Stuntman Arnim Dahl "Lieber zehn Minuten Angst als einen Monat arbeiten"

Er turnte auf Wolkenkratzern, sprang von Zügen und durch Glasscheiben: 100 Knochenbrüche erlitt "Klettermaxe" Arnim Dahl. 1949 begann seine Filmkarriere als Stuntman - per Aufprall im Ententeich.

Bob Schutz/ AP

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Als die rote Hamburg-Fahne einreißt, verstummt die Menschenmenge schlagartig. An diesem 12. September 1951 baumelt Arnim Dahl zwischen Leben und Tod, in 32 Meter Höhe über den Köpfen der Schaulustigen auf dem Karl-Muck-Platz. Und denkt: "Wenn du auf den Kopf fällst, wirst du nicht viel spüren." Sekunden später verspürt er erneut einen Ruck: Die Fahne reißt ein zweites Mal - obwohl bei der Probe zuvor drei Männer daran hingen.

Dahl, 29, weißes Hemd und schwarze Hose, versucht mit einem kräftigen Schwung, die sechs Meter entfernte Hauswand zu erreichen - dort hält man ihm eine Stange mit einer Schlinge hin. Er verfehlt die rettende Schlinge mit dem Fuß, stemmt sich erneut hoch, trifft. Helfer ziehen ihn zurück ins Fenster, die Menschenmenge applaudiert. Auf dem Fenstersims grinst Dahl in die Kamera und sagt lapidar: "Das Fahnentuch muss nächstes Mal längs gewebt sein und nicht quer."

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"Klettermaxe" Arnim Dahl: Mann mit Mut und ohne Nerven

"Wochenschau"-Aufnahmen hielten die um ein Haar tödliche Panne fest - sie passierte ausgerechnet am Hamburger Gebäude seiner Versicherung Deutscher Ring, der einzigen, die Dahl damals als Kunden akzeptierte. Kein Wunder: Der Artist mit dem ewigen Jungenlächeln war der verrückteste Stuntman im Wirtschaftswunder-Deutschland. Kein Risiko war ihm zu hoch.

Dahl kraxelte an Hochhäusern hoch, wie andere über den Ku'damm bummeln. Er hing an Hubschraubern, Fernsehtürmen und Kirchturm-Uhrzeigern, sprang von Kränen, Brücken, fahrenden Zügen. Sein erklärtes Motto: "Lieber zehn Minuten Angst als einen Monat arbeiten."

"Mein ganzer Körper ist voller Nägel und Schrauben"

Es gebe keinen Knochen, den er sich nicht schon gebrochen habe, pflegte Dahl in Interviews zu erzählen: "Mein ganzer Körper ist voller Nägel und Schrauben." 100 Knochenbrüche soll er sich im Laufe seiner Karriere zugezogen und insgesamt gut dreieinhalb Jahre in Krankenhäusern zugebracht haben. "Du wirst keine 40", prophezeiten ihm Freunde an seinem 30. Geburtstag - sie sollten sich täuschen.

Dahl war nicht der erste Stuntman des deutschen Films, wie oft kolportiert wird. Lange vor ihm riskierten "Sensationsdarsteller" wie Harry Piel, Harry Froboess und "Salto-King" Hermann Stetza bereits Kopf und Kragen vor der Kamera. Dafür war er einer der furchtlosesten, besessensten. Und einer, der perfekt die Aufbruchstimmung der Fünfziger- und Sechzigerjahre widerspiegelte: Alles ist zu schaffen, wenn man es nur will, lautete seine Botschaft.

Er wurde 1922 als Sohn einer Leichtathletin und eines deutschen Meisters im Kunstspringen in Stettin geboren. Um Klein-Arnim früh auf die Turbulenzen des Lebens vorzubereiten, warfen sich die Eltern das Baby manchmal quer durchs Zimmer zu, als wäre es ein Ball. Schon als Dreikäsehoch vollführte er Saltos vom Schrank herunter in die Arme der Mutter, so Dahl in seiner 1964 erschienenen Autobiografie "Arnim Dahl genannt Klettermaxe". Mit zwei Jahren hüpfte er vom Dreimeterbrett und paddelte selbstständig an Land.

Die Badehose von damals wurde zu seinem Talisman und permanenten Begleiter: Die Mutter kramte das winzige Kleidungsstück - selbst genäht in den Stettiner Farben (blau-rot) - aus der Kommode, nachdem Arnim, deutscher Jugendmeister im Kunstspringen, seinen Marschbefehl an die Front erhalten hatte.

Statt nach Tokio zu den für 1940 geplanten Olympischen Spielen zu reisen, musste Dahl in den Zweiten Weltkrieg ziehen. 1945 geriet der gelernte Maurer und Zimmermann bei Villach in britische Gefangenschaft. Ein Captain erkannte den Vorkriegssportler - und Dahl wurde Unterhaltungskünstler im Offizierskasino.

Burggespenst, Dompteur, Hausierer

Er spielte Akkordeon, turnte als Gespenst verkleidet über die Zinnen einer österreichischen Burg, servierte britischen Offizieren das Dinner in Ritterrüstung. Als Dahl freikam, entdeckte er eine Zeitungsannonce: "Varieté-Unternehmen sucht Tänzerinnen, Musiker und Conférencier für seine neue Tournee". Er bewarb sich mit Erfolg und verdingte sich zunächst als Clown, Dompteur und Trapezkünstler im Zirkus. Daneben verkaufte er Straßenkarten auf Parkplätzen und pries an Haustüren Gummischürzen an.

Seine Stuntman-Qualitäten stellte Dahl erstmals in "Das Fräulein und der Vagabund", einer Heimatklamotte von 1949, unter Beweis: Per Motorrad knatterte er mit 60 Stundenkilometern in einen Sandhaufen. Und landete in hohem Bogen in einem Ententeich, mit der Stirn in einer verrosteten Konservendose. Kleine Rolle, großer Schmerz - aber der Anfang war gemacht, andere Aufträge folgten.

So sprang Dahl in "Schatten der Nacht" durch ein Glasdach, ließ sich in "Mädchen aus der Südsee" von Angelika Hauff fast überfahren, raste in "Schatten des Herrn Monitor" (alles Filme von 1950) als Hafenarbeiter über die Dachrinnen und Speicher seiner Wahlheimat Hamburg. Vollends zufrieden stimmten ihn diese Stunts jedoch nicht. Er wolle selbst schauspielern statt nur doubeln, sagte Dahl 1951 dem "Hamburger Abendblatt".

"Mann ohne Nerven"

Für diesen Traum riskierte er alles: In Wilhelmshaven sprang "Berufs-Unfaller" Dahl (so der SPIEGEL 1953) aus 47 Meter Höhe vom Kran ins Wasser. Für einen Werbeclip des Autoherstellers Goliath hechtete er durch eine Fensterscheibe im zweiten Stock ins vorbeibrausende Cabrio. "Der Mann ohne Nerven", titelte der "Stern" im August 1951, kurz vor dem spektakulären Fast-Desaster an der eingerissenen Hamburg-Fahne. Dahl wiederholte die Nummer in Berlin - diesmal hing die Flagge 110 Meter hoch am Funkturm.

Allen Wagnissen zum Trotz: Die ganz große Schauspielkarriere war dem tollkühnen Tausendsassa nicht vergönnt. Dafür erlangte Dahl als Double im Film "Klettermaxe" (1952) mehr Ruhm als Hauptdarsteller Albert Lieven. In der Komödie turnte er als Verbrecherphantom im schwarzen Trikot über die Dächer - und doubelte auch seinen eigenen Verfolger, einen energischen Polizisten.

Damit hatte Dahl seinen Spitznamen weg. In rund 40 Filmen sprang der "Klettermaxe" bei brenzligen Szenen für Stars wie Heinz Rühmann und Curd Jürgens ein. Zudem stand er 1959 in den USA für das Filmunternehmen 20th Century Fox vor der Kamera - zu Werbezwecken vollführte er auf dem Dachgeländer des 381 Meter hohen Empire State Building einen Handstand. Als Polizisten ihn anderntags abführen wollten, leugnete Dahl, der Verrückte auf dem Foto zu sein, das damals um die Welt ging.

Markenzeichen roter Schal

"Man muss sein Herz nach vorne werfen, dann kommt der Rest schon nach": Dieser Devise blieb Dahl mit einer Unbekümmertheit treu, die an Wahnsinn grenzte. Und das, obwohl er sich 1964 ausgerechnet beim Dreh für seine TV-Sendung "Gefährlich leben" so dramatisch verletzte, dass er monatelang im Gipsbett liegen musste. Der Stuntman sollte vom Dach eines fahrenden Güterzugs auf einen Hubschrauber umsteigen. Er erwischte die am Hubschrauber hängende Strickleiter nur mit einer Hand - sie entglitt ihm.

Dahl wurde auf den Zug geschleudert, flog die Böschung hinab und prallte auf ein Bündel Eisenträger. "Der Junge hat schon 32 Knochenbrüche. Wann macht er bloß Schluss mit dem Unsinn?", fragte seine Mutter. Dahl dachte nicht daran. Von der Dauergefahr verabschiedete er sich erst mit 70 Jahren: Beim Hamburger Volksfest Alstervergnügen baumelte er ein letztes Mal an einem Helikopter - huldvoll warf der "Klettermaxe" sein Markenzeichen, den roten Schal, in die Menge.

Der Alleskönner überwand alle Hindernisse, er forderte den Tod fünf Jahrzehnte lang mit halsbrecherischen Aktionen heraus. Und vermochte es doch nicht, seinen ärgsten Feind zu besiegen: Am 3. August 1998 starb "Klettermaxe" Arnim Dahl an Krebs, im Alter von 76 Jahren.

"Was bleibt", schrieb das "Hamburger Abendblatt" im Nachruf, sei die "Erinnerung an einen Mann, der das scheinbar Unmögliche kaltblütig möglich zu machen verstand".

insgesamt 4 Beiträge
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Hans-Gerd Wendt, 16.07.2019
1. Fassadenklettern
Ich bin Armin Dahl Mitte der 70er einmal persönlich begegnet, war damals Nachtportier in einem Borkumer Hotel. Ich kannte ihn von Kindesbeinen an vor allem aus seinen TV-Sendungen, ein relativ kleiner Mann, was mich überraschte. Er hatte auf der Insel einen Auftritt, weiß nicht mehr, um was es ging. Das Hotel hatte damals noch Außenduschen auf den Fluren, und Dahl hatte nach dem Auftritt wohl geduscht. Plötzlich stand Dahl im Bademantel vor dem Portierstresen und meinte ziemlich schüchtern, er hätte sich selbst aus seinem Zimmer ausgesperrt - ob ich ihm bitte helfen würde? Ich dagegen konnte mir die Frage nicht verkneifen: "Wollen sie nicht die Fassade rauf und dann rein?" Er lachte nur sehr freundlich, meinte aber, das möchte er dann doch nicht... ein netter Mensch ohne Allüren, muss ich sagen.
Jochen Gaedcke, 16.07.2019
2. Wo ist die Zeit?
Der Haudegen machte immer Fernsehreklame für eine Versicherung. Die Prämien für seine haarsträubend authentischen Stunts würde heute wohl keiner stemmen wollen.
Manfred Mueller, 16.07.2019
3.
Beim Autohaus Hugo Pfohe, in Hamburg Winterhude, ist er durch eine Glasscheibe gesprungen, das mus in den 50iger gewesen sein, denn es lag auf meinem Schulweg! Grosse Kino damals, ist mir immer in Erinnerung geblieben.
Michael Blay, 16.07.2019
4. Ganz klar ein Held meiner Kindheit!
Neben seinen öffentlichen Auftritten sind auch seine spannenden Einlagen in "Sport-Spiel-Spannung" unvergesslich. Ich hatte das Glück ihn einmal in Wedel /Holstein zu treffen, ein überaus charmanter und freundlicher Mann.
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