Alltagsgeschichte Prädikat: vielleicht museumsreif

Was macht einen Mixer museal? Und welches Handy hat das Zeug zum Exponat? Unter dem Deutschen Museum in München lagern Zehntausende Alltagsgegenstände, die auf Adelung zum Ausstellungsstück warten. Jürgen Scriba besuchte die Katakomben - und entdeckte Altbekanntes und längst Vergessenes.

Jürgen Scriba

Was machst du denn hier? Steckte das Nokia 2110 nicht gerade noch in meiner Hosentasche? Jetzt liegt der treue Begleiter in der Gruft, ein Anhängeetikett ist um sein Gehäuse geknotet: Inv.-Nr. 2001-797, dazu dürre Lebensdaten, Maße und Gewicht. Seine Kumpel von Siemens sind auch da und sein Konkurrent von Motorola, Inventarnummer 2001-1042.

Die Anhänger erinnern an TV-Serien aus der Anatomie, das kalte Leuchtstofflicht wirkt anheimelnd wie in einem Kühlhaus. Immerhin: Diesen Handys blieb die Entsorgung als Elektroschrott erspart - die Inventarnummer adelt sie: Sie sind im Begriff, vom simplen Gebrauchsgegenstand zum Zeitzeugen zu reifen.

Dem normalen Besucher scheint in Museen die Zeit still zu stehen. Penibel in Schaukästen angeordnet, mit museumspädagogischen Texttafeln versehen, vermitteln die Exponate die Illusion einer wohlgeordneten Vergangenheit. Nur hinter den üblicherweise streng verschlossenen Türen der Depots lässt sich erfahren, wie die Zeit vergeht.

Langsamer Gerinnungsprozess zum Museumsstück

Während Schulklassen durch die Ausstellungsräume des Deutschen Museums in München an Dampfmaschinen vorbeitoben, ungeduldig auf Schalter von Schaukästen hämmern oder sich in der Hochspannungshalle von künstlichem Blitz und Donner das Gruseln lehren lassen, gerinnt ein Stockwerk tiefer die Gegenwart lautlos zur Geschichte. Es ist ein langsamer Umwandlungsprozess, der Objekte zu Museumsstücken werden lässt.

Fast ein Jahr dauerten die Verhandlungen, bis ich die verborgenen Gewölbe mit der Kamera erkunden durfte. Denn aus Sicht der Museumsleute ist das, was hier zu sehen ist, für Laienaugen nicht geeignet. Könnten Nichtfachleute die Abwesenheit offensichtlicher Ordnung doch mit Chaos verwechseln. Doch gerade der Zufall, der aus dem Neben- und Übereinander von Objekten Installation werden lässt, macht die Magie dieses Ortes aus. Hier hat Geschichte keine Hierarchie. Das Handy liegt nur einige Regalmeter entfernt von den rätselhaften Apparaturen der Entdecker der Radiowellen. Ein Kochtopf für Obstmarmeladen einen Raum neben wissenschaftlichen Apparaturen aus dem Besitz Alexander von Humboldts.

Gingen die Archivare ihren Kampf gegen das Vergessen nicht mit bürokratischem Gleichmut an, müssten diese Katakomben ein Ort der Verzweiflung sein angesichts der prinzipiellen Unmöglichkeit ihrer Mission. Nach welchen Kriterien ließe sich denn heute erkennen, was aus der Rückschau zukünftiger Generationen als Meilenstein der Entwicklung unserer Zivilisation zu gelten hat? Müsste man sich nicht jede Nacht schlaflos im Bett wälzen angesichts der Frage, ob man nicht gestern die Gelegenheit verpasst hat, ein bedeutendes Artefakt zu sichern, den ein ignoranter Markt morgen aus den Ladenregalen verbannt haben wird?

Das Auto? Nur eine Modeerscheinung

Jeden Dienstag tritt der Objektausschuss zusammen, ein Gremium aus Kuratoren und Verwaltern. Der Ausschuss prüft die Kandidaten: Restexemplare aus Firmenbeständen, Raritäten, gespendet von Museumsfreunden, oft Fundstücke, die Kuratoren über gut gepflegte Beziehungen aufgestöbert haben, nur selten Neuanschaffungen - wegen des knappen Etats. Findet ein Objekt Gnade vor den Experten, beginnt seine Reise ins Zeitbergwerk. Es wird im Aufnahmeraum vermessen, gewogen, registriert, dokumentiert und inventarisiert und findet schließlich einen vorübergehenden Ruheplatz im Exponatarchiv.

Wie lang diese Existenz währt, entzieht sich der Vorhersage. Um die tausend Objekte füllen jedes Jahr die Zeitspeicher auf. Doch die großen Ausstellungen werden im Schnitt nur alle 20 Jahre überarbeitet. So ruht der Tag für Tag bestaunte Bestand von etwa 15.000 Schaustücken auf einem Fundament von etwa 70.000 unsichtbaren Exponaten.

Was fehlt, wird sich später nur mühsam rekonstruieren lassen. Was bleibt, mag sich allzu oft als glückliche Verkettung von Zufüllen entpuppen. So soll das Museum im Jahre 1906 ein Geschenk von Carl Benz erst nach langem Zögern angenommen haben - angeblich galt den Kuratoren damals sein motorisiertes Dreirad ebenso wie die in der Folge entwickelten Automobile als vorübergehende Modeerscheinung.

Wann kommt das iPad?

Zeit und Raum durchkreuzen einander im Museumskeller. Ein noch fast taufrisches Kamerahandy lagert nur wenige Regalmeter entfernt vom ersten wasserdichten Relais der "Gesellschaft für drahtlose Telegraphie, Berlin" von 1912, einem meeresfesten Schaltgerät für transatlantische Verbindungen. Und was wussten die Programmierer des Videospiel-Moduls "Frog Bog“ aus den siebziger Jahren vom "Präzisions Fernhörer" anno 1885, der nur zwei Regalböden höher ruht? Vom klobigen, auf 1968 datierten, holzfurnierten "Alibiphon 2000" stapeln sich gleich mehrere Exemplare im Regal der Nachrichtentechnik. Erinnert sich noch jemand an diese Frühform des Anrufbeantworters? Eigentlich verwunderlich, dass der Name nicht längst als trendige Internetfirma wieder erfunden wurde.

Wie Konzertflügel glänzen die polierten Lackflächen der Fernsehgeräte aus den fünziger Jahren mit ihren goldenen Drehknöpfen, sie schreien nach wärmenden Häkeldeckchen im kalten Blechregal. Nur einige Reihen weiter bejubeln die spritzgegossenen Plastikgehäuse tragbarer Fernseher mit dem eingestanzten Schriftzug "all Transistor" das Ende der Röhrenzeit. Sonys Taschenfernseher "Watchman" kam im Originalkarton in die Ablage, und wann das erste iPad hier im Depot der Vergänglichkeiten auftaucht, ist auch nur noch eine Frage der Zeit.

Auf rund 30.000 Quadratmeter ist die Lagerfläche inzwischen angewachsen. Neben den verschachtelten Kellern unter dem Museumsbau füllen sich sieben um die Stadt verteilte Außendepots mit Exponaten. Ein permanentes Provisorium, denn der geniale Museumsgründer Oskar von Miller hat seinerzeit das Lagerwesen schlicht ignoriert. So droht nun dem Untergeschoss der Museumsinsel, wo Jahrhunderte das Zeitmaß vorgeben, alle paar Augenblicke das Isarhochwasser. In Außenstellen lauern Mieterhöhung oder plötzlicher Gebäudeverkauf. So wachsen die Geschichtsflöze hinter streng gesicherten Toren. Ihre Hüter fürchten nicht nur die Begehrlichkeiten gieriger Sammler: Würden Uneingeweihte ein sorgfältig etikettiertes Objekt von seinem dokumentierten Lagerplatz bewegen, wäre es in den Depotlabyrinthen so gut wie unauffindbar.

Ein VW-Bus als zeithistorisches Dokument

In den letzten drei Jahren habe ich Dutzende von Stunden in den verwinkelten Gängen verbracht - und Monate vor dem Bildschirm, um aus den Rohbildern, die unter fototechnisch gesehen katastrophalen Lichtverhältnissen entstanden sind, Abbilder jenes surrealen Ortes zu entwickeln, an dem Zeit Geschichte wird. Und obwohl ich mich konsequent bemüht habe, nicht zum Insider zu werden und keine Motive nach ihrer kuratorischen Wichtigkeit auszuwählen, ist aus dem als Kunstprojekt geplanten Buch nun doch zugleich ein zeithistorisches Dokument geworden: Während des Drucks und der Vorbereitung für die Fotoausstellung, begann die komplette Räumung der Depots unter dem Museumsbau. Während der auf zehn Jahre angelegten Grundsanierung des Gebäudes werden neue Fluchttreppenhäuser durch sämtliche Geschosse gebrochen.

Die meisten der Objekte dürften bis auf weiteres, auch für Museumspersonal kaum erreichbar, in neuen Zwischendepots eingelagert bleiben, bis die seit langem gehegte Vision vom neuen Zentralarchiv Wirklichkeit wird. Dann könnte auch Normalsterblichen erlaubt sein, von Besuchergalerien aus einen Teil der bisher verborgenen Preziosen zu bestaunen.

Nur dem Fachmann dürften sich Sinn und Bedeutung so manchen Exponats erschließen, andere hingegen erzählen ganze Lebensgeschichten. So parkte im Keller unter der Flugzeughalle des Museums der VW-Bus der Familie Tondok. Ihr zum Camper umgebautes Reisemobil wurde in den siebziger Jahren zum Vorbild für ungezählte Weltenbummler, die Reisen der Tondoks sind in längst vergriffenen Büchern dokumentiert. Mit 250000 Kilometern auf dem Tacho gilt das Exponat nun als restaurierungsbedürftig.

Verborgen unter einem Leinentuch setzt eine andere Karosserie langsam Staub an, die Embleme an den Radkappen als BMW enttarnen. Erst der Blick auf den Inventarbogen verrät, dass hier der einzige erhaltene Prototyp eines Versuchsfahrzeugs mit Edelstahlkarosserie von 1969 auf seine Ausstellung wartet. Seine Konstrukteure wollten seinerzeit den Sieg über den Rost ausrufen. Das muss wohl aus irgendwelchen Gründen doch keine so gute Idee gewesen sein.

Das Fachgebiet "Haustechnik" ist seit dem Zweiten Weltkrieg gar in Gänze eingelagert. Hier könnte man Ur-Staubsauger, elektrisch beheizte Frisierkämme oder kugelförmige Waschmaschinen entdecken. Vielleicht der Grundstock für eine spektakuläre Ausstellung in hundert Jahren: Dann wird sich womöglich schlüssig erklären lassen, dass das Topfsystem der Firma Weck und die darin haltbar gemachten Lebensmittel die Menschheit deutlich weiter gebracht haben als die Erforschung der Kernspaltung.

Zum Weiterlesen:

Jürgen Scriba: "Yesterday's Future - Wo Zeit Geschichte wird". Deutsches Museum, München 2011, 104 Seiten.

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