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Anton Walter Freud: Nazijäger – eine Reise in die Finsternis

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Ida Fairbairn / Freud Family

Flüchtling, Fallschirmjäger, Agent Wie der Enkel von Sigmund Freud zum Nazijäger wurde

Für die britische Justiz brachte Anton Walter Freud NS-Verbrecher vor Gericht – auch die Täter, die kurz vor Kriegsende 20 Kinder ermordeten. Ein neues Doku-Drama zeigt, wie ihm das gelang.
Von Michael Kloft

Irgendwo in Deutschland, 24. Juli 1946: Ein Auto der britischen Besatzungsmacht überschlägt sich aus ungeklärten Umständen. Der Fahrer ist allein und wird verletzt in ein Militärkrankenhaus gebracht. Sein Name: Major Anton Walter Freud, geboren am 3. April 1921 in Wien. Der Enkel des weltberühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud hat eine Sondererlaubnis erhalten, in Nürnberg an den Verhandlungen gegen die Hauptkriegsverbrecher des Naziregimes teilzunehmen.

Eigentlich möchte er mit eigenen Augen sehen, wie die Alliierten dieses Großereignis organisieren und Naziführern wie Hermann Göring, Joachim von Ribbentrop und Albert Speer den Prozess machen. Freud fahndet damals schon seit fast einem Jahr als Mitglied der britischen »War Crimes Investigation Unit« nach möglichen Angeklagten, die von der britischen Justiz im Hamburger Curio-Haus vor Gericht gestellt werden sollen: mitleidlose Täter in Nadelstreifen, brutale SS-Schergen und erbarmungslose Ärzte, die medizinische Experimente an Kindern durchführten.

Diese Mission, die den 25-Jährigen an den Rand eines psychischen Zusammenbruchs bringen wird, ist Thema des von SPIEGEL TV aufwendig produzierten Doku-Dramas »Nazijäger – Reise in die Finsternis« (16. Januar 2022 um 21.45 Uhr im Ersten).

Anders als im Fall der Nürnberger Prozesse, die von Stenografen, Kamerateams, Radiotechnikern und Journalisten aus aller Welt dokumentiert wurden, lässt sich die aufreibende Arbeit der britischen Nazijäger fast ausschließlich nur aus Akten aus Archiven in London und Hamburg rekonstruieren. Schockiert angesichts des unfassbaren Grauens, das die Soldaten ihrer Majestät bei der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen  im April 1945 zu Gesicht bekamen, beschloss die Regierung, dass diese Verbrechen nicht ungesühnt bleiben dürfen.

»Ich will, dass die Deutschen wissen, ein Freud kommt zurück.«

Fallschirmjäger Anton Walter Freud zu seinem berühmten Namen

Anfang Mai '45: Zur Unterstützung britischer Staatsanwälte werden des Deutschen mächtige, zumeist jüdische Emigranten aus England abkommandiert – zunächst als Übersetzer, später auch als Ermittler. Zu dieser Zeit feiert man Anton Walter Freud in seiner neuen Heimat als Kriegsheld. Im Alleingang hat er bei einem tollkühnen Einsatz als Fallschirmjäger einer Eliteeinheit den Flughafen Zeltweg in der Steiermark befreit. Den berühmten Namen hat er nie anglisiert, um bei Gefangennahme seine Herkunft abstreiten zu können: »Ich will, dass die Deutschen wissen, ein Freud kommt zurück.«

Wie sein Großvater möchte er die Welt erobern, doch der geniale Pionier in der Erforschung des Unbewussten nimmt kaum Notiz von seinem Enkel: »Er war nicht der Typ, mit dem man diskutieren konnte, denn man war viel zu sehr von Ehrfurcht ergriffen.« Über Sexualität wird in der Familie nicht gesprochen – und auch nicht über Antisemitismus.

Das ändert sich 1938. Die Nazis marschieren durch Wien, verwüsten jüdische Wohnungen und Geschäfte. Sigmund Freud kann dank einflussreicher Gönner nach England entkommen, mit seinem 17 Jahre alten Enkel im Schlepptau. Nach dem Tod des Großvaters und der Internierung als »feindlicher Ausländer« zu Beginn des Zweiten Weltkriegs darf Anton Walter Freud die Ausbildung in einer Spezialeinheit von Emigranten aus Österreich beginnen.

Zyklon B – der »Händler des Todes«

»Er ist extrem intelligent und verfügt über alle physischen Voraussetzungen für die Aufgabe«, heißt es in seiner Personalakte, »allerdings verabscheut er Disziplin, was sich inzwischen verbessert hat. Er wird von Nutzen sein.«

Seine Vorgesetzten sehen das im Sommer 1945 offenbar immer noch so und versetzen ihn ins besetzte Deutschland, um Naziverbrecher zu jagen. Von Anfang an ist er besessen von dieser Aufgabe. Ein Regimentskamerad: »Wenn er das Gefühl hatte, er muss was tun, tat er es.«

Genau hier setzt das Doku-Drama von Raymond Ley ein. Freud hat allen Grund, die Deutschen zu hassen. Doch viel mehr verachtet er diese Menschen, denen es nur um Wohnung und Essen geht. Und die so offensichtlich kein Interesse an der Strafverfolgung der Mörder haben.

Freud ist ein akribischer Ermittler, er will die furchtbare Wahrheit bis ins letzte Detail aufklären und die Täter vor Gericht bringen: Recht vor Rache. Dabei ist er erfolgreich. Sein erster Fall ist die Hamburger Firma Tesch & Stabenow, die das Blausäuregas »Zyklon B« vor allem in die Gaskammern von Auschwitz geliefert hat. Tonnenweise. Der Geschäftsführer Bruno Tesch bestreitet energisch, vom Zweck seiner Ware gewusst zu haben. Es sei doch nur um Entlausungen gegangen, behauptet er. Freud findet jedoch Dokumente und Aussagen, die den arroganten »Händler des Todes« 1946 an den Galgen bringen.

»Alles unscheinbare kleine Leute, denen man überall begegnen kann«

Anton Walter Freud über die SS-Männer von Neuengamme

Später notiert er in einem Bericht, dass die vier Schwestern von Sigmund Freud, die 1938 in Wien zurückbleiben mussten, in den Todeslagern ermordet wurden – »mit demselben Zyklon-B-Gas, dessen Lieferanten mit meiner Hilfe, ihres Großneffen, auf die Anklagebank gekommen sind. Ich bin sicher, Großvater hätte das gebilligt.«

Tesch & Stabenow haben »Zyklon B« 1942 auch ins nahegelegene Hamburger KZ Neuengamme geliefert. 448 sowjetische Kriegsgefangene fielen Versuchen mit dem Gas zum Opfer. Die Geschichte des Lagers steht ab Herbst 1945 im Fokus der britischen Ermittler, um die verantwortlichen SS-Männer vor Gericht zu bringen. »Alles unscheinbare kleine Leute, denen man überall begegnen kann, ohne zu ahnen, was sie getan haben«, wird Freud später in einem seiner seltenen Interviews sagen.

Überlebende Häftlinge sagen aus, dass kurz vor Kriegsende 20 jüdische Kinder nachts mit einem Lkw aus dem Lager gebracht wurden – zehn Mädchen und zehn Jungen im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren. Die Täter versuchten vergeblich zu vertuschen, dass der SS-Arzt Kurt Heißmeyer sie zu bestialischen Menschenversuchen missbraucht hatte.

Die grausigen Morde vom Bullenhuser Damm

Zu den Opfern, denen im Doku-Drama beeindruckende Kinderdarsteller ein Gesicht geben, gehört der erst sieben Jahre alte Sergio de Simone aus Italien. Zusammen mit seiner Mutter und weiteren Familienmitgliedern war er einige Monate zuvor nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dann in Neuengamme in die Kinderbaracke eingepfercht worden, gemeinsam mit seinen beiden Cousinen. Andra und Tatiana Bucci haben das Unbegreifliche überlebt und das Team von Regisseur Raymond Ley im Sommer 2021 an die Originalschauplätze begleitet, um sich an ihre Kindheit inmitten des millionenfachen Sterbens und an den Abschied von Sergio zu erinnern.

Im Jahr 1946 kennt Anton Walter Freud die Namen und Herkunft der 20 ermordeten Kinder noch nicht. Er ist entschlossen, die ganze Wahrheit herauszufinden. Heißmeyer ist verschwunden, doch Freud findet Alfred Trzebinski und verhört ihn. Von deren Schicksal wisse er nichts, behauptet der KZ-Standortarzt. Doch die Nazijäger erfahren in Verhören von beteiligten SS-Schergen nach und nach die unfassbaren Details.

Freud lässt nicht locker, bis er herausfindet, was genau am 20. April 1945 im Keller der Hamburger Schule am Bullenhuser Damm geschehen ist. Doch all das Grauen droht ihn zu zerbrechen. Das Wissen um die Brutalität, zu der Menschen fähig sind, will er nicht mehr ertragen. Er bittet um seine Versetzung. Dann geschieht der Autounfall, von dessen Folgen sich Freud rasch erholt. Im September 1946 wird er aus der britischen Armee entlassen und kehrt nach England zurück: »Ich habe genug vom Krieg gehabt. Ich wollte studieren und mein Leben wirklich anfangen.«

Er arbeitet als chemischer Ingenieur, heiratet und bekommt drei Kinder. Obwohl ihn die Familie auffordert, alle seine Erinnerungen aufzuschreiben, wird er die Geschichte der 20 Kinder bis zu seinem Tod 2004 nie wieder erwähnen.

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Lisa Knauer

Michael Kloft (Jahrgang 1961) arbeitet seit 1995 bei SPIEGEL TV und ist Geschäftsführer und Programmdirektor beim Sender SPIEGEL Geschichte. Der Autor, Regisseur und Produzent hat zahlreiche Dokumentationen veröffentlicht, vor allem zum Zweiten Weltkrieg und zum Nationalsozialismus, und ist Produzent des Films »Nazijäger – Reise in die Finsternis«.