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Sportfest im All: »Ich war nah dran, mich auf dem Mond umzubringen«

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Golf, Grand Prix, Speerwerfen auf dem Mond »Der Ball flog Meilen und Meilen und Meilen«

Wer Donald Trump auf den Mond schießen will, könnte ihm einen Gefallen tun: Dort spielten Astronauten vor 50 Jahren Golf. Später maßen sie sich gar in einer Mond-Olympiade – beinahe mit tödlichem Ausgang.

Ideal waren die Bedingungen nicht gerade für Alan Shepard an diesem 6. Februar 1971. Von einem gepflegten, sattgrünen Rasen sah er hier, auf dem staubgrauen Mond, keine Spur. Er steckte in einem sperrigen Raumanzug. Darunter können beim Golfen Schlagtechnik und Präzision arg leiden.

135 Stunden, acht Minuten, drei Sekunden war die »Apollo 14«-Mission alt und steuerte nun auf ihren inoffiziellen Höhepunkt zu: US-Astronaut Shepard blickte in die Kamera und sprach zur Zentrale in Houston. Er halte in seiner rechten Hand eine Stange, eigentlich für Bodenproben gedacht, daran habe er einen »zufällig« mitgenommenen Golfschlägerkopf befestigt – ein »echtes Sechsereisen«. Und weiter:

»In meiner linken Hand habe ich ein kleines weißes Kügelchen, das Millionen Amerikanern bekannt ist. Ich lasse es nach unten fallen.«

Der Golfball plumpste in den Mondstaub. Entschuldigend fügte Shepard hinzu, sein Raumanzug sei so steif, dass er nicht mit beiden Händen schlagen könne. Dann holte er einhändig aus – daneben.

»Hab mehr Dreck als den Ball getroffen«, sagte Shepard gut gelaunt. »Also noch einmal!« Diesmal kullerte der Ball etwas Richtung Kamera. Aus Houston kommentierte Verbindungssprecher Fred Haise ironisch: »Sah für mich nach einem Slice aus«, also nach einem ungünstig getroffenen Ball.

»Los geht's«, sagte Shepard weiter unverdrossen. »Schnurstracks. Noch einen.« Es folgte laut Funkprotokoll des »Lunar Surface Journal«  eine 17-sekündige Pause.

Trotz der Fehlschläge hatte Shepard schon jetzt Geschichte geschrieben. Kein Mensch hatte je versucht, auf dem Mond zu golfen. Warum auch?

Der dritte und vierte Schlag saßen

Schon einmal hatte Shepard eine historische Mission erfüllt, damals eine ernsthafte: Als erster Astronaut war er am 5. Mai 1961 beim »Mercury Redstone 3«-Flug 185 Kilometer hoch in den Weltraum aufgestiegen. »Was für ein Ritt«, sagte er. Ärgerlich nur, dass Wochen zuvor schon Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch ins All gestartet war und gleich einmal die Welt umrundete, statt dort nur ein paar Minuten zu verweilen wie Shepard. Die Sowjets belächelten daher Shepards »Weltraumhüpfer«, der bald in Vergessenheit geriet.

Nun aber machte sich Shepard, mit 47 Jahren schon ein Senior unter den Astronauten, unsterblich. Golfenthusiasten konnten später Plastiken des Mondgolfers erwerben. Denn der dritte und der vierte Schlag saßen.

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»Miles and miles and miles«, rief Shepard und meinte wohl scherzhaft die Flugweite des Balls. Eine solche Übertreibung würde man eher Golfschummler Donald Trump  zutrauen, denn es waren wohl nur etwa 200 Meter. Theoretisch wäre aber ein meilenweiter Flug wegen der fehlenden Atmosphäre (und damit fehlender Reibung) und der geringeren Schwerkraft möglich gewesen.

»Sehr gut, Al«, lobte aus Houston Fred Haise. Und erlebte nur zwölf Minuten später das nächste Sportevent: Shepards Kollege Edgar Mitchell übte sich mit einer ausgedienten Stange im Speerwurf.

»Das wird der Wurf des Jahrhunderts«, feuerte ihn Shepard vorher an. Mitchell blieb bescheiden: »Werden wir sehen, ob das so ist.« Die Stange flog und landete dicht neben einem der Golfbälle. »Außergewöhnlich! Genau in der Mitte des Kraters«, lobte Shepard. Mitchell: »War gar nicht so schlecht.«

»Ich bin ein echter Gewinner im Hammerwurf«

Diese fast kindliche Freude inspirierte Kollegen. Nur ein Jahr später planten Charles Duke und John Young im Zuge der »Apollo 16«-Mission ein Sportfest: Im Olympiajahr 1972 sollte es eine Mond-Olympiade sein.

Charlie Duke eröffnete die Spiele recht unvermittelt beim ersten Außeneinsatz. »Ich gehe für die Olympiade raus«, sagte er laut Funkprotokoll. »Ich habe gerade die kleine Tragestange ... – die krumme – etwa 200 Meter weit geschleudert, wie es aussah. Hier kommt die andere. Ich bin ein echter Gewinner im Hammerwurf.« Sein Lohn: ein eigener, kleiner Krater.

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Die nächste Disziplin tauften die Astronauten »Grand Prix« . John Young sollte das Mondmobil testen und eine kurvenreiche Runde fahren. Das hatte schon das Team von »Apollo 15« gemacht, da versagte aber die Kamera.

Diesmal filmte Duke und besprach vorher mit Young den Kurs. Als es losging, staunte er: »Mann, du springst ja ganz schön!« Und das bei etwa zehn Kilometern pro Stunde. Für das Lunar Rover Vehicle war das rasant; den Geschwindigkeitsrekord stellte auf abschüssiger Piste später »Apollo 17«-Astronaut Eugene Cernan auf: 18 km/h.

Wie ein Sportreporter beim legendären Autorennen Indy 500 in Indianapolis schilderte Duke die Fahrt:

»Er hat etwa zwei Räder auf dem Boden. Hinter allen vier Rädern ist eine große Staubwolke. Sobald er eine Kurve fährt, kommt er ins Schleudern. Das Heck bricht aus, genau wie auf Schnee. ... Mann, so einen Fahrer hat Indy noch nie gesehen. Er macht scharfe Kurven. Hey, das war ein guter Stopp.«

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Nach einer Sportpause war für das Ende des dritten Außeneinsatzes geplant, dass er einen Hochsprung und Young einen Weitsprung machen sollte, erzählte Duke später. Es kam anders.

Man werde nun »einen Haufen Übungen« einer »Mond-Olympiade« vorführen, erklärte Young. Sie wollten beweisen, was man hier alles leiste – trotz des schweren Rucksacks. Young begann, aus dem Stand zu hüpfen. »Etwa vier Fuß«, kommentierte Duke, 1,20 Meter. Nun war er dran. Im Rückblick wurde es die gefährlichste Situation der ganzen Mission, wie Duke in seinem Buch »Moonwalker« und 2019 im SWR-2-Interview  berichtete:

»Ich wog dort nur 27 Kilogramm und konnte richtig gut springen. Aber leider wog das Lebenserhaltungssystem, das ich auf dem Rücken trug, genauso viel wie ich. Als ich sprang, schnellte ich in die Höhe und überschlug mich dann rückwärts. Das machte mir ziemlich viel Angst, denn der Rucksack hatte keine richtig harte Schale – und wenn der kaputtgeht, bin ich tot.«

»Ich war nahe dran, mich auf dem Mond umzubringen«

Das System im Rucksack regelte etwa die Versorgung mit Sauerstoff. Gerade noch konnte Duke den Sturz etwas seitlich mit Hand und Fuß abfedern:

»Ich lag flach auf dem Rücken, und mein Herz pochte. ... Dann beruhigte ich mich langsam, denn ich konnte hören, wie die Pumpen liefen, der Druck war normal, alles schien okay. Ich war nahe dran gewesen, mich selbst auf dem Mond umzubringen.«

Eine Kamera fing die Beinahekatastrohe ein, die Nasa-Transkripte lassen die Dramatik erahnen. Young rief entsetzt »Charlie!«, eilte zum Kollegen, half ihm hoch und sagte: »Das war nicht besonders clever.« Duke antwortete reumütig: »Tut mir leid.«

Show must go on? Nicht auf dem Mond. Die Spiele waren vorbei. Schließlich hatte das Team fast 100 Kilogramm Gestein gesammelt und alles akribisch dokumentiert. Das wollten sie nicht gefährden. Vor dem Rückflug bewegte Duke seine Landsleute noch mit einem Familienfoto – er ließ es zurück auf dem Mond, auf dem er fast selbst zurückgeblieben wäre.

Außerirdischer Golfsport machte erst Jahrzehnte später erneut Schlagzeilen. Bei einem Außeneinsatz 2006 auf der Raumstation ISS schoss der Russe Michail Tjurin einen ultraleichten Golfball ins All; ein Werbegag für einen Golfausstatter. Auch Tjurin hatte Schwierigkeiten mit Balance und Einhandtechnik, lobte dann aber den eigenen »exzellenten Schlag«.

Nach Nasa-Berechnungen konnte der Ball etwa drei Tage fliegen und dabei 48 Mal die Erde umrunden, bis er nach 1,6 Millionen Kilometern in der Erdatmosphäre verglühte – weit mehr als die »Meilen und Meilen«, von denen Alan Shepard 1971 träumte.