Amouröse Jugenderinnerungen Opern, Sex und Ballettstunden

Stephan Reimertz wuchs auf, als es bereits die Pille, aber noch kein Aids gab. Dennoch lernte er, dass sich nicht alle Mädchen zur Begrüßung die Kleider vom Leibe rissen. Von der ersten Schwärmerei bis zum ersten Sex wurde es ein langer Weg. Doch er bekam unerwartete Hilfe - von Richard Wagner.

Stephan Reimertz/Familie Reimertz

1973 war ich elf Jahre alt, ging in einem Luftkurort bei Frankfurt aufs Gymnasium und lernte im Wallis auf einer Skifreizeit unserer Schule ein Mädel aus der Parallelklasse kennen. Sie war Engländerin, las Dickens im Original und tanzte im Ballett. Am Weihnachtsabend verknallte ich mich in sie. Wie später noch oft stellte sich allerdings bald heraus, dass ich mich mit den Eltern besser unterhielt als mit dem Mädel selbst.

Dafür sah sie hinreißend aus. Sie hatte glattes schwarzes Haar, blaue Augen und eine leicht arrogant hochgezogene Augenbraue wie die Madonnen der spanischen Malerei. Sie war das, was man eine Lolita nannte. Aber da ich im selben Alter war, hatte ich nicht den rechten Blick dafür. Ich stellte bald fest, dass ich mit Buben und Männern aller Altersklassen um sie konkurrieren musste - für einen Elfjährigen eine echte Herausforderung. Ich gab alles: Ich meldete mich in ihrer Ballettschule an, um ihr nah zu sein. Aber meine Eltern meldeten mich wieder ab. Ihre Begründung: "Beim Ballett wird man schwul!"

Im Bett mit der RAF

In der Quarta wurde ich zum Klassensprecher gewählt, und der weit abgeschlagene Gegenkandidat zischte: "Du hast ja nur gewonnen, weil die Mädchen dich gewählt haben und weil deine Hose an einer bestimmten Stelle ausgebeult ist!" Bereits drei Jahre später hätte ich beides als Kompliment empfunden. Für einen Zwölfjährigen war es ein Peitschenhieb. "Merkst du nicht, dass alle Mädels aus der Klasse in dich verliebt sind?" fragte mich eine Mitschülerin wenig später. Nein, ich merkte es nicht. Ich war zu sehr mit meinen eigenen Phantasien beschäftigt. Vier Jahre später waren die Fragerin und ich fest liiert.

Allerdings ließ die Verliebtheit der Mädels in dem Maße nach, wie ich mich geistigen Interessen zuwandte. Wagner, Hölderlin, Einstein und Thomas Mann: Für meine Mitschülerinnen waren das Liebestöter.

Trotz der neuen Liberalität der siebziger Jahre war die Furcht vor Schwangerschaft ein Thema, das viele Jugendliche und Eltern umtrieb. Die Debatte um den Abtreibungsparagraphen 218 war eine der beherrschenden Diskussionen des Jahrzehnts. Während in der DDR bereits seit 1972 ein Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Monate straffrei blieb, galt in der Bundesrepublik seit 1976 das von der CDU/CSU favorisierte Modell, das einen Abbruch nur in medizinischen, eugenischen und kriminologischen Notfällen zuließ. Entsprechend wurde die Frage, ob die Freundin bei einem Schüler übernachten dürfe oder nicht, in allen Familien heiß diskutiert.

Meine Mutter ist Baltendeutsche und wollte, dass ich auf den baltischen Adelsball gehe, um "ein Mädchen aus gutem Hause" kennenzulernen. Ich aber wollte viel lieber ein böses Mädchen kennenlernen als ein gutes. Die Terroristinnen auf den Fahndungsplakaten machten mich höllisch an. Kaum etwas wünschte ich mir als 13-Jähriger mehr, als einmal mit der RAF-Mitgründerin Gudrun Ensslin im Bett zu sein.

Entjungfert dank Wagner

Da gab es ein Mädel zwei Klassen unter mir, das ich sehr gern mochte. Sie hatte zwar keine Lederjacke und keine Kalaschnikow, sondern trug duftige Sommerkleider in Pastellfarben und sah mit ihren 14 Jahren aus wie von David Hamilton photographiert. Doch sie entfaltete einen Charme, dem ich mich nicht entziehen konnte, als sie mir auf dem Schulweg Bücher wie E. T. A. Hoffmanns "Elixiere des Teufels" empfahl - für mich noch heute der beste Roman der deutschen Literatur. Und so versuchte ich, sie schreibend für mich zu gewinnen: Ich verfasste Sonette für meine Angebetete - und war erstaunt, dass sie nach der Lektüre nicht sofort in meine Arme sank. Mit Mitte zwanzig trafen wir uns wieder. "Warum hast du mir damals so unverständliche Gedichte geschrieben?", wunderte sie sich immer noch, "Hättest du mich gleich auf den Rasen geworfen, wäre was draus geworden!"

Damals war ich völlig verrückt nach einer berühmten Mezzosopranistin und versäumte keine Aufführung von ihr. Einmal schrieb ich ihr einen vier Seiten langen Brief. Sie rief an, zeigte sich geschmeichelt und sagte, sie habe noch nie einen so schönen Brief bekommen. Rücksichtsvollerweise verzichtete sie auf die Frage nach meinem Alter. Allerdings wollte sie wissen, was ich beruflich machte. Was sollte man darauf als Schüler antworten? Ich entschied mich für: "Ich beschäftige mich mit mathematischen und biologischen Problemen."

Wir verabredeten uns in der Lipizzanerbar im Frankfurter Hof. Ich war euphorisch und erkundigte mich im Vorfeld beim Portier nach freien Zimmern. In einem nachtblauen Seidenkleid betrat sie die Bar als sie es eine Opernbühne. Ich sprang auf, ging ihr entgegen und küsste ihr die Hand. Dann sah ich in ihr vollkommen fassungsloses Gesicht. Ich geleitete sie an meinen Tisch, und wir unterhielten uns recht gut. Sie fing sich wieder, taute auf und war sehr nett. Dennoch war mir auf dem Heimweg komisch zumute. Irgendetwas war schief gelaufen. Dass eine Sängerin von Ende 40 sich nicht mit einem 15-Jährigen einlassen wollte, auf die Idee kam ich gar nicht. Ich sollte sie nur noch auf der Bühne wiedersehen. Immerhin: Um Karten musste mir fortan keine Sorgen mehr machen.

Ich war fast 16, als ich zum ersten Mal mein Ziel erreichte. Meine Erlöserin, eine amerikanische Gesangsstudentin, war 25 und fand mein Auftreten kolossal europäisch. Durch sie habe ich, der damals soviel Wert darauf legte, möglichst nur Französisch zu sprechen, meine erste Liebe auf Englisch erlebt. Zu meiner größten Verblüffung hatte die junge Sängerin noch nie Musik von Richard Wagner gehört. Ich schleppte sie in den "Tristan". Danach war sie völlig aufgelöst und zu allem bereit. Danke, Wagner!

Liebestoller Opernbesuch

Ermutigt durch meinen ersten amourösen Erfolg, begann ich bald, auch der drallen Mutter der bereits erwähnten Mitschülerin den Hof zu machen, die ich mit meinen Sonetten vergrault hatte. Die wohlgeformte Frau war 45, ich 17. Nach meiner Ansicht gab es da gar kein Hindernis, schließlich war sie geschieden. Ihr rollendes R machte mich ebenso verrückt wie ihre wilde Sinnlichkeit, die sie leider zwanghaft hinter einer Maske von Spießbürgerlichkeit zu verbergen suchte. Das ganze passte nicht zusammen und wirkte, als hätte man eine barbarische Ungarin aus der Steppe in eine Nonnentracht gezwängt.

Madame kam aus der österreichischen Provinz und war einigermaßen konsterniert, als der junge Galan, der immer brav ihre Töchter nach Hause gebracht hatte, es plötzlich auf sie abgesehen hatte. Sie sah sich veranlasst, meine Mutter aufzusuchen. Die reagierte zum Glück cool: "In unserem Alter, meine Liebe, kann uns doch gar nichts besseres passieren als ein jugendlicher Liebhaber!"

Ich fuhr mit dem Zug nach Österreich, um mir ihre Heimatstadt anzusehen, ein abgelegenes Kaff, das mir selbstredend besser gefiel als Wien und Salzburg zusammen. Immerhin lud sie mich nach meiner Rückkehr in die Oper ein, und wir sahen eine spektakuläre Aufführung von Benjamin Brittens letzter Oper "Death in Venice". Es machte mich völlig benommen, stundenlang untätig neben ihr sitzen zu müssen und ihren Duft einzuatmen. Von der Oper habe ich nicht viel mitbekommen. Allenfalls haben die todessüchtigen Klänge mein Verlangen noch gesteigert. In der Pause fragte ich meine Begleiterin kokett, wer der schönste Mann sei, den sie je gesehen habe. Sie versetzte: "Das war in Kenia; ein großer Neger mit einem Speer in der Hand…" Es war hoffnungslos - ich hatte scheinbar keine Chance bei ihr.

Folgenreiche Begegnung im Bistro

Und so träumte ich weiter von einer distinguierten, erfahrenen Dame, von der ich nicht nur in Sachen Liebe etwas lernen konnte. Glücklicherweise hat Aphrodite meine Gebete bald erhört. Eines Mittags nach der Schule traf ich meine Mutter und meinen kleinen Bruder in einem Bistro zum Lunch, als eine äußerst elegante, mondäne Kunstsammlerin eintrat, die jeder außer mir zu kennen schien. Ich war hin und weg. Sie war Anfang dreißig und verheiratet.

Doch allen Widrigkeiten zum Trotz gelang es mir, sie zu erobern. Wir passten sicher nicht perfekt zusammen, und wahrscheinlich verdankte ich den Erfolg meines Blitzkrieges auch der Tatsache, dass sie sich im Leben langweilte und nicht wusste, was sie außer Bilder- und Klamottenkaufen so alles anstellen sollte. Um meine kunsthistorische Bildung hat sie sich allerdings verdient gemacht. Als ich kurz darauf nach München ging, um Kunstgeschichte zu studieren, war ich auf alle Anforderungen bestens vorbereitet.



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