Merkel-Porträt aus dem Jahr 2000 Das eiserne Mädchen

Wer das Geheimnis von Angela Merkel ergründen will, muss mit ihr von Krisensitzung zu Krisensitzung ziehen und dorthin gehen, wo sie herkommt. Eine preisgekrönte Reportage aus dem Jahr 2000, wiederentdeckt zum 70. SPIEGEL-Geburtstag.

Parteitag am 20.11.2000 in Stuttgart: Angela Merkel, Bundesvorsitzende der CDU
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Parteitag am 20.11.2000 in Stuttgart: Angela Merkel, Bundesvorsitzende der CDU


Diese Reportage aus dem Magazin SPIEGELreporter, Ausgabe 3/2000, gewann 2001 den 1. Egon-Erwin-Kisch-Preis.


Manchmal muss sie noch mal zurück in diese Stadt, die so gut passt zu Kohls Ehrenwort, zu Weyrauchs verrostetem Garagentor, zu Leisler Kieps Einstecktuch, zu Kanthers Frisur, noch mal zurück in dieses Bonner Konrad-Adenauer-Haus, wo man einen dieser Siebziger-Jahre-Sexfilme drehen könnte, ohne ein einziges Möbelstück zu verrücken. Nach der Pressekonferenz will sie schnell weg, schnell nach Berlin, der Rückflug ist ausgebucht, alle sind in der Maschine, nur sie steht noch im Warteraum und telefoniert. Sie weiß, in einer Stunde, in Berlin, kann alles anders sein. Sie hört, dass Kohl heute abend im Fernsehen spricht. Sie schaltet ihr Handy ab und sagt leise: "Er schlägt zurück. Heute schlägt er zurück."

Am Abend sieht Angela Merkel Helmut Kohl im Fernsehen. Sie ist zu Besuch bei Freunden und fragt, ob die was dagegen haben. Nein, denn Kohl gucken gehört inzwischen dazu. Es ist spannend. Kohl marschiert in das ZDF-Studio wie ein General. Thomas Bellut vom ZDF knallt die Hacken zusammen. Er fragt nach Angela Merkel.

Er sei nicht hierher gekommen, um über Angela Merkel zu reden, sagt Kohl. Und dann redet er. Wie ein betrogener Liebhaber. Oder ein enttäuschter Vater.

Die Tür öffnet sich am Rande von Templin, es ist die Tür des letzten Hauses in einer kurzen Sackgasse. Horst Kasner ist überraschend groß und überraschend aufrecht für einen 74-jährigen Pfarrer. Er trägt ein graues Cordjeans-Hemd, hat breite Schultern, aber sein linkes Auge ist trübe. Als ich anbiete, die Schuhe auszuziehen, lacht er. Man erkennt jetzt die Tochter in seinen Zügen. Auch die Art, wie er die Arme schwingt, vorfreudig irgendwie, könnte sie von ihm geerbt haben. Die Frage ist, worauf er sich freut.

"Nee, nee behalten Se mal Ihre Schuhe an", sagt Kasner. "Manche bringen sogar ihre Hausschuhe mit. In der Plastetüte. Das ist so eine Sitte bei den Leuten hier." Er läuft in ein helles Wohnzimmer. Der Fußboden ist aus Holz, und hinter den großen Fenstern sieht man einen speckig glänzenden, uckermärkischen Acker. Der Himmel ist milchfarben.

Es stehen zwei Stühle bereit. Der Stuhl des Pfarrers thront mitten im Raum, und irgendwie sieht der eher aus wie der Fragerstuhl. Er ist höher. Manche sagen, Kasner sei die graue Eminenz der brandenburgischen Kirche. Er redet über Berlin-Pankow, wo er aufwuchs, über Heidelberg, wo er von 1948 bis 1952 Theologie studierte. Ihm war immer klar, dass er in den Osten zurückgehen müsse. "Wir wollten nicht bei den Fleischtöpfen Ägyptens herumhängen. So haben wir das damals genannt. Wir wurden doch im Osten gebraucht." Er spricht davon, wie er sich in den Jahren vor dem Mauerbau die Geldscheinbündel, mit denen ihn die West-Berliner Kirche unterstützte, in die Hosentaschen stopfte und sie in den Osten schmuggelte; zweimal in der Woche manchmal, um in Templin ein kirchliches Seminar aufzubauen. Er lacht, aber man weiß nicht, ob er es auf heute bezieht oder weil er sich einfach gern daran erinnert.

Die Redaktionen schicken jetzt Frauen, die sollen das Phänomen erklären

In seinem Rücken streckt sich ein mächtiges Regal, das zum großen Teil mit den bekannten, blassen Büchern der DDR-Verlage gefüllt ist. Am anderen Ende des Raumes steht eine Schrankwand aus Hellerau. Es ist ein klares Zimmer, neu, aber nicht angepasst. Es hat die deutsche Einheit gut überstanden.

Kasners Frau stammt aus dem Westen und zahlte einen hohen Preis dafür, dass Kasner nicht an den Fleischtöpfen Ägyptens leben wollte. Sie hätte in der DDR gern unterrichtet, was sie studiert hatte, Englisch und Latein. Aber man ließ sie nicht. Ihre Tochter Angela gebar sie noch in Hamburg und brachte das drei Monate alte Kind in einem Korb mit in die DDR. Sie wohnten kurze Zeit in Quitzow und zogen von dort nach Templin, eine Kreisstadt in der Uckermark. Das Mädchen wollte nicht laufen. Sie saß immer nur im Laufgitter herum. Sie redete früh, aber sie lief nicht. Ihre Eltern mussten es lange mit ihr üben. Erst mit fünf Jahren lernte sie zum Beispiel, einen Berg herunterzugehen.

Sie hat noch zwei Minuten. Warum es gerade zwei sind, ist so unklar wie das, was sie antreibt. "Zwei Minuten", murmelt sie und taxiert die Vorhalle, die überall sein könnte. Diesmal ist sie in Grimmen, wo der 7. Kreisparteitag der CDU Nordvorpommern stattfindet. Es riecht nach Erbsensuppe und nach Zigaretten.

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Angela Merkel von 2000 bis 2017: Die Spuren der Macht

Der Mann mit dem verzückten Blick und der Busfahrer-Frisur kommt Angela Merkel bekannt vor, die Frau mit den kalten Augen hat ein Mikrofon. Der Mann hat ihr mal ein Glas Honig geschenkt, die Frau ist von CNN. Eine Journalistin aus Amerika und ein Imker aus Grimmen. Drei Fragen und ein Dank. Dann muss sie weg. Zwei Minuten. Es regnet immer noch. Klackklackklack machen die Schuhe irgendeiner Frau aus dem Schwanz von Presse und Lokalpolitikern, den sie seit Wochen hinter sich her schleppt. Merkels Schuhe machen keine Geräusche, sie sind flach und weich, und man kann gut in ihnen laufen.

Der Fotograf mit dem langen Teleobjektiv fotografiert für den "Stern", weiß sie. Die Reporterinnen der "Süddeutschen Zeitung" und der "Berliner Zeitung" laufen hinter ihr. Die Redaktionen schicken ihr jetzt Frauen nach, weil sie das Phänomen erklärt haben wollen. Das Phänomen Merkel. Was macht die da? Verstehen Frauen nicht besser, was Frauen fühlen? Vielleicht ist das so, aber es hat seinen Preis. In den Gesprächen mit der Fotografin und Buchautorin Herlinde Koelbl muss sie so lange über Pflaumenkuchen reden, bis man eine Gänsehaut bekommt. Sie spricht mit "Gala" über Kochen und Markenkleidung, die "Zeit" befragt Psychologen zum Thema Vatermord, und in der Talkshow von N3 diskutiert sie mit zwei Zeitgeistkolumnisten der "Süddeutschen Zeitung" über die Farbe ihrer Jacke.

Sie kann immer in Verstecke springen, sie behält immer ein Stück Welt für sich

Am besten würden sie natürlich ostdeutsche Reporterinnen verstehen, aber die haben meistens keine Ahnung von der Politik, glaubt man in den Redaktionen. So denken sie wirklich, die Jungs in den klein karierten Jacketts mit ihren wichtigen Kontakten in die Polit-Szene. Genau genommen ist das Angela Merkels Glück, weil sie so immer ein Stück Welt für sich behält. Zwischen Bonn und Berlin, Männern und Frauen, Osten und Westen.

Sie kann in eins ihrer Verstecke springen, warten, überleben.

Einmal hat sie mit dem PDS-Bundesgeschäftsführer Bartsch russisch geredet, kurz bevor die "Bonner Runde" auf Sendung ging. Sie mag die kleinen Geheimnisse, und manchmal steht das in ihren Augen, wenn man ihr eine Frage stellt. Dann zögert sie mit der Antwort, schaut wissend und sagt dann irgendetwas Harmloses.

"Drei Fragen", sagt sie zu der CNN-Journalistin und reibt sich die Handflächen aneinander, als friere sie. Sie guckt nicht freundlich, aber mit dem schief gelegten Kopf, der zumindest Aufmerksamkeit signalisieren soll. CNN bringt ihr nichts, das ZDF ist jetzt wichtig und die "FAZ". Der Scheitel rutscht ihr vor den Mund.

Sie hat irgendetwas gesagt. O-Töne. Die Antworten kann man vergessen. Es sind vier Minuten vorbei, die einem vorgekommen sind wie zwei.

"Ich habe noch nicht gekostet, aber ich habe mich sehr gefreut", sagt sie zu dem Imker mit der Busfahrer-Frisur. Sie schlägt den Mantelkragen hoch und hüpft durch die Pfützen unter den nassen, schlaffen "CDU - mitten im Leben"-Fahnen zu ihrem Auto. Sie gibt einem oft das Gefühl, zurückgelassen zu werden. Sie nimmt das Leben mit.

Der Imker bewegt sich nicht, er schaut, als sei er von einer Wunderheilerin berührt worden. Sein Blick leuchtet warm, und der Mann scheint sogar ein wenig zu schweben. Egon Spychalski ist 62 Jahre alt, hat früher im Außendienst beim VEB Erdgas Grimmen gearbeitet und ist seit 1975 in der CDU. Er war immer schon Hobby-Imker, den VEB Erdgas Grimmen allerdings gibt es nicht mehr, Spychalski ist Rentner.

"Sie wollen sicher wegen den Koffergeschichten fragen", sagt er, als sei er durch die Berührung Angela Merkels zu einem Insider der Spendenaffäre geworden.

"Ich hab dazu 'nen Standpunkt. Sagt Ihnen der Name Schalck-Golodkowski was? Ja? Na sehn Sie. So viele Zufälle gibt's gar nicht. Da steckt die KoKo dahinter."

Welche Zufälle?

"Wir hatten hier ja mal ein Waffenlager in der Nähe von Rostock, Schreiber hat auch Waffengeschäfte gemacht. Da muss man nur eins und eins zusammenzählen. Wir hier im Untergrund wissen ja manchmal mehr als die da oben. Man sollte die Stasi oder was die Vergangenheit war, nicht unterschätzen."

Was ist das für Honig, den er Frau Merkel schenkte?

"Oh, das ist, äh, nur Honig", sagt Spychalski und sein Blick wird fiebrig. "Bitte verstehen Sie das nicht falsch jetzt. Das war 'ne private Sache, also nicht offiziell. Das war nebenher, 'ne Probe, ja, 'ne Probe. Nicht, dass hier noch ein Skandal aufgedeckt wird. Also, das ist ja keine Spende. Das ist intern. Das hätte sie nicht verdient, sie hat es schon so schwer genug." Spychalskis Blick fleht jetzt, irgendwas läuft schief.

Das Wort Koffer hat seine Unschuld verloren

Jeder der Redner auf dem Parteitag nimmt Bezug auf Helmut Kohl. Jeder ist kompetent, jeder ist betroffen. Das Wort Koffer hat seine Unschuld verloren. Das Wort Spende auch. Ein alter Mann ruft vom Pult, Helmut Kohl sei gottlos geworden, weil das Geld nicht gesegnet gewesen sei. Alle klären auf, alle sind verdächtig. Meldungen, die kein Mensch mehr versteht, die aber irgendwie verdächtig klingen, irren durch die Radionachrichten. Viele Ostler denken jetzt an die Wendezeit. An die Stasi und die Politiker, die starben wie die Fliegen. "Ich habe eine Dummheit gemacht" klingt doch genauso wie: "Ich habe keinem geschadet." Und "ich entschuldige mich" klingt wie: "Ich liebe euch doch alle."

Hobby-Imker Spychalski kämpft verzweifelt um seine Landesvorsitzende. Er lobt Angela Merkel, er traue ihr den Parteivorsitz zu, sie könne noch zuhören, aber bis zum Schluss wird ihn das Gefühl nicht verlassen, er habe sie ans Messer geliefert. Mit seiner Honigspende. So wie Wolfgang Schnur damals, der ihr nicht gesagt hat, dass er bei der Stasi war, und dann Helmut Kohl, der ihr nichts vom Schwarzgeld verriet, und zuletzt Wolfgang Schäuble, der nicht sagte, dass er Geld von Schreiber bekommen hatte. Sie haben immer nur an den Honig gedacht, nie an sie.

CDU-Parteitag (Dezember 1991 in Dresden): Helmut Kohl gratuliert Frauenministerin Angela Merkel zum Stellvertreterposten
DPA

CDU-Parteitag (Dezember 1991 in Dresden): Helmut Kohl gratuliert Frauenministerin Angela Merkel zum Stellvertreterposten

Natürlich könnte man jetzt Günther Krause zu Wort kommen lassen, der sich bitter beklagt, wie karrieregeil Angela Merkel ist. Krause war der erste Bundesminister aus dem Osten, er war ihr Vorgänger als Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern und hat damals ziemlich viel Mist gebaut. "Sie ist eine nette junge Frau, die dir sofort in den Hintern tritt, wenn du dich umdrehst. Mit Helmut Kohl hat sie es so gemacht. Der nächste: Wolfgang Schäuble", sagt Krause. Mehr wolle er zu "Frau Merkel" aber nicht sagen, und dann redet er noch 20 Minuten fiese Sachen, aber das kennt man ja alles, und so könnte man auch Charly Horn zu Wort kommen lassen, ihren Klassenlehrer, den kennt nämlich kaum jemand.

Allerdings will Charly Horn nicht reden. Er steht in einer Kochschürze in der Tür seiner Templiner Neubauwohnung, sein Gesicht ist verschwollen, und als er den Namen Angela Merkel hört, schwillt es, soweit das möglich ist, noch mehr zu. "Kein Wort zu der Merkel", sagt er. "Es gab da einen Vorfall in der 12. Klasse, zu dem ich mich nicht äußern werde."

"Angela war eigentlich sehr harmoniesüchtig", erzählt ihr Vater

Charly Horn war ihr Klassenlehrer an der Erweiterten Oberschule "Hermann Matern", kein schlechter Kerl, aber auch nicht besonders engagiert. Weil er es verpennte, wollte die Klasse nicht am jährlichen Kulturwettstreit der Schule teilnehmen. Sie wollten Horn damit bestrafen, aber so liefen die Dinge damals nicht. Wer nicht für die Sache war, war gegen sie. Und wer ein Kulturprogramm ausfallen ließ, gefährdete schnell den Weltfrieden. Kasner redete seiner Tochter ins Gewissen, denn sie hatte inzwischen etwas zu verlieren. Und er auch. Es war kurz vorm Abitur, sie war Pfarrerskind, sie hatte eine Studienzulassung für Physik, er wollte das Leben retten, das er für sie geplant hatte.

"Angela war eigentlich sehr harmoniesüchtig", erzählt ihr Vater. "Das war die einzige pubertäre Aufwallung, die mir im Gedächtnis geblieben ist. Ich hab sie in letzter Sekunde überredet, doch ein Kulturprogramm zu machen. Sie hatte keine Funktion, aber sie war schon sehr wichtig in ihrer Klasse. Sie haben sich alle bei uns getroffen und in drei Stunden ein Kulturprogramm aus dem Boden gestampft."

Ein paar Morgenstern-Gedichte und eine kleine Rede, in der sie verkündeten, dass sie ihr gesammeltes Solidaritätsgeld für die Frelimo, die antikolonialistische Befreiungsbewegung Mosambiks, spendeten. Das führten sie dann auf. Das Blöde war, dass kein Lehrer Christian Morgenstern kannte. Und im Gedicht "Mopsenleben" kommt ja eine Mauer vor, auf der der Mops sitzt. Bei Mauer dachten die gleich an eine politische Provokation. Sie haben zu Hause nachgeschlagen und herausgefunden, dass Morgenstern ein Bürgerlicher war. Da fügte sich natürlich ein Bild. Erschwerend kam hinzu, dass die Frelimo weitgehend unbekannt war; damals wurde für Vietnam gespendet. Jemand sagte, dass dies eine kirchliche Organisation sei. Damit hatten sie den Schuldigen. Die Pfarrerstochter.

Unglücklicherweise saß die Frau des Kreisschulrates mit im Publikum. Es wurde ein richtiger Skandal. Charly Horn schob alles auf seine Klasse. Die Schüler wurden verhört, aber die Eltern wehrten sich. In einer Elternversammlung standen plötzlich alle auf und gingen. "Ich habe bis zum Herbst '89 nie wieder eine solche Zivilcourage erlebt", sagt Merkels Vater. "Aber im Bezirk waren sie wild entschlossen, die Schüler zu bestrafen. Ich hatte einen Informanten, der mir sagte, ich müsse mich diesmal an höhere Stellen wenden."

Je schlimmer die Vorwürfe wurden, desto unschuldiger schien sie zu sein

Kasner wandte sich an Bischof Albrecht Schönherr. Der sprach den Fall beim Sekretär für Kirchenfragen im Zentralkomitee der SED an. Offenbar herrschte dort eine kirchenfreundliche Stimmung, vielleicht hing es auch mit der Frelimo zusammen, genau wusste man das ja nie. Jedenfalls wurden nicht die Schüler bestraft, sondern ihre Ankläger. Der erste, der strafversetzt wurde, war Charly Horn. Später wurde der Direktor der Schule ausgetauscht und dann der Schulrat.

Horn war, so kann man es sehen, der erste Mann, der Angela Merkel verriet.

Sie scheint die Krise zu genießen. Als sie im letzten Jahr die Niederlagen der SPD in den Landtagswahlkämpfen kommentierte, wirkte Angela Merkel oft lustlos. Jetzt geht's ihr wieder besser, die Dinge fließen. Im Dezember griff sie Kohl in einem "FAZ"-Artikel an, ihren Ziehvater, von dem sie sich längst gelöst hatte. Bereits auf dem CDU-Parteitag nach der verlorenen Bundestagswahl monierte sie das Wahlkampfmotto "Sicherheit statt Risiko". Kohl blinzelte damals schwach, er hatte noch Tränen in den Augen von seiner Verabschiedung. Er war auf dem Weg in die Geschichtsbücher, ein großer deutscher Kanzler. Unverletzlich. Aber diesmal drang es zu ihm durch, auch weil ihr "FAZ"-Artikel zwei Tage vor Heiligabend erschien. So denkt er, und das weiß sie. Ein kleiner Mut, aber zur richtigen Zeit: Sie hatte Schäuble nicht gefragt, weil sie wusste, dass er ihr den Artikel verboten hätte. Und sie wusste schon, dass er schwach war und vorsichtig sein musste - wegen seiner Treffen mit Schreiber.

Visual Story zum SPIEGEL-Jubiläum

Je schlimmer die Vorwürfe an die anderen wurden, desto unschuldiger schien sie zu sein. Wo immer sie in den vergangenen Wochen für die CDU auftrat, wurde sie gefeiert. Machen Sie was, halten Sie durch. Manchmal allerdings scheint es, als liebten die Leute sie bloß dafür, dass sie sich in den Talkshows nicht verspricht. Als sähen die Menschen ihr bei der Schulaufführung zu und hofften, dass sie den Text nicht vergisst.

Auf Kurt Biedenkopfs Geburtstagsparty in Dresden waren sie und der Kinderliedersänger Rolf Zuckowski die begehrtesten Gäste. Kurt Biedenkopf wünschte sich ein Foto mit ihr. Rita Süssmuth suchte ihre Nähe. Monika Diepgen wollte sie einfach nur umarmen. Während der pompösen Feier in der Dresdner Semperoper saß sie neben Richard von Weizsäcker in der zweiten Reihe der Königsloge und plauderte. Schäuble saß am Rand, vor sich hin stierend, kaum noch am Leben. Sie wirkte unabhängig, über den Dingen stehend, lächelnd. Ein Teil des Ganzen und dann doch nicht. Als sie mit Rita Süssmuth zusammenstand, sah es aus, als gäbe Angela Merkel ihr eine Audienz. Man musste damit rechnen, dass sich Rita Süssmuth gleich ein Autogramm wünschte. Der ewig grinsende thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel wirkte neben ihr wie ein durchgedrehter Alter.

Aber als Kurt Biedenkopf einen Moment allein vor dem Kessel mit sächsischer Kartoffelsuppe stand, sprang sie auf und schnappte ihn sich. Der Einzige, der hier wichtig war.

Kirchenkinder mussten besser sein als alle anderen

Sie weiß, dass sie sich nicht ausruhen darf. Der "FAZ"-Artikel gegen Kohl wirkt harmlos, wenn man ihn heute liest, denn der große, dicke Feind liegt längst am Boden, ihr verdorren die Worte im Mund. Von Tag zu Tag werden sie bedeutungsloser, leichter. Helmut Kohl interessiert schon niemanden mehr. Der Druck aber lässt nicht nach. Und sie muss reden, reden, reden. Immer wieder vor die Kamerawände treten.

Kasner hat versucht, den Druck von seinen Kindern fern zu halten, sagt er. Nur in der ersten Klasse, als die anderen sofort in die Pionierorganisation eintraten, ließ er sie warten. "Ich wollte ihnen zeigen, dass man nicht alles mitmachen muss. Aber wir hatten uns ganz bewusst für diesen Schritt entschieden, in die DDR zu gehen. Wir wollten den Druck nicht an unsere Kinder weiterleiten. Wir wollten ihnen eine Chance in diesem Land geben." Alle drei Kinder gingen zu den Pionieren und später in die FDJ.

Kirchenkinder mussten trotzdem besser sein als alle anderen. Angela gewann zwei DDR-Russisch-Olympiaden und war in der Förderklasse für Mathematik. Sie war beliebt bei ihren Mitschülern und auch bei den Lehrern. Zumindest sieht das heute so aus.

In einer Templiner Villa, die den Namen "Frohsinn" trägt, wohnen zwei ihrer Lehrer. Oben Beeskow, der Mathematik an der Grundschule unterrichtete. Ein Christ, der es zu DDR-Zeiten schwer hatte. Unten Gabriel, ein ehemaliger Schuldirektor. Auch ein Mathematiklehrer, aber ein Kommunist. Sie sind beide 60 und leben hier zusammen wie Don Camillo und Peppone. Gabriel hat das "Neue Deutschland" abonniert. Beeskow ist der Fraktionsvorsitzende der CDU in der Stadtverordnetenversammlung von Templin. Gabriel ist Invalidenrentner, er sitzt im Rollstuhl, sein Körper wird von einer unheilbaren Muskelschwächekrankheit zerstört. Er kann vor keiner Klasse mehr stehen. Beeskow ist nach der Wende Direktor der Schule geworden. Gabriel hat die Villa zu DDR-Zeiten von Beeskows Schwiegereltern gekauft. Ganz legal. Für 15000 Ostmark, heute dürfte sie etwa 30-mal so viel wert sein. West. Beeskow hat die historische Schlacht gewonnen und eine andere verloren. Er ist Direktor, und er ist Mieter beim Kommunisten.

Sie belauern sich gegenseitig.

"Wir respektieren uns", sagt Beeskow.
"Wir respektieren uns", sagt Gabriel.

Es gibt keine Gewinner, aber Angela Merkel mögen sie beide.

"Ein aufgeschlossenes, aufgewecktes und hoch intelligentes Mädchen", sagt Gabriel, der Kommunist.
"Frisch, durchsetzungsfähig, gescheit", sagt Beeskow, der Christdemokrat.

Die Augen leuchten, wenn sie von ihr sprechen. Sie sind stolz, ihre Lehrer gewesen zu sein. Man fragt sich, wer mehr Einfluss auf sie hatte.

Niemand unter den erfolgreichen Ostpolitikern hat sich dem westlichen System so ausgesetzt wie Angela Merkel.

Wolfgang Thierse will immer alles richtig machen. Nachdem er der CDU eine 41-Millionen-Mark-Rückzahlung aufgedonnert hatte, posierte er auch noch mit der Taschenbuchausgabe des Grundgesetzes. Er ist der Onkel Tom des Ostens. Gregor Gysi muss nicht so viele Rücksichten nehmen. Christine Bergmann hat kaum Einfluss. Aber Angela Merkel muss sich in der vielleicht westlichsten Partei der Bundesrepublik durchsetzen. Die Partei der rheinischen Katholiken. Der Klüngel. Der Intrigen. Sie hasst den Karneval und den Stallgeruch, sie ist eine brandenburgische Protestantin, Naturwissenschaftlerin. Sie wurde einmal geschieden und ist kinderlos, sie ist so etwas wie das Gegenteil eines Katholiken.

"Angela gehörte damals schon zur CDU. Zum Club der Ungeküssten."

Sie ist in der Diaspora, aber wie der gehorsame Thierse und der gerissene Gysi kann auch sie nicht raus aus ihrer Haut. Sie will mitmachen. Also hat sie sich einen Landesverband genommen, wie die Bonner ihr geraten haben, um Hausmacht zu bekommen, wie sie das nennen. Allerdings war nur noch einer zu haben, in dem der Karneval keine besonders große Rolle spielt. Mecklenburg-Vorpommern. Die Menschen dort halten es auch mal vier Stunden ohne ein Wort aus. Dafür halten Vorurteile ein Leben lang. Auf einem Empfang im Stralsunder Rathaus sagte eine CDU-Abgeordnete zu Angela Merkel: "Ich war zu DDR-Zeiten Buchhalterin bei der Baustoffversorgung. Bei uns war so was wie in Hessen ausgeschlossen. In der DDR herrschte noch Recht und Ordnung." Angela Merkel trank schnell einen großen Schluck Bier.

Die Parteikrise hat vielen ehemaligen Ost-CDUlern ein neues, eigenes Selbstbewusstsein gegeben. Sie fühlen sich nicht mehr nur als Anhängsel der Westpartei, sie haben eigene Qualitäten. Sie haben nichts gewusst. Angela Merkel ist die Schirmherrin dieser Bewegung.

Sie kann sich auf niemanden verlassen, auch nicht auf die, die es gut mit ihr meinen. Förster Manfred Bönke, der in Hohenwalde lebt, wo Merkel mit ihrem Mann ein Wochenendhaus besitzt, ist CDU-Mitglied und stolz auf sie. So stolz, dass er gern den Platz zeigt, wo sie mit dem Bundeswehrhubschrauber im Naturschutzgebiet landete. So wichtig ist sie geworden, seine Angela Merkel.

10. Klasse der Polytechnischen Oberschule Templin/Brandenburg (1971): Angela Kasner (2. Reihe, Mitte, leicht verdeckt) und ihre Mitschüler
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10. Klasse der Polytechnischen Oberschule Templin/Brandenburg (1971): Angela Kasner (2. Reihe, Mitte, leicht verdeckt) und ihre Mitschüler

Ein paar Tage später ist er damit in der Fernsehsendung "Monitor". Ein Flugskandal, noch einer. Das hat der Förster Bönke nicht gewollt.

"Templin war irgendwann langweilig", sagt Angela Merkel.

Es gab keine Theater, es gab die Schülergaststätte, die rauchenden Mädchen im "Cafe am Markt", die auf ihren Prinzen warteten. Am Wochenende fuhren sie die Tanzsäle ab. Sie nicht, sagt Roland Saeger, der mit ihr zur Schule ging. "Als Mädchen war sie eher ein guter Kumpel." Harald Löschke sagt: "Angela gehörte damals schon zur CDU. Zum Club der Ungeküssten." Sie sammelte Kunstpostkarten, sagt sie. Kunstpostkarten.

Alles stand still in Templin, man kann heute noch fühlen, wie es damals war. Die Häuser sehen hübscher aus, aber die Pionierbrücke heißt immer noch Pionierbrücke, und die Mädchen warten immer noch. Sie haben jetzt Handys, das ist der Unterschied. Die Handys liegen vor ihnen auf den Tischen des Cafe am Markt, die Mädchen rauchen und warten, dass es klingelt.

Die Provinzmädchen waren immer als erste weg

Angela Merkel hat nie Ostkleidung getragen. Sie wollte nur weg aus Templin. Sie mochte Leipzig. Leipzig war sicher die beste Stadt, die die DDR zu bieten hatte. In einem letzten Templiner Reflex heiratete sie dort den schweigsamen Merkel, nicht weil sie ihn liebte, sondern weil alle heirateten. Die Provinzmädchen waren immer als erste weg.

Die meisten Mitschüler sind inzwischen aus Templin weggezogen. Die noch da sind, schauen Angela Merkel mit Stolz und Verachtung hinterher. Der Templiner Polizeichef Löschke hat seine Schulfreundin das letzte Mal vor 25 Jahren auf dem Bahnhof in Prenzlau getroffen. Sie fuhr nach Leipzig zum Physikstudium, er nach Aschersleben zur Polizeischule. Als er sie begrüßen wollte, tat sie, als kenne sie ihn nicht. Er trug eine Uniform. "Sie hat sich geschämt", sagt er.

Hans-Joerg Osten hat sie 1980 kennen gelernt, als er ans Institut für Physikalische Chemie an der Berliner Akademie der Wissenschaften kam. Sie haben in der FDJ-Leitung zusammengearbeitet. "Angela war Sekretär für Agitation und Propaganda. Sie hat sich da sehr engagiert, wir haben viel diskutiert, wir haben über Selbstmorde gesprochen und über wirtschaftliche Probleme. Wir waren auch zusammen im Ferienlager, sie hat die älteste Mädchengruppe betreut. Sie war damals noch mit dem Merkel zusammen, so ein ruhiger Bergmensch, der auch an der Akademie arbeitete. Als sie sich trennten, hatte sie keine Wohnung. Da haben wir eine besetzt. Wir haben sie zusammen renoviert, neue Schlösser eingebaut und alles. Also wir haben wirklich viel Zeit zusammen verbracht. Von ihren Haltungen habe ich nie was mitbekommen, ich glaube, ich habe sogar versucht, sie als Kandidatin für die SED zu gewinnen."

Osten ging 1984 für ein Jahr nach Chicago und später noch mal nach Cambridge. Aus einem Grund, den er nie erfuhr, durfte er irgendwann nicht mehr reisen. Er bewarb sich bei anderen Instituten, wurde aber immer abgelehnt. Im Revolutionswinter 1989 ist er noch mal nach Berlin in die Akademie zurückgekehrt.

"Alle waren aufgeregt, haben diskutiert. Nur Angela saß an meinem ehemaligen Schreibtisch und machte irgendwas Fachliches. Ich habe sie gefragt, warum sie nicht bei den anderen sei. Sie hat gesagt, dass es ja sowieso nichts bringe. Insofern habe ich mich schon gewundert, dass sie ein paar Wochen später Sprecherin der Regierung de Maizière war."

Osten hat versucht, noch mal mit ihr zu reden. 1992, als sie bei einer Veranstaltung in der Frankfurter Oderlandhalle auftrat. Er hat was auf seine Visitenkarte gekritzelt und sie ihr bringen lassen.

"Sie hat sie durchgelesen, zu mir geguckt und gesagt, dass sie leider keine Zeit habe. Dann hat sie weiter rumgestanden", sagt Osten.

Sie hat ein Leben lang gelernt, sich zwischen den Fronten zu bewegen

Sie hat nicht nur Schnur und Kohl und Krause hinter sich gelassen, überall sitzen die Männer, die sich beklagen. Sie splittet die Männer in zwei Gruppen. Die, die gern an ihrer Karriere mitgewirkt hätten, und die, die sich ausgenutzt fühlen. Die Stolzen und die Neidischen.

Und manche haben sogar Angst vor ihr.

In dem Buch "Spuren der Macht" versucht die Fotografin Herlinde Koelbl zu zeigen, wie die Macht die Menschen verändert, indem sie Politiker und Wirtschaftschefs über einen längeren Zeitraum fotografierte und interviewte. Die meisten Menschen werden einfach älter, aber was die Macht aus Menschen macht, sieht man am besten an Angela Merkel. Auf den ersten beiden Bildern sieht sie aus wie die Bassistin einer Mädchenband, auf dem letzten wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Es ist klar, woher sie ihre Kraft nimmt und die Geschicklichkeit. Sie hat ein Leben lang gelernt, sich zwischen den Fronten zu bewegen, durch Offenheit zu entwaffnen, sie hat gelernt zu argumentieren.

Sie kann sich bewegen, die Frage ist, wohin sie will. Wofür sie steht, ist schwer zu sagen.

Gysi sagt, für nichts. Lothar de Maizière, ihr politischer Entdecker, glaubt, dass sie nur zufällig in die CDU geraten ist.

Angela Merkel gehörte zunächst dem Demokratischen Aufbruch an, der sich Anfang 1990 spaltete. Friedrich Schorlemmer zum Beispiel ging in die SPD. De Maizière glaubt, dass Angela Merkel den Zeitpunkt verpasste, mitzugehen. "Sie passte eigentlich nicht in die CDU."

De Maizière betont ihren Vornamen auf der zweiten Silbe, wie es alle Berliner tun. Sie hat immer darum gekämpft, dass er auf der ersten betont wird. "Ich weiß", sagt de Maizière, "aber dann vergisst man's ja doch immer wieder."

Angela Merkel wurde Stellvertretende Regierungssprecherin und war wirklich ein Talent. Damals hatte ja kaum jemand Erfahrung mit diesen Dingen. Entweder die Papiere klangen wie Synodalbriefe oder wie Parteitagsdekrete. Aber sie konnte gut formulieren. Einfach, verständlich, knapp. Sie konnte das Wesentliche erkennen. Und weil der erste Regierungssprecher Matthias Gehler panische Flugangst hatte, begleitete die Stellvertreterin den Regierungschef de Maizière auf fast allen Reisen. De Maizière erinnert sich, wie er sie in Moskau losschickte, "um die Stimmung im Volk zu checken. Also, was die von der deutschen Einheit halten. Taxifahrer, Verkäuferinnen, in der Metro." Angela Merkel kam wieder und erzählte, die Stimmung sei schlecht. Worauf de Maizière beschloss, die Verhandlungen mit der Sowjetunion zu forcieren. So will es die Anekdote.

Was passiert, wenn die Krise vorbei ist? Begreift sie dann, in welcher Partei sie ist?

Eigentlich wollte Kohl Sabine Bergmann-Pohl als ostdeutsche Ministerin in Bonn. Aber da hat ihm de Maizière abgeraten. Er hat Kohl Angela Merkel empfohlen, weil er nicht wollte, dass sich der Osten blamiert.

"Ich habe sie dann irgendwo zufällig in Bonn getroffen und ihr gesagt: 'Du, der Kohl ruft dich bald an und fragt, ob du Ministerin werden willst.' Sie hat gesagt: 'Spinnst du?'" Aber natürlich hat sie es gemacht. Sie konnte gar nicht anders.

Sie war Regierungssprecherin, stellvertretende Parteivorsitzende, zweimal Ministerin, sie ist Generalsekretärin und CDU-Chefin von Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen wird sie als CDU-Vorsitzende gehandelt.

Sie hat eine Menge erlebt, vielleicht hat sie bis jetzt nur gelernt. Wer weiß. Die Frage ist, was passiert, wenn die Krise vorbei ist. Wenn ihr jemand sagt: Hör auf zu rennen, Angela. Du bist jetzt da. Begreift sie dann, in welcher Partei sie eigentlich ist?

Gratulation: Die Kanzlerin beglückwünscht Lothar de Maiziere zum 70. Geburtstag (am 2. März 2010)
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Gratulation: Die Kanzlerin beglückwünscht Lothar de Maiziere zum 70. Geburtstag (am 2. März 2010)

Lothar de Maizière weiß auch nicht so richtig. Er zeigt das wunderschöne Treppenhaus des klassizistischen Baus am Kupfergraben in Berlin-Mitte. Ganz unten hat de Maizière seine Kanzlei, ganz oben wohnt Angela Merkel mit ihrem Mann, dem Chemieprofessor Joachim Sauer, mit dem sie seit Ende 1998 verheiratet ist. Aber de Maizière hat sie vielleicht erst zehnmal gesehen, seit sie hier lebt."Sie ist ja viel unterwegs", sagt er.

Besser kann man es nicht sagen.

Es ist dunkel geworden, aber Angela Merkels Vater hat immer noch kein Licht eingeschaltet. Es ist so friedlich jetzt. Seine Frau ist in Hamburg bei ihrer Schwester. Er hat nur ein Bild, auf dem sie vor einem Trabant steht. Sie hatte ihr eigenes Auto, und wohl auch ihr eigenes Leben. Sie war lange Jahre SPD-Abgeordnete im Kreistag, aber beim letzten Mal hat sie nicht mehr genügend Stimmen bekommen. Er ärgert sich maßlos darüber, denn er ist ehrgeizig, nicht nur was sein Leben anbetrifft. Er berichtet über die Karrieren seiner drei Kinder und seiner Frau, als müsse er das abrechnen. Er hatte wenig Zeit für seine Kinder, sagt er. Angela Merkel sagt, dass sie oft draußen stand und nach ihm Ausschau gehalten hat. Er hat seine Versprechen nicht gehalten, er kam immer später, als er versprochen hatte. Er hat sie längst verloren, auch wenn sie ihm noch immer etwas zu beweisen versucht. Er hat ihr den Weg geebnet, er hat sie zur Universität gebracht, damals, und noch ein gutes Wort bei einer Rektorin eingelegt, weil er glaubte, dass es nötig war. Er hat ihr das Laufen beigebracht, nicht die Richtung. Und irgendwann war das Mädchen weg.

"Sie macht doch sowieso, was sie will", sagt er.

Die Nachrichten verlieren an Wucht hier draußen, Koch wirkt unwirklich, Kohl ist verschwunden, Schäuble beginnt unscharf zu werden. Und auch Horst Kasner sieht nicht mehr ganz so kräftig aus wie vor sechs Stunden, als unser Gespräch begann. Er will sich nicht fotografieren lassen. Er sieht ein wenig wie Richard von Weizsäcker aus.

Nach einem Interview mit Angela Merkel kann man seinen Notizblock verbrennen

Am Abend nach irgendeinem langen Wahlkampftag in Schleswig-Holstein sitze ich mit einem Kollegen in einem Restaurant, in dem auch Angela Merkel zu Abend isst. Nach einer Weile kommt sie an unseren Tisch, setzt sich aber nicht. Sie steht da, als wolle sie uns zum Tanzen auffordern. Sie ist geschmeichelt und besorgt. Sie will Rat, aber wenn sie ihn bekommt, traut sie ihm nicht.

Pressekonferenz in Hannover, sie sitzt vorn neben Christian Wulff. Er trägt kein Jackett, sondern einen Wollpullover, weil heute Sonnabend und damit Lockerheit angesagt ist. Wulff merkt schnell, dass sich die Journalisten nur für Merkel interessieren.

"Es ist ja klar, dass sie mehr Fragen an unseren Gast aus der Bundespolitik haben", sagt er. "Ich bin ja nur ein kleiner Lokalpolitiker."

"Ich dachte, Sie sind stellvertretender Parteivorsitzender", sagt Merkel.

Dann lachen beide. Wulff sieht aus wie ein verklemmter Oberschüler, aber auch Angela Merkel ist dünnhäutiger als sonst. Vielleicht liegt es an Hannover, vielleicht am Westen, vielleicht an Wulff. Als ein Stativ umfällt, zuckt sie zusammen, als wäre geschossen worden.

"Ich bin doch nicht auf der Flucht", ruft sie.

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Sie schafft den ICE nach Berlin in letzter Minute. Auf der anderen Seite des Bahnsteigs wartet Jürgen Trittin, ihr Nachfolger im Umweltministerium und perfidester Grimassenschneider der deutschen Polit-Talkshow. Er hat einen hübschen Mantel an und wirkt völlig entspannt. Verglichen mit Angela Merkel sieht er wie ein Urlauber aus.

Sie liest zwei Porträts, die heute in zwei großen Zeitungen standen. Es muss komisch sein, pausenlos beschrieben und gedeutet zu werden. Jede Geste wird zum Symbol.

"Ach", sagt sie, und nach einer Pause: "Schauen Sie nicht künstlich traurig." Sie ist immer auch ein bisschen Lehrerin.

Kurz hinter Wolfsburg redet sie über Kohl. Wie er gekocht hat im Fernsehen vor Wut. Sie pendelt zwischen Wut und Mitleid hin und her. Respekt gibt es nicht mehr. Aber Angst. Es ist schlichter als man glaubt. Kohl denkt an Ehrenwort und Verrat, sie will überleben.

All das will sie nicht gedruckt sehen. Die einzigen beiden Sätze, die sie freigibt, lauten: "Helmut Kohl steht da, wo er am 15. Dezember stand. Die Partei aber hat sich weiterbewegt." Und dann fügt sie noch einen neuen Satz hinzu. "Denn es geht um unsere Zukunft."

Nach einem Interview mit Angela Merkel kann man seinen Notizblock verbrennen. Sie sagt nichts, sie tut nur so. Auf den Pressekonferenzen klammert sie sich an ihre Begriffe wie an Rettungsringe. "Ich habe nicht Dummheit gesagt, sondern Fehler."

Sie muss vorsichtig sein. Ein falscher Halbsatz kann eine zehntägige Krise auslösen.

Niemand geht unbeschadet aus so einem Kampf hervor. Sie ist lange unterschätzt worden, manchmal sieht es so aus, als kippe das jetzt ins Gegenteil.

Vielleicht besucht sie Kohl irgendwann noch mal. Wenn sie sich stark genug fühlt. Stärker als er.

Fühlt sie sich denn nicht stark?
"Doch, doch."

Sie steigt am Bahnhof Zoo aus, weil sie noch zum ZDF muss, um ein Interview aufzuzeichnen. Sie steht einen Moment ganz allein auf dem Bahnsteig und überlegt, in welche Richtung sie jetzt gehen muss.

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Gina Krause, 28.01.2017
1. niemals
würde bei Gabriel, Seehofer oder einem anderen Mann ein Titel "der eiserne Junge" lauten. Worte schaffen Wirklichkeit und eine Wirklichkeit in der die Kanzlerin Mädchen ist, ist unterschätzt Frauen systematisch.
annette wiechmann, 28.01.2017
2. Zeitreise
Vielen Dank für die Zeitreise. Liegt ja immerhin schon fast eine Generation zurück. Anekdoten und Anekdötchen, wie die, als Angela Merkel sich Seebadcasino in Rangsdorf einen Schluck Rotwein über den Polunder kippte und dann zum Amüsement der Anwesenden trocken sagte: in fünf Minuten sieht man das nicht mehr - ich absorbiere Alles!
Wolfgang Lang, 28.01.2017
3. Auf einige kurze Sätze eingedampft
Sie ist nur durch Zufall in der CDU gelandet, es hätte auch die SPD sein können. Sie ist vorneherum freundlich, hinten rum intrigant. Keiner weiß genau, wofür sie eigentlich steht. Anfangs wurde sie unterschätzt, dann überschätzt. Sie versucht, wenn sie etwas sagt öffentlich, nichts zu sagen. Sie ist karrieregeil. Ach ja, sie kommt aus der DDR, war dort mal Sekretärin für Agitation und Propaganda. Vielleicht erklärt das Letztere noch am meisten, für die, die verstehen können und wollen. Eine andere Frage ist: Wo ist ihre Stasiakte? Wer hat sie in der Hand? Was steht genau drin? Wer hier gräbt steht im Minenfeld. Daher schweigt SPON darüber!
Wolfgang Lang, 28.01.2017
4. In der Tat.
Nach einem Interview mit Angela Merkel kann man seinen Notizblock verbrennen. Sie sagt nichts, sie tut nur so. Das ist eines ihrer Erfolgsgeheinisse. Bis heute. Unsere Presse lässt es durchgehen! Keiner fragt nach, nicht mal Anne Will!
ehabich, 28.01.2017
5. Beschränkung der Amtszeit auf 8 Jahre
17 Jahre sind genug. Wie kann es sein das ein fortschrittliches Land wie Deutschland jahrzehntelang von den selben Personen regiert wird? Das ist wie in Russland, Türkei oder Nordkorea. 8 Jahre maximale Amtszeit sollten reichen. Stellen Sie sich vor so einer wie Trump käme in jungen Jahren in Deutschland an die Macht! Ach ja, das hatten wir ja schon. ..
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