Annemarie Günther über den Sommer 1945 »Nur fort vom Russen«

Annemarie Günther, Tochter eines ostpreußischen Oberregierungsrats, war »Jungmädelführerin« und glaubte bis Kriegsende: »Unsere Soldaten halten die Grenze.« Auf einem Stück Papier notierte sie 1945, was sie stattdessen erlebte.
Von Annemarie Günther
Vertriebene auf dem Weg in den Westen überqueren im Mai 1945 die Elbe bei Tangermünde auf einer von den Deutschen zerstörten Brücke

Vertriebene auf dem Weg in den Westen überqueren im Mai 1945 die Elbe bei Tangermünde auf einer von den Deutschen zerstörten Brücke

Foto: Fred Ramage / Getty Images

Im Herbst 1944 kamen die ersten Flüchtlinge nach Allenstein. Sie waren aus den Nordostgebieten Ostpreußens evakuiert worden, weil die Rote Armee näher rückte. Die Menschen hatten große Angst vor den Russen. Unser Haus war voll mit Flüchtlingen. Wir wurden gar nicht gefragt, wir mussten einige Zimmer abgeben, in denen Familien untergebracht wurden.

Am 12. Januar 1945 wurden die Schulen geschlossen. Eine Woche später sind wir geflohen. Das war ein Drama. Man trennt sich so schwer von seinem Haus und von allem, was man besitzt. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung blieben in Allenstein, in der Hoffnung, die Deutschen könnten die Russen doch noch aufhalten. Sie sind dann nicht mehr aus der Stadt rausgekommen; viele wurden von den Russen verschleppt oder getötet.

Über ihre Flucht aus Ostpreußen hat Annemarie Günther kurz nach ihrer Ankunft in Hamburg einen Bericht verfasst: Auf Papier, das sie unterwegs im Straßengraben gefunden hatte, schrieb sie ihn zunächst mit einem Blaustift handschriftlich nieder, später tippte sie ihn auf der Schreibmaschine ins Reine. Er spiegelt die Weltsicht der damals 21-Jährigen:

»Als wir das Weihnachtsfest 1944 feierten, ahnten wir noch nicht, daß schon der nächste Monat uns für immer aus unserem geliebten Haus, aus unserem Allenstein vertreiben würde. Ernst genug sah es aus; aber wer zweifelte am guten Ausgang des Krieges? Unsere Soldaten halten die ostpreußische Grenze, das war unsere felsenfeste Überzeugung, die Hoffnung aller. Trotz aller Aussichtslosigkeit klammert man sich doch bis zum allerletzten Augenblick an die Heimat, über die nichts geht.«

Das furchtbare Gerücht

Eine ganze Woche hatten wir uns durchgeschlagen. Dann kamen wir nach Vehlow nördlich von Berlin, dort wurden wir von Verwandten auf einem Gut aufgenommen. Am 1. Mai 1945 flüchtete ich mit meiner Schwester und unserer Mutter von Vehlow weiter nach Hamburg.

In ihren Aufzeichnungen von 1945 heißt es weiter: »Plötzlich am 1. Mai morgens das furchtbare Gerücht, die Russen sind östlich von uns durchgebrochen, sind in Bork und beschießen Blumenthal. Und wirklich sahen wir am Horizont Rauchfahnen. Nur die Ruhe bewahren, wenn auch in kürzester Zeit das Schlimmste zu befürchten war. Man wartete auf die Russen und hoffte doch noch. In mir war eine große Leere, ich dachte gar nichts mehr. Es hatte ja keinen Sinn, jetzt noch zu grübeln. Wir hatten uns entschlossen auszuhalten, alles Kommende lag nun nicht mehr in unserer Hand.

Etwa um 1 Uhr wurden wir durch Lärm hellwach. Ging es nun los? Dieses Warten war kaum mehr zu ertragen. Draußen fanden wir immer noch die SS, die die Aufgabe hatte, die Brücken zu sprengen und dann zu türmen. Ach, könnte man da mit! Die Russen so vor Augen zu haben, war verteufelt. Als die Soldaten uns sahen, waren sie entsetzt und sagten, wir sollten abhauen, so schnell wie möglich.

Fluchttagebuch von Annemarie Günther, Mai 1945

Fluchttagebuch von Annemarie Günther, Mai 1945

Da kam bei mir der Auslöser, auf den ich gewartet hatte. Fort, jetzt sofort los! Das Schicksal in die Hand nehmen! Wir stürmten los. Mir war die Wegrichtung klar, nach Westen, Richtung Hamburger Chaussee. Es war aller Wahrscheinlichkeit nach der noch einzig freie Weg.

»Der Führer tot!«

Man hatte den Eindruck, alle Deutschen strömen nach Norden, nur fort vom Russen. Soldaten, Zivilisten, Arbeitsdienstler, Kriegsgefangene, Männer, Frauen, Kinder und viele Trecks zogen nach Norden. Wir reihten uns ein in diesen Jammerzug. Wie lange würden wir wohl durchhalten? Ob uns die Russen einholen werden? Links und rechts in den Straßengräben lagen Berge von weggeworfenen Waffen, Uniformen, Akten, sogar Schreibmaschinen!

Hier auf dieser Fahrt erreichte uns die Nachricht, daß Hitler in Berlin gefallen wäre. Der Führer tot! Nicht auszudenken! Nun war sowieso alles aus. Unvergeßlich ist mir der Augenblick, als wir in Grabow die ersten weißen Fahnen hängen sahen. Weiße Fahnen, kapituliert, ergeben! Wir hatten die Amerikaner erreicht, fuhren ihnen in die Arme.

Nun fuhren die ersten Amerikaner langsam an uns vorbei, von Angesicht zu Angesicht konnten wir ihnen ins Auge sehen. Lässig in ihren Wagen stehend, Zigarette zwischen den Lippen oder Kaugummi im Mund, meist lächelnd beobachteten sie unsere langen Kolonnen.

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Das waren nun unsere Besieger. Ob zu Pferde, im Auto, auf dem Rad oder zu Fuß, vom ersten Augenblick an war es mir klar, es ist ein Abenteurervolk, sportlich und unternehmungslustig. Die amerikanischen Nachrichten waren alles andere als ermunternd. Gräueltaten aus den KZ-Lagern wurden berichtet, die die angebliche Unmenschlichkeit und Grausamkeit der Nationalsozialistischen Regierung bewiesen. Unglaublich und unerhört für uns! So können keine Deutschen gehandelt haben! Das muß ausländische Propaganda sein (…).«

Ende Mai 1945 endete unsere Flucht. Meine Mutter, meine Schwester und ich gelangten zu Fuß nach Hamburg. Eine Schwester meiner Mutter lebte in Othmarschen, das war unser Ziel. Völlig abgerissen kamen wir bei ihr an, in Skihose und dickem Pullover, dabei war hier schon herrlichstes Sommerwetter. Wir hatten nur das, was wir am Leibe trugen, sonst hatten wir nichts. Wir waren ja nachts überstürzt geflohen, wir hatten keinerlei Gepäck mitnehmen können, nichts.

»Warte noch, Vati kann noch kommen«

Hamburg war ein einziges Trümmerfeld. Aber Othmarschen war ziemlich heil geblieben. Wir waren froh, dass die Schwester meiner Mutter lebte und dass wir uns wiederhatten. Sie und ihr Mann nahmen uns mit Freuden auf. Sie hatten drei Söhne, alle drei waren im Krieg gefallen.

Wir waren lange voller Hoffnung gewesen, dass auch mein Vater noch lebte, dass er noch rechtzeitig aus Allenstein rausgekommen war und wir ihn bald wiedersehen würden. Er hatte alle wichtigen Unterlagen, Bankunterlagen, mein Abiturzeugnis, mein Examenszeugnis, bei sich behalten. Ich komme sicher raus, hatte er uns gesagt, die wichtigen Sachen nehme ich mit.

Später erfuhren wir, dass er in der Nähe unseres Hauses in Allenstein tot aufgefunden worden war. Er soll von den Russen erschlagen worden sein. Nach dem Krieg habe ich versucht, etwas über sein Schicksal herauszufinden. Ich habe nach seinem Grab gesucht. Alles erfolglos. Er liegt wohl in einem Massengrab in Allenstein.

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privat

Trotz allem hatten wir in diesem Sommer Lebensmut und Hoffnung. Weil wir jung waren. Wir Jungen hatten die Kraft, ins neue Leben hineinzugehen. Für meine Mutter war es viel schwerer: Sie hatte ihren Mann, vier ihrer Kinder und ihre Heimat verloren. Jahrelang hat sie meinen Vater nicht für tot erklären lassen. Sie sagte immer: »Ich warte noch, Vati kann noch kommen.«

In Othmarschen habe ich von Juli an als Heil- und Krankengymnastin gearbeitet, in einer Schule, die als Lazarett diente. Dort habe ich auch gewohnt. Die Aula hatte eine kleine Bühne, darauf wurde für mich mit einem Vorhang ein Raum zum Schlafen abgeteilt; dort stand mein Bett. Daneben war mein Arbeitszimmer mit zwei Pritschen, an denen ich mit den Soldaten Bewegungsübungen machte und sie massierte. Zwölf Stunden am Tag, ich habe wirklich geschuftet.

Hunger und Schumanns »Träumerei«

Es gab kaum etwas zu essen. Im Lazarett bekamen wir morgens und abends ein Stück Brot mit einem winzigen Stück Butter, mittags gab es Kartoffeln und Steckrüben, ohne Fleisch. Ob Ärzte, Schwestern oder Soldaten – alle bekamen die gleiche Ration zugeteilt; das war wirklich verdammt wenig.

Ich hatte immer schrecklichen Hunger. Ich war sehr dünn, die Arbeit war anstrengend. Die Soldaten haben mir dann aus der Küche rohe Steckrübenscheiben geklaut. Die habe ich in meine Kittelschürze gesteckt, und immer, wenn mein Magen gar nicht mehr wollte, habe ich eine Scheibe geknabbert.

Die Soldaten mochten mich als junges Mädchen natürlich. Sie hatten bald herausgefunden, wann ich Geburtstag habe. Ein Soldat, er hatte nur ein Bein, fragte mich irgendwann, welche Musik ich gerne mag. Ich erzählte ihm, dass ich die »Träumerei« von Schumann sehr liebe.

Auf der Bühne in der Aula stand ein Klavier. Im darauffolgenden Jahr, an meinem Geburtstagsmorgen, als ich noch schlief, setzte sich der Soldat an das Klavier und spielte die »Träumerei« für mich. Als er fertig war, kam er auf seinem einen Bein zu mir gehumpelt, mit einer riesengroßen Platte voller Krokusse in seinen Händen. Er sagte: Ich muss Ihnen gestehen, die sind geklaut, aus einem Vorgarten in Othmarschen. Mein Gott, ich war so gerührt.

Wie soll man das verarbeiten?

Viele Soldaten im Lazarett hatten schlimme Verletzungen. Manchen fehlte ein Bein, manchen beide Hände, andere waren erblindet. Trotzdem herrschte eine tolle Atmosphäre. Wir empfanden uns als Schicksalsgemeinschaft. Wir waren wie eine große Familie. Alle waren froh, dass der Krieg endlich vorbei war; es herrschte eine unglaubliche Aufbruchsstimmung.

Dann erreichten uns langsam die Nachrichten über das, was Hitler, was Deutschland getan hatte. Wir erfuhren von Auschwitz, von der Judenvernichtung, von all den Gräueltaten. Das war entsetzlich. Es war ein Zusammenbruch unserer ganzen Welt, in der wir bisher gelebt hatten. Es war so grauenhaft, dass wir uns am liebsten nur noch verkrochen hätten. Wie das so lange geheim gehalten werden konnte! Das erscheint den Menschen heute natürlich unglaubwürdig, mir selber auch.

Ende 1945 fuhr ein englischer Lkw im Lazarett vor. Alle Leute, die mal bei der SS gewesen waren, wurden abgeholt. Man erkannte sie an der Narbe an ihrem Arm, dort, wo vorher ihre SS-Nummer eintätowiert war. Was mit denen geschehen ist, weiß ich nicht.

Alle Ärzte und Schwestern mussten angeben, ob sie in der Partei waren. Ich habe ganz ehrlich geschrieben, dass ich hohe Jungmädelführerin war. Kurz darauf bekam ich ein Schreiben, ich sei entnazifiziert. Ich musste zwei Mark und fünfzig zahlen und wurde sofort entlassen.

Ich wurde viele Jahre später mal von einer Psychologin gefragt: Wie haben Sie das eigentlich alles verarbeitet? Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Das sind so neumodische Fragen. Wie soll man das verarbeiten? Die Erlebnisse sind immer lebendig in mir. Und dazu kommt das schlechte Gewissen, dass in unserer Zeit so großes Unrecht begangen worden ist, dass so viele Menschen ermordet wurden.

Man kann diese Zeit heute nicht verstehen. Vielleicht kann man nie rückwärts eine Zeit richtig nachempfinden. Selbst ich habe heute Schwierigkeiten zu verstehen, wie das alles möglich war.