Armenien und Aserbaidschan Der Krieg, den niemand gewinnen kann

Im Kaukasus stehen sich Armenier und Aserbaidschaner unversöhnlich gegenüber. Ihr Konflikt um die Region Bergkarabach hat tiefe historische Wurzeln in den Zeiten der Sowjetunion und des Zarenreiches.
Aserbaidschanische Soldaten (1992): Der Krieg um Bergkarabach ist jetzt neu entflammt

Aserbaidschanische Soldaten (1992): Der Krieg um Bergkarabach ist jetzt neu entflammt

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Maximov / AFP

Armenische Stellungen liegen unter Artilleriefeuer, Panzer explodieren, ein aserbaidschanischer Hubschrauber wird abgeschossen - der Krieg im Südkaukasus ist am vergangenen Wochenende neu entflammt. Armenien und Aserbaidschan kämpfen um Bergkarabach. Die seit langem umstrittene Region zwischen beiden Staaten hat sich für unabhängig erklärt, wurde aber international nie anerkannt. 

Die Republik Bergkarabach liegt auf aserbaidschanischem Territorium und ist eng mit Armenien verflochten, die deutliche Mehrheit der Bevölkerung armenisch. Auf Rückendeckung aus Armenien konnte sie sich stets verlassen. Ihr Präsident war von 1997 bis 2007 Arkadij Gukassjan. "In Aserbaidschan haben wir keine Zukunft", sagte er im Juli 2007 im SPIEGEL-Interview und warnte: "Ein Krieg gegen unsere Republik ist auch ein Krieg gegen die Republik Armenien." 

Europäische Diplomaten luden Gukassjan einmal auf die Aland-Inseln in der Ostsee ein, wo Schweden wohnen und Autonomierechte genießen. Sarkastisch entgegnete er: "Finnland würden wir sofort beitreten. Aber wir haben mit Aserbaidschan zu tun."

Was Gukassjan damit anriss: Das autoritär regierte Aserbaidschan hat nie erkennen lassen, dass es zu einer echten, ungefährdeten Autonomie von Bergkarabach bereit ist. Zu unversöhnlich stehen sich beide Seiten gegenüber. Nun wird der weit zurückreichende Konflikt abermals militärisch geführt.

Wenn sich jetzt junge Soldaten in Bergkarabach beschießen, sehen sie auf der anderen Seite nur den Feind. So kennen es Armenier und Aserbaidschaner seit Jahrzehnten. Dabei lebten ihre Vorfahren lange friedlich in einem Land und dienten in derselben Armee.

DER SPIEGEL

Nationalisten und Pogrome

Die historischen Wurzeln verzweigen sich sogar bis nach Württemberg und Preußen. Im Südkaukasus herrschte nämlich einst Zar Nikolai I. - der Sohn der Prinzessin Sophie Dorothee von Württemberg und Ehemann von Charlotte von Preußen, der Tochter des preußischen Königs. Russland erhielt das jetzige Armenien 1828 am Ende des Russisch-Persischen Krieges. Der Friedensvertrag legte die Grenze Russlands zu Persien fest; heute ist es die Grenze Aserbaidschans zu Iran. 

Muslimische Aserbaidschaner und christliche Armenier lernten fortan in den Schulen Russisch und dienten gemeinsam in der Zaren-Armee. Die Spannungen wuchsen, als Anfang des 20. Jahrhunderts nationalistische Strömungen stärker wurden. Bei den Aserbaidschanern propagierte ab 1911 die Partei Müsawat eine Vereinigung aller Muslime und zeigte Affinität zu pantürkischen Nationalisten. Bei den christlichen Armeniern sammelte ab 1890 die Armenische Revolutionäre Föderation (Daschnakzutjun) Anhänger. Beide Parteien bestehen bis heute und schlagen, obwohl bei Wahlen eine Minderheit, nationalistische Töne an.

Viele Armenier lebten damals auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches. Im Ersten Weltkrieg begingen nationalistische Jungtürken den Völkermord an den Armeniern; zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Menschen starben. Dieses Trauma prägt das politische Lebensgefühl der Armenier bis in die Gegenwart.

Als das Zarenreich 1917 zerfiel, wuchsen die nationalistischen Stimmungen bei Aserbaidschanern wie Armeniern. Der Sowjetstaat verschrieb sich dem Internationalismus und tat sich schwer mit den Nationalitätenproblemen im Kaukasus. Die Kommunisten schufen eine armenische und eine aserbaidschanische Sowjetrepublik und schwankten zunächst, wem sie das umstrittene Bergkarabach übergeben sollten. Es war mehrheitlich von Armeniern besiedelt, aber wirtschaftlich eng mit Aserbaidschan verbunden.

Die sowjetische Führung entschied sich für einen Kompromiss: Bergkarabach wurde 1923 als "Autonomes Gebiet" in die Aserbaidschanische Sowjetrepublik eingefügt. Dass Armenier in der Verwaltung leitende Positionen erhielten, reichte ihnen nicht. Doch das sowjetische Regime sicherte den Status quo.

Sowjetischer Kontrollverlust

1926 bestand Bergkarabachs Bevölkerung zu fast 90 Prozent aus Armeniern. Ihr Anteil sank bis 1989 auf 77 Prozent, weil die Geburtenraten der Aserbaidschaner höher waren als die der Armenier.

Im Zuge der Liberalisierung unter Michail Gorbatschow verlor die Sowjetunion die Kontrolle über den Konflikt. In der Stadt Sumgait verübten Aserbaidschaner 1988 ein Massaker an der armenischen Minderheit; mindestens 31 Menschen starben. Die sowjetische Polizei griff nicht ein.

Nach weiteren wechselseitigen Übergriffen zerfiel die Sowjetunion. Als beide Länder 1991 ihre Unabhängigkeit erklärten, begann nach ersten Scharmützeln der Krieg um Bergkarabach. Die Armenier dort riefen ihre eigene Republik aus; international ist sie bis heute von keinem Uno-Mitglied anerkannt, auch nicht von Armenien. Dennoch sind die Streitkräfte der Republik Bergkarabach eng mit der armenischen Armee verbunden.

Im Krieg um Bergkarabach starben bis Mai 1994 mehr als 11.500 Soldaten Aserbaidschans, etwa 6000 armenische Kämpfer sowie ungezählte Freischärler. Etwa 50.000 Soldaten wurden verwundet. Hunderttausende von Flüchtlingen verließen ihre Heimat. Ein maßgeblich von Russland vermitteltes Waffenstillstandsabkommen setzte dem Krieg 1994 ein vorläufiges Ende. Doch immer wieder kam es zu Zwischenfällen mit Toten und Verletzten.

Armenhaus mit Kaserne

In der Republik Bergkarabach leben nahezu 150.000 Menschen. Die Region ist durch den Krieg wirtschaftlich zerrüttet. Sie ähnelt einem Armenhaus mit angeschlossener Kaserne. Bescheidene Basare in der Landeshauptstadt Stepanakert spiegeln ein kärgliches Leben wider.

Als Nachfolgestaat von Zarenreich und Sowjetunion steht die Russische Föderation vor einem Dilemma: Mit Armenien ist sie in einer kollektiven Militärallianz verbündet. Doch Russland hält faktisch Neutralität und will unter keinen Umständen Krieg gegen Aserbaidschan führen. Dort behauptet jetzt Präsident Ilham Alijew mit Anklängen an den Sowjetjargon, er kämpfe gegen den "armenischen Faschismus".

Zerstörtes Gebäude in Bergkarabach: Der Krieg bis 1994 hat Verwüstungen hinterlassen und die Region ökonomisch zerrüttet (Foto von 2015)

Zerstörtes Gebäude in Bergkarabach: Der Krieg bis 1994 hat Verwüstungen hinterlassen und die Region ökonomisch zerrüttet (Foto von 2015)

Foto: Brendan Hoffman / Getty Images

Russlands Führung zeigt sich von dieser Rhetorik unbeeindruckt. Moskauer Militärexperten hoffen, dass sich der Schwung der aserbaidschanischen Offensive bald erschöpft. Beide Seiten hätten "keine Ressourcen für einen langen Krieg", sagte ein zu Sowjetzeiten in Karabach tätiger Moskauer Oberst dem SPIEGEL: Es könne keinen Sieger geben, der Waffengang werde womöglich bald enden, glaubt der pensionierte Oberst.

Allerdings zieht der Konflikt andere Mächte in seine zerstörerische Dynamik. Brandgefährlich ist die Ankündigung des türkischen Präsidenten Erdogan, die aserbaidschanischen "Brüder" zu unterstützen; Waffenlieferungen und Söldner könnten die Kämpfe weiter befeuern. Russische Diplomaten vermuten, Präsident Putin werde bald das Gespräch mit Erdogan suchen über "beiderseitig interessierende Fragen".

Moskau setzt auf eine Rolle als Vermittler eines neuen Waffenstillstandes. Dolmetscher werden dabei nicht gebraucht: Die Präsidenten Armeniens und Aserbaidschans sprechen - Erbe des Sowjetimperiums – beide fließend Russisch.

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