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Mussolinis Alpenwall: Die "Ich-trau-dir-nicht-Linie"

Foto: Solveig Grothe/ DER SPIEGEL

Gigantischer Alpenwall in Südtirol Mussolinis betongewordene Angst vor Hitler

Italiens Diktator Mussolini ließ in den Alpen heimlich ein kolossales Verteidigungssystem bauen - aus Furcht vor seinem vermeintlichen Freund Hitler. Die teuren Südtiroler Bunker waren am Ende völlig nutzlos.

Wer traut sich rein? Am Anfang war es eine Mutprobe unter Kindern, später ein Abenteuer für Jugendliche. »Räume ohne Kontrolle«, so beschreibt der Architekt Heimo Prünster, 43, seinen frühen Kontakt mit den seltsamen Bauwerken in seiner Heimat.

Dreieinhalb Meter dicke Betonwände, nur eine kleine Öffnung zum Durchkrabbeln, drinnen stockfinster. Im Schein der Taschenlampe erkennbar: allerlei Räume, Gänge, Öffnungen im Boden, die zu tieferen Stockwerken führen. Bunker.

Heimo Prünster

Heimo Prünster

Foto: Solveig Grothe/ DER SPIEGEL

Warum sie da waren und wer sie gebaut hatte, fragte erst mal niemand. Heute sind sie so etwas wie das Lebensthema des gebürtigen Südtirolers. Prünster leitet seit Kurzem das erste Forschungsprojekt zum faschistischen Alpenwall, im Auftrag des Südtiroler Landesmuseums Festung Franzensfeste. Die Bunker Norditaliens interessieren ihn seit der Schulzeit, er hat seine Diplomarbeit darüber geschrieben, und wer mit ihm unterwegs ist, sieht die Alpenlandschaft plötzlich mit anderen Augen.

Der grüne Hügel, auf dem Kühe weiden, hat einen Seiteneingang. Im Wald gibt es Türen. Der Fels ist kein Fels, die rissig-grau bemooste Oberfläche fühlt sich künstlich an, in der schroffen Struktur erkennt man Linien und Kanten eines Rechtecks – die Felsenfassade lässt sich aufklappen. Hinter der fenstergroßen Öffnung: der Mündungstrichter einer Schießscharte.

Wie hineingewachsen, verschmolzen mit der Natur fügen sich die Bunker in die Landschaft. Sie sind Teil des »Vallo Alpino del Littorio«, eines militärischen Verteidigungssystems aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch so lange Prünster auch davon schon weiß – die Dimensionen haben selbst ihn überrascht. Seine Forschung berührt auch die Frage, warum dieses gigantische Konstrukt über so viele Jahrzehnte kein öffentliches Thema war und bis heute kaum eines ist.

Die perfekte Tarnung hat wohl auch geholfen, ein finsteres Kapitel zu verbergen.

»Kolossales Scheitern«

Die Bunker des Vallo Alpino in der nördlichsten Provinz Italiens sind so etwas wie der Elefant im Raum. Einmal entdeckt, kaum zu übersehen – und doch spricht fast niemand darüber. Selbst, wo sie touristisch erschlossen sind, etwa am Reschenpass an der Grenze zu Österreich, erklären Schautafeln lediglich Zweck und Aufbau, nicht aber Epoche und Erbauer.

Der Alpenwall ist als historisches Kuriosum einmalig: Wohl nirgends sonst in Europa hat ein Staat oder Herrscher je derart viel Geld, Material und Arbeitskraft aufgewendet, um heimlich einen Verteidigungsapparat gegen seinen wichtigsten Verbündeten zu errichten, wie es Italiens Diktator Benito Mussolini gegen Hitler tat. Die Anlagen erstreckten sich über den gesamten Alpenraum. Als Grenzsicherung haben sie dann aber doch versagt.

Prünster nennt es »die Geschichte eines kolossalen Scheiterns und einer unvergleichlichen Verschwendung von Ressourcen«. Sie begann mit dem Ende des Ersten Weltkriegs: Italien hatte sich durch den Friedensvertrag gerade Südtirol einverleibt, da begannen Militärstrategen mit der Planung der Grenzsicherung im Alpenraum – von der Küstenstadt Ventimiglia an der französischen Grenze bis zur Hafenstadt Fiume, dem heutigen Rijeka in Kroatien. Der Bau begann Anfang der Dreißigerjahre an den Grenzen zu Frankreich und Jugoslawien, eine Absicherung zu Österreich schien zunächst unnötig.

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Mussolinis Alpenwall: Die "Ich-trau-dir-nicht-Linie"

Foto: Solveig Grothe/ DER SPIEGEL

Das änderte sich mit dem Nazi-Putschversuch 1934 und spätestens mit dem »Anschluss« Österreichs 1938 ans Deutsche Reich. Hitler und Mussolini beschworen ihre Freundschaft und besiegelten sie im Mai 1939 mit dem »Stahlpakt« zur gegenseitigen Unterstützung im Kriegsfall, samt expliziter Anerkennung des Brennerpasses als Grenze zwischen Italien und dem Großdeutschen Reich. Dennoch richtete Italien Ende 1939 heimlich eine Großbaustelle ein.

Deutsche Spione fotografierten das Bauwerk

Dutzende Sperranlagen in Tälern, an Pässen und auf Kammlagen, gestaffelt in drei Verteidigungsringen bis zu hundert Kilometer tief ins Landesinnere, sollten eine Invasion aus dem Norden vereiteln. Der Megabau wurde zum »stummen Zeugen« für Mussolinis Angst vor seinem deutschen »Freund« Hitler, so beschreibt es der Autor Alessandro Bernasconi: Je größer Hitlers militärische Erfolge, desto mehr wuchs das Bedürfnis nach einem Schutzwall gegen die »nicht abwegigen Absichten Deutschlands, seine Macht in Richtung der ›warmen Meere und des blauen Himmels‹ Italiens auszudehnen«.

Im Volksmund bekam der Alpenwall den Namen »Linea non mi fido«, die »Ich-trau-dir-nicht-Linie«. Mussolinis Misstrauen schloss die deutschsprachige Bevölkerung mit ein: Lukrative Bauaufträge gingen ausschließlich an italienische Firmen, nicht an Südtiroler. Man fürchtete, mit dem Deutschen Reich sympathisierende Bewohner könnten das Vorhaben ausplaudern.

Schon weil Grundstücke enteignet wurden, um Bunker, Kasernen und Panzersperren zu errichten, ließ sich der Alpenwall vor den Südtirolern nicht verheimlichen, wegen seiner Ausmaße und angesichts von bis zu 20.000 Arbeitern ebenso wenig vor dem Deutschen Reich. Im Freiburger Militärarchiv stießen Bernasconi und Prünster auf die einzigen bislang bekannten Fotos aus der Bauzeit – aufgenommen von deutschen Spionen.

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Deutsche Spionage am Alpenwall: Heimliche Fotos von der Baustelle

Foto: BArch RH 11-III/ 437-447

Die Forscher gehen davon aus, dass der Nachrichtendienst der deutschen Wehrmacht Unterstützung in der deutschsprachigen Bevölkerung hatte – wahrscheinlich durch die Nachfolgeorganisation des Völkischen Kampfrings Südtirols (VKS). Der ursprünglich verfolgte, illegale nationalsozialistische VKS breitete sich ab 1933 aus und fand Mitglieder, wo Italiens Faschisten die Südtiroler Bevölkerung massiv drangsalierten, die deutsche Sprache in Schulen und öffentlichen Einrichtungen verboten und Vereine auflösten, um die nationale Minderheit zwangsweise zu italienisieren.

Nach Italiens Kriegseintritt intensivierten die deutschen Spione ihre »Baustellenkontrollen«. Im Reich beobachtete man mit Argwohn, dass der italienische Bündnispartner »unerschütterlich an seinem Befestigungssystem weiterbaute und dabei ›vergaß‹, Seite an Seite in einem Krieg zu kämpfen, der sich Tag um Tag zu einem echten Weltkrieg entwickelte«, wie Bernasconi schreibt.

Hitler persönlich soll den »Duce« gefragt haben, warum dieser an der Grenze weiterbaue, so will es Italiens General Roatta 1940 aus dem Kriegsministerium erfahren haben. Mussolinis Antwort ist nicht überliefert. Hitlers Dolmetscher und Diplomat Eugen Dollmann berichtet in seinen Memoiren von der Erklärung auf eine ähnliche Frage, ein Abbruch der Arbeiten sei nicht möglich, »weil die laufenden Verträge mit den Firmen, die mit den Lieferungen und dem Bau beauftragt waren, eingehalten werden mussten«. Diese Antwort, schrieb Dollmann, »verursachte bei mir (...) einen kurzen Moment der Heiterkeit und führte in Berlin zu Kopfzerbrechen«.

Riesenbauten, Riesenkosten

In Erklärungsnot bat Italiens Botschafter in Berlin seinen Außenminister dringend um Anweisung, wie er sich verhalten solle. Im Oktober 1942 befahl Mussolini den Baustopp. Offiziell jedenfalls – das Militär erhielt den Auftrag zur Tarnung bereits errichteter Bauten. Weiter geplant, so weiß man heute, wurde noch bis Juli 1943.

Von den mehr als 700 geplanten Bunkeranlagen war nach dreieinhalb Jahren knapp die Hälfte im Rohbau fertig, mehr als hundert Baustellen blieben unvollendet. Im Jahr 1940, dem Jahr der massivsten Bautätigkeit, beliefen sich die Ausgaben für den gesamten Alpenwall nach den bisher bekannten Dokumenten auf rund vier Milliarden Lire – das entsprach zwei Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts.

Dabei tat das Bauwerk keinen einzigen Tag seinen Dienst: Als die Wehrmacht 1943 Norditalien besetzte, gingen fast alle Anlagen widerstandslos an die einfallenden Truppen über.

Für die Südtiroler verband sich die Bauzeit mit einem einschneidenden Ereignis: Hitler und Mussolini einigten sich auf eine »Lösung«, die für die deutschsprachige Minderheit einer Katastrophe gleichkam. Die Südtiroler mussten sich im Herbst 1939 entscheiden, ob sie weiter unter Diktator Mussolini mit italienischer Staatsbürgerschaft leben oder in Hitlers Reich übersiedeln wollten.

Identität aufgeben oder die Heimat verlassen? Auswanderungswilligen wurden Höfe in den neuen Ostgebieten versprochen, Zurückbleibende mit Gerüchten über Zwangsumsiedlung nach Süditalien eingeschüchtert. Rund 85 Prozent wählten schließlich die »Option für Deutschland«. Knapp die Hälfte von ihnen, rund 75.000 Südtiroler, wanderten bis zum Sturz Mussolinis 1943 aus.

Später kehrte ein Teil zurück. »Dableiber« und »Optanten« beschimpften einander gegenseitig als Verräter. Die erzwungene Spaltung zerstörte Familien und wirkt bis heute nach.

Betonburgen in Apfelwiesen

Dieses finstere Kapitel Südtiroler Geschichte sieht Prünster als einen der Gründe, warum der Alpenwall so lange aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet blieb. Zudem unterlagen sämtliche Akten bis in die Neunzigerjahre militärischer Geheimhaltung: Im Kalten Krieg war ein Drittel der faschistischen Bunker im Rahmen des Nato-Verteidigungskonzepts gegen einen befürchteten Angriff der Roten Armee modernisiert und aufgerüstet worden.

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L'occhio indiscreto-Das indiskrete Auge

Herausgeber: Curcu Genovese
Seitenzahl: 168
Autor: [Bernasconi, Alessandro, Prünster, Heimo]
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29.01.2023 04.49 Uhr

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Als die Bauten 1999 an die zivile Verwaltung übergingen, hob das Land bis auf wenige Ausnahmen den Denkmalschutz auf und bot die Parzellen zum Verkauf. Bauern waren empört, dass sie ihre ehemals enteigneten Flächen samt Bunker zurückersteigern mussten, damit nun nicht auch noch Fremde ein Zufahrtsrecht zu den Betonburgen in ihren Apfelwiesen erhielten.

Wert und Bedeutung des Alpenwalls wurden damals nicht erkannt, bedauert Architekt Prünster. Der Verkauf habe nicht nur Bauern brüskiert, sondern zugleich »die Bevölkerung eines kulturellen Erbes beraubt«. Mittlerweile habe sich die Perspektive geändert: »In einem Land, wo sonst immer alles getrennt ist – deutsche Schulen, italienische Schulen, deutsche Politik, italienische Politik –, sind die Bunker ein einzigartiges Zeugnis der jüngeren gemeinsamen Geschichte.«

Dass der Alpenwall 1943 beim Einmarsch der Wehrmacht in Italien komplett versagte, sieht man in Südtirol als Glücksfall – denn andernfalls wäre die Region zum Schlachtfeld geworden. So konnte die Bevölkerung die leeren Betonhüllen immerhin als Luftschutzbunker nutzen, als die Alliierten die deutschen Nachschublinien bombardierten.

Mit dem Landesmuseum Festung Franzensfeste setzt Heimo Prünster nun die erste historische und sozioökonomische Studie zum Alpenwall um, befragt die letzten lebenden Zeitzeugen und sichtet die auf mehrere Länder verteilten Aktenbestände. Interessiert hatte sich dafür auch die Wehrmacht. Hitlers Gefolge wollte prüfen, ob sich die Bauten »umdrehen« und für die »Alpenfestung« nutzen ließen, den letzten, nicht mehr realisierten Rückzugsort der Nazis. Mit den Alliierten gelangten die Baupläne in die USA, wurden 1967 nach Italien zurückgegeben »und seither nicht mehr angeschaut«, wie Prünster feststellte, als er jüngst auf original versiegelte Kuverts stieß.

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