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10. September 2019, 14:44 Uhr

Amoklauf von Winnenden

Mord im Minutentakt

Von Hendrik Behrendt

Ein früherer Schüler schoss 2009 an der Albertville-Realschule in Winnenden um sich und ermordete 15 Menschen, bevor er sich das Leben nahm. Familien der Opfer setzen sich bis heute für schärfere Waffengesetze ein.

Prasselnd fallen Kaffeebohnen in den Trommelröster, an der Theke gibt es Marmorkuchen. Das Café im früheren Chemiesaal der Albertville-Realschule ist gut besucht. Nichts deutet darauf hin, was hier vor zehn Jahren geschah.

Daniel Herfort erinnert sich genau. Als Schüler musste er damals mit ansehen, wie wenige Meter neben ihm eine Referendarin erschossen wurde. Die junge Frau wurde Opfer eines Amokläufers, der in seiner ehemaligen Schule willkürlich mordete. "Ich weiß, dass ich großes Glück gehabt habe, nicht auch getroffen zu werden, und bin dankbar, noch leben zu dürfen", sagt der heute 24-Jährige.

Der 11. März 2009, ein sonniger Mittwoch, beginnt unauffällig an der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden. Daniel Herfort, Schüler der 9b, ist wie jeden Morgen mit dem Bus aus dem nahen Berglen gekommen und sitzt mit Klassenkameraden auf dem Schulhof, bis der Gong sie ruft. Auch Nina Mayer, 24, ist eingetroffen. Deutsch, Kunst und Religion sind ihre Fächer, die ehrgeizige Referendarin möchte keinen Tag verpassen. "Eigentlich hätte meine Tochter an diesem Tag zu Hause bleiben sollen, denn sie war krank. Ihre jüngere Schwester bat sie, sich daheim auszukurieren, doch ihr Pflichtbewusstsein siegte", sagt Ninas Mutter Gisela Mayer.

Gut 25 Kilometer entfernt startet Baden-Württembergs Polizeipräsident Erwin Hetger in seinen Arbeitstag. Auf den Juristen wartet im Polizeipräsidium Stuttgart wie jeden Morgen eine Lagebesprechung mit seinem Führungsstab.

Der Täter feuerte durch die Tür

Gegen 8.50 Uhr macht sich im Winnender Vorort Weiler zum Stein Tim K., 17, auf den Weg zur Schule, die er im Vorjahr mit der mittleren Reife abgeschlossen hatte. Er hat eine halb automatische Waffe und mehrere Hundert Schuss Munition dabei. Als er etwa eine halbe Stunde später das Gebäude betritt, läuft bereits die dritte Unterrichtsstunde. In seinem früheren Klassenzimmer im Obergeschoss hat gerade die 9c Deutschunterricht. Der Täter öffnet die Tür und erschießt drei Mädchen. In einer Feuerpause kann die Lehrerin den Raum von innen verschließen. Er zieht weiter und ermordet in einem anderen Klassenzimmer sechs weitere Jugendliche.

Referendarin Nina Mayer hat seit neun Uhr eine Freistunde und ist im Kopierraum, als sie Lärm im Obergeschoss hört. Mit zwei Kolleginnen beschließt sie nachzuschauen. Als sie auf der Etage ankommen, bemerkt der Amokläufer die drei Frauen. Einer gelingt noch die Flucht, die beiden anderen haben keine Chance. "Meine Tochter und ihre Kollegin standen mit dem Rücken zum Täter, drehten sich um, und in dem Moment hat er sie erschossen. Es waren Zehntelsekunden, die sie das Leben kosteten", sagt ihre Mutter Gisela Mayer. Sie konnte die letzten Minuten im Leben ihrer Tochter aus Zeugenaussagen rekonstruieren.

Daniel Herforts Klasse hat Chemieunterricht. Als gegen 9.30 Uhr Krach über die Flure hallt, beschließt der Lehrer, die Jugendlichen in einem Nebenraum in Sicherheit zu bringen. Referendarin Sabrina S., ebenfalls in der Klasse, verschließt derweil von innen die Tür. Auf der Suche nach neuen Opfern feuert der Amokläufer mehrfach von außen durch die Tür des Chemiesaals. Eine Schülerin wird angeschossen, die Referendarin tödlich verletzt. "Einige von uns haben noch versucht, Erste Hilfe zu leisten, aber es war schnell klar, dass die Situation aussichtslos war", erinnert sich Herfort.

Im Stuttgarter Polizeipräsidium zieht Erwin Hetger sich nach der Lagebesprechung in sein Büro zurück, doch bald meldet das Lagezentrum einen Amokalarm. Gemeinsam mit seinem Inspekteur bricht er nach Winnenden auf.

"Mit Kopfschüssen hingerichtet"

Die Winnender Polizei ist bereits vor Ort. Vier Beamte liefern sich einen Schusswechsel mit dem Täter. Dass Einsatzkräfte direkt handeln und nicht auf ein Mobiles Einsatzkommando warten, ist Teil einer damals neuen Strategie. "Der Täter hat in den wenigen Minuten zwölf Menschen erschossen. Er war ein versierter Schütze. Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er weiter ungestört hätte agieren können", so Hetger.

Der Teenager flüchtet über das Gelände des benachbarten psychiatrischen Krankenhauses und erschießt dort einen Gärtner. Gegen 9.50 Uhr zwingt er auf dem Klinikparkplatz mit vorgehaltener Waffe einen Autofahrer, ihn aus der Stadt zu bringen. Im Obergeschoss der Schule liegen Tote und Verletzte auf den Fluren. Daniel Herfort und seine Mitschüler haben sich in Todesangst in den Nebenraum des Chemiesaals geflüchtet: "Wir haben uns teilweise übereinandergelegt. Durch die Fenster sahen wir Schüler anderer Klassen, die sich über Feuerleitern in Sicherheit brachten oder einfach aus Fenstern sprangen. Es war schrecklich."

Gisela Mayer erfährt in einem Supermarkt durch erste Medienberichte von dem Amoklauf. Telefonisch erreicht sie Nina nicht und fährt mit ihrer jüngeren Tochter zur Realschule, vor der sich mittlerweile Einsatzkräfte, Journalisten und Schaulustige tummeln. In der angrenzenden Stadthalle hat die Polizei ein Informationszentrum eingerichtet. Dort erkundigt sich Mayer nach ihrer Tochter. "Dann bekam ich die Antwort: Das sieht nicht gut aus. Ich habe wieder und wieder gefragt, aber es blieb bei dieser Antwort. Es war meine jüngere Tochter, die fragte: 'Mama, begreifst du es nicht? Die wollen dir sagen, dass Nina tot ist.' Dann brach alles in mir zusammen."

Während in der Stadthalle die Todesnachrichten überbracht werden, macht sich Erwin Hetger ein Bild vom Tatort. "Ich sah junge Menschen am Pult sitzen. Es sah aus, als beugten sie sich über ihr Heft, doch sie waren mit Kopfschüssen hingerichtet worden." Dem obersten Polizisten des Landes ist es wichtig, die Schule persönlich zu inspizieren. In den kommenden Wochen wird er Gespräche mit Einsatzkräften führen, die an diesem Tag vor Ort sind, und möchte ihnen in der Nachbereitung glaubwürdig zur Seite stehen.

Gegen 12.30 Uhr endet die Flucht des Täters in einem Gewerbegebiet in Wendlingen rund 30 Kilometer südlich. Nachdem der Fahrer des gekaperten Wagens fliehen konnte, erschießt Tim K. in einem Autohaus unvermittelt zwei weitere Menschen. Auf dem Parkplatz einer Aluminiumfirma fällt der letzte Schuss aus seiner Beretta: Gegen halb eins durchschlägt das Projektil seinen Schädel.

Zu viele legale Schusswaffen

Mehr als zehn Jahre ist das nun her. Zuvor hatte es bereits eine Reihe von Amokläufen an deutschen Schulen gegeben. So erschoss 2002 an einem Erfurter Gymnasium ein 19-jähriger ehemaliger Schüler 16 Menschen und sich selbst; 2006 verletzte ein 18-Jähriger an einer Emsdettener Realschule 37 Menschen und tötete sich dann.

In Winnenden ergaben Ermittlungen später, dass der Täter im eigenen Elternhaus an die Pistole kam. Sein Vater hatte sie nicht ordnungsgemäß unter Verschluss gehalten. Ein Gericht verurteilte den Sportschützen 2013 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Haftstrafe von 18 Monaten auf Bewährung.

In den folgenden Wochen mussten Gisela Mayer und 14 weitere Familien die Opfer zu Grabe tragen. Viele Eltern, die ihre Kinder verloren hatten, schlossen sich in einem Aktionsbündnis zusammen. Sie kämpften unter anderem für eine Verschärfung des Waffenrechts und konnten dabei erste Teilerfolge erzielen. So wurde die Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Sportwaffen auf 18 Jahre erhöht.

Aus dem Aktionsbündnis entstand bereits im November 2009 die Stiftung gegen Gewalt an Schulen. Sie bietet regelmäßig Schulungen gegen Aggressionen und Mobbing an, um so zu einem friedlichen Miteinander beizutragen. Zudem hat die Stiftung mit der Uni Gießen eine bundesweite Telefonberatung eingerichtet, die bei der Früherkennung potenzieller Amokgefahren helfen soll. Gisela Mayer leitet die Stiftung bis heute mit großem Engagement.

Erwin Hetger schied im Sommer 2009 aus dem Polizeidienst, leitet jetzt den Landesverband der Opferschutzorganisation Weißer Ring und hat bis heute mit der Tat zu tun. Noch immer melden sich Überlebende des Amoklaufs und bitten um Unterstützung. Wie die Stiftung sieht auch der Weiße Ring bei Waffen weiterhin Handlungsbedarf. "Wir haben allein in Baden-Württemberg immer noch mehrere Hunderttausend legale Schusswaffen im Privatbesitz. Das halte ich für viel zu viel", so Hetger.

So sieht es auch Daniel Herfort, der die Schule nach der Tat bis zu seinem Abschluss weiter besucht und danach eine Pflegeausbildung absolviert hat. Auch wenn er das Erlebte mittlerweile vollständig verarbeitet hat, vermeidet er es bis heute, zur Albertville-Realschule zurückzukehren.

Dort hat sich seit dem Amoklauf viel verändert. Das Gebäude wurde umgebaut. In keinem der Klassenräume, die zu Tatorten wurden, wird mehr unterrichtet. Stattdessen sind dort eine Bibliothek, ein Gedenkraum und ein Café entstanden. So können Schüler selbst entscheiden, ob sie die Räume betreten möchten. Zudem gibt es Initiativen, um die Schulgemeinschaft zu stärken und das soziale Miteinander zu verbessern. Dazu zählt auch die Schülerfirma, die das Café im ehemaligen Chemiesaal betreibt.

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