Als die Mauer fiel "WAHNSINN!"

Rainer Eppelmann, erst Dissident und dann Minister in der ersten frei gewählten DDR-Regierung, war am Grenzübergang Bornholmer Straße dabei, als friedliche Bürger die Grenzer zwangen, den Schlagbaum zu öffnen. Auf einestages erzählt er von dem Moment, der die Welt veränderte.

DPA

Wer erinnert sich nicht an die bewegenden Bilder vom Fall der Mauer? Die Erinnerung daran wird bleiben wie die Erinnerung an die Bilder der ersten Mondlandung. Das Unglaubliche war geschehen, die Mauer, die Europa trennte, war gefallen, die Deutschen wieder vereint und der Kalte Krieg beendet. Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten war ein einzigartiges Erlebnis.

Sie ist das Ergebnis einer friedlichen Revolution ohne Blutvergießen. Dieser historische Augenblick, in dem 40 Jahre Trennung und nahezu 30 Jahre Mauer mit einem Schlag Geschichte waren, bewegt mich auch noch heute. Für mich kam der Fall der Mauer und damit das endgültige Aus der zerschlissenen SED-Herrlichkeit völlig überraschend.

Am frühen Abend des 9. November 1989 kehrte ich von einer Veranstaltung in der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Platz der Akademie (der heute wieder Gendarmenmarkt heißt), auf der Ehrhart Neubert und ich die Oppositionsgruppe "Demokratischer Aufbruch" vorgestellt hatten, nach Hause zurück. Als ich in der Samariterstraße in Friedrichshain ankam, traf ich auf den Ostberliner Stadtjugendpfarrer Wolfram Hülsemann, der mich fragte, ob ich auch schon über die Medien davon gehört habe: die Mauer sei offen.

Untertanen nehmen ihre Führer beim Wort

Vorstellen konnte ich mir das nicht, doch wir wollten beide wissen, was in diesem Augenblick in Berlin geschah. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Bornholmer Straße. Ein Menschenstrom bewegte sich auf den Grenzübergang zu. An der Mauer, unmittelbar vor dem noch geschlossenen Schlagbaum, standen bereits etwa hundert Personen.

Sie hatten vermutlich alle im Fernsehen die Nachricht von den neuen Regelungen zur ständigen Ausreise gehört, die Politbüro-Mitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz versehentlich bekannt gegeben hatte. An diesem 9. November verstanden die einstigen Untertanen der Einheitspartei ihre Führung wörtlich und strömten an die Grenzübergänge. Wir drängelten uns bis ganz noch vorn an den Schlagbaum. Hinter uns versammelten sich immer mehr Menschen - und es passierte eigentlich: nichts.

Das allein war schon gewaltig. Hunderte standen inzwischen am Grenzschlagbaum, es erklang kein Geräusch, keine Schüsse vor allem. Die bewaffneten Mauerwächter standen uns gegenüber und wussten wie wir nicht, wie es nun weitergehen sollte. Ihre ganze bisherige Selbstherrlichkeit war einer großen Unsicherheit und Ratlosigkeit gewichen. Einige sprachen die Grenzer zögernd an, forderten sie - jede Aggression vermeidend - auf, den Schlagbaum zu öffnen: "Nun macht doch mal auf! Wie lange sollen wir noch warten? Der Schabowski hat doch gesagt, wir können durch."

Es war ganz einfach

Die Grenzer standen uns - es war faszinierend - hilflos gegenüber, zu einer angemessenen Reaktion unfähig. Da haben wir gemeinsam mit Nebenstehenden den Schlagbaum hochgehoben und sind in das Gelände der Grenzbefestigungsanlagen der DDR hineingegangen, bis zur Bornholmer Brücke. Es war ganz einfach, und es passierte wieder: nichts.

Später habe ich gehört, der Schlagbaum in der Bornholmer Straße sei der erste gewesen, der überhaupt geöffnet wurde. Bis heute weiß ich allerdings nicht, ob wir uns damals ein historisches Verdienst erworben haben. Vielleicht war jene junge Frau viel wichtiger, die im Grenzbereich plötzlich an uns vorbeilief, einem der jungen Männer in Uniform eine Blume überreichte und sagte: "Dankeschön!"

Das werde ich nie vergessen. Diese unbekannte junge Frau bewies in diesen spannungsgeladenen Minuten einen Mut und eine Menschlichkeit, die ganz bestimmt die Atmosphäre an diesem unvergesslichen Abend entscheidend mit geprägt haben. Denn es hätte alles auch ganz anders kommen können. Doch statt Lynchjustiz und Rachsucht herrschte eine unbeschwerte Fröhlichkeit. Die Ost-Berliner, die nun in den anderen Teil ihrer Stadt konnten, waren einfach glücklich. "Wir kommen morgen früh wieder", riefen sie den fassungslosen Grenzsoldaten zu.

Fassungslosigkeit, Freude, Tränen

Ich ging an diesem Abend nicht weiter bis zum Kurfürstendamm. Ich blieb an der Mauer stehen und schaute den Menschen ins Gesicht, die da Richtung Westen drängten. Fassungslosigkeit, ungläubige Freude, Tränen, Stammeln... Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, lachten und weinten zugleich, waren bewegt, verunsichert, aufgeregt und fröhlich. "Wahnsinn!" war der Ruf der Stunde. Trabbis und Wartburgs fuhren laut hupend über die Grenze.

Minuten später kamen die ersten Westberliner aus der Gegenrichtung. Der Sekt floss in Strömen. Ich stand neben Wolfram Hülsemann, schaute dem ungewöhnlichen, faszinierenden Treiben zu und hörte in mich hinein. Eine stille Freude machte sich breit. Endlich! Fast dreißig Jahre waren wir eingesperrt und abgeschnitten gewesen, und jetzt war es vorbei. Der 13. August 1961, der mein Leben so stark bestimmt hatte wie kein anders Datum, der meine Familie getrennt und meinen Bildungsweg radikal verändert hatte, dieser 13. August 1961 war nun korrigiert.

Und das war kein Geschenk von Egon Krenz oder Günter Schabowski. Das hatten sich die demonstrierenden DDR-Bürger in Plauen, Leipzig, Dresden oder Rostock, in Berlin und anderswo erkämpft. Am 9. November 1989 begriff ich am Schlagbaum an der Bornholmer Brücke: Egal, wie das alles weitergehen würde, eine Phase meines Lebens war an diesem Tag abgeschlossen: Jetzt wird dein Leben ganz anders! Der 9. November 1989: Ein Tag der mein Leben, ein Tag der die ganze DDR, ja Europa und die Welt veränderte.



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Seite 1
Wolfgang Waldhauer, 11.11.2007
1.
Immer noch schießen mir die Tränen in die Augen bei der Betrachtung der Bilder in die Augen : DASS DAS MÖGLICH WURDE !! Und nun den tapferen Leipzigern kein Denkmal? Denn dort hatte es doch angefangen - der Anfang vonm Ende...
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