Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland "Zeigt euer Jüdischsein"

Wie weiter nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle? Die US-amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt über jüdisches Leben in Deutschland und den neuen Antisemitismus, der das gesellschaftliche Klima vergiftet.
Die Tür zur Synagoge in Halle (13. Oktober 2019)

Die Tür zur Synagoge in Halle (13. Oktober 2019)

Foto: Hendrik Schmidt/ DPA
Zur Person
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Deborah Lipstadt (Jahrgang 1947) ist eine weltweit bekannte Forscherin und Verfasserin eines Standardwerks zur Holocaust-Leugnung. Die Expertin für Antisemitismus lehrt an der Emory University in Atlanta. Der SPIEGEL traf sie am Rande eines Vortrags im hessischen Bad Homburg.

SPIEGEL: In Deutschland kommt es immer wieder zu antisemitischen Attacken auf offener Straße, in Schulen oder U-Bahnhöfen. Im Oktober entging die jüdische Gemeinde in Halle nur knapp einem Massaker. Wie ist diese Judenfeindlichkeit zu erklären?

Lipstadt: Das ist radikaler Antisemitismus, eine uralte, aus der Antike stammende Form des Hasses. Er war zunächst christlich-religiös motiviert, hat sich über die Jahrhunderte aber verweltlicht und den zeitlichen Gegebenheiten angepasst. Antisemiten denken beispielsweise, alle Juden seien wohlhabend, auf eine gefährliche Art klug und über die Maßen mächtig. Es sind tiefsitzende, irrationale Stereotype.

SPIEGEL: Der Attentäter von Halle offenbarte nach der Festnahme seinen Glauben an eine jüdische Weltverschwörung.

Lipstadt: Solche Rechtsextremen sind häufig Verschwörungstheoretiker. Sie glauben unter anderem an einen groß angelegten Plan, wonach die weiße Bevölkerung Europas durch nicht-weiße Migranten ersetzt und damit eliminiert werden solle. Dahinter sehen sie jüdische Strippenzieher, zum Beispiel den US-amerikanischen Milliardär George Soros.

SPIEGEL: Welche Formen des Judenhasses gibt es noch?

Lipstadt: Antisemitismus existiert auch auf der linken Seite. Hier äußert er sich etwa durch eine obsessive Israelkritik. Damit meine ich nicht, dass man die Politik Israels nicht kritisieren dürfte. Linker Antisemitismus beinhaltet aber zugleich starke antijüdische Komponenten, zum Beispiel die Vorstellung von Juden als einer reichen, gesellschaftlich überlegenen Klasse. Eine weitere Form des Judenhasses ist der radikal-islamistische. Und auch in Teilen der gemäßigten muslimischen Community in Deutschland gibt es Antisemitismus, der aber nicht notwendigerweise extremistisch ist.

SPIEGEL: Heute leben in Deutschland ungefähr 200.000 Juden. Was raten Sie jüdischen Menschen, die sich der Bedrohung antisemitischer Übergriffe ausgesetzt sehen?

Lipstadt: Ich hoffe, die Juden in Deutschland lassen sich nicht einschüchtern und tauchen nicht ab. Zu mir kamen Bekannte und erzählten, sie hätten ihre Kinder gebeten, keine Halskette mit einem Davidstern mehr zu tragen. Ich würde ihnen den Ratschlag geben: Zeigt euer Jüdischsein! Aber ich habe leicht reden, ich laufe nicht mit einer Kippa die Straße entlang. Und außerdem kann ich ja morgen mit dem Flugzeug wieder nach Hause fliegen.

SPIEGEL: Verändert Antisemitismus das jüdische Selbstverständnis?

Lipstadt: In der heutigen Zeit ist es für Juden eine der größten Herausforderungen, Antisemitismus und Judenhass nicht zu einer Art Leitmotiv ihrer jüdischen Identität zu machen - sich also nicht über die Gegnerschaft der anderen zu definieren, sondern aus dem eigenen Glauben heraus.

SPIEGEL: Was kann die Politik tun, um die Situation für jüdisches Leben in Deutschland zu verbessern?

Lipstadt: Die Politikerinnen und Politiker müssen Judenhass sehr ernst nehmen, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Staaten wie den USA, Großbritannien oder Frankreich. Antisemitismus ist eine Verschwörungstheorie und als solche nicht nur eine Bedrohung für die jüdischen Bevölkerungsteile, sondern auch für das demokratische System insgesamt. Denn genauso gut könnte man behaupten: Die Justiz sei bestechlich, die Presse korrupt, die Regierung käuflich. Das ist nicht gesund für die Demokratie.

SPIEGEL: Seit der Jahrtausendwende nimmt Judenhass Statistiken zufolge international zu. Welche Erklärungen gibt es dafür?

Lipstadt: Einer der Hauptgründe ist das Internet. Als ich Ende der Achtzigerjahre damit begann, mich wissenschaftlich mit dem Phänomen der Holocaustleugnung zu befassen, war es schwer, an Material aus der Szene zu kommen. Heute muss ich nur den Computer anmachen und in eine Suchmaschine die Schlagworte Auschwitz, Gas oder Anne Frank eingeben. Man findet schnell Seiten, auf denen der Holocaust geleugnet wird. Es ist so einfach wie nie zuvor.

SPIEGEL: Im Jahr 2000 gewannen Sie einen viel beachteten Prozess gegen den britischen Holocaustleugner David Irving. Welche Motive haben solche Menschen?

Lipstadt: Wenn Sie einen Holocaustleugner fragen, warum die Juden so etwas wie die Shoah erfinden sollten, wird er unter anderem antworten: Die Juden hätten auf diese Weise viel Geld von Deutschland erhalten. Außerdem sei ihnen ein Staat im Nahen Osten gegeben worden. Man bekommt außerdem klassische antisemitische Klischees zu hören, etwa dass alle Juden manipulativ und habgierig seien. Holocaustleugner sind also einerseits Antisemiten im klassischen Sinne. Andererseits sind sie große Anhänger der NS-Ideologie, Hitlers und Nazideutschlands.

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Lipstadt, Deborah

Der neue Antisemitismus

Verlag: Berlin Verlag
Seitenzahl: 304
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SPIEGEL: Die Relativierung der deutschen Schuld erlebt hierzulande seit einiger Zeit eine Renaissance. Haben die Deutschen genug Lehren aus ihrer Geschichte gezogen?

Lipstadt: Ich bin überzeugt, dass die jetzige Bundeskanzlerin Angela Merkel die Geschichte voll und ganz verstanden und ihre Lehren daraus gezogen hat. Es gibt in Deutschland aber auch viele Menschen, die sagen: Genug davon, wir haben das nun alles gehört und dafür gezahlt. Doch wenn dein Land der Ursprung eines solchen Massenmordes war, dann ist das eine ziemlich ernste Sache, mit der man sich auseinandersetzen muss.

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