Nationalsozialismus Verriet ein jüdischer Familienvater Anne Frank an die Nazis?

Es ist eines der größten Rätsel des Zweiten Weltkriegs: Wurde Anne Frank an die Nazis verraten – und wenn ja, von wem? Eine Gruppe um einen Ex-FBI-Forscher will nun eine Antwort gefunden haben.
Anne Frank: Sie wurde nach dem Verrat ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert und starb dort

Anne Frank: Sie wurde nach dem Verrat ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert und starb dort

Foto: Photo12 / IMAGO

Ein Team von rund 20 Historikern, Kriminologen und einem Ex-FBI-Agenten glaubt, nach jahrelanger Recherche eines der größten Rätsel des Zweiten Weltkriegs gelöst zu haben – den Verrat an Anne Frank und ihrer Familie.

Das Mädchen lebte während des Kriegs zwei Jahre mit seiner Familie in einem Versteck in Holland. Im August 1944 wurde das Versteck enttarnt, die Familie ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Anne Frank und ihre Schwester Margot wurden weiter ins KZ Bergen-Belsen deportiert und starben dort Ende Februar oder Anfang März 1945, geschwächt und krank, wahrscheinlich an Fleckfieber – wenige Wochen, bevor britische Soldaten das Lager befreiten. Nur der Vater der Familie, Otto Frank, überlebte. Er veröffentlichte später das Tagebuch seiner Tochter, das ihr Schicksal auf der ganzen Welt bekannt machte.

Bis heute ist unklar, wie die Nazis das Versteck der Familie entdeckten. Eine Gruppe von Forschenden hat sechs Jahre lang zu dem Fall recherchiert – und vermutet, dass die Familie verraten wurde, wie die niederländische Zeitung »NRC«  berichtet. Die Forschenden verdächtigen den jüdischen Notar Arnold van den Bergh.

Van den Bergh soll die Familie verraten haben, um seine eigene zu retten

Laut dem Leiter der Recherchegruppe, Pieter van Twisk, ist es »sehr wahrscheinlich«, dass Van den Bergh die Familie verraten habe, um seine eigene Familie zu retten. Einen Hinweis auf den Mann lieferte eine Notiz, die Otto Frank nach der Befreiung des Konzentrationslagers erhielt. »Ihr Versteck in Amsterdam wurde der ›Jüdischen Auswanderung‹ in Amsterdam gemeldet, von A. van den Bergh, der damals in der Nähe des Vondelpark, O. Nassaulan lebte. In der JA gab es eine ganze Liste von Adressen, die er weitergab.« Wer die Notiz schrieb, ist nicht bekannt.

Die Existenz der Notiz, so »NRC«, sei schon länger bekannt. Die Forschenden fanden nun aber eine Kopie der Notiz, die sie forensisch untersuchen ließen. Diese Untersuchung soll ergeben haben, dass die Kopie auf der Schreibmaschine von Otto Frank getippt worden sein soll. Die Forschenden vermuten, dass der Tipp auf der Notiz stimmt, weil damals noch nicht bekannt war, wo sich die Franks versteckten.

Van den Bergh war Notar und Gründungsmitglied des sogenannten »Judenrats«, der mit Offiziellen über die Belange der Jüdinnen und Juden verhandelte und auch deren Deportationen organisierte. Der Notar war bis 1944 geschützt vor Verfolgung – doch den Schutz verlor er dann. Die Forschenden vermuten, dass er deshalb aus Verzweiflung unter anderem die Familie Frank an die Nazis verriet, um sich und seine Familie zu retten. Er hatte eine Frau und drei Töchter. Van den Bergh habe ein Motiv gehabt und auch die nötigen Verbindungen zu Deutschen, um den Verrat zu begehen.

77 Jahre nach Kriegsende gebe es zwar keine absolute Gewissheit, sagte der ehemalige Ermittler des amerikanischen FBI, Vince Pankoke, der maßgeblich an der Untersuchung beteiligt war. »Unsere Theorie hat aber eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 85 Prozent«, sagte er im Radio.

Die »Verrat«-These ist nicht unumstritten

Die Forschungsgruppe ging den Fall von Anne Frank wie einen Kriminalfall an, sie sichtete bereits vorhandene Hinweise und recherchierte in Archiven. Aus diesen Erkenntnissen ermittelte sie mehrere Verdächtige und prüfte, ob diese als Verräterinnen oder Verräter infrage kämen. Das Ergebnis der Recherche wird nun unter dem Titel »Anne Frank's Betrayal« als Buch veröffentlicht.

Die These, dass die Familie Frank verraten wurde, ist nicht unumstritten. Eine Forschungsarbeit des Anne Frank Hauses kam 2017 zu dem Schluss, dass es auch andere Möglichkeiten gebe: Die Franks hätten auch zufällig bei einer Razzia wegen gefälschter Essensmarken entdeckt worden sein können, hieß es damals. Ausschließen lasse sich ein Verrat aber nicht.

»Das Anne Frank Haus ist beeindruckt von der Arbeit, die das Cold-Case-Team geleistet hat«, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des Anne Frank Hauses am Montag zu der neuesten Verrats-Hypothese. »Die Untersuchung wurde sorgfältig vorbereitet und durchgeführt, und das Buch berichtet darüber in einer fesselnden und lesenswerten Weise.«

Ronald Leopold, geschäftsführender Direktor des Anne Frank Hauses, sagt: »Im Anne Frank Haus wollen wir die Lebensgeschichte von Anne Frank so umfassend wie möglich erzählen. Daher ist es wichtig, auch die Verhaftung von Anne Frank und den sieben anderen Personen im geheimen Anbau so detailliert wie möglich zu untersuchen. Die Ermittlungen des Cold-Case-Teams haben wichtige neue Informationen und eine faszinierende Hypothese hervorgebracht, die weitere Untersuchungen verdienen.«

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, die Familie Frank sei nach Bergen-Belsen deportiert worden. Tatsächlich wurden die Familienmitglieder über das Durchgangslager Westerbork zunächst nach Auschwitz deportiert, Anne und Margot Frank dann ins KZ Bergen-Belsen. Wir haben diese Passage korrigiert.

has/Reuters/dpa
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