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13. Oktober 2016, 10:01 Uhr

Superhelden des Sozialismus

"Einer wie du und ich - nur ein bisschen besser"

Ein Interview von

Stets am 13. Oktober huldigte die DDR ihren Plan-Übererfüllern und Vorzeigesozialisten. Historikerin Silke Satjukow über Kosmonauten mit Sex-Appeal - und Helden, die keine sein wollten.

Sie schufteten wie verrückt oder gehörten dem Widerstand an, sie brachen Sportrekorde oder eroberten das All. Nach ihnen wurden Straßen, Betriebe und Schulen benannt, sogar Mondkrater und ganze Gebirge. Die sozialistischen Diktaturen suchten und fanden Lichtgestalten - Heldenfiguren wie den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann, den Kosmonauten Juri Gagarin, den Radrennfahrer "Täve" Schur oder den Bergmann Adolf Hennecke, der bei einer Schicht am 13. Oktober 1948 die Arbeitsnorm mit 387 Prozent erfüllte. Seitdem feierte die DDR bis zu ihrem Ende den 13. Oktober als "Tag der Aktivisten".

Auszeichnungen wie "Held der Arbeit", "Held der Sowjetunion" oder "Aktivist der sozialistischen Arbeit" sollten die Bevölkerung zu Höchstleistungen antreiben. Manche Vorzeigesozialisten wurden jedoch angefeindet oder begehrten auf, wie die Historikerin Silke Satjukow weiß.

einestages: Was braucht es für den sozialistischen Musterhelden?

Satjukow: Zentral ist seine Herkunft. Der Idealheld ist arm und bescheiden. Er stammt aus dem Arbeiter- oder Bauernmilieu, verfügt über besondere Gaben, wird früh vom Staat gefördert. Und tut dann im richtigen Moment genau das Richtige, und zwar für die richtige Sache. Generell gilt: Er soll ein Jedermann-Held sein, einer wie du und ich - nur ein bisschen besser.

einestages: Warum gab es in sozialistischen Diktaturen überhaupt so viele Heldenfiguren?

Satjukow: Die Propagandisten der Sowjetunion standen in den Zwanzigerjahren zunächst vor dem Problem: Wie kriegen wir die Menschen dazu, dass sie ein schönes, neues Land aufbauen? Geld als Anreiz reichte nicht, also rief man zur Steigerung der Arbeitsproduktivität die "Stachanow"-Bewegung ins Leben, benannt nach dem Bergmann Alexej Stachanow aus dem Donezbecken, der im Jahr 1935 seine Arbeitsnorm zu 1457 Prozent erfüllte. Mit der Zeit erkannte man: Nur für Medaillen fahren die Arbeiter noch lange keine Sonderschichten. Im nächsten Schritt wurde daher aus der Gruppe der Aktivisten der sozialistische Held geboren. Einer, der fast Unerreichbares schafft und dem man nacheifern möchte - ein menschliches Grundbedürfnis.

einestages: Wer bestimmte die Helden im Sozialismus?

Satjukow: Die Machthaber suchten einen passenden Helden aus, dem sie ihre Botschaften ins Ohr flüstern konnten. Man baute den Helden auf, seine Glanztat wurde inszeniert, seine Reden geschrieben. Doch das Volk entschied mit - man konnte auch im Sozialismus die Menschen nicht zwingen, Beifall zu klatschen oder intime Liebesbriefe zu verfassen. Funktionäre taten also stets gut dran, einen Helden mit Charisma auszusuchen.

einestages: Davon hatte Bergmann Adolf Hennecke mit seinen eingefallenen Wangen und dem schütteren Haar nicht allzu viel. Wurden ihm deshalb, nachdem er die Arbeitsnorm übererfüllt hatte (siehe Fotostrecke), die Scheiben eingeworfen?

Satjukow: Hennecke bekam Gedichte und körbeweise Briefe geschickt, wurde für seine Höchstleistung jedoch auch gehasst. Weil er die Verachtung der Kumpel fürchtete, wollte Hennecke zunächst auch gar kein Held werden und weigerte sich, ebenso wie Bergmann Franz Franik, der ja ursprünglich als "deutscher Stachanow" instrumentalisiert werden sollte. Doch am Ende musste Hennecke mitmachen, als Genossen hatten ihn die Funktionäre fest an der Angel. Weil er in seiner sächsischen Heimat durchaus Feinde hatte, floh Hennecke 1950 nach Berlin und wurde Politiker.

einestages: Welche Helden hatten wann Konjunktur?

Satjukow: Jede Epoche hatte ihre eigenen Bedürfnisse. Nach 1945 waren antifaschistische Widerstandshelden wie Ernst Thälmann gefragt, zudem Arbeitshelden à la Adolf Hennecke, um das darniederliegende Land aufzubauen. In den Fünfzigern brauchte es "Wir sind wieder wer"-Typen: Helden wie den Radrennfahrer Gustav-Adolf "Täve" Schur. Und die Sechzigerjahre waren die große Zeit der Kosmoshelden: Juri Gagarin, 1961 der erste Mensch im All, und Walentina Tereschkowa, die ihm 1963 als erste Frau nachfolgte - sie wurden verehrt wie Superstars. Auch weil sie äußerlich attraktiv waren, moderne Kleidung trugen, sexy waren.

einestages: Popularität schützte sozialistische Supermänner und -frauen nicht davor, mit ihrer Rolle zu hadern.

Satjukow: Das war das Problem an lebendigen Helden: Anders als bereits verstorbene Vorbilder konnten sie renitent werden, sich ihrer Rolle widersetzen. Juri Gagarin etwa wehrte sich gegen diese Verklärung. Er wollte keine fertigen Reden ablesen müssen und zu Veranstaltungen eingeladen werden, die zu Saufgelagen mutierten. Auch Hennecke, "Täve" und Tereschkowa hatten irgendwann ein Problem damit, immer wie gewünscht zu funktionieren. Sie wollten sich von der Partei nicht wie Marionetten behandeln lassen.

einestages: Wer schaffte es nach den Kosmonauten noch ins sozialistische Heldenpantheon?

Satjukow: Ab den Siebzigerjahren dünnte die Reihe der Helden aus, wenn man von Sigmund Jähn absieht, der 1978 als erster Deutscher ins All flog. Die Menschen - vor allem die jungen Generationen - glaubten immer weniger an die Zukunft des Sozialismus, deshalb konnte man ihnen nicht mehr mit neuen Heldenfiguren kommen.

einestages: Aufbauheldin Frida Hockauf, Weberin aus Zittau, prägte den schwer protestantischen Satz: "So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben." War der Heldenkult eine Art Ersatzreligion?

Satjukow: Helden und Heilige sind ganz nah beieinander. Beide haben die Aufgabe, Normen und Moralvorstellungen zu transportieren.

einestages: Der russische Präsident Wladimir Putin ließ 2013 die "Held der Sowjetunion"-Tradition aufleben. Hatte Bertolt Brecht recht, wenn er seinen Galileo sagen ließ: "Unglücklich das Land, das Helden braucht"?

Satjukow: Grundsätzlich nicht. Alle Gesellschaften brauchen Helden, um sich ihrer selbst zu versichern. Was Putin angeht, greift er seit Längerem auf Elemente aus der Ära der Sowjetunion zurück. Er weiß, dass Nostalgie bei krisengeschüttelten Menschen ankommt. Das Problem: Putin kann nicht mit tollen Helden aufwarten - weil er keine Vision einer neuen, gerechteren Gesellschaft verfolgt. Er hantiert mit blutleeren, verstaubten Ideen von gestern.

einestages: Auch die BRD hatte ihre Lichtgestalten, etwa die "Helden von Bern", Fußball-Weltmeister 1954. Wo liegt der Unterschied zum Osten?

Satjukow: In der Diktatur bestimmen zunächst die Machthaber den Helden, in Demokratien ist es sehr viel komplizierter, sich auf einzelne Personen zu einigen. Hier haben nicht zuletzt die Medien einen entscheidenden Einfluss darauf, wer zum Helden taugt und wer nicht. Allerdings müssen sie dem Volk dabei ganz genau aufs Maul schauen. Das Volk entscheidet über Leben und Tod von Heldenmythen.

einestages: Was passierte mit den Helden nach der Wende - gingen sie mit dem System unter, für das sie einst standen?

Satjukow: Wenn man den Menschen in der ehemaligen DDR heute zuhört, schwärmen sie noch immer von Gagarin und Tereschkowa, "Täve" Schur tingelte mit seinen 85 Jahren erst kürzlich durchs Land. Die sozialistische Gesellschaft ist tot - ihre Helden und deren Ideen jedoch haben überlebt.

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