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Verfolgung per Erlass: Frauenhass made in USA

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»American Plan« gegen Geschlechtskrankheiten Als die USA Frauen den Krieg erklärten

Festgenommen, interniert und misshandelt: Abertausende Frauen wurden über Jahrzehnte erniedrigt durch eine US-Verordnung von 1918, die Soldaten schützen sollte – und zu sexistischer Polizeiwillkür führte.

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Am 25. Februar 1919 ging Margaret Hennessey, für lange Zeit zum letzten Mal, sorglos eine Straße hinunter. An der Seite ihrer Schwester spazierte sie in Sacramento auf dem Bürgersteig Richtung Markt, als ihnen ein Mitglied der »morals squad« in den Weg trat. Es war der erste Einsatztag des neuen Polizeitrupps gegen die vermeintliche Verderbtheit der Stadt.

Der Sittenpolizist Ryan nahm die beiden Frauen auf der Stelle als »verdächtige Charaktere« fest. Als Grund reichte ihm offenbar, dass sie keine männliche Begleitung hatten. Hennessey protestierte, sie müsse ihren sechsjährigen Sohn von der Schule abholen – vergebens. In einem Isolationskrankenhaus wurden beide Frauen festgehalten und von einem Arzt erniedrigenden Genitaluntersuchungen unterzogen. »Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so gedemütigt worden«, sagte Hennessey nach ihrer Freilassung.

Am folgenden Morgen wollte sie juristisch gegen ihre Behandlung vorgehen, doch das örtliche Gericht schickte sie heim: Die Anschuldigungen seien fallen gelassen worden, daher könne sie sich auch nicht dagegen verteidigen. »Ich wage mich nicht mehr auf die Straßen hinaus – aus Angst, wieder verhaftet zu werden«, sagte sie später der Tageszeitung »Sacramento Bee«.

Die Belästigung Hennesseys war nicht etwa Willkür eines übereifrigen Polizisten. Am selben Tag hielten die »morals squad« in Sacramento noch 21 weitere Frauen fest und schickten sie zur Untersuchung. Es war Teil einer langfristigen Aktion ab 1918 bis in die Fünfzigerjahre in den gesamten USA: Im Zuge des »American Plan« wurden Zigtausende Frauen oft ohne Prozess inhaftiert und von meist männlichen Ärzten untersucht. Diese Behandlung war erniedrigend, oft schmerzhaft, medizinisch fragwürdig – und zudem gefährlich: Vielen Frauen wurde Quecksilber injiziert, schwere Nebenwirkungen drohten.

Männer ins Freizeitzentrum, Frauen in Haft

Offiziell war das unter Mitwirkung des US-Kriegsministeriums organisierte Programm ein Krieg gegen Geschlechtskrankheiten. Tatsächlich wurde die Operation, für die Amerikanerinnen geschlagen, misshandelt und sogar sterilisiert wurden, ein Krieg der USA gegen ihre Frauen.

Es begann im Ersten Weltkrieg, als die Furcht vor Geschlechtskrankheiten in den USA groß war. Vor allem in den Städten hatten sich Anfang des 20. Jahrhunderts Syphilis  und Gonorrhoe ausgebreitet; mangels Antibiotika gab es noch keine wirkungsvollen Medikamente.

Mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten wurde daraus eine Frage der nationalen Sicherheit. Bis zu einem Drittel der Streitkräfte der US-Alliierten im Ausland sei durch Geschlechtskrankheiten bereits kampfunfähig, warnte 1918 Raymond Fosdick, Assistent des US-Kriegsministers Newton Baker: »Wir können uns derartige Umstände mit den US-Truppen nicht leisten.«

In einem Report schilderte Fosdick, wie diese »Übel, die traditionell mit Lagern und Trainingszentren verbunden sind«, zu bekämpfen seien: Man müsse Männern mithilfe religiöser Organisationen wie dem YMCA attraktivere Mittel zur Freizeitgestaltung geben – und sie »direkt vor den Sünden schützen, die sie seit Jahren umgeben«. Gemeint waren promiskuitive Frauen. Daher sei es »obligatorisch für den Kriegsminister, (...) Prostitution rund um Militärlager zu unterdrücken«, schrieb Fosdick. Nach seiner Logik konnten nur Frauen schuld sein an den Geschlechtskrankheiten, die unter den Männern grassierten.

Wer allein aß, war prostitutionsverdächtig

1918 wurde mit dem »Chamberlain-Kahn Act« die Internierung aller Frauen angeordnet, die auch nur verdächtigt wurden, eine Geschlechtskrankheit zu haben – oder Prostituierte zu sein (was oft gleichbedeutend verwendet wurde). Den Plan befürworteten neben Konservativen auch Liberale wie Präsidentengattin Eleanor Roosevelt oder der Philanthrop John D. Rockefeller Junior, der das Programm finanziell unterstützte. Zwar war im Erlass genderneutral die Rede von »Zivilpersonen (...), deren Festnahme, Isolation, Quarantäne oder Einweisung in Institutionen für notwendig befunden werden mag«. Doch festgenommen wurden fast ausschließlich Frauen.

Sie standen nun unter Generalverdacht: Über Jahrzehnte wurden Frauen zwangsuntersucht, nur weil ihr Verhalten Polizisten kokett erschien, weil sie allein in Restaurants aßen, weil sie in der Nähe von Soldaten lächelten oder als Kellnerin arbeiteten. Rund um US-Militärbasen galt jede Frau als der Prostitution verdächtig, die sich dort ohne Begleitung oder ein Empfehlungsschreiben öffentlich aufhielt.

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Die Grundzüge ihres Vorgehens hatte die US-Regierung aus Europa importiert: Dort hatte man im Rahmen des »Französischen Plans« zunächst in Frankreich, dann in den Niederlanden und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fast in ganz Mitteleuropa begonnen, Prostituierte zu Intimuntersuchungen zu zwingen und bei Infektionen mit Geschlechtskrankheiten zu inhaftieren. Mitunter wurden auch Nicht-Prostituierte von Polizisten beschattet, die nur darauf warteten, dass sie sich verdächtig verhielten – schon das reichte auch im Europa des 19. Jahrhunderts zur Festnahme.

In den USA des frühen 20. Jahrhunderts vermischte sich dieser Sexismus mit Rassismus. Denn häufig traf es afroamerikanische Frauen: Die Behörden gingen laut dem Autor Scott W. Stern davon aus, dass nicht weiße Frauen »weniger moralisch« seien und Soldaten absichtlich mit Geschlechtskrankheiten anstecken wollten. Von staatlicher Seite, so Stern, habe man Schwarze als »Syphilis-durchtränkte Rasse« angesehen. In seinem Buch »The Trials of Nina McCall« widmete sich der Jurist Stern 2018 dem auch in den USA wenig erforschten »American Plan«.

»Junge Frau, willst du mich einen Lügner nennen?«

Die Beliebigkeit der Verfolgung erlebte Sterns Protagonistin am eigenen Leib: Als die erst 18-jährige Nina McCall im Oktober 1918 ein Postamt ihrer Heimatstadt St. Louis (Michigan) verließ, griff der Deputy Sheriff sie auf und veranlasste ihre Zwangsuntersuchung. Aus der traumatischen Prozedur, die McCall verstört und blutend verließ, ging laut Polizei hervor, sie sei an Gonorrhoe erkrankt. Als McCall beteuerte, sie könne nicht erkrankt sein, da sie noch nie mit einem Mann intim gewesen sei, drohte der Deputy Sheriff: »Junge Frau, willst du mich einen Lügner nennen?«

Man schloss McCall für drei Monate in ein Justizvollzugskrankenhaus, spritzte ihr Quecksilber und arsenhaltige »Heilmittel«. Während sie weiter ihre Unschuld beteuerte und die Freilassung verlangte, schlug ihr die Fehlbehandlung zusehends auf die Gesundheit: Ihr Haar fiel aus, die Zähne wurden locker.

Als sie schließlich freigelassen wurde, versuchte McCall, mithilfe einer wohlhabenden Unterstützerin gegen die erlittenen Misshandlungen vorzugehen – und verlor. Erst in Berufung gab der Michigan Supreme Court 1921 ihr recht und sah keine hinreichenden Gründe des behandelnden Arztes für den Infektionsverdacht. Absurderweise bestätigte das Urteil zugleich, dass ihre Internierung rechtens gewesen wäre, hätte man eine Infektion festgestellt.

Undercover-Agenten suchten verdächtige Frauen

Und so konnte der amerikanische Feldzug gegen Frauen mit vermeintlich lockerer Moral über Jahrzehnte weitergehen. Vieltausendfach sperrte man Frauen in Isolationskliniken, Gefängnisse oder mit Stacheldraht gesicherte Ex-Bordelle. Ohne Prozess konnten sie jederzeit festgenommen und auf unbestimmte Zeit interniert werden – aufgrund unterstellter oder tatsächlicher Krankheiten. Viele erlitten dabei Misshandlungen.

Manche versuchten, dieser Internierung zu entgehen – doch der Staat kannte kein Erbarmen. So verklagte Billie Smith aus Little Rock 1942 die Regierung von Arkansas, sie in einer Art »Konzentrationslager« internieren zu wollen. In erster Instanz bekam Smith recht, doch das Oberste Gericht des Bundesstaates widerrief das Urteil: Die einer Geschlechtskrankheit Verdächtigte gefährde die »öffentliche Gesundheit auf so intime und hinterhältige Weise, dass die Berücksichtigung von Empfindsamkeit und Privatsphäre nicht zulässig« sei.

Allerdings hatte man Smith inzwischen versehentlich entlassen. Nun fahndete die Polizei, in Zeitungen standen Suchaufrufe, Gerüchte gingen um, sie sei nach Colorado verschwunden. Nach einem Monat nahm man Smith schließlich in einem Hotel in Memphis fest und verurteilte sie zu einer Geldstrafe wegen »Prostitution«. Für Monate wurde sie weggesperrt – in einer Isolationsklinik, einem Bezirksgefängnis, dann in eben jener Klinik für Geschlechtskrankheiten, die sie mit einem »Konzentrationslager« verglichen hatte. Smith versuchte, mit einer anderen Insassin zu fliehen – und wurde dafür zu 30 weiteren Tagen Haft verurteilt.

Kehrtwende erst nach Jahrzehnten

Erst mit der Lockerung der Sexualmoral in den Sechziger- und Siebzigerjahren wurde der »American Plan« für den Staat zunehmend untragbar, Medien stellten sich auf die Seite geschädigter Frauen. Bekannt wurde etwa der juristische Kampf der Feministin Andrea Dworkin: Mit erst 18 Jahren war sie bei einer Antikriegsdemo in New York festgenommen und so brutalen Intimuntersuchungen unterzogen worden, dass sie tagelang geblutet hatte.

Zudem begannen Sexarbeiterinnen, sich zu organisieren und öffentlich für ihre Rechte einzutreten. 1972 beendete die American Sexual Health Association, die mit federführend für den »American Plan« gewesen war, ihre Überwachung von Frauen durch Undercover-Agenten und konzentrierte sich auf Informationskampagnen gegen Geschlechtskrankheiten.

Nina McCall zog sich nach dem Gerichtsprozess aus der Öffentlichkeit zurück, heiratete und wurde Mutter dreier Kinder. 1957 starb sie im Alter von 56 Jahren an den Folgen eines Hirntumors. Ihr Fall – und der »American Plan« selbst – gerieten lange in Vergessenheit, ehe Scott W. Stern auf das sexistische Programm 2018 in vorher nicht dagewesenem Umfang aufmerksam machte.

In Zeiten von #MeToo wird der Krieg Amerikas gegen Frauen wohl nicht so schnell wieder aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden: Derzeit arbeitet die Produzentin Cathy Schulman an der Verfilmung der Geschichte von McCall und dem »American Plan«.

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