Fotostrecke

Der Schrecken der Bombe und die Anti-Atomwaffen-Bewegung

Foto: Universal Images/ Getty Images

Hiroshima und Nagasaki "Schreckensbilder gestapelter Leichen"

Mit Atomwaffen entfachten die USA vor 75 Jahren ein Inferno in Japan. Friedensforscher Ulrich Kühn berät Großmächte, um eine Wiederholung des Grauens zu verhindern und nukleare Abrüstung voranzutreiben.
Ein Interview von Danny Kringiel

SPIEGEL: Als Winston Churchill kurz vor Hiroshima von der Einsatzfähigkeit der US-Atombombe erfuhr, sagte er voller Begeisterung über das vermeintliche Ende verlustreicher Landkriege: "Jetzt war mit einem Mal dieser Albtraum vorüber, und an seine Stelle trat die helle und tröstliche Aussicht, ein oder zwei zerschmetternde Schläge könnten den Krieg beenden." Gaben die Angriffe auf Hiroshima am 6. August 1945 und auf Nagasaki drei Tage später ihm recht?

Kühn: Churchill wusste damals nicht, dass die Bomben zur Verseuchung weiter geografischer Teile über viele Jahre führten und zu jahrzehntelangen Folgeschäden in der Bevölkerung. Heute, 75 Jahre später, haben wir in Hiroshima und Nagasaki in Altenheimen noch immer Opfer dieser Bombardements mit Gesundheitsschäden. Viele litten zudem lebenslang unter Ausgrenzung, weil sie in Japan als "verseucht" galten und etwa nicht heiraten konnten. Ob ein herkömmlicher Krieg leidvoller gewesen wäre, ist umstritten. Einige Historiker, vor allem in den USA, sagen: Diese entscheidenden Schläge zwangen die Japaner in die Knie. Andere halten dagegen, dass die Japaner damals schon chancenlos dastanden. In einem stimme ich Churchill zu: Diese Waffen haben die Kriegsführung revolutioniert - man konnte plötzlich über große Entfernungen in kürzester Zeit mit noch nie dagewesenen Auswirkungen Ziele bombardieren. Das führte zum "Gleichgewicht des Schreckens" im Kalten Krieg.

SPIEGEL: Demnach wäre die Bombardierung, durch die Hunderttausende starben, ein Akt der Friedensförderung? Klingt reichlich zynisch.

Kühn: Es gibt jedenfalls Menschen, die diesen Standpunkt vertreten. Tatsächlich haben wir seitdem keine großen Kriege mehr zwischen Supermächten im Ausmaß der Weltkriege erlebt. Dafür allerdings Stellvertreterkriege, etwa in Vietnam oder in Afghanistan.

SPIEGEL: Wie haben die Bombenabwürfe die öffentliche Diskussion über atomare Kriegsführung verändert?

Kühn: Im Grunde gab es vorher keine öffentliche Debatte. Die Programme waren geheim, selbst einige der beteiligten Physiker und Ingenieure behaupteten, nicht gewusst zu haben, wie schrecklich die Auswirkungen sein würden. Bei manchen möchte ich es bezweifeln. Aber die breite Öffentlichkeit hat nach Hiroshima und Nagasaki Kernwaffen erst wahrgenommen. Vor allem durch Schreckensbilder verkohlter, gestapelter Leichen.

DER SPIEGEL

Die Dokumentation "Spuren des Krieges: Hiroshima" läuft am 6. August um 21:10 Uhr bei SPIEGEL Geschichte , empfangbar u.a. über "Sky" und "Magenta TV", und ist außerdem jederzeit abrufbar bei Sky on demand.

SPIEGEL: Wie reagierten die Menschen darauf?

Kühn: Ihnen wurde vor allem klar, welchen Beitrag zu diesem Schrecken Physiker geleistet hatten. Schnell entstanden die ersten Anti-Kernwaffen-Bewegungen. Forscher wie Einstein forderten: Nie wieder! Einerseits mit Erfolg: Wir haben seitdem nie wieder den Einsatz von Nuklearwaffen gesehen. Andererseits hatten wir durch das Wettrüsten zeitweise 90.000 atomare Sprengköpfe weltweit. Zudem haben immer mehr Staaten Kernwaffen, inzwischen neun. Dazu kommen Länder wie Deutschland, die durch Bündnisse eine nukleare Support-Rolle erfüllen. Und die "virtuellen Atommächte", rund 25 Staaten, verfügen über die technischen Voraussetzungen und Materialien, um in wenigen Monaten eine Atombombe zu bauen.

SPIEGEL: Neben der Verbreitung von Kernwaffen hat sich auch ihre Technologie seit den Vierzigerjahren erheblich weiterentwickelt. Wie würde ein Kriegseinsatz nuklearer Waffen heute im Vergleich zu Hiroshima und Nagasaki aussehen?

Kühn: Das kommt darauf an. Ein regional begrenzter Einsatz in Nordkorea mit fünf Sprengköpfen würde natürlich anders enden als ein voller nuklearer Austausch zwischen den USA und Russland. Vor ein paar Jahren prognostizierte eine Studie, wie ein Atomkonflikt zwischen Indien und Pakistan enden könnte, bei dem beide Staaten alles verfeuern, was sie haben. Das Ergebnis war, dass der Fallout und die Staubentwicklung weite Teile Ostasiens verdunkeln würden. Und dass es vor allem durch Ernteeinbußen über die nächsten zwei, drei Jahre zu fast einer Milliarde Folgetoten kommen würde. Die Amerikaner und Russen verfügen über die zehnfache Feuerkraft von Indien und Pakistan. Nukleare Sprengköpfe gibt es heute in unterschiedlichsten Formen - die von Hiroshima und Nagasaki gelten inzwischen als sehr klein.

Fotostrecke

Der Schrecken der Bombe und die Anti-Atomwaffen-Bewegung

Foto: Universal Images/ Getty Images

SPIEGEL: Was kann man tun, damit es nicht zu einem solchen Schreckensszenario kommt?

Kühn: Das Grundprinzip der Abschreckung ist ein Paradoxon - die meisten Länder, die sich diese Waffen beschaffen, tun es, weil sie sie nicht einsetzen wollen. Damit sie zur Abschreckung taugen, müssen sie aber der anderen Seite versichern, sie im Zweifelsfall doch einzusetzen. Was man dagegen tun kann, ist schlicht: reden. Miteinander reden, in multilateralen Organisationen, und sich gemeinsam um Verträge und Mechanismen zur Rüstungskontrolle bemühen.

SPIEGEL: Nun sind solche Abkommen in den letzten Jahren eher aufgekündigt als neu geschlossen worden.

Kühn: Es gibt wenige Gebiete internationaler Diplomatie, die so krisenhaft sind, noch verstärkt in den Jahren der Trump-Administration. Die ersten Rüstungskontrollverträge wurden unter Kennedy aufgelegt, jetzt ist fast alles wieder abhandengekommen: der von Eisenhower vorausgedachte "Vertrag über den Offenen Himmel", der durch Überflugrechte Vertrauen zwischen den Supermächten schaffte, der Vertrag über die Abschaffung sämtlicher Mittelstreckenraketen, etliche andere. Und am Horizont zieht ein neuer Kalter Krieg zwischen den USA, China und vielleicht auch Russland heran.

SPIEGEL: Hat die neue Sorglosigkeit gegenüber Kernwaffen in den USA auch mit der schleppenden Vergangenheitsbewältigung des nuklearen Schreckens von Hiroshima und Nagasaki zu tun? Barack Obama besuchte als erstes US-Staatsoberhaupt den Ort des Atombombenabwurfs - das war 71 Jahre danach.

Kühn: Es gibt in den USA keine wirklich wahrnehmbare öffentliche Aufarbeitung dieser Verbrechen. Im Smithsonian Air and Space Museum in Washington ist die "Enola Gay" ausgestellt, der Bomber, aus dem der Abwurf auf Hiroshima erfolgte. Sie wird als stolzer Teil der US-Geschichte präsentiert, Besucher stehen davor und machen Selfies mit Victory-Zeichen. Man sieht sich als Gewinner des Zweiten Weltkrieges und - zu Recht - als die Nation, die zuerst angegriffen wurde. Häufig hört man Argumente wie "Na ja, im Krieg passieren eben Gräuel". Für die Hibakusha, die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki, war Obamas Besuch ein wichtiges Zeichen. Sie wollen, dass nie wieder Menschen dieses unfassbare Leid erleben müssen. Obama zeigte sich aufgeschlossen, auch wenn er innenpolitisch ausgebremst wurde.

SPIEGEL: Donald Trump ist dazu der komplette Gegenentwurf.

DER SPIEGEL

Kühn: Ein Großteil der nuklearen Themen interessiert Trump gar nicht, aber seine Berater, Leute wie John Bolton oder dessen Nachfolger Robert C. O'Brien, sind extreme Falken und davon überzeugt, dass die USA sämtliche Fesseln ablegen müssen - also internationale Verträge, die ihre Macht begrenzen.

SPIEGEL: Die Weigerung, Lehren aus dem Schrecken von Hiroshima und Nagasaki zu ziehen, ist also schlicht die Arroganz der Macht?

Kühn: Hintergrund ist hier, glaube ich, der Anspruch von Amerikanern an die USA, das beste Land der Welt zu sein, das jedem ein Vorbild ist - "the shining city on the hill", wie Ronald Reagan zu sagen pflegte. Dazu passen schwarze Flecken wie die Vernichtung amerikanischer Ureinwohner, die Sklaverei oder Hiroshima und Nagasaki einfach nicht. Wir Deutschen sind mit historischer Selbstkritik sehr eigen im Vergleich zu anderen Nationen: Die kritische Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Holocaust ist in Deutschland inzwischen selbstverständlich. Ich kenne wenige andere Länder, wo das so der Fall ist. Ich wüsste etwa nicht, dass die Franzosen sich massiv mit ihren kolonialen Verbrechen auseinandersetzen oder dass die Russen weitreichend die Auswirkungen des Holodomor, der Hungerkatastrophe in der Ukraine 1932 und 1933, kritisieren.

SPIEGEL: Sie sind Gründer der Deep Cuts Commission, die trotz aller Widrigkeiten versucht, nukleare Abrüstung voranzutreiben - in beratender Funktion mit Experten aus Deutschland, Russland und den USA. Welches sind die größten Hindernisse?

Kühn: Es sind zwei Dinge - einmal Vorurteile über den anderen, die zu Ängsten führen, wie er sich verhalten wird. Das lässt sich nur durchbrechen, indem man mit dem Gegner redet. Die Kommission organisiert informelle Gespräche, die Mitarbeiter der Regierungen zusammenbringen. Als die Kommissionsmitglieder das erste Mal zusammentrafen, haben die sich teils argwöhnisch beäugt. Mitunter braucht man erst ein, zwei Abende - manchmal auch mit ein bisschen mehr Alkohol - bis man sich näherkommt (lacht) und merkt, dass man auch gemeinsame Interessen hat. Es klingt banal, aber genau so arbeitet man an der Überwindung von Vorurteilen.

SPIEGEL: Und das zweite Hindernis?

Kühn: Innenpolitische Interessen. Wenn Sie vom Airport in Washington 50 Minuten in die Stadt reinfahren, beginnen nach kurzer Zeit rechts große Gebäudeblöcke, und viel mehr sehen Sie nicht, bis Sie ins Zentrum kommen. Das sind Zuliefererfirmen der Rüstungsindustrie. Die USA geben 750 Milliarden US-Dollar pro Jahr für die Rüstungsindustrie aus - rund das Doppelte des gesamten bundesdeutschen Haushaltes. Daran hängen wirtschaftliche Interessen von Firmen, die den Wahlkampf von Kandidaten bezahlen und sich dann dafür einsetzen, dass nicht abgerüstet wird.

SPIEGEL: Angesichts der Rückschläge in der nuklearen Abrüstung und der Gefahr eines neuen Kalten Krieges - wieso bleiben bisher die großen Anti-Nuklearwaffen-Proteste aus, wie sie im Kalten Krieg in der Friedensbewegung entstanden?

Kühn: Einerseits, weil die heutige junge Generation nicht mehr im Kalten Krieg aufgewachsen ist. Die Gräuel von Hiroshima, Nagasaki, die Vorstellung eines globalen Atomkriegs sind nicht mehr greifbar. Das lässt es leicht rein imaginär erscheinen. Vor allem aber liegt es daran, dass wir vielleicht vor einer viel größeren Herausforderung stehen, die durch "Fridays for Future" auf die Straße getragen wird: dem Klimawandel, den wir jetzt schon spüren. Ich glaube, wir können heute nicht mehr davon ausgehen, dass das größte Grauen im Sinne eines Armageddon der Nuklearkrieg ist. Es ist wahrscheinlich die schleichende Erwärmung des Planeten.

DER SPIEGEL
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.