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Margarete Schütte-Lihotzky: Stararchitektin, Küchenerfinderin und Widerstandskämpferin

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Sandra Weller / IMAGO

Architektin, Küchenerfinderin, Jahrhundertzeugin »Ich bin keine Küche«

Als Pionierin der Architektur und »Mutter der Einbauküche« wurde sie gefeiert, als Kommunistin gemieden. Im Widerstand gegen die Nazis riskierte Margarete Schütte-Lihotzky ihr Leben – nur knapp entkam sie der Hinrichtung.

Im Kriegsjahr 1917 streifte Margarete Lihotzky durch Wiens Arbeiterviertel. Sie wollte einen Entwurf für einen Architekturwettbewerb einreichen – aber bevor sie einen Strich zeichne, solle sich die junge Frau aus bürgerlichem Hause erst einmal mit den Lebensbedingungen der Arbeiter vertraut machen, riet ihr Professor.

So bekam die Studentin Einblick in überfüllte Mietshäuser. »Nicht selten hausten acht oder neun Menschen in einem Zimmer«, schrieb sie in ihren Memoiren, »ich fand kaum ein Kind, das nicht mit ein oder zwei Geschwistern in einem Bett schlafen musste.« Meist war die Küche im Schlafzimmer, das Plumpsklo im Hausflur. Wer konnte, blieb nur zum Schlafen und Essen. So lebten etwa 90 Prozent der Menschen in Wien, kämpften oft mit Mieterhöhungen, vermieteten ihre Schlaflager tagsüber an »Bettgeher« unter.

Der sozialkritische Berliner Zeichner Heinrich Zille schrieb: »Man kann einen Menschen mit einer Wohnung ebenso töten wie mit einer Axt.« Genau das empfand Lihotzky beim Anblick des Elends und wollte zur Linderung beitragen.

Schon in den Zwanzigerjahren entwickelte sie günstige Lösungen, ihre Entwürfe für Sozialwohnungen und erste Tiny Houses wirken ungewöhnlich modern. Bekannt ist die Stararchitektin, geboren vor genau 125 Jahren, aber für die erste Einbauküche der Welt: die Frankfurter Küche von 1926 . Es ist der Urtyp von Küchen, wie wir sie bis heute kennen – kompakt, alles mit einem Handgriff erreichbar, praktisch und zeitsparend.

Das Label »Mutter der Einbauküche« blieb an Margarete Schütte-Lihotzky haften. »Ich bin keine Küche«, sagte sie in ihren späten Jahren und fühlte sich darauf reduziert. Denn ihr Leben lang war sie politische Aktivistin, setzte sich fürs Soziale Wohnen ein, für Frauenrechte und Frieden. Als bekennende Kommunistin ging Schütte-Lihotzky in die Sowjetunion und riskierte im Naziregime ihr Leben, weil sie sich im Widerstand engagierte.

Minihäuser wie aus »Hänsel und Gretel«

»Sie hat schon früh integrativ gedacht und die Bedürfnisse von Frauen, Männern und Kindern gleichwertig betrachtet«, sagt die Architektin Christine Zwingl, Vorsitzende des 2013 gegründeten Margarete Schütte-Lihotzky Clubs.

Geboren wurde Margarete Lihotzky am 23. Januar 1897 in Wien und studierte ab 1915 an der Kunstgewerbeschule. Gleich danach, ihr erstes großes Projekt, entwarf sie Minihäuser für Menschen am Wiener Stadtrand. Denn viele Familien hausten nach dem Ersten Weltkrieg in provisorischen Hütten, teils gedeckt »mit dem Blech alter Kondensmitteldosen«, wie Lihotzky notierte. Abermals lief sie in die Siedlungen, studierte die Gewohnheiten der Menschen, ließ sie dazu Fragebögen ausfüllen.

Anders als viele luxuriöse Tiny Houses von heute  waren ihre Häuschen funktional und trotzdem gemütlich. Mit Wohnküche und sogar einem ausbaubaren zweiten Stock wirkten sie auf die Dichterin Elisabeth Janstein wie das Hexenhaus aus »Hänsel und Gretel«. Der Clou: Alle Bausätze waren normiert, als Massenware günstig herstellbar und konnten je nach Lebenssituation angepasst werden. Einziehen konnten also Alleinstehende ebenso wie sechsköpfige Familien.

Margarete Lihotzkys Talent wurde bemerkt. 1925 lud sie der Städteplaner Ernst May zur Mitarbeit an einem Großprojekt in Frankfurt ein, wo binnen wenigen Jahren 12.000 Wohnungen entstehen sollten . Begeistert vom sozialen Ansatz, wurde die 29-Jährige mit Bubikopf und in weißem Arbeitskittel als einzige Frau Teil des später berühmten Architektenteams.

»Ich hatte mit Küche und Kochen nichts am Hut«

»Das Neue Bauen erfordert auch neue Menschen«, war ein Leitspruch in Frankfurt und überall in Europa. »Es ging darum, in den Staaten, die bis 1917 oder 1918 Monarchien waren, eine ganz neue Gesellschaft aufzubauen«, erklärt der Historiker Marcel Bois von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Entsprechend sei in Architektur wie auch in Bildung investiert worden.

Entsetzt bemerkte die Architektin aus dem sozialdemokratischen »roten Wien« jedoch, wie unpolitisch ihre deutschen Kollegen waren. Für eine Demo zum 1. Mai sollte sie Urlaub beantragen, wurde als Frau sogleich zur Spezialistin für Hauswirtschaft erklärt und sollte eine moderne Küche planen. »Ich hatte mit Küche und Kochen nichts am Hut«, erklärte sie später. »Aber die Männer um mich herum haben mich halt zu dieser Aufgabe gedrängt.«

Dass die Küche der größte Erfolg des Frankfurter Projekts wurde, ahnte im Frühjahr 1926 noch niemand. Margarete Lihotzky fing an zu planen und orientierte sich an einer länglichen Zugküche, in der für viele Menschen gekocht werden konnte. Jeden Handgriff maß sie mit der Stoppuhr ab. Kochte die Suppe auf dem Herd, konnte man auf einem ausklappbaren Brett bügeln, in zwei Waschbecken spülen und Gemüse waschen.

»Sie erkannte die Care-Arbeit als Arbeit an«, sagt Marcel Bois, der seit Jahren zu Margarete Schütte-Lihotzky forscht. »Die Frauen sollten mit der Küche entlastet werden und mehr Freizeit haben.« Das habe das Frankfurter Modell in den Zwanzigerjahren so progressiv gemacht.

Von Deutschland in die Sowjetunion

Manche Feministinnen kritisierten Schütte-Lihotzky später, weil sie »die Frau an den Herd gefesselt habe«, so Bois. »Denn der Essbereich wurde ausgelagert. Damit wurde die Küche zum Ort der Frau.« Doch die Architektin hielt dagegen und sagte 1999 in einem Interview, sie habe die Küche für die berufstätige Frau geplant.

1926 riefen Planer aus aller Welt an und interessierten sich für die Frankfurter Küche, allein 260.000 Stück wollte der französische Arbeitsminister verbauen lassen. Trotz des internationalen Erfolgs fühlte sich Lihotzky missverstanden – sie war in erster Linie an sozialem Bauen interessiert und plante gerade Wohnungen für alleinstehende Frauen. »Man kann das Werk und ihre politische Haltung nicht voneinander trennen«, sagt Bois.

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Margarete Schütte-Lihotzky: Stararchitektin, Küchenerfinderin und Widerstandskämpferin

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Am Schwarzen Freitag im Oktober 1929 stürzte die Welt in eine Wirtschaftskrise. Margarete war seit 1927 mit Wilhelm Schütte verheiratet und hieß jetzt Schütte-Lihotzky. Für beide gab es in Deutschland keine Bauaufträge mehr. Das Architektenpaar ging in die Sowjetunion – sie plante dort Kindergärten, er Schulen. Noch waren sie nicht in der Kommunistischen Partei, aber offen für sowjetische Ideen und sahen aus der Ferne 1933 die Nazis an die Macht kommen.

Doch auch in der Sowjetunion spitzte sich die politische Lage zu: Im Zuge des »Großen Terrors« Ende der Dreißigerjahre ließ Diktator Josef Stalin über 1,5 Millionen Menschen in Gulags deportieren, viele starben. Das Paar flüchtete aus dem Land, zunächst über Paris nach London. Aber erst in Istanbul fanden sie Arbeit und bauten ab August 1938 gemeinsam Schulen sowie eine Prunksäule für den türkischen Präsidenten Atatürk.

KPÖ-Eintritt »wegen Adolf Hitler«

Unterdessen organisierten sich in ihrer Heimat kommunistische Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime. Für die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) wurde Istanbul wichtig, dort tauschten Funktionäre Informationen aus und entsandten geheime Kuriere ins Nazireich.

Margarete Schütte-Lihotzky nahm an Treffen teil und entschloss sich zum aktiven Widerstand. 1939 trat sie in die KPÖ ein, »wegen Adolf Hitler«, wie sie später sagte. An Heiligabend 1940 brach sie im Orientexpress nach Wien auf und versteckte im Ohr ein mit Informationen bekritzeltes Zigarettenpapier.

In welche Lebensgefahr sich seine Frau begab, ahnte Wilhelm Schütte nicht und glaubte, sie besuche nur ihre Schwester. In Wahrheit sollte sie den führenden Wiener Kommunisten Erwin Puschmann dazu bewegen, das Land zu verlassen. Als geheime Kurierin durfte sie »immer nur mit zwei Leuten Kontakt haben« und nicht von einer Wohnung zu einem Treffpunkt gehen, »ohne vorherige Umwege durch einsame Parks oder Gassen«.

Daran hielt sich Margarete Schütte-Lihotzky. Doch ein Spitzel wurde der Gruppe zum Verhängnis: »Ossi«, mit dem sie oft im Café Informationen austauschte, hieß eigentlich Kurt Koppel und arbeitete seit Jahren für die Gestapo.

Eine Serie von Todesurteilen

Am 22. Januar 1941, dem Tag vor Margarete Schütte-Lihotzkys geplanter Abreise, wurden sie und Puschmann verhaftet. Im Frauentrakt des Wiener Bezirksgefängnisses in der Schiffamtsgasse kommunizierten die politischen Gefangenen aus ihren Einzelzellen über Klopfzeichen, verständigten sich über Verhöre und feierten am 1. Mai den Tag der Arbeit. Eine Wärterin half ihnen, Kassiber zu schmuggeln.

»Im Gefängnis wurde Margarete durch die liebevollen Briefe ihres Mannes unterstützt«, sagt der Historiker Thomas Flierl, der 126 Briefe des Paares ausgewertet hat. Daraus geht hervor, wie geschickt Wilhelm Schütte agierte, ihr eine Festanstellung in Istanbul ankündigte und verschaffte – im Wissen, dass die Nazis mitlasen.

»Ich fühlte mich diesen Leuten menschlich überlegen«, schrieb Margarete Schütte-Lihotzky später über die NS-Täter. Verhandelt wurde gegen 25 Kommunistinnen und Kommunisten vor dem Berliner Volksgerichtshof , 19 wurden zum Tode verurteilt. Viele mussten monatelang in ihren Zellen darauf warten, erschossen oder geköpft zu werden. Auch Erwin Puschmann wurde hingerichtet.

Zur Urteilsverkündung im September 1942 erschien Schütte-Lihotzky mit sauberer Bluse und hochgesteckten Haaren. »Erst um dreiviertel acht Uhr abends wurde das Urteil verkündet«, schrieb sie an ihre Verwandten, »bis dahin glaubte ich an meinen Tod.« Doch es kam anders. Der Urteilsspruch lautete 15 Jahre Zuchthaus.

»Ihren Mitkämpferinnen ein Denkmal setzen«

»Könnt ihr euch vorstellen, wie das ist?«, fragte sie im gleichen Brief – sie war dem vermeintlich sicheren Tod entkommen und sagte später, sie habe nur durch außenpolitische Rücksichten des Naziregimes überlebt. Denn ihr Ehemann verschaffte ihr einen Arbeitsvertrag im türkischen Staatsdienst, der bei Prozessauftakt vorlag. Wie wichtig das Papier beim Prozess wirklich war, blieb unklar.

Zum Kriegende war die mittlerweile 48-Jährige auf etwas mehr als 40 Kilogramm abgemagert und hatte erlebt, wie viele Weggefährtinnen gefoltert und ermordet wurden. »Sie sah sich als Überlebende in der Pflicht, vom Widerstand zu berichten und den Hingerichteten ein Denkmal zu setzen, vor allem ihren Mitkämpferinnen«, sagt Flierl.

Doch im Nachkriegswien wurde Margarete Schütte-Lihotzky öffentlich gemieden, erhielt keine Bauaufträge, weil sie Kommunistin war. In den frühen Fünfzigerjahren zerbrach die Ehe mit Wilhelm Schütte. Sie begann sich in der Friedens- und Frauenbewegung zu engagieren, hielt Vorträge und machte jungen Architektinnen Mut.

Christine Zwingl begegnete ihr in den Achtzigerjahren und beschreibt sie als selbstbewusst, charismatisch: »Eine der wenigen, die nicht durch die Nazizeit belastet waren. Sie konnte zurückschauen und uns viel zur Architektur und Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen. Im Nachkriegswien war das ganz selten.«

An ihren politischen Idealen hielt Schütte-Lihotzky fest, trat nie aus der KPÖ aus, auch nicht nach dem Untergang der Sowjetunion 1991. Von autoritären Zügen in der kommunistischen Partei distanzierte sie sich nur privat, was sie bis heute in Österreich zur kontroversen Person macht.

Als die Architektin im Jahr 2000 starb, im hohen Alter von 103 Jahren, hinterließ sie Erinnerungen an ein ganzes Jahrhundert. Sie hatte sowohl die Monarchie als auch die ersten europäischen Republiken erlebt, den Faschismus, die Nachkriegszeit, den Mauerfall. Als alte Frau blickte Margarete Schütte-Lihotzky auf ihr Leben zurück und schrieb: »Hätte ich nochmals zu wählen, ich würde wieder Architektin werden.«