigkeit". Hinterhältig habe er sich in die OG "eingeschlichen" und "skrupellos" den Beamteneid gebrochen. Das Gericht verurteilte Felfe zu 14 Jahren Zuchthaus und zog 140.000 Mark Lohn ein, den er vom KGB erhalten hatte.

Erfolgloser MI6-Spitzel

Das Einschleichen war Felfe leicht gemacht worden. Denn die OG, hervorgegangen aus der von General Gehlen im Zweiten Weltkrieg befehligten Wehrmachts-Abteilung "Fremde Heere Ost", rekrutierte gern alte Kameraden aus der SS und deren geheimem "Sicherheitsdienst" (SD) - Kameraden wie Heinz Felfe.

Der BND-Chefhistoriker Bodo Hechelhammer zeichnet in einer im September 2019 erschienenen Biografie nach, wie der überzeugte Nazi Felfe, einst Vertrauensmann des SD und Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes, zum Spitzenagenten des KGB wurde.

Nach dem Krieg verdingte sich der 1918 in Dresden geborene Felfe zunächst als Informant des britischen Geheimdienstes MI6, in dessen Auftrag er in Bonn kommunistische Funktionäre und Abgeordnete der KPD ausspähte. Seine Erkenntnisse verkaufte Felfe auch an den Vorläufer des westdeutschen Verfassungsschutzes. Als der MI6 ihn 1950 abschaltete, weil er keine brauchbaren Informationen mehr lieferte, suchte Felfe eine feste Anstellung im Staatsdienst, unter anderem beim Bundeskriminalamt. Aber seine Bewerbungen blieben erfolglos.

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Doppelagent Heinz Felfe: Moskaus Maulwurf beim BND

In seiner Notlage bat Felfe einen Bekannten aus SD-Zeiten um Hilfe: den ehemaligen SS-Hauptsturmführer Hans Clemens, der bereits als Doppelagent für KGB und OG tätig war. Am 1. September 1951 arrangierte Clemens ein Treffen Felfes mit KGB-Offizieren in Ostberlin, wo sich Felfe zur Zusammenarbeit verpflichtete.

Zugleich verhalf Clemens Felfe zum Eintritt in die OG. Dies gelang über den einstigen SS-Oberführer Wilhelm Krichbaum, vormals Chef der für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlichen Geheimen Feldpolizei. Krichbaum rekrutierte Personal für die OG, vorzugsweise unter früheren Angehörigen von NS-Organisationen. Am 15. November 1951 trat Felfe seinen Dienst in der Karlsruher Außenstelle der OG an.

Erst vier Wochen später entdeckte man in der Pullacher OG-Zentrale negative Karteieinträge über Felfe, die ihn als kommunistischen Unterstützer oder Mitarbeiter eines östlichen Dienstes verdächtig erscheinen ließen. Eloquent gelang es Felfe, die Indizien zu entkräften. Klarheit über Felfes Vergangenheit hätte eine Abfrage beim MI6 oder beim "Berlin Document Center" bringen können, wo die NS-Personalakten aufbewahrt wurden. Aber da Außenstehende nicht erfahren sollten, wo Felfe als geheimer Mitarbeiter angeheuert hatte, fragte die OG bei diesen Stellen nicht nach.

Frühe Warnungen

Im September 1952 warnte das Bundesamt für Verfassungsschutz die OG vor Felfe: Er sei "moralisch nicht einwandfrei" und gelte als "politisch unzuverlässig". Den Aktenvermerk zeichnete Gehlen als "gesehen" ab. Er wusste also frühzeitig von den Verdachtsmomenten gegen Felfe, hielt aber seine schützende Hand über ihn.

Ein Jahr später wechselte Felfe in die Pullacher Zentrale. Bald kam neues Misstrauen gegen Felfe auf: Ein Kollege bemerkte, dass geheimdienstliche Operationen ins Leere liefen, sobald Felfe davon erfuhr. Doch der konnte sich immer wieder damit herausreden, dass seine Berufsgenossen Vorurteile gegen ihn hegten.

Der KGB versorgte Felfe mit Spielmaterial, aber auch mit echten und wichtigen Informationen, durch die er in der Gunst Gehlens und des Kanzleramts weiter stieg. Zwar erregte die so auffällig effektive Gegenspionage Argwohn, aber niemand kam auf die Idee, dass der KGB auf diese Weise Felfes Karriere in der OG fördern wollte.

Im September 1956 durfte Felfe auf Einladung der CIA zusammen mit sieben Kollegen des inzwischen aus der OG hervorgegangenen BND die USA bereisen. Bei Fachgesprächen im CIA-Hauptquartier lernte der KGB-Spion aus erster Hand Organisationsaufbau und Arbeitsmethoden des US-Geheimdienstes kennen. Aus einem CIA-Schadenbericht ging später hervor, dass Felfe rund 100 CIA-Mitarbeiter an den KGB verraten hatte, unter ihnen 25 mit Klarnamen.

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18.09.2019, 10:22 Uhr
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Bodo V. Hechelhammer
Spion ohne Grenzen: Heinz Felfe - Agent in sieben Geheimdiensten

Verlag:
Piper
Seiten:
416
Preis:
EUR 24,00

Ein polnischer Doppelagent gab der CIA im März 1959 den Hinweis, dass laut einem KGB-Bericht zwei Teilnehmer der BND-Reisegruppe sowjetische Agenten gewesen seien. Da die CIA davon ausging, dass der KGB-Maulwurf noch immer in Pullach wühlte, gab sie die Information nicht an den BND weiter, um ihre Quelle nicht zu gefährden.

Erst nachdem sich der polnische Gewährsmann in den Westen abgesetzt hatte, unterrichtete die CIA den BND über dessen Aussagen. Anfang 1961 wurde Gehlen eine Liste der BND-Reisenden von 1956 vorgelegt. Der BND-Chef tippte, wie ein Augenzeuge berichtete, sofort auf Felfe. Der angebliche zweite KGB-Spion unter den USA-Besuchern wurde nie ausfindig gemacht.

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Diener vieler Herren: Berühmte Doppelagenten

Gehlen setzte eine Ermittlungsgruppe ein. Unter anderem wurde Felfes Telefon überwacht. Dabei hörten die Lauscher, wie sich Felfe und Clemens über Aufträge ihres sowjetischen Führungsoffiziers unterhielten. So erfuhren die Ermittler auch, dass Clemens einen KGB-Funkspruch per Einschreiben an Felfes Münchner Wohnadresse schicken würde. Die Postsendung wurde abgefangen - der Beweis für Felfes Verratstätigkeit, der zu seiner Festnahme führte.

Zur selben Zeit wie Felfe wurde Hans Clemens in seiner Kölner Wohnung verhaftet. Er wurde vom Bundesgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Felfe verbüßte seine Strafe in der Vollzugsanstalt Straubing. Bereits ein Jahr nach seiner Verurteilung bemühte sich der KGB, seinen Maulwurf im Rahmen eines Agentenaustauschs freizubekommen. Nach zähen Verhandlungen wurde Felfe am 14. Februar 1969 am innerdeutschen Grenzübergang Herleshausen in die DDR entlassen. Im Gegenzug kamen 21 in der DDR verurteilte Westspione und drei in der Sowjetunion inhaftierte westdeutsche Studenten frei.

Die DDR-Staatssicherheit verhalf Felfe dazu, sein einst abgebrochenes Jurastudium an der Ostberliner Humboldt-Universität pro forma fortzusetzen und als Diplom-Kriminalist abzuschließen. 1972 wurde Felfe zum Kriminalistik-Professor berufen.

Felfe genoss in der DDR ein privilegiertes Leben. Die Stasi besorgte ihm ein Haus, Autos und sogar eine Ehefrau. Im Auftrag des KGB schrieb er seine Memoiren, die unter dem Titel "Im Dienst des Gegners" 1986 in der Bundesrepublik veröffentlicht wurden. Erst zwei Jahre später erschienen sie, von der Stasi politsprachlich angepasst, auch in der DDR.

Heinz Felfe, der "Agent in sieben Geheimdiensten", hatte sich, so sein Biograf Hechelhammer, "wie ein Chamäleon den Zeitläuften" angepasst und "die Erwartungen seiner jeweiligen Umgebung" erfüllt. Er starb 2008 kurz nach seinem 90. Geburtstag.

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Uwe Selbach, 24.09.2019
1. der BND war in den Augen westlicher Geheimdienste nie vertrauenswürdig
"wenn es die Sowjets erfahren sollen, sag ich es dem BND" war die Maxime. Diese Verschwendung von Steuergeldern reicht bis in die heutige Zeit, oder hat jemand den Skandal um den 13 Jahre währenden kolossalen und 1,2 Mrd € teuren Neubau der BND Zentrale in Berlin schon vergessen? BND, KBA, Verfassungsschutz, BAFA etc. kosten viel Geld, erfüllen ihre Aufgabe nicht und keiner wird zur Rechenschaft gezogen.
imri.rapaport, 25.09.2019
2. spionage
ist ein Beruf wie viele auch. selten enden Spione am Gagen oder werden liquidiert. Das Restrisiko hängt davon ab wie gut man ist. spannend und interessant ist es allemal und wahrscheinlich spielt der Nervenkitzel auch eine Rolle. Ob man dabei gut schlafen kann ist bedingt wie kaltblütig man ist.
Karl Idstein, 25.09.2019
3. "Ernennung zum Oberregierungsrat stand an"
D. h. er war zum Zeitpunkt seiner Enttarnung Regierungsrat (A13) gewesen oder vergleichbar im Angestelltenverhältnis? Jemand mit 10 Jahren BND-Mitarbeit, Leitungstätigkeit, sicherheitskritischen Aufgaben betraut wurde also bezahlt wie ein junger Studienrat nach A13? Entweder stimmt hier etwas nicht oder der BND hatte seine Mitarbeiter katastrophal und unzureichend eingestuft und bezahlt - ÖD eben.
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