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Fotos von Annemarie Schwarzenbach: Reise in den "Garten des Paradieses"

Abenteurerin Annemarie Schwarzenbach Im Ford bis nach Afghanistan

Weg vom Morphium, weg aus Europa: 1939 fuhr Annemarie Schwarzenbach mit ihrer Freundin Ella Maillart per Auto Richtung Hindukusch. Ihre grandiosen Fotos zeigen die raue Schönheit einer verschwundenen Welt.

Den Plan, von der Schweiz nach Afghanistan zu fahren, fasste Annemarie Schwarzenbach in einer düsteren Phase ihres Lebens. Sie war gerade auf Drogenentzug in einer Klinik in Yverdon, als sie Ende 1938 Besuch von der Genfer Reiseschriftstellerin Ella Maillart erhielt. Beide Frauen verstanden sich auf Anhieb: "Ich lebte auf und fand ein so unerwartetes Echo", notierte Schwarzenbach in ihrem Tagebuch. Wenige Monate später beschlossen sie, zu zweit Richtung Hindukusch aufzubrechen. Mit dem Auto.

Schon zuvor hatte die Zürcher Industriellentochter den Drang verspürt, aus der familiären Enge auszubrechen. Als überzeugte Antifaschistin fand sie es unerträglich, dass ihre Mutter Renée Schwarzenbach offen mit den Nazis sympathisierte. Mit ihrem kurzgeschnittenen dunklen Haar und ihrer knabenhaften Statur trat sie als rebellische Garçonne auf, nicht wie eine junge Frau aus großbürgerlichen Verhältnissen.

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Fotos von Annemarie Schwarzenbach: Reise in den "Garten des Paradieses"

Anfang der Dreißigerjahre stürzte sie sich ins wilde Berliner Nachtleben, verkehrte in Lesbenkneipen und Transvestitenklubs. Annemarie Schwarzenbach war heftig verliebt in Erika Mann, die ihre Leidenschaft nicht erwiderte. Mit Erika und ihrem Bruder Klaus Mann blieb sie aber eng befreundet. Die hochtalentierte Schriftstellerin und Journalistin machte auch erste Bekanntschaft mit Morphium - die Drogensucht sollte sie nie mehr loslassen.

Die "unheilbar Reisende"

Zugleich trieb eine rastlose Neugierde sie immer wieder aus Europa in die Ferne hinaus. Von seelischen Konflikten zerrissen, versuchte Schwarzenbach, die sich selbst als "unheilbare Reisende" bezeichnete, unterwegs ihren inneren Kompass zu finden. Davon handeln zahlreiche Berichte und Fotoreportagen; reale Erlebnisse mischen sich mit Fantasien. 1933 fuhr sie zum ersten Mal nach Persien, wo sie zwei Jahre später den homosexuellen französischen Diplomaten Claude-Achille Clarac heiratete. In nur knapp zehn Jahren schrieb Schwarzenbach etwa 300 Reisereportagen aus Europa, den USA, Asien und Afrika.

Auch Ella Maillart, Tochter eines vermögenden Pelzhändlers, scherte sich wenig um Konventionen: Mit 20 Jahren segelte sie über den Atlantik, wanderte später durch den Kaukasus und besuchte mehrmals die Sowjetunion, Indien und China. 1937 fuhr sie mit dem Bus durch Afghanistan, für eine Rückkehr dorthin fehlte ihr allerdings das Geld. Da Schwarzenbach von ihrem Vater einen neuen Ford geschenkt bekam, stand der gemeinsamen Reise nichts mehr im Weg. Die passionierte Autofahrerin entschied sich für das Modell "Roadster de Luxe" mit 18 PS, das auch extremen Geländefahrten standhalten konnte.

Um die abenteuerliche Fahrt durch den Balkan, die Türkei und Persien bis nach Afghanistan und Britisch-Indien zu finanzieren, schlossen die beiden Frauen Verträge mit einer Schweizer Presse- und Fotoagentur, einem Buchverlag und mehreren Zeitungen, die ihnen Vorschüsse zahlten. Im Gepäck hatten sie Schreibmaschinen, Fotoapparate und eine Filmkamera. Schwarzenbach plante auch, sich an Ausgrabungen der "Délégation Archéologique Française en Afghanistan" zu beteiligen.

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Schwarzenbach, Annemarie

Orientreisen: Reportagen aus der Fremde (blue notes)

Verlag: Ebersbach & Simon
Seitenzahl: 141
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Ihr gehe es nicht darum, Abenteuer zu erleben, schrieb Schwarzenbach in einem Bericht. Sie sehne sich nach einer "Atempause, in Ländern, wo die Gesetze unserer Zivilisation noch nicht galten und wo wir die einzigartige Erfahrung zu machen hofften, dass diese Gesetze nicht tragisch, nicht unumgänglich, unumstößlich, unentbehrlich seien".

Zwei Frauen allein, keine Schusswaffen

Am 6. Juni 1939 starteten die Freundinnen von Genf aus, meist saß Schwarzenbach am Steuer. Sie machte auf der Reise Fotos, Maillart filmte. In ihrem Buch "Alle Wege sind offen" beschreibt Schwarzenbach ihre Impressionen von fremdartigen Landschaften, etwa den Steppen Afghanisch-Turkestans, vom imposanten Hindukusch oder vom Khyber-Pass. Im Hochtal von Bamian bewunderte sie die überlebensgroßen Buddha-Statuen, die viele Jahre später die Taliban zerstörten.

Menschen, die nach europäischem Maßstab in archaisch anmutenden Welten lebten, nahmen die Schweizerinnen gastfreundlich auf. "Während man mir Brot und ein Schälchen ungesüßten Tee anbot, umringte mich Jung und Alt, die Kinder staunten mich an", schrieb Schwarzenbach. Auch ohne Dolmetscher seien sie gut zurechtgekommen und hätten nirgendwo ihre Ausweise vorzeigen müssen.

Irgendwo im Nirgendwo: Sitzende Frau mit Kind (ca. 1939 im afghanischen Chahar Shanbeh)

Irgendwo im Nirgendwo: Sitzende Frau mit Kind (ca. 1939 im afghanischen Chahar Shanbeh)

Foto: Schweizerische Nationalbibliothek, SLA-Schwarzenbach-A-5-20/013

Vermutlich befuhren die beiden Abenteurerinnen als erste Frauen mit dem Auto die afghanische Nordroute von Herat nach Kabul. Ohne Schleier sorgten sie überall für Aufsehen. Nur Nomadinnen zeigten ihre Gesichter, andere Afghaninnen blieben hinter dem Tschador unsichtbar. Bei Begenungen warnten Briten sie eindringlich vor Sicherheitsgefahren - Schwarzenbach blieb unbeeindruckt: "Dennoch sind wir, zwei Frauen allein, ohne Boy und Chauffeur, ja sogar ohne Gentlemen, dort unterwegs gewesen. Wir besaßen keine eisgekühlten Bierflaschen, keine Schusswaffen."

In einem Brief schrieb Schwarzenbach, sie sehe sich "am Rand der bewohnten Welt" angekommen. Doch selbst dort begann die westliche Zivilisation Spuren zu hinterlassen: "Weder in der Türkei, noch in Persien, noch etwa in den sowjetrussischen Kaukasusländern habe ich den sicht- und greifbaren Einbruch eines neuen, mit der westlichen Technik zusammenhängenden Lebensstils als so bitter, so vernichtend empfunden wie in Afghanistan."

"Himmelschreiende Not, himmelschreiende Angst"

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konfrontierte die beiden Reisenden in Kabul mit der politischen Realität in Europa, der sie eigentlich entfliehen wollten. Im Herbst 1939 mussten sie ihre Reisepläne ändern. Afghanistan unterhielt damals enge Beziehungen zum Hitler-Regime und zu den Achsenmächten Italien und Japan. Die Wehrmacht hatte Armee, Polizei und Geheimdienst des Landes neu organisiert. Agrarsektor, Industrie und Straßenbau wurden im Wesentlichen von Deutschland unterstützt. Dennoch erklärte die Regierung bei Kriegsbeginn ihre Neutralität.

Schwarzenbach, die mit einem französischen Diplomatenpass reiste, konnte sich nur noch bis Oktober 1939 an archäologischen Ausgrabungen beteiligen. Und Maillart musste ihren Traum aufgeben, in die abgelegene Region Nurestan zu fahren. "Jetzt trifft es einen jeden von uns", schrieb Schwarzenbach. "Und mir ahnt die Unterscheidung zwischen Hitlers grausiger Rolle - und Gottes Schatten über uns."

Erneut verfiel Schwarzenbach den Drogen, ihre Sucht wurde für Maillart zur schweren Belastungsprobe. Im Oktober 1939 trennten sich die Wege der Reisegefährtinnen. "Sie hat das Leben verdient. Ich befreie sie von mir", notierte Annemarie Schwarzenbach. Während es Maillart nach Südindien zog, fuhr Schwarzenbach mit französischen Archäologen nach Turkestan im Norden, um vom Rauschgift loszukommen. Der Aufenthalt wurde zur Strapaze: "Himmelschreiende Not, himmelschreiende Angst, keine Antwort", ist in ihrem Tagebuch zu lesen.

Im Januar 1940 sahen sich die beiden Frauen ein letztes Mal, bevor Annemarie Schwarzenbach per Schiff Europa erreichte und dann die USA ansteuerte. Wegen ihrer Morphiumsucht und Depressionen kam sie in New York in psychiatrische Behandlung und versuchte mehrmals, sich das Leben zu nehmen.

Im Sommer 1942 kehrte sie in die Schweiz zurück. Bei einem Fahrradsturz in Sils Maria verletzte Schwarzenbach sich so schwer am Kopf, dass sie am 15. November 1942 an den Unfallfolgen starb, mit erst 34 Jahren. Was von ihr bleibt, sind eindringliche Reisebeschreibungen - und grandiose Fotos aus einem Land, das es so nicht mehr gibt.