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Ataris Achterbahnfahrt: Vorgeprescht und abgehängt

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Computer-Kultmarke Atari King Pong

Jetzt oder nie, Nostalgie: Spielekonsolen und Heimcomputer machten Atari ganz groß. Umso übler war der Absturz. 25 Jahre später stehen Atarianer noch immer treu zur Retro-Marke - sie findet sogar neue Fans.

"Kehre wieder" steht in Frakturschrift über dem Bahnhofseingang von Wangerooge. Der schmucke Ziegelbau entstand 1905. Fast genauso alt ist der "Inselbote" . Vom Lokalblatt erscheinen monatlich 2200 Exemplare - obwohl hier nur 1311 Ostfriesen wohnen. "Kehre wieder" könnte auch das Motto der Technik sein, mit der Hans-Friedrich Stenzel jahrzehntelang gearbeitet hat, als "Inselbote"-Verleger, Chefredakteur und Druckereibesitzer.

Auf einem Atari 1040 ST verwaltete er ab 1985 Text- und Adressdateien. Als Stenzel vom Bleisatz zum Offsetdruck wechselte, fehlte eine vernünftige Schnittstelle zwischen Computer und Satzanlage. "In einer Fachzeitung las ich über den Atari TT mit dem Programm Calamus. Das schien es zu sein", sagt er. "Wir waren begeistert von den vielen Möglichkeiten."

Die Anschaffung war für den kleinen Betrieb günstiger als das, was Apple, IBM und Co. anboten. Bald stand die komplette Anlage mit Atari-Rechner, Scanner, Laserdrucker, Filmbelichter. "Ab da war der 'Inselbote' so richtig im Computerzeitalter angekommen", erzählt Stenzel.

Noch heute läuft Calamus auf allen seinen Rechnern, auch wenn er für die Satzarbeiten Windows-PC angeschafft hat. Der Atari diente nur noch zur Filmbelichtung, bis Bildschirm und CD-ROM-Laufwerk schlapp machten. "Den Filmbelichter habe ich kürzlich entsorgt", so Stenzel. "Nun steht er da, der treue Atari, und wartet auf seinen seltenen Einsatz - das ist Zeitgeschichte!"

Noch kein Tinnitus? Der Nadeldrucker erledigt das

Wie Stenzel konnten Atari-Nutzer sich wenigstens für ein paar Jahre ganz vorn sehen. Spieler waren von den Geräten früh begeistert, Musiker ebenso, Mitte bis Ende der Achtzigerjahre galten auch Ataris Heimcomputer als State of the Art. Die teuren Rechner von Apple Macintosh waren wenig verbreitet, der Commodore Amiga und die Schneider-Computer eine Überlegung wert.

Derweil zählte die Atari-ST-Reihe zur technologischen Spitzenklasse: Für etwa 1800 Mark bekam man einen kompakt in der Tastatur verbauten Computer mit gutem Schwarz-Weiß-Monitor und Laufwerk für robuste 3,5-Zoll-Disketten anstelle labbriger 5,25-Zoll-Disketten. Zur grauen Kiste gab es Programme zur Textverarbeitung wie 1st Word Plus (simpel) oder Signum (anspruchsvoller) sowie Calamus fürs Desktop-Publishing, reichlich Spiele sowieso. Man konnte den Disketten-DJ machen oder sich eine sirrende, sausende 20-MB-Festplatte zulegen. Was zum Tinnitus dann noch fehlte, erledigte einer der üblichen 9- oder 24-Nadel-Drucker.

Auf Ataris gediehen unzählige Semester-, Magister- und Diplomarbeiten. Und das zu einer Zeit, als Unis ihre Studenten oft noch zu MS-DOS-Kursen zwangsverdonnerten. Wer auf einem IBM-Rechner ("Dose!") auch nur ein Verzeichnis wechseln wollte, musste schier endlose Befehlsketten auswendig können. Programme zu installieren, war die Pest - und die Cholera, damit zu arbeiten.

Dagegen kam mit dem ersten Atari ein Aha-Erlebnis ins Haus: Hey, das geht ja wie von selbst! Der Monitor zeigte leicht verständliche Symbole, man konnte den Umgang intuitiv lernen, Programme öffnete ein Doppelklick, und der Papierkorb war ein Papierkorb. Ein Triumph der grafischen Benutzeroberfläche.

Primitiv-Tennis auf dem Fernseher

Mit innovativen, günstigen Produkten scharte Atari eine Fangemeinde um sich, die "ihrer" Marke durch Höhen und Tiefen folgte. Bereits 1972 hatten Nolan Bushnell und Ted Dabney in Kalifornien das Unternehmen gegründet, den Namen entlehnt aus dem japanischen Brettspiel Go. Sie wollten mitverdienen am frühen Boom der Videospiele auf "Arcade-Automaten", schrankhohen Flimmerkisten in Kasinos. In den frühen Jahren war Steve Jobs, der spätere Apple-Mitgründer, Ingenieur bei Atari und entwickelte mit Steve Wozniak das Spiel "Breakout".

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Der Durchbruch gelang Atari Inc. mit "Pong": Das primitive Videotennis fand den Weg in die Wohnzimmer per Konsole, die an den Fernseher angeschlossen wurde. Auch das Spiel "Space Invaders" wurde ein Riesenerfolg. Und der Atari 2600 als erste Konsole mit Joystick war revolutionär, die Entwicklung aber so kostspielig, dass als Partner 1976 Warner Communications einstieg, Vorläufer von Time Warner.

1979 wurden die ersten Atari-Heimcomputer verkauft. Fünf Jahre später, nach dem Crash des US-Videospielemarkts, stieß Warner 1984 die Konsolen- und Computersparte ab und zog sich später auch aus dem Geschäft mit Kasino-Automaten teilweise zurück.

Atari Games, wie der Spielehersteller ab 1984 hieß, landete mit "Marble Madness" oder "Gauntlet" noch eine Reihe von Arcade-Bestsellern. Aber damit ging es bergab und der letzte Eigentümer Midway Games 2009 pleite. Zuletzt sicherte Time Warner sich die Markenrechte an Atari Games.

Den Anschluss verloren

Losgelöst vom Auf und Ab des Spieleherstellers bündelte die Atari Corp. ab 1984 die Unterhaltungselektronik. Am Joystick saß Jack Tramiel: Der Commodore-Gründer, aus der eigenen Firma gedrängt, baute Atari zu deren mächtigsten Gegner auf. Aber zuerst entließ er den Großteil der Mitarbeiter, schloss Betriebsstätten, begrub Projekte. Tramiel hatte Investoren versprochen, den Umsatz binnen eines Jahres zu verdreifachen. Also prügelte er die Entwicklung des Atari ST in nur fünf Monaten durch. Der 520 ST verkaufte sich ab April 1985 blendend und war vor allem bei Tonstudios beliebt, wegen der MIDI-Schnittstelle für Musikinstrumente.

Bei den Spielekonsolen und Handheld-Geräten indes waren andere immer einen Schritt voraus: Nintendo mit dem N64 und dem Game Boy, Sony mit der PlayStation, den Sega-Produkten. Ataris letzter Versuch, die Konsole Jaguar, wurde 1995 vom Markt genommen - nichts gewesen außer horrenden Entwicklungsspesen und einem Herzinfarkt, der Sam Tramiel ereilte, Sohn und Nachfolger von Jack Tramiel.

Mittlerweile war auch das Heimcomputergeschäft eingebrochen. Die Fusion mit dem Festplattenhersteller JTS zur JTS Corp. besiegelte 1996 Ataris Ende: Name weg, Management weg, Entwicklungsabteilung weg. Kurz vor der JTS-Pleite 1998 kaufte eine Tochtergesellschaft des Spielekonzerns Hasbro für fünf Millionen US-Dollar die Rechte an der Marke Atari und einigen Atari-Produkten.

Die Firmenleiche zuckt noch

Noch immer war Atari nicht tot. 2001 zahlte die französische Spielefirma Infogrames 100 Millionen Dollar für Hasbros Computerspiel-Aktivitäten, im Paket auch die Atari-Markenrechte. Und wusste den klingenden Namen zu schätzen: Ab 2009 firmierte der ganze Konzern unter Atari SA, schwächelte aber so sehr, dass Nolan Bushnell sein "Kehre wieder" erlebte.

Das Atari-Urgestein sollte das Ruder herumwerfen, doch das Wunder blieb aus. Anfang 2013 beantragten die Atari, Inc. und die Atari SA Insolvenz. Für beide Gesellschaften ging es nach Umschuldung mit neuen Partnern weiter.

Heute ist Atari in erster Linie ein Vertrieb von Spielen, die extern für mobile Endgeräte, Webbrowser und soziale Netzwerke entwickelt werden. Eine Hardware-Produktion gibt es schon lange nicht mehr. Einen Wiedereinstieg hat der derzeitige Vorstandschef Frédéric Chesnais nicht ausgeschlossen - aber das ist auch schon über zwei Jahre her.

So zehren Atari-Fans davon, was der Gebrauchtmarkt bietet. Das ist eine Menge. Komplette 520 oder 1040 ST, inklusive Bildschirm, Drucker, Joystick und Spielen, wechseln zu Preisen zwischen 20 und 200 Euro den Besitzer. Die robusten Kisten sind oft voll funktionsfähig, zuweilen geben Verkäufer sogar ein Jahr Garantie.

Einige der vielen früheren Atari-Fanklubs auf der ganzen Welt sind bis heute aktiv. Überlebt haben auch manche Fan- und Fachmagazine, zumindest online. Noch immer schreiben Enthusiasten neue Programme für Atari und tauschen sie wie exotische Briefmarken.

Sogar Nachwuchs für die Szene

Ein Szene-Treffpunkt ist Herten im Ruhrgebiet, Heimat des 1985 gegründeten Atari Bit Byter User Club (ABBUC) . Er ist nach eigenen Angaben mit 400 Mitgliedern der größte weltweit und veröffentlicht vierteljährlich eine Zeitschrift, stilecht auf Diskette.

Im Internet bietet der Verein Chats und Foren, in der realen Welt einen Reparaturservice für Atari-Computer und -Zubehör. In der "ABBUC Bundesliga" wird an zehn Spieltagen aus einer Liste von 80 Atari-8Bit-Spielen je eines ausgelost, zu dem die Spieler antreten. Und bei einem Hard- und Softwarewettbewerb gibt es einige Tausend Euro zu gewinnen.

Unter den "Atarianern" sind keineswegs nur 8Bit-Freaks, die in der Computer-Steinzeit hängenblieben. Die Szene beherrschen technisch versierte Laien und IT-Profis. Es gibt sogar Nachwuchs: ABBUC bietet Kurse für Einsteiger, die ihren ersten Atari-Computer kaufen, darunter auch die Kinder der Computerfans von damals.

Wo wurzelt diese Begeisterung? "Die Ataris gehören zur ersten Generation vollwertiger Heimcomputer überhaupt. Sie boten Farben auf dem Bildschirm, guten Sound, ein großes Softwareangebot", versucht Florian Dingler von ABBUC eine Erklärung, "man konsumierte nicht nur, sondern konnte auch selbst programmieren und kreativ tüfteln."

Und so schön retro sind sie auch, diese Ataris.

Mitarbeit: Jochen Leffers