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Der Vorzeigeplatz: "Eine eine bekannte, aber keine gute Adresse"

Foto: Harald Hauswald

Alexanderplatz in Berlin Das Narbengesicht

Fernsehturm und Weltzeituhr: Auf dem Berliner Alex spielte einst der Osten Westen - jetzt ist er das östlichste und ehrlichste Gesicht der Hauptstadt. Der Fotograf Harald Hauswald hat den Wandel der Berliner Mitte liebevoll dokumentiert.

Immer wenn Hans Kollhoff den Platz besuchte, legte er den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Der bekannteste Architekt Berlins wies in den weiten Himmel. Dorthin, wo er an der Nordseite des löchrigen Alexanderplatzes zehn Bürotürme geplant hatte - bis zu 150 Meter hoch. "Diese Weite", schwärmte der Professor im Architektendeutsch, "würde drastisch verdichtet. Und die Hochhäuser", träumte er, "hätten New Yorker Dimensionen". Dann senkte er wieder den Kopf. Auf dem Boden der Tatsachen: Punks, Penner und Panflötenspieler, die sich drapieren wie ewig wartende Komparsen in einem Dokumentarfilm über den Niedergang des Ostens.

Denn die Gegenwart des Alexanderplatzes hat noch immer nichts von New Yorker Dimensionen, sondern von Osteuropa: Im Nieselregen ergeben die bröckelnden sozialistischen Prestigebauten ein erdrückendes Szenario wie in Minsk oder Kiew. Kollhoffs Manhattan an der Spree bleibt ein Luftschloss. Der Alexanderplatz ist das Schmuddelkind unter Berlins Vorzeigeadressen. Weltberühmt der Name, geschichtsträchtig, ein Mythos in der Vorstellung aller Nicht-Berliner, ausgestattet mit zwei Publikumsmagneten, dem Fernsehturm und der Weltzeituhr nebst kolossalen Shoppingtempeln.

Aber auch immer wieder eine ewige Baugrube, vom Winde verweht, hässlich und missverstanden, Schauplatz für dröhnende Oktoberfest-Imitate und Hütchenspieler.

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Selbst den 200. Geburtstag des Platzes im November 2005 verschwieg die Hauptstadt beschämt: weder der Senat, noch der Bezirk Mitte, kein Tourismusverein oder die Geschäftsbesitzer würdigten den weltberühmten Alex - angeblich fehlte das Geld. "Der Alex ist eine bekannte, aber keine gute Adresse", sagt René Wagener, einer von drei kommunalen Platzmanagern, die das Leben am Alex im Auge haben. Und die Jubiläumsfeste fielen aus, beschied Wagener ein Hotelbesitzer am Platze, "weil man nicht so blöd sein wollte, Aufmerksamkeit auf eine Baustelle zu lenken".

Eine Asphaltwüste namens Alex

Eine zugige Baustelle war er schon immer. "RUMM RUMM haut die Dampframme auf dem Alexanderplatz", heißt es in Alfred Döblins weltberühmten Roman. Und: "Wind gibt es massenhaft am Alex", dort "zieht es lausig." Die Asphaltwüste namens Alex, von der keiner genau weiß, wo sie beginnt und wo sie endet, ist die Stein gewordene Diskrepanz zwischen Berliner Größenwahn und der Tristesse der Gegenwart. Der Alex ist der lebendigste Beweis für das notorische Zitat des Kunsthistorikers Karl Scheffler, dass Berlin dazu verdammt sei, "immerfort zu werden und niemals zu sein".

Aber das unbestimmte Sein bestimmt das Bewusstsein am Platze: Ostdeutsches Beharrungsvermögen trifft hier auf kühne Großstadtvisionen, Trinker treffen Treber, Polizisten kontrollieren Punks, Macher leiden unter den beschränkten Möglichkeiten und Touristen wenden sich mit Grausen oder flüchten auf den Fernsehturm: Von dort lässt sich der Alex am besten übersehen.

Die Symphonie des Großstadtplatzes klingt immer nur nach Verkehrs- und Baulärm. Das ewige Baustellenleben verärgert die Gewerbetreibenden. Der Alex ist eine löchrige Transitstrecke, ein Bahnhof und Hindernisparcours, den an Wochentagen über 300.000 Menschen absolvieren - möglichst schnell. Das Laufpublikum beschert zwar satte Umsätze für Saturn, Alexa, Kaufhof oder Burger King - aber es bringt kein Leben auf den Alex. Menschen steigen hier um, auf dem Weg zur Arbeit oder zur Arbeitsagentur. Aber sie verweilen nicht. Wer hier stehen bleibt, hat keinen anderen Platz im Leben.

Pläne aus einer längst vergessenen Zeit

Als die ehemalige Deutschlehrerin von Platzmanager Wegener hörte, wo er nun arbeitet, war sie begeistert: "Alexanderplatz! Döblin! Weltstadt! Flair". Dann kam sie zu Besuch und sagte: "Soso. Aha." Aus dem Neid wurde Mitleid, als hätte man ihren Schüler Wegener irgendwo in Nordkorea ausgesetzt. "Diesen Kulturschock haben viele am Alex", sagt Wegener. Der klingende Name, die Verheißung - und dann das Elend der Realität. Es kommt vor, dass Touristen mitten auf dem Platz stehen, hektisch im Stadtplan blättern und hilfesuchend fragen: "Wo ist der Alexanderplatz?"

Die hochtrabenden Pläne für den Alex stammen aus einer längst vergangenen Zeit, kurz nach dem Fall der Mauer, als die Berliner Politiker und Immobilienentwickler im Weltstadtwahn ganz schnell, ganz hoch hinaus wollten. Als sie unermüdlich propagierten, die Hauptstadt würde zur Drehscheibe zwischen Ost und West, die alle namhaften Firmen dieser Welt und Hunderttausende neuer Bewohner anzieht.

Es kam alles ganz anders. Am Potsdamer Platz wurden ein paar Hochhäuser gebaut, doch ab 1993 kollabierte der boomende Immobilienmarkt. Heute schrumpft die Bevölkerung Berlins. An die zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen bereits leer. Die Hochhäuser am Alex würden noch mal 1,3 Millionen Quadratmeter Geschossfläche auf den Markt schwemmen - mehr als am Potsdamer Platz. Architekt Kollhof meinte zwar tapfer: "Der Platz hat das Zeug für ein gigantisches Shopping-Konglomerat."

Ein DDR-Dorf unter einem Dach

Aber Berlin ist eine deindustrialisierte Stadt ohne Wirtschaft, ein bankrottierendes Armenhaus. Und der Alex ist ihr ehrlichstes Gesicht. So ist die Einschätzung von Gottfried Kupsch, einem alteingesessenen Makler, schon realistischer. "Ab dem Jahr 2020", sagt er, "hat der Platz vielleicht eine Chance."

Bis dahin muss das vernarbte Gesicht des Alex mit ein wenig Kosmetik auskommen: Ein neuer Belag aus hellgelbem Granitplatten, einheitliche Beleuchtung. Und die Straße an der Nordseite wird von einer Breite von 108 Metern auf 56 zurückgebaut. Das war's.

Für Menschen wie Brigitte Habraneck ist selbst das schon eine Zumutung. Sie gehört zu den Generationen von Ost-Berlinern, die sich seit frühester Kindheit am Alexanderplatz trafen und dort in den fünfziger Jahren an einem Automaten für 35 Pfennig ein Keta-Kaviarbrötchen mit einem Zwiebelring zogen.

Nun lebt die Rentnerin seit 35 Jahren in ihrer Drei-Zimmer Wohnung in den "Rathauspassagen" - ein lang gestreckter Edel-Plattenbau der DDR zwischen Rotem Rathaus und S-Bahnhof mit Blick auf den Alexanderplatz.

Mit ihr zusammen wohnen 1200 Menschen im Gebäude, ein DDR-Dorf unter einem Dach. Fast zwei Drittel der Mieter sind noch "Erstbewohner", eingezogen ab dem Jahr 1969, als es in der DDR noch aufwärts ging. Man kennt sich, man hilft sich, man duzt sich. Eine Frau, die sich gerade am Briefkasten das "Neue Deutschland" herausgeholt hat, bekennt: "Das ist ein Haus, das man schützen muss, in dem es anständig zugehen soll." Auch Frau Habraneck spricht gern und viel über die guten alten Tage, als die Wohnungen in privilegierter Lage im Ost-Berliner Zentrum "einfach so nach Kontingenten vergeben" worden wären. Sie und ihre Mitbewohner hätten damals überraschend "die Einweisung bekommen".

Lesen Sie in Teil 2: Warum der Fernsehturm Kraft gibt - und was die Damen von der Volkssolidarität im Fashion Store wollen

Der Turm, der Kraft gibt

Vier Jahrzehnte später wohnt sie immer noch gerne hier und will mit niemanden in der Stadt tauschen: "Der Potsdamer Platz steht für Engstirnigkeit, Kälte und Geld", sagt Habraneck. "Der Alexanderplatz steht für das Leben. Hier kann ich in die Weite schauen, meine Augen werden nicht begrenzt durch kühle Gebäude und enge Straßenschluchten."

Eine Nachbarin pflichtet ihr bei: "Und dann ist hier der Turm! Der Turm hat etwas ewig weibliches, er verleiht uns etwas Kraft. Man kann sich an ihm aufrichten."

Wachsam und wehrhaft beobachten sie auch die kleinsten Veränderungen auf dem Alex, ihrem Stolz aus vergangener Zeit.

"Modernisierungort der DDR", nannte der einstige Senatsbaudirektor Hans Stimmann den Platz. In der Tat konzentrierten sich die sozialistischen Stadtplaner unter Führung von Herrmann Henselmann auf den von den Bomben der Alliierten in Schutt und Asche gelegten Platz. Die neu angelegten überbreiten Strassen wurden zum Aufmarsch-Areal für die 1. Mai-Paraden und verbanden ihn mit dem Arbeiterboulevard der Stalin-Allee.

Der Platz selbst war "mit seiner ausdrucksstarken Silhouette", so ein VEB Tourist-Reiseführer "der städtebauliche Mittelpunkt der Hauptstadt der DDR". Dank des emblematischen Fernsehturms - Ulbrichts Protzkeule - und der Weltzeituhr wurde er zum Treffpunkt der ostdeutschen Nation, den jeder Provinzler der Republik sehen wollte. Hier konnte man im Centrum, dem ersten modernen Warenhaus des Arbeiter und Bauern-Staates, einkaufen oder konnte sich im nahegelegenen Palast der Republik die Extravaganz eines Milk Shakes leisten. Und wer hier wohnte, der war was. Auf dem Alex spielte der Osten Westen. Jetzt ist es der ostigste Platz der Hauptstadt.

Plattenbau, Typ P2 mit Sonderbreite

Wann immer ein Fernsehteam zur Gaudi des Zuschauers das Klischee vom geschmacklos gekleideten und meckernden Ost-Berliner vorführen will, sucht und findet es auf dem Alex schnell massenhaft Prototypen, die sich willig vor der Kamera um Kopf und Kragen reden.

Den Bau der Alexanderplatz-Edel-Platte, "Typ P 2 mit Sonderbreite", hatte das Ost-Berliner Wohnungsbaukombinat nur seinen besten Brigaden anvertraut, unter Leitung der "Taktstrasse Kurt Bromberg".

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Der Vorzeigeplatz: "Eine eine bekannte, aber keine gute Adresse"

Foto: Harald Hauswald

Bromberg, Kurt, Held der Arbeit, kam bis vor kurzem ab und an nach seinem "Objekt" sehen. Nirgendwo sonst in der Berliner Innenstadt gibt es soviel DDR auf so wenigen Quadratmetern. In den Wohnungen mit Blick auf den Platz lebten verdiente Journalisten, wie der stellvertrende Chefredakteur des Zentralorgans der DDR-CDU "Neue Zeit", Professoren der Humboldt-Universität, einige Schriftsteller, ADN-Reporter und Mitarbeiter der Komischen Oper. Dazu einige Krankenschwestern und Kraftfahrer. Überlebt haben auch die Bowlingbahn und die Volkssolidarität. Ein Clubraum mit dem Charme des ausrangierten Mobiliars des Sozialismus dient im sechsten Stock als öffentlicher Treff der Mietergemeinschaft. Hier erschienen Markus Wolf, Ex-Geheimdienstchef, Thomas Flierl, Ex-Kultursenator und Agitatoren der Linkspartei zu Gastvorträgen.

Volkssolidarität im Fashion Store

Marco Manozzi, als Italiener einer der wenigen zugezogenen Westler hat das Clubleben mit seinen beruflichen Kenntnissen ebenfalls bereichert. Gewöhnlich arbeitet er daran, Stars und Sternchen im Film- und Showgeschäft gut aussehen zu lassen. Im Club am Alexanderplatz ließ sich die letzte DDR-Elite von Marco zeigen, wie man besser aussieht, steht, geht und selbstbewusster guckt. "Iss vielleicht jut bei Bewerbungen", hofft eine Teilnehmerin. Die verschworene Hausgemeinschaftsgruppe will eben nicht nur den Platz, sondern auch sich "auf Vordermann bringen".

Früher gab es Beziehungen der Mieter zu den Geschäften, kleine Vorteile, ja sogar Rabatte. Warum nicht auch in Zeiten der globalisierten Kettenläden, die in Parterre eingezogen sind? Die Gemeinschaft hat ein kleines Informationsnetz aufgebaut, kein Sonderangebot entgeht ihr. Die Frauen der Volkssolidarität sprachen kürzlich in einem "Fashion store" vor und fragten mal nach, ob sie nicht auch Mode für über 50-Jährige stärker ins Programm nehmen könnten.

Am Tisch mit den drei rautenförmigen Platzdeckchen, genau mittig drappiert, erklärt Frau Habraneck die Idee der DDR für den Alexanderplatz: "Ein Platz, auf dem die Menschen sich begegnen und aufhalten können." Was sich dort jetzt noch begegnet und aufhält findet unter den Augen der Alexianer in der Rathauspassage keine Gnade. Das Bewohner-Kollektiv befindet sich im Abwehrkampf gegen die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus, Merkantilismus und Jugendwahn.

Sieg der Alteingeseessenen über die "Platzmanager"

Dabei gibt es Fronten, an denen die Hausgemeinschaft den Kampf bereits verloren hat: überdimensionierte Parkhäuser, die ihnen die Sicht gen Osten versperren, stehen größtenteils sinnlos leer, wurden aber gebaut. Der Investor "Wal-Mart" hatte sie verlangt, sprang dann aber kurzfristig doch ab. Auch das Vorrücken des alten "Centrum"-Warenhauses als "Kaufhof" konnte niemand aufhalten. "Sehr ärgerlich" findet eine Bewohnerin der Rathauspassage, dass "der Brunnen der Völkerfreundschaft" dadurch arg bedrängt wird "und der Platzcharakter fast verschwunden ist".

Der Kampf an anderen Fronten war erfolgreicher.

So berichten die Veteranen der Mietergemeinschaft vom Feindobjekt Basketballkörbe, die die Platzmanager für Jugendliche am Fuße des Fernsehturmes installierten. "Die Folge war doch nur, dass man da nicht mehr vom Alex zu uns in die Wohnungen laufen konnte, ohne einen Ball abzubekommen." In diesem Fall siegten die Alteingesessenen der Edel-Platte über die Neuerer vom "Platzmanagement" des Bezirksamtes Mitte. Trotzig postierten sie sich am Tatort und führten Strichlisten: "Wir konnten nachweisen, dass 94 Passanten pro Stunde durch die Ball dribbelnden Jugendlichen gestört wurden." Die Körbe sind nun weg, dem benachbarten Beach-Volleyball-Feld wünschen die Kämpfer von der Ostfront das gleiche Schicksal.

Aber die Jugend der Welt trifft sich beharrlich weiter am Alex, bevorzugt abends oder am Wochenende - auch ohne Ball. Täglich grüßen die Punks aus Prenzlauer Berg oder Pankow und nutzen den Brunnen der Völkerfreundschaft als Kontakttresen. Das Transitpublikum garantiert erhöhte Schnorrumsätze, die graue Kulisse das artgerechte Wohlfühl-Ambiente für Anspruchslose.

Wohnzimmer Alexanderplatz

"Das ist unser Wohnzimmer", sagt der 23-jährige Punk mit dem Künsternamen Jeronimo. Er hat an anderen lukrativen Umsteigeplätzen wie Bahnhof Zoo, Friedrichstraße oder Ostkreuz gearbeitet. Aber dort sind die Einnahmen geringer oder man wird ohnehin sofort verjagt. Am Alex genießen die Punks Bestandsschutz. "Wer sich an die Regeln hält, soll seinen Ort haben auf dem Alex", sagt Platzmanager Rupert Prossinagg.

Das gilt auch für die Knuddels. Die besetzen bevorzugt Freitagabends den Alex und lassen die Wodka- und Bierflaschen kreisen. Für ein paar Stunden kommt es zur friedlich schnatternden Rudelbildung mit bis zu 150 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren hauptsächlich aus Ostberlin. Man kennt sich aus einem Internetchat und trifft sich hier unregelmäßig im realen Leben zum "Baggern, Saufen und Quatschen", wie es der 15-jährige Mark Konzer aus Hellersdorf nennt. Der Alex ist ihnen egal. Er liegt halt verkehrsgünstig, für jeden leicht zu erreichen. Das Bier ist auch billig.

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Zurück bleibt in der Regel ein Scherbenhaufen, wenn die Knuddels gegen Mitternacht in die Clubs oder nach Hause weiterziehen. "Aber die sind im Grunde ganz harmlos", diagnostziert Platzmanager Prossinagg. Er hat mal für einen Abend einen Stand aufgebaut, an dem die Knuddels ihre Bierflaschen gegen Multivitamincocktails tauschen konnten. Aber die Mission wurde umgehend wegen überschaubaren Erfolgs beendet. Jetzt beschränkt man sich aufs Machbare und hat bei der Stadtreinigung einen großen Glascontainer extra beantragt.

Wilkommene Kulisse für inszenierte Ost-Tristesse

Es ist diese Mischung aus Ost-Kult, Größenwahn, Verfall, häßlicher Kühle und den peinlichen Platz-Protagonisten, die den Alex wiederum zum weltweiten Star macht - auf anderer Ebene.

Egal ob in Hollywood-Erfolgen wie "Flightplan" mit Jodie Foster, der "Bourne-Verschwörung" mit Matt Damon oder einem der ungezählten Sozialdramen des deutschen Films: Der Alex ist immer dann besonders willkommene Kulisse, wenn es darum geht, einen schummrigen, ungewissen, unheimlichen und tristen Eindruck abzubilden: Ein trauriger Filmheld mit konstant guten Besetzungschancen in der Rolle des Verlierers.

Mitfühlende Verbündete und Fans hat der misshandelte Platz jedoch in den Bewohnern der Rathauspassagen. Im Jahre 2009 will man den 40. Jahrestag des Wohnhauses am Alex feiern. Dafür wird schon jetzt eifrig die Haus- und Lebensgeschichte der Bewohner dokumentiert: Ein Fotowettbewerb aus Privatalben unter dem Motto "Und wie der Alex lebt".

Leider hat es mit einem Raum für die Bewohner, Projekttitel: "Mal dies mal das", bisher noch nicht geklappt. Ein Ladenlokal zum Nulltarif fand die Wohnungsbaugesellschaft nicht zeitgemäß. Nun findet "mal dies, mal das" im Clubraum statt. Von dort haben sie einen feinen Blick auf die verrottenden Architekturdenkmäler ihres untergegangenen Staates und geben sich kämpferisch.

Habraneck: "Den Palast der Republik reißen sie ab. Aber wir werden für immer am Alex bleiben."

Der Text ist eine überarbeitete Fassung eines Beitrags aus Harald Hauswalds Buch "Alexanderplatz".

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