Fotostrecke

Zehn Jahre Apple-Smartphone: Happy Birthday, iPhone!

Foto: GABRIEL BOUYS/ AFP/Getty Images

Zehn Jahre Apple-Handy Geständnisse eines iPhone-Junkies

Am 29. Juni 2007 kam das erste iPhone auf den Markt. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke erinnert sich an den Hype - und die Sucht, die dem bald folgte.

Mein Tag beginnt mit Twinkle. So heißt der sanfte Weckton meines iPhones. Er hört sich an wie ein kleines Kind, das auf einem Xylophon herumübt - ein halbwegs erträglicher Klang, der einen nicht allzu rüde aus dem Schlaf holt.

Das Kind übt acht Sekunden lang. Ich greife nach dem iPhone, werfe einen müden Blick auf die neuen E-Mails, scrolle durch Facebook und Instagram, beantworte blind eine SMS und scanne die Top-Schlagzeilen und Tweets, darunter meist mehrere Frühtiraden von Donald Trump. Dann stehe ich auf.

Im Bad kalauert mich eine Live-Radio-App vollends wach, beim Frühstück checke ich den Kalender, das Wetter und die digitale "New York Times", im Hausflur prüfe ich die U-Bahn-Verspätungslage und ändere notfalls meine Route, um schließlich auf dem Weg ins Büro in Musik zu versinken.

90 Minuten, 14 Apps, ein Gerät. Was wäre der Morgen, der Tag, das Dasein ohne Smartphone? In meinem Fall: ohne iPhone, mit dem vor zehn Jahren alles begann. Als Apple am 29. Juni 2007 sein "revolutionäres und magisches Produkt" in den Handel hypte, ahnte kaum einer, wie revolutionär das wirklich werden würde. So revolutionär, dass wir die Magie längst gewohnt sind. Touchscreen? Wie mondän. Telefonieren? Wie retro.

Ich besitze mein iPhone nicht - mein iPhone besitzt mich. Es steuert mein Leben. Immer da, in der Hand, in der Hosentasche, im Hinterkopf. Meine Interaktionen laufen meist übers iPhone oder beginnen dort, mein Job, mein Haushalt und meine Freundschaften wären ohne nicht denkbar. Smartphone-Nutzer, habe ich neulich gelesen, gucken 110-mal am Tag drauf. Amateure!

Sechseinhalb Stunden anstehen für ein Smartphone

Ja, ja, schlimm. Unsozial. Ungesund! Auch dafür gibt's eine App: Sie schaltet das iPhone ab, wenn man es länger nutzt als eine selbstbestimmte Zeit. "Leg dein Phone weg!", lautet der Slogan, doch dazu muss man die App erst mal laden, für 3,99 Dollar. Ich habe drauf verzichtet. Süchtige haben keine Willenskraft.

Steve Jobs - R.I.P. - hat's geschafft: Zehn Jahre später sind wir Junkies. Cupertino Crack nennen sie es, nach Apples Heimatort im Silicon Valley, unserem Tal der Puppen. Smartphone-Sucht ist eine reale Diagnose, die, so "Psychology Today", zu Depressionen, Angstzuständen und Panikattacken führt. Es gibt Therapiegruppen und Placebo-Geräte, Attrappen aus leerem Plastik. "Klo-resistente Surrogate", zehn Dollar im Ausverkauf: "Immer was im Griff!"

Fotostrecke

Zehn Jahre Apple-Smartphone: Happy Birthday, iPhone!

Foto: GABRIEL BOUYS/ AFP/Getty Images

So unschuldig war die Welt vor dem iPhone. Die Weltfinanzkrise war da noch eine US-Immobilienkrise, ein Senator namens Barack Obama bewarb sich um die Präsidentschaftskandidatur, Harry Potters Schicksal war offen. Mein PDA war ein BlackBerry 7130e mit Mini-Schirm und noch winzigeren Tasten.

Wie Millionen andere stand ich Schlange fürs erste iPhone. Sechseinhalb Stunden, auf einem heißen Gehweg in Manhattan. TV-Crews filmten uns, Passanten spendeten Proviant, Gerüchte und Hiobsbotschaften verursachten Nervenkoller. "Keine 8-Gigabyte-Modelle mehr!" Was waren Gigabytes?

80 Seiten Telefonrechnung

Dann hielt ich es in der Hand, ein Fühlstein von einem anderen Stern. 136 Gramm für 499 Dollar. Mein erstes Statusobjekt seit dem Sony-Discman.

Alles war so neu. Gut, der Browser hinkte, der App-Store würde erst 2008 kommen, der Speicherplatz reichte für ein paar Fotos und zwei Folgen der damals populärsten TV-Serie "Desperate Housewives". Doch ich schaute nie zurück.

Auch wenn ich schon nach einer Woche desillusioniert war. "Das iPhone kann mehr, als man denkt, aber weniger, als man sich wünscht", schrieb ich schnöde, so schnell verwöhnt. Keine Umlaute! Kein Cut-and-Paste! Die Wegbeschreibungen führten in Sackgassen oder mitten in den Hudson River!

Dann lag die erste Rechnung im Briefkasten. 80 eng bedruckte Seiten, aneinandergelegt 9,20 Meter lang und unterzeichnet mit der absurden Öko-Parole: "Vielen Dank, dass Sie uns geholfen haben, der Umwelt zu dienen."

Meine aktuelle iPhone-Rechnung hat nur noch 30 virtuelle Seiten. Trotzdem enthält sie weiter so obskure Gebühren wie "County Gross Receipts Surcharge", "Federal Universal Service Charge", "MTA Telecom Surcharge", "Regulatory Cost Recovery Charge", "State Telecommunications Excise Surcharge" sowie fünf Steuern. Nur eine Gebühr sagt mir was: Die "MTA Telecom Surcharge" dient angeblich unter anderem dem Unterhalt des 113-jährigen New Yorker U-Bahn-Systems, das zurzeit täglich zusammenbricht.

Gefangen in der Konsummühle

Inzwischen bin ich bei meinem fünften iPhone, einem verkratzt-verbeulten 6S, das nach einem Upgrade lechzt. Manchmal stirbt es, wenn die Batterie noch Saft hat, manchmal wird es so heiß wie eine Wärmeflasche. Alle Modelle benötigten neue Kopfhörer, neue Schutzhüllen, neues Dies und Das. Alles sicher eine Verschwörung von Apple, um einem endlos neue Produkte aufzunötigen.

Mir wurden iPhones geklaut und gehackt, ich habe mehrmals alle Daten verloren und gelegentlich einige wiederbekommen. Ich verfluche es wie ein Alkoholiker die Flasche, doch wenn ich zum Android wechseln würde, würde ich ja nur die Flasche wechseln, nicht den Fusel, und es sind sowieso alles iPhone-Abklatsche.

Also werden meine Tage auch weiter mit dem Xylophon-Kind beginnen, bis ich einen der 51 anderen eingebauten Wecktöne wage. Apple verkaufte im ersten Quartal 2017 mehr als 78 Millionen iPhones, so viele wie nie. Zum Jubiläum soll es wieder mal ein "radikal" neues geben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.