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Intensive Landwirtschaft: Jede Farm ist eine Fabrik

Foto: Charly Triballeau/ AFP

Agrargeschichte Wie die Farm zur Fabrik wurde

Die industrielle Landwirtschaft produziert Nahrung für bald acht Milliarden Menschen. Und sie könnte noch viel mehr. Fragt sich nur, ob das gut wäre.

15. August 2014, 11.17 Uhr: Serge Deleersnyder gibt Gas, und der New-Holland-Mähdrescher, den er steuert, rollt auf ein Feld im englischen Lincolnshire. Innerhalb von Sekunden ist die Luft voller Staub. Der 18 Tonnen schwere, rund 650 PS starke Drescher schneidet das Getreide, drischt die Samen aus den Ähren, schreddert das überschüssige Pflanzenmaterial und wirft es fein gehäckselt als Dünger für den Acker aus; er reinigt und sammelt die Körner und bläst auch noch die Spreu hinweg.

Drei Laster folgen dem Landmaschinen-Monstrum, damit es nonstop mähen kann. Es geht darum, einen Weltrekord zu setzen. Der alte fällt nach rund sechs Stunden, und zwei Stunden später ist ein neuer gesetzt, der bis heute Bestand hat: in nur acht Stunden hat die Maschine fast 798 Tonnen Getreide geerntet, im Schnitt 99,7 Tonnen pro Stunde.

In der Praxis ist das weniger, weil wohl kein Bauer drei Lkw-Fahrer auf Stand-by hat. Mit Bauernhof-Romantik hat all das nichts mehr zu tun. Der Mähdrescher ist nur eine von zahlreichen hochgerüsteten Landmaschinen, die dazu beitragen, dass die Landwirtschaft heute die Bezeichnung Industrie verdient. Jedes Feld, jede Farm - eine Fabrik.

Stetiges Wachstum

Und mit jährlichen Produktivitätssteigerungen von zwei Prozent setzt diese Industrie schon seit Jahrhunderten kontinuierlich Bestmarken. Schon im Zeitraum von 1200 bis 1900 hatten Bauern ihre Erträge um mehr als das Zweieinhalbfache gesteigert. Die industrielle Landwirtschaft aber hat aus diesem allmählichen Optimierungsprozess einen rasanten Steigflug gemacht.

Zum Beispiel in Deutschland: von 1960 bis 2019 stieg hierzulande der Ertrag 

  • von Roggen und Wintergetreiden von 26,1 auf 50,9 Dezitonnen (=Doppelzentner) pro Hektar,

  • von Gerste von 28,8 auf 67,8 dz/ha,

  • von Weizen von 32,7 auf 74 dz/ha.

Doch wie kam es dazu? Beim Blick auf die Geschichte von Ackerbau und Landwirtschaft lassen sich die wichtigen Entwicklungsschritte klar erkennen: 

  • Vor circa 11.000 Jahren begannen Menschen im sogenannten "fruchtbaren Halbmond"  mit dem gezielten Anbau von Feldfrüchten. Sie arbeiteten mit Werkzeugen aus Holz und Stein – und mit viel Muskelkraft. Die Entdeckung leitete die "neolithische Revolution" oder "erste Revolution der Landwirtschaft" ein: immer mehr Menschen wurden sesshaft.

  • Vor etwa 5500 Jahren legten Bauern Zugtieren Geschirre an, um Pflüge zu ziehen. Mit mehr Kraft ließen sich nun auch andere Werkzeuge nutzen: Es kam zu einer Weiter- und Neuentwicklung von Ackerbaugeräten, die immer schwerer und leistungsfähiger wurden. Die Produktivität stieg erheblich.

  • Ab dem Mittelalter wurden Ackergeräte immer öfter aus Metall gefertigt. Die Dreifeld-Wirtschaft steigerte die Ernteerträge. Zum Ende der Epoche führten intensivierter Handel und koloniale Eroberungen dazu, dass sich neue Nutzpflanzen weltweit verbreiteten.

Es ist die Geschichte einer allmählichen Produktivitätssteigerung in einer noch spärlich bevölkerten Welt. Im Jahr 1500, schätzt man, lebten rund 500 Millionen Menschen. Das aber sollte sich bald sehr schnell ändern.

Revolution in der Landwirtschaft: Klee auf den Äckern

In den 100 Jahren ab 1650 kam es von England ausgehend zu einer beispiellosen Veränderung der Lebensbedingungen, die zunächst kaum jemand bemerkte.

Schon seit dem 12. Jahrhundert hatten Bauern in Europa ihre Felder in der sogenannten Dreifeld-Wirtschaft bestellt: Auf zwei einzelnen Parzellen pflanzte man eine wechselnde Abfolge von Winter- und Sommergetreiden, während eine dritte Parzelle unbepflanzt ruhen durfte. Was dort wild wuchs, weidete das Vieh ab und düngte nebenbei den Boden wieder.

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Jetzt kamen Bauern darauf, dass sich Ernteerträge noch steigern ließen, wenn man das Brachfeld dafür nutzte, über den Winter Rüben anzubauen und im Sommer gezielt Klee auszubringen. Die Rüben zogen ihre Nährstoffe aus größeren Tiefen und nutzten so auch den "ermüdeten" Acker noch effektiv. Der Klee aber schien den Boden regelrecht zu revitalisieren! Das mit dem Klee war kein Glück: Heute weiß man, dass die Pflanze Stickstoff aus der Atmosphäre zieht und dem Boden so Dünger zuführt.

Der Effekt war gewaltig. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte stieg die Nahrungsmittelproduktion über etliche Jahrzehnte kontinuierlich in stärkerem Maße als das zeitgleich anziehende Bevölkerungswachstum. Von 1700 bis 1800 verdoppelte sich die Bevölkerung von England und Wales nahezu – nur um sich im Folgejahrhundert noch einmal zu verdreifachen. Mehr Nahrungsangebot bedeutete, dass weniger Hunger herrschte; Überproduktion aber bedeutete größere Überlebenschancen für weiter wachsende Populationen.

Eine unabwendbare Hungerkatastrophe?

Weil zugleich immer weniger Arbeiter benötigt wurden, um diese Nahrungsmasse zu produzieren, wuchs ein Heer frei verfügbarer Arbeitskräfte heran: Die "zweite Revolution des Agrarwesens", wie das manche nennen, schuf erst die Voraussetzungen für die unmittelbar folgende Industrielle Revolution - und nebenbei auch für Überbevölkerung, Verstädterung, einhergehende Kriege und Konflikte, Umweltzerstörung und Artenschwund durch Monokulturen.

Dass das immer schnellere Anwachsen der Nahrungsmittelproduktion mit dem Bevölkerungswachstum nicht ewig würde mithalten können, prognostizierten Warner schon sehr früh. 1798 veröffentlichte der britische Ökonom Thomas Malthus seine Bevölkerungstheorie, in der er den kausalen Zusammenhang zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Bevölkerungswachstum klar benannte.

Er glaubte, das könne nur auf eine Katastrophe hinauslaufen. Der Mensch, schrieb Malthus, neige dazu, Überproduktion in Bevölkerungswachstum umzusetzen, statt in eine Steigerung seiner Lebensqualität. Deshalb drohe das Anwachsen der Population aus dem Ruder zu laufen, bis die landwirtschaftliche Fläche den zur Ernährung der Massen nötigen Ertrag nicht mehr erbringen könne. Das logische Ende dieser Entwicklung könne nur eine Hungerkatastrophe sein.

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Was Malthus 1798 allerdings nicht ahnen konnte: Zwei weitere Revolutionen der Landwirtschaft sollten die drohende Erschöpfung der Ressourcen zumindest deutlich in die Zukunft verschieben.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts hatten Ingenieure überall in Europa landwirtschaftliche Maschinen und Apparate zur Verarbeitung von Nahrung optimiert. Frühe Chemiker entwickelten Düngemethoden, Botaniker auf dem Weg zum Genetiker züchteten neue, ertragreichere Pflanzensorten und optimierte Tiere.

Der erste mobile Mähdrescher bewegte sich, von 40 Pferden gezogen, schon im Jahr 1834 über ein amerikanisches Getreidefeld. Er führte zwei in den Jahrzehnten davor erfundene Maschinenkonzepte zusammen, und so ging das weiter: Die Maschinen gewannen stetig an Kraft und Funktionsumfang. 1886 war aus dem Mähdrescher eine dampfbetriebene, selbstfahrende Maschine geworden: Das Ungetüm nutzte das soeben geschnittene Heu als Treibstoff.  

Das alles folgte keinem Plan, sondern einer Art inhärentem Drang. Zahllose Tüftler trugen zu einer evolutionären Veränderung der ganzen Welt bei: Kollektiv "erfanden" sie die intensive oder industrielle Landwirtschaft.

Abhängig vom Dünger

Mit der Industriellen Revolution und der resultierenden Blüte der "praktischen Wissenschaften" schienen die Innovationen mit einem Mal aus allen erdenklichen Richtungen zu kommen.

Mitte des 19. Jahrhunderts erkannte der Chemiker Justus von Liebig, dass Pflanzen für ihr Wachstum Stickstoff brauchen. Der Gedanke, Erträge durch gezielte Zuführung von Stickstoff zu erhöhen, lag nahe: Die Düngung wurde optimiert und durch synthetische Dünger ergänzt, die mehr Ertrag brachten. Doch schon 1898 legte der britische Chemiker William Crookes dar, dass der Stickstoffbedarf binnen 20 Jahren nicht mehr zu decken sei – Hungerkatastrophen drohten!

Doch Hunger, schrieb Mark Twain, sei "die Dienerin des Genies": Wem Hunger drohe, der lasse sich etwas einfallen, den Hunger abzuwenden. So wie die Chemiker Carl Bosch und Fritz Haber, die ab 1904 das Haber-Bosch-Verfahren  entwickelten. Die Idee war, der Atemluft Wasserstoff und Stickstoff zu entziehen und daraus Ammoniak zu synthetisieren. Heute deckt das Verfahren mit einer Produktion von über 150 Millionen Tonnen rund 99 Prozent des weltweiten Ammoniakbedarfes. Die Agrarindustrie synthetisiert ihren Dünger - natürlich unter erheblichem Energieaufwand - direkt aus der Atmosphäre.

Ausblick: Wohin führt das alles?  

Intensive oder industrielle Landwirtschaft sichert heute das Überleben von fast acht Milliarden Menschen. Inzwischen wissen wir aber auch, dass Düngung nicht nur Pflanzen sprießen lässt, sondern auch das Grundwasser belastet - global gesehen geht uns das trinkbare Wasser gerade aus. Rodung und Plantagenwirtschaft bedrohen nicht nur Arten und Waldbestände, sondern verändern sogar das Klima des Planeten. Die Zahl unserer Nutztiere ist so unnatürlich hoch, dass auch sie zu diesen Problemen beitragen.

So erweist sich die vordergründig so segensreiche Intensivierung der Landwirtschaft als Erfindung mit Nebenwirkungen. Malthus' Warnungen und Schlüsse aus dem Jahr 1798 gelten im Prinzip fort. Mehr Nahrung hieß bisher stets mehr Menschen, und mehr Menschen hieß mehr Bedarf nach noch mehr Nahrung. Je effizienter und ertragreicher Landwirtschaft wurde, desto steiler stieg das Bevölkerungswachstum - im 20. Jahrhundert noch beschleunigt durch Fortschritte in der Medizin und anderweitiger Versorgung.

Schon Malthus, der nicht nur Ökonom, sondern auch anglikanischer Priester war, sah darum sexuelle Enthaltsamkeit als einzig wirksames Mittel gegen den drohenden Kollaps der Ressourcen - die Zahl der Menschen müsse eher ab- als zunehmen. Seine späteren Unterstützer setzten da eher auf Geburtenkontrolle per Aufklärung und Verhütungsmittel.

Bis es uns gelingt, ein wirklich effizientes und humanes Bevölkerungsmanagement zu entwickeln, bleibt uns die uralte Zwickmühle allerdings erhalten: Wir brauchen heute intensive Landwirtschaft, um den Nahrungsbedarf der Welt zu decken.

Helfen soll dabei die nächste Revolution der Landwirtschaft: grüne, digitale Technik. Allein über eine verbesserte Wasserwirtschaft, glauben viele Agrarwissenschaftler, ließen sich die Erträge noch einmal um 25 Prozent steigern. Kombiniere man das mit neu entwickelten, optimierten Düngern, würden 70 Prozent daraus, behauptete eine Studie aus dem Jahr 2012.

Ackerbau als Ursünde?

Ob das nun eine Lösung ist oder Teil des Problems, wird man wieder nur in Rückschau sehen. Wissenschaftler wie der Amerikaner Jared Diamond sehen den Irrtum schon in der Erfindung des Ackerbaus selbst - der stelle den eigentlichen Sündenfall des Menschen dar.

Er erklärt das so: Vor circa 11.000 Jahren machten Menschen ihrem Hunger ein Ende, indem sie Nahrung anbauten und für schlechte Zeiten lagerten. Das emanzipierte Menschen von den Jahreszeiten, von den Wanderbewegungen der Jagdtiere, von dem Wechsel von Fülle und Mangel, die das Bevölkerungswachstum begrenzt hatten.

Es machte sie aber auch sesshaft, zwang sie zum Bau von Lagerstätten, zum Schutz der Vorräte und machte sie abhängig vom Erfolg und der Verteidigung ihrer Ernten. Diamond hält uns deshalb für Getreide-Junkies und stellt infrage, wer da eigentlich wen domestiziert hat.

Mit dem Ackerbau, argumentiert er, endete "das Paradies" und der Mensch mühte sich "im Schweiße seines Angesichts" um seine Nahrung. Diamond hält den ursprünglich babylonischen, in die Bibel übernommenen Eden-Mythos für eine archaische Erinnerung an die Zeit, als das "paradiesische" Nomadentum der Jäger und Sammler von den Zwängen der Feldarbeit abgelöst wurde.

Man kann das auch als Geschichte der Ablösung der Nachhaltigkeit durch den Raubbau erzählen.

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