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Von Anekdotenkrämer bis Zwirnscheißer: Historie der Schimpfwörter

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Geschichte der Schimpfwörter Himmeltausendschockschwerenöter!

Mit Schimpf, Charme und Melone: Heute startet eine Netflix-Dokuserie mit US-Schauspieler Nicolas Cage zur Herkunft von Schimpfwörtern. Warum wir mehr meckern, beleidigen, fluchen sollten, verrät der Linguist André Meinunger.
Ein Interview von Katja Iken

SPIEGEL: Welches ist das älteste Schimpfwort der Welt?

Meinunger: »Du Hund!« Der »Hund« taucht bereits in der großen altindischen Rigveda-Schrift auf. Damit ist das Schimpfwort mehrere Tausend Jahre alt. Mit dem »Hund« ist übrigens etwas passiert, das sich ganz selten ereignet: Das Schimpfwort hat im Bayerischen eine durchaus positive Konnotation erhalten. »Hund« ist nicht nur böse, sondern auch anerkennend gemeint, im Sinne von »Schlawiner« oder »Fuchs«.

SPIEGEL: Was sagen Schimpfwörter über historische Epochen aus?

Meinunger: Sie zeigen an, was zu einer bestimmten Zeit tabu, also unsagbar war. Das Schimpfwort speist sich aus verschiedenen Tabubereichen: Dazu gehören vor allem Exkremente und Notdurft, dann natürlich Sexualität und der ganze Tier-Kosmos. Zudem Religion und Aberglaube, Krankheit und Tod sowie der jeweils andere, Fremde. Also etwa die – heute verpönt-rassistischen – Begriffe »Schlitzauge«, »Kümmeltürke« oder »Polacke«.

SPIEGEL: Warum werfen wir Deutschen so oft und gern mit »Scheiße« und »Arschloch« um uns, während die Italiener alle möglichen Verballhornungen von »cazzo« (Schwanz) kreiert haben – darunter »testa di cazzo« (etwa: Arschgesicht), »cazzone« (Schwachkopf) und »cacacazzi« (Nervensäge)?

Meinunger: Es ist ein noch nicht gelüftetes Rätsel, wieso wir so viele skatologische Schimpfwörter verwenden (griechisch skatos, »Kot, Mist«, Anm. d. Red.). Die Annahme, dass wir Deutschen nun einmal in der analen Phase stecken geblieben seien, ist auf jeden Fall ein veralteter Ansatz.

SPIEGEL: Sie spielen an auf die Studie »Sie mich auch! Das Hintergründige in der deutschen Psyche« des US-Anthropologen Alan Dundes, der 1985 uns Deutsche als analfixierte, fanatische Saubermänner charakterisiert hat?

Meinunger: Genau. Dass die Italiener mit ihrem traditionellen Machismo beim Schimpfen am liebsten das männliche Genital bemühen, ist schon leichter zu erklären. Vieles ist aber auch schlicht Zufall: So gibt es im nicht sonderlich religiös geprägten skandinavischen Bereich erstaunlich viele religiös konnotierte Schimpfwörter. Die Niederländer wiederum operieren oft mit dem semantischen Feld der Krankheit und benutzen Flüche wie etwa "Kankerwijf" (Krebsweib).

SPIEGEL: Welche Nation schimpft am fantasievollsten, welche am langweiligsten?

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Von Anekdotenkrämer bis Zwirnscheißer: Historie der Schimpfwörter

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Meinunger: Eher zurückhaltend sind die Japaner – dafür loben sie extrem differenziert. Sehr kreative Verwünschungen gibt es hingegen im osteuropäischen Judentum, wie schon Schimpfwort-Forscher Reinhold Aman betont hat. Sehr schön ist etwa: »Du sollst berühmt werden, eine Krankheit soll nach dir benannt werden!« Auch die Russen sind große Schimpf-Meister, sie verfügen sogar über eine Art Dialekt, wobei die vier Schlüsselbegriffe »chui« (Schwanz), »pisda« (Fotze), »jebat'« (ficken) und »bljad'« (Hure) beliebig miteinander kombiniert werden können.

SPIEGEL: Schimpfwörter ändern sich rasant, Wörter wie »Lump« oder »Tunichtgut« aus Goethes Zeiten muten heute völlig albern und harmlos an. Woher kommen Schimpfwörter, wer prägt sie?

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Meinunger: Schimpfen ist nichts anderes als verbale Aggression, den Ton gibt vor allem die testosterongeladene männliche Jugend an. Sie orientiert sich aktuell gern am Slang des Kriminellen-Milieus, vermehrt aber auch an der Migrantenkultur, wie die Zunahme von Familienbeleidigungen zeigt. Zentral ist, dass der Begriff eine schockierende, beleidigende Wirkung entfaltet. Da dieser Effekt oft nicht lange anhält, müssen immer wieder neue Begriffe her, also neue Tabus gebrochen werden. An Begriffen wie »Lauch« oder »Lappen« können Sie erkennen, wie niedrig die Halbwertszeit von Schimpfwörtern geworden ist.

SPIEGEL: Wer war in vergangenen Zeiten stilbildend in puncto Beleidigungen?

Meinunger: Auch in der Geschichte waren halbstarke Männer immer die erfolgreichsten und schamlosesten Schimpfwortgeneratoren. Im Mittelalter etwa prägten sie Begriffe wie »kotze« (Vulva, Hure), »kotzenschalc« (Hurenknecht) und »kotzensun« (Hurensohn).

»Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.« 1984 beschimpfte Grünen-Revoluzzer Joschka Fischer den Bundestagspräsidenten Richard Stücklen (CSU). Hier haben sich beide wieder lieb.

»Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.« 1984 beschimpfte Grünen-Revoluzzer Joschka Fischer den Bundestagspräsidenten Richard Stücklen (CSU). Hier haben sich beide wieder lieb.

Foto: Dieter Bauer / imago images

SPIEGEL: Politiker beschimpfen sich mit besonderer Leidenschaft. So schmähte SPD-Urgestein Herbert Wehner seinen CDU-Kontrahenten Jürgen Todenhöfer als »Hodentöter«, Genossin Barbara Hendricks titulierte den FDP-Mann Martin Lindner als »berühmtesten Eierkrauler dieses Parlaments«. Schon Cicero im Alten Rom schalt Gegner in seinen Reden als »Halunke«, »Abschaum« oder »Pestbeule«. Sind wir heute zu empfindlich geworden, was Polit-Schimpf betrifft?

Meinunger: Wir – zumindest ein Großteil der Gesellschaft – sind auf jeden Fall sensibler oder aufmerksamer geworden. Ich meine, wir nehmen solche Phänomene (und im Fall von Sprache bestimmte Ausdrücke) viel eher wahr, was erst einmal gut ist. Aber ich finde, wir sollten es nicht übertreiben: Eine intakte Gesellschaft braucht eine starke Sprache und sollte sie auch nutzen dürfen.

»Eine intakte Gesellschaft braucht eine starke Sprache und sollte sie auch nutzen dürfen.«

Andrè Meinunger

SPIEGEL: Schon im deutschen Schimpfwörterlexikon von 1839  ist nachzulesen: »Schimpfen befördert die Gesundheit«. Warum ist das so?

Meinunger: Schimpfen dient dem Aggressionsabbau, es entspannt. Eine Wut baut sich auf – und kommt mit dem Schimpf-Akt heraus. Das ist doch fantastisch, ein reinigender Vorgang! Und ein Sieg der Kultur über die Natur: Tiere schimpfen nicht, die drohen nur. Wir alle sollten viel mehr schimpfen!

SPIEGEL: Na ja, wirklich blutdrucksenkend ist »Hate Speech« nicht, oder?

Meinunger: Natürlich kann auch Schimpfen extrem verletzend sein und ist die Verrohung des Diskurses zu beklagen. Aber ich bleibe dabei: Es ist besser, ordentlich zu schimpfen, als jemanden mit der Faust niederzustrecken.

Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde! Liebt Schimpfwörter und Whisky – Kapitän Archibald Haddock im Comic »Tim und Struppi« ist einer der größten Beleidiger der Literaturgeschichte.

Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde! Liebt Schimpfwörter und Whisky – Kapitän Archibald Haddock im Comic »Tim und Struppi« ist einer der größten Beleidiger der Literaturgeschichte.

Foto: United Archives / imago images

SPIEGEL: Lässt sich die gesundheitsfördernde Wirkung von Schimpfen wissenschaftlich belegen?

Meinunger: Der US-amerikanische Psychologe Richard Stephens ließ Probanden die Hände in ein Eisbad stecken. Wer beim Experiment fluchte, war deutlich unempfindlicher gegen die Kälte als die anderen. Ähnliches haben wir bei Versuchen mit dem Hometrainer beobachtet: Leute, die beim Radfahren schimpfen, fahren deutlich schneller! Und spüren es auch weniger stark, wenn man den Widerstand hochdreht. Schimpfen hilft unserem Körper und setzt Kräfte frei.

SPIEGEL: Wenn Fluchen und Meckern so gesund ist: Sollte man Kindern überhaupt das Schimpfen verbieten?

Meinunger: Nein, zumal es kaum etwas bringt. Der Spracherwerbsprozess läuft weitgehend unabhängig von der Erziehung. Und warum sollten wir Kindern das Recht verweigern, ihre Aggressionen herauszulassen?

SPIEGEL: Der Kolumnist Harald Martenstein beklagte einmal in der »Zeit«, dass in puncto Beschimpfungen im Deutschen Verhältnisse herrschten, »wie sie sonst höchstens noch in den Aufsichtsräten der Metall verarbeitenden Industrie anzutreffen sind«. Schimpfen wir zu männlich?

Meinunger: Das ist ein Trugschluss. Schimpfen ist als Akt der verbalen Aggression zwar oft testosterongetrieben. Doch auch Frauen schimpfen viel und gern. Falsch ist auch die häufig geäußerte Meinung, es gebe mehr Beleidigungsausdrücke für Männer. Hier der »Idiot«, »Blödmann«, »Arsch« – dort die »Zicke«, »Tussi«, »F…«. Da herrscht meiner Meinung nach genügend Geschlechtergerechtigkeit.

SPIEGEL: Der norddeutsche »Döspaddel« entspricht im Südwesten in etwa dem »Bachl« und in Bayern dem »Doldi«: Sind Schimpfwörter der letzte Hort des Dialekts?

Meinunger: Natürlich gibt es regional geprägte Unterschiede, aber in anderen Bereichen, etwa bei Nahrungsmitteln, unterscheiden sich die Begrifflichkeiten noch viel stärker.

SPIEGEL: Welches ist Ihr persönliches Lieblingsschimpfwort?

Meinunger: Tut mir leid, da muss ich passen.

SPIEGEL: Wie bitte, Sie haben keines? Ich mag ja das alte »Graf Rotz von Hohenschnoddern« recht gern.

Meinunger: Ja, das ist hübsch. Mir selbst fehlt ein Favorit.

SPIEGEL: Helfen Sie uns als Linguist zum Abschluss ein wenig auf die Sprünge: Wie lernen wir es, fantasievoller zu schimpfen?

Meinunger: Beim impulsiven Schimpfen klappt das nicht, da fehlt die Zeit, um kreativ zu werden, da muss der Frust möglichst rasch raus. Aber wenn Sie etwa schriftliche Beleidigungen meinen: Experimentieren Sie einfach drauflos, mit ungewöhnlichen Begriffen und originellen Bildern! Wer weiß, vielleicht schafft es Ihre Kreation ja in den Sprachgebrauch. Das entscheidet jedoch nicht der Einzelne, nur die ganze Sprachgemeinschaft.

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