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Thomas Bachnetzer: Passionierter Sammler und »Skifluencer«

Foto: Christof Simon

Alpine Leidenschaft Der Jäger und Sammler der Skigeschichte

Thomas Bachnetzer ist Hochgebirgsarchäologe. Privat sammelt er alles zum Skifahren in den Alpen, vom Mozart-Ski bis zu grellen Stilblüten der Skimode. Eines zählt: Er will die Skigeschichte anfassen können.
Von Claus Lochbihler

Sautens, am ziemlich verbauten Eingang des Ötztals, ein Einfamilienhaus. Hier wohnen 600 Paar Ski, Thomas Bachnetzer und eine ausrangierte Gondel, die so selbstverständlich wie ein Briefkasten vor dem Haus steht.

Der Wissenschaftler, Spezialgebiet Hochgebirgs- und Gletscherarchäologie, sammelt seit acht Jahren Skier. Im und um das Haus herum: Holzski, Skier mit und ohne Kanten, mit und ohne Bindung. Renn-, Touren- und Kurz-Ski, Kinder- und Militär-Ski. Die meisten lagern in einer benachbarten, von vorn bis hinten mit Skiern und Plastikkisten gefüllten Garage. Jugendliche Wand-Graffiti verraten, dass sie einst als Partykeller diente.

Bachnetzers Sammlung reicht vom vielleicht ältesten erhaltenen Ski Tirols, mutmaßlich aus den 1860-er Jahren – zwei archaische Holzlatten mit einem Lederriemen als Bindung – bis zu Skiern aus der Hochzeit des Skifahrens als Breitensport. Ein Schmankerl von 1991: der Mozart-Ski zum 200. Todestag des Komponisten, für den musikalisch distinguierten Skifahrer, der mit dem Konterfei von Wolfgang Amadeus auf, mit den Lebensdaten und seinen wichtigsten Werken unter dem Ski in den Schnee wollte.

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Zu sammeln begonnen hat Bachnetzer – 43, ledig, Vollbart, wettergegerbtes Ausgrabungsgesicht – vor acht Jahren, als seine Oma ihm die Skiausrüstung des Großvaters aus den Fünfzigern schenkte. Er hatte ihn nie kennengelernt, doch Opas Ski mit der klassischen Kabelzugbindung, mit der man gleichermaßen auf Skitour gehen konnte wie auf die Piste, weckte sein Interesse. Beim nächsten Flohmarktbesuch sah er einen alten Holzski inklusive Aufstiegsfellen, Stöcken und Lederriemenbindung. Er griff zu und begann, einen historischen Ski nach dem anderen zu kaufen.

Dornröschen und der Kontext

Was gibt es ihm, so viele zu besitzen? Man müsse die Dinge, mit deren Geschichte man sich beschäftigt, »bei der Hand haben, anfassen und miteinander vergleichen können«, sagt Bachnetzer. Er sammelt die Geschichte des Skifahrens in Tirol, Österreich, den Alpen, von den Anfängen bis in die Neunzigerjahre. Zu Beginn, erzählt er, habe er noch wie wild alles gekauft und greife heute nur noch bei Besonderheiten zu: wenn er eine frühe Bindung aus der Pionierzeit des Skifahrens entdeckt. Oder gut erhaltene Skimode.

Und wie viel er dafür ausgegeben hat? Zehntausende von Euro, genau weiß er es nicht, will es vielleicht auch gar nicht wissen. Die Sammlung wächst und wächst.

Was Bachnetzer alles zusammenträgt: Skistöcke aus Bambus, Bindungen aus der Pionierzeit des Skifahrens, Ballonhosen der Zwanzigerjahre, Jethosen der Siebzigerjahre, dünne Jacken und dicke Pullover, lederne Skischuhe, erste Schnallenschuhe, frühe Plastik-Skischuhe, Skibrillen der Vierzigerjahre wie aus einem Science-Fiction-Film. Handschuhe, Mützen und Helme. Vieles ist aus Lagerbeständen, die nie in den Verkauf gingen, und sieht auch nach 50 oder 80 Jahren so neu aus, als hätte Bachnetzer das Dornröschen der Skihistorie geweckt.

Bei jedem Exponat geht es ihm um Kontext, sagt er, der Archäologe. Provenienzforschung bei alpinen Artefakten gewissermaßen: Wann wurde welcher Ski oder Ausrüstungsgegenstand wie verwendet? Aber bei vielen ging gerade das verloren: Oft wissen die Leute lediglich, dass ein alter Ski lange auf dem Dachboden lag und zuvor die Hausfassade zierte. Nur selten haben sie ihn noch selbst gefahren. Einmal kaufte Bachnetzer bei einem 86-jährigen Allgäuer ein Paar Ski, das der sich als junger Schreinergeselle selbst gebaut hatte; die Bindung stotterte er von seinem mageren Gehalt über Monate ab.

Der Pionier im Herrgottswinkel

Bachnetzer liebt es, wenn er zu einem Exponat so eine persönliche Geschichte erzählen kann. Meist muss er aufwändig recherchieren, wann und wo ein Ski hergestellt wurde, wer ihn benutzte, was er kostete. Darum sammelt und studiert er auch alte Kataloge, Berg- und Skiliteratur, historische Bilder, selbst Startfotos von Rennen. Das hilft, um Skier, Ausrüstung und Skimode zu datieren.

Seine liebsten Stücke bewahrt Bachnetzer im Wohn- und Arbeitszimmer auf. Hinter dem Sofa im Eck, sozusagen im Herrgottswinkel: der Zdarsky-Ski aus dem frühen 20. Jahrhundert mit der Lilienfelder Stahlsohlen-Bindung, der ersten professionell designten und hergestellten Bindung des alpinen Skilaufs. Ihr Erfinder war Mathias Zdarsky (1856-1940), als Maler, Erfinder, Lehrer, Autor, Geschäftsmann und Sportler ein Multitalent der späten Donaumonarchie.

Für Bachnetzer ist er der Begründer des Skilaufens in Österreich, wenn nicht in den Alpen. Zdarsky entwickelte zu seiner Bindung, die erstmals 1896 besseren Halt bot, auch eine neue Fahrtechnik. Sie passte zum – im Vergleich zu Skandinavien, Ursprung des Skifahrens – steileren Gelände. Dazu verkürzte Zdarsky die Ski auf gut zwei Meter, während skandinavische Ski oft drei Meter lang waren. Er begriff das Skifahren auch als Sport und organisierte 1905 den ersten Torlauf der Geschichte.

Wenn sich Bachnetzer in eine frühe Phase des Skifahrens zurückversetzen könnte, dann in diese: um mit Zdarsky zu sprechen und zu erleben, wie die Bretter in die Alpen kamen, wie sie das Leben und den Tourismus in den Tälern revolutionierten. Mangels Zeitmaschine greift sich Bachnetzer ersatzweise Zdarskys Skilehrwerk. In einer Ausgabe von 1908 kommentiert er sein Lieblingsstelle mit »genial!« und liest:

»Der Ski, einfach und sicher beherrscht, führt uns in die fabelhafte Pracht des so lange verkannten Winters.«

Von Zdarsky bis Silberpfeil

Für seinen Zdarsky-Ski fuhr Bachnetzer bis nach Mannheim. Der Verkäufer wunderte sich bei Kaffee und Kuchen, weshalb jemand aus dem Ötztal vier Stunden anreist für uralte Ski, die nur als Deko gedient hatten. Daheim restaurierte und reinigte Bachnetzer den einen Ski und ließ den anderen, wie er war.

Zu seinen Sammlungsgegenständen kann Bachnetzer viel aus der Skigeschichte erzählen, oft mit einem von sich selbst erstaunten Lachen. Zum Beispiel, dass sich anfangs nur wenige Hersteller auf Skier spezialisierten und, um auf lohnende Stückzahlen zu kommen, für das Militär produzierten. Oder von Josef Jakober aus Chur, der seine Militärski bis nach Japan verkaufte. Oder von Oberst Georg Bilgeri (1873-1934): Der Rivale und Nachfolger Zdarskys brachte der österreichisch-ungarischen Armee das Skilaufen bei, erfand die Zweistocktechnik und eine nach ihm benannte Bindung, die den Skiboom nach dem Ersten Weltkrieg prägte.

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Thomas Bachnetzer: Passionierter Sammler und »Skifluencer«

Foto: Christof Simon

30 Jahre und einen Weltkrieg später gab es in fast jedem größeren Alpental einen kleinen oder größeren Skihersteller – auch weil den Wagnern mit der einsetzenden Motorisierung die Arbeit ausging. Da lag es nahe, statt Wagenrädern Skier, damals noch ganz aus Holz, zu bauen.

Dass einige Jahre später der Skitourismus als Massensport innig und bis heute folgenreich mit dem Auto als Verkehrsmittel des Reisens verbunden war, belegt nichts so gut wie der Mercedes Silberpfeil-Ski – für diese Rarität legen Sammler bis zu 2000 Euro hin. Seinen habe er für 300 Euro bekommen, noch dazu originalverpackt, merkt Bachnetzer verschmitzt an.

»Die 70-er taugen mir gewaltig«

Die Skimode lagert Bachnetzer in staubdichten Plastikboxen. Manches ist in der Sonderausstellung »Fesch! Mode für den Schnee«  im Lechmuseum zu sehen. Aber er kann auch mühelos den ganzen Flur mit nach Jahrzehnten geordneten Ski-Outfits auslegen: das 60-er-Set mit Keilhose, Bogner-Skihelm, wollenen Fäustlingen, Skipullis. Oder sein fröhlich buntes 70-er-Outfit: Die Jethose in Italiens Nationalfarben bringt ihm, wenn er sie auf Instagram postet, regelmäßig Einladungen zu Nostalgieskirennen, wo Sammler ihre historischnen Ausrüstungen über die Piste fahren wie andere ihre Oldtimer. »Die 70-er mit ihren Farben und Jethosen taugen mir gewaltig«, sagt Bachnetzer.

Manche Outfits hat er nach österreichischen Skirennfahrern benannt. Wie sein Karl-Schranz-Oufit: Der Helm war in den 60-ern noch blau-weiß, nicht rot-weiß, was man aber nicht sah, weil Österreichs Fernsehen erst 1969 farbig wurde. Dazu Lederhandschuhe und ein Pullover mit österreichischem Bundesadler, eingenähten Polstern und dem Namensschild »Karl Schranz«. Ob Schranz den Pulli selbst getragen hat? Möglich wär's, sagt Bachnetzer. Der Pulli ist von 1971, der letzten Rennsaison des Skistars. Der passende Ski dazu? »Ein Kneissl Whitestar natürlich«, sagt Bachnetzer wie ein Sommelier im Restaurant.

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Die grellste, geradezu papageienhafte Kluft, die österreichische Skirennläufer je trugen, nennt Bachnetzer »mein Hubert-Strolz-Outfit«. Sein Vater, pensionierter Alpinpolizist, hat Strolz darin 1991 bei einem Rennen in Saalbach-Hinterglemm fotografiert. Es sieht aus, als ob sich der ganz späte Elvis Presley eine sehr bunte, violett schillernde Skiausrüstung hätte schneidern lassen.

Und dann wirft Bachnetzer sich selbst in Schale: Erst im 30-er-Jahre-Outfit, dann in dem der geliebten 70er stiefelt er für den Fotografen ums Haus, Ski über der Schulter, der mächtige weiße Acherkogel im Hintergrund. Im Tal liegt Anfang März kein Schnee mehr, aus einem vorbeifahrenden Auto zeigt eine Frau lächelnd auf den Retro-Skifahrer. Dann gleiten zwei Jungen auf Rollern vorbei, den Asphalt-Skiern im Zeitalter des Klimawandels, und fahren mit offenen Mündern einen Bogen.

Traum vom Skimuseum

Wenn er so zum Skifahren ausrückt, erntet der Sammler meist freudige, nostalgische Reaktionen, von »Dankeschön für den Genuss!« bis zu »So eine Jethose habe ich auch gehabt«. Nahezu jeder habe in den Alpen eine Verbindung zum Skifahren, sagt Bachnetzer. Im Dorf unterschieden die meisten eh nicht groß zwischen seinem Beruf und Hobby: »Archäologie oder alte Skisammlung – für viele ist das dasselbe.«

Manchmal stellt sich Bachnetzer, der mit drei Jahren das Skifahren lernte, mit zwölf aufs Snowboard umstieg und mit 34 wieder zum Skifahrer wurde, auf noch funktionstüchtige Uralt-Ski. Und staunt, wie gut die Skifahrer von einst mit ihrer Ausrüstung klargekommen sind. Wer moderne Ausrüstung gewohnt sei, habe große Probleme mit alten Bindungen und kaum knöchelhohen Stiefeln. Alles wackelt. Und dazu die heutige Pistenpräparierung: Ohne gute Kanten und taillierte Ski findet man auf harten, eisigen Kunstschneepisten kaum Halt.

Für die Zukunft hofft Bachnetzer, dass es auch in Tirol einmal »ein ordentliches, möglichst wissenschaftlich aufbereitetes Museum des Skifahrens« geben wird. Gern auch mit seinen Exponaten, die dann nicht nur auf Instagram und Facebook zu sehen wären. Und wenn in einigen hundert Jahren ein Archäologe seine Sammlung ausgraben würde: Was würde der wohl denken?

Thomas Bachnetzer stutzt und erwidert lachend: »Wenn es ein guter Archäologe ist, dann sieht er in den Funden die verschiedenen Entwicklungsstufen des Skifahrens.« Er hält inne. »Wahrscheinlich denkt der Kollege sich dann gleich, dass hier ein Sammler war. Und kein Skiverleih.«