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Von kaiserlichem Blute? Armin Laschet und Karl der Große

Foto: Sepp Spiegl / imago images

Ahnenforscher zu Laschets Kaiser-Verwandtschaft "Uneheliche Kinder erhöhen die Chance"

Armin Laschet bewundert Karl den Großen - aber stammt er tatsächlich vom Kaiser ab? Davon sei die Familie des Politikers überzeugt, schreiben seine Biografen. Wie wahrscheinlich die Verwandtschaft ist, erklärt Genealoge Manuel Aicher.
Ein Interview von Katja Iken

Der Kerl war nicht nur Analphabet, sondern auch brutal und rücksichtslos: In seinem unstillbaren Machthunger schreckte Karl der Große nicht davor zurück, auch engste Familienmitglieder aus dem Weg zu räumen; Konkurrenten soll er geblendet und verstümmelt haben. Trotzdem bewundert NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) den mächtigsten Kaiser des Mittelalters sehr, eine goldene Büste ziert sein Büro in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

Kein Wunder: Karl mag zwar ein ungebildeter Barbar gewesen sein, hatte aber die klügsten Berater, förderte Wissenschaft sowie Kultur und galt schon zu Lebzeiten als "Vater Europas". Zudem hielt sich der Kaiser gern in Aachen auf, wo er im Jahr 814 starb - genau 1.147 Jahre, bevor Armin Laschet dort das Licht der Welt erblickte. Sind die beiden miteinander verwandt?

Die Familie Laschet sehe sich "allen Ernstes in direkter Abstammung von dem großen Kaiser", schreiben die Biografen des Politikers in der neuen Laschet-Biografie "Der Machtmenschliche" - und haben damit für Aufregung gesorgt. Allen Ernstes? Nicht wirklich, sagt der jüngere Bruder des Politikers, Patrick Laschet, am Telefon. Der hat die Verwandtschaftsverhältnisse recherchiert und auf seiner privaten Website  veröffentlicht. Über 40 Generationen hat der Vodafone-Angestellte zurückverfolgt, Stammbäume erstellt, detaillierte Abstammungslisten angelegt. Ein zehn Jahre altes, eher aus Spaß begonnenes Projekt, wiegelt Patrick Laschet ab.

Wir haben ihn trotzdem ernst genommen und uns gefragt: Ließe sich eine Verwandtschaft zwischen Kanzleranwärter und Kaiser theoretisch nachweisen? Ahnenforscher Manuel Aicher kennt die Antwort.

SPIEGEL: Sind wir nicht alle ein bisschen mit Karl dem Großen verwandt?

Manuel Aicher: Die Wahrscheinlichkeit ist natürlich gegeben (lacht). Aber der Nachweis ist kompliziert.

SPIEGEL: Warum?

Aicher: In Deutschland können Sie die Verwandtschaftsverhältnisse für die breite Bevölkerung bis ins 17. Jahrhundert meist problemlos rekonstruieren, Grundlage dafür sind die Kirchenbücher. Sie enthalten Einträge zu allen Personen, egal, ob adelig oder nicht. Für die Zeit davor jedoch wird es schwierig: Namentlich erwähnt werden in den Quellen vor allem Menschen, die besonders auffielen - ob positiv oder negativ. Und natürlich die Adeligen. Hierbei gilt die Faustregel: Man kommt umso weiter zeitlich zurück, je höher der Adel war. Insofern kann sich der gesamte europäische Hochadel auf Karl den Großen berufen.

SPIEGEL: Gibt es Untersuchungen zur Nachkommenschaft von Karl dem Großen?

Aicher: Die ist relativ präzise erforscht worden, die mittelalterliche Genealogie ist da recht weit und im Großen und Ganzen verlässlich. Sie erfasst aber, wie gesagt, nur den Adel.

SPIEGEL: Karl der Große gehörte dem Hochadel an, Armin Laschet kommt aus einem bürgerlichen Haushalt. Dann können die beiden doch gar nicht verwandt sein, oder?

Aicher: Doch, theoretisch schon. Das Problem ist es, diese Schnittstelle zu finden, den Übergang zwischen Adel und einfachem Volk. Uneheliche Kinder in der Familie erhöhen die Chance.

SPIEGEL: Wie bitte?

Aicher: Adel heiratet Adel, so war das nun einmal. Das kann aber schrittweise und über Generationen hinweg bergab gehen: Die Tochter des Herzogs heiratet einen Grafen, dessen Tochter einen Freiherrn, dessen Tochter einen vom einfachen Adel - und dessen Tochter wiederum einen reichen Städter. Bei unehelichen Kindern ist die Brücke ins gemeine Volk viel schneller geschlagen. Nehmen Sie den Herzog von Württemberg, der zeugte mehrere Kinder mit Mägden, das ist bekannt. Wenn Sie von so jemandem abstammen und das nachweisen können, haben Sie den Fuß in der Tür - dann geht das problemlos bis zu Karl dem Großen hinauf.

SPIEGEL: Der jüngere Bruder von Armin Laschet, Patrick, hat 40 Generationen zurückverfolgt, um die Verwandtschaftsverhältnisse über 1200 Jahre nachzuvollziehen. Überzeugt Sie seine Auflistung?

Aicher: Um das detailliert zu überprüfen, bräuchte ich ziemlich lange, das wird teuer. Aber auf der Homepage schreibt er selbst ein wenig augenzwinkernd: "Als gebürtiger Öcher (Aachener) möchte man natürlich von Karl dem Großen abstammen". Weil es einfach nett ist: Jeder ist gern mit Karl dem Großen verwandt.

SPIEGEL: Eine prominente Abstammung legitimiert auch die eigene Herrschaft. Ein beliebtes Argumentationsmuster in der Geschichte: Julius Cäsar berief sich auf die göttliche Venus, Saddam Hussein auf den babylonischen Herrscher Nebukadnezar.

Aicher: Natürlich, so etwas strahlt ab, verleiht Glanz. Aber wer rund 1200 Jahre nach Karl dem Großen geboren ist, hat selbst bei Verwandtschaft in seinem Genpool nicht mehr wirklich viel davon. Trotzdem ist es schick und gibt es ein Interesse, da anzudocken. In der Schweiz zum Beispiel stammen tatsächlich viele von dem Mystiker Nikolaus von der Flüe ab, der im 15. Jahrhundert gelebt hat. Er zeugte zehn Kinder und verließ dann seine Frau, um Einsiedler zu werden.

SPIEGEL GESCHICHTE 6/2012
Foto: DER SPIEGEL

Karl der Grosse: Der mächtigste Kaiser des Mittelalters

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SPIEGEL: Wie kamen Sie als gelernter Jurist zur Ahnenforschung?

Aicher: Ich beschäftige mich damit, seit ich 14 Jahre alt bin. Dieses Tüfteln, Kombinieren, das hat mich immer sehr gereizt. Andere puzzeln leidenschaftlich.

SPIEGEL: Sie leiten zwei Büros für Erbenermittlung und Familiengeschichtsforschung in Berlin und Zürich. Wer kommt zu Ihnen?

Aicher: Zum einen natürlich Menschen, die rechtliche Ansprüche auf ein Erbe durchsetzen wollen. Und dann viele, die schlicht wissen wollen, woher sie kommen.

SPIEGEL: Während die Genealogie als historische Hilfswissenschaft an der Universität eher ein Nischendasein fristet, ist die Ahnenforschung unter Laien zum beliebten Hobby geworden. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Aicher: Das Internet macht es auch für Laien leichter, Nachforschungen anzustellen. Zudem ist das Interesse an der eigenen Identität gestiegen. In den USA löste der 1976 erschienene Roman "Roots" von Alex Haley einen unglaublichen Genealogie-Boom aus. In Europa ist nach dem Fall der Mauer bei vielen Menschen das Bedürfnis nach einer Erforschung der eigenen Wurzeln deutlich gestiegen.

SPIEGEL: Wieso?

Aicher: Im Kalten Krieg waren die Verhältnisse klar - Kommunismus gegen Kapitalismus, gut gegen böse, schwarz gegen weiß. Diese Polarisierung besaß eine enorme identitätsstiftende Wirkung. Als sie wegfiel, begannen die Leute sich individuell zu fragen: Woher komme ich? Das hält bis heute an.

SPIEGEL: Zum Abschluss - Ihr bisher spannendster Fall?

Aicher: Im Bereich der Erbenermittlung war das Nina Kandinsky, die kinderlose Witwe des berühmten Malers Wassily Kandinsky. Sie wurde 1980 mit 84 Jahren in ihrem Chalet in Gstaad erwürgt und hinterließ ein Vermögen von etwa 20 Millionen Franken. Ich gehörte einem Ermittlerkonsortium an, das rund um die Welt recherchierte. Nina Kandinsky war französische Staatsbürgerin und stammte von relativ niedrigem russischem Adel, ihren Bruder fanden wir nicht. In der mütterlichen Linie fanden wir Erben, da nach 1917 viele russische Adelsfamilien nach Paris emigriert waren. Väterlicherseits stießen wir auf Leute, die eine Verwandtschaft vorgaben - beweisen konnten wir sie aber nicht. Der väterliche Erbteil fiel an den französischen Staat.

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