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14. April 2015, 09:52 Uhr

Verschwörungstheorien um Lincolns Tod

"Dann werden sie es mit der Kugel tun"

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Hinterrücks erschoss ein Schauspieler im April 1865 Abraham Lincoln. Doch aufgeklärt ist das Verbrechen für viele Amerikaner bis heute nicht. Zum Tod des US-Präsidenten kursieren absurde Verschwörungstheorien.

Der Schuss traf den Präsidenten von hinten in den Kopf. Dann sprang der Attentäter auf die Bühne. "Sic semper tyrannis!", schrie er ins Publikum - zu Deutsch: "So soll es allen Tyrannen ergehen!" Es war der Satz, den auch Brutus gerufen haben soll, als er auf Cäsar einstach.

Die mehr als 1500 Zuschauer in Ford's Theater in Washington, D.C., waren begeistert. Das Publikum glaubte, der Auftritt gehöre zum Stück. Im Lärm und Gelächter ging der Aufschrei von Mary Todd Lincoln, der Frau des Präsidenten, unter. Erst als der Mörder John Wilkes Booth mit einem gebrochenen Bein mühsam Richtung Ausgang humpelte, merkten die Menschen, dass Abraham Lincoln verletzt war. Zu spät. Mit einem Kumpanen flüchtete Booth per Pferd vom Tatort.

Den schwer verwundeten Lincoln trugen Helfer eilig in eine benachbarte Pension. Die hinzugeeilten Ärzte waren hilflos. "Es ist unmöglich, das zu überleben", urteilte der Mediziner Charles Leale. Wenige Stunden später war er tot - der Präsident, der erst sechs Tage vorher den Bürgerkrieg gewonnen und die Sklaven befreit hatte.

Schöner Mörder

Überall im Land schwärmten nach der Bluttat Polizisten und Soldaten aus, um den Präsidentenmörder zu stellen. Booth war ein bekannter Schauspieler, dem Ruf nach "der schönste Mann Amerikas". Als fanatischer Anhänger der besiegten Südstaaten wollte er durch Lincolns Ermordung Rache nehmen.

Zwar hatte Booth sein Attentat erfolgreich durchgeführt. Doch seine Komplizen versagten allesamt: George Atzerodt sollte eigentlich den Vizepräsidenten Andrew Johnson töten. Stattdessen betrank er sich und blieb tatenlos. Lewis Powell konnte Lincolns Außenminister William Seward lediglich verwunden. Und auch Booth verwirklichte seine Pläne nur zum Teil. Eigentlich hätte er zusammen mit Lincoln auch den Oberbefehlshaber der Unions-Armee töten sollen. Ulysses S. Grant war der Vorstellung allerdings ferngeblieben.

Tief enttäuscht versteckte sich Booth in einer Scheune in Virginia. Eigentlich hatte er sich im Süden Ruhm und Anerkennung für sein Attentat erhofft. Stattdessen herrschte auch hier Empörung über den Mord. Am 26. April umzingelten schließlich Soldaten Booths Zuflucht. Lincolns Mörder starb genau wie sein Opfer durch einen Schuss. "Sinnlos, sinnlos", sollen seine letzten Worte gewesen sein. Vier Mitglieder seiner Verschwörergruppe starben bald darauf am Galgen.

Hatte die Gerechtigkeit damit tatsächlich gesiegt? Oder kamen die wahren Drahtzieher für Lincolns Tod ungeschoren davon? Bis heute bezweifelt rund ein Drittel der Amerikaner, dass Booth und seine Gruppe allein gehandelt haben. Wie knapp hundert Jahre später bei der Ermordung John F. Kennedys blühten auch damals die Verschwörungstheorien. Warum trank Lincolns Wächter in der Bar, statt die Tür zur Loge zu bewachen? Wem kam sein Tod zugute?

Juden, Päpste, Konkurrenten

Lincolns Frau Mary hatte vor allem den Vizepräsidenten Andrew Johnson in Verdacht. Wie ihr Mann hielt sie ihn für völlig unfähig. Johnson war ein Mitglied der Demokratischen Partei aus den Südstaaten, der sein Amt allein der politischen Ausgewogenheit verdankte. Booth hatte ihm vor dem Attentat eine Karte geschrieben. Dass zwar ein Attentat auf ihn geplant, aber nicht durchgeführt wurde, machte ihn nur noch verdächtiger. Ein Untersuchungsausschuss wies den nun als Lincolns Nachfolger amtierenden Johnson hingegen als unbescholtenen Mann aus.

Schnell richteten sich die Verdächtigungen gegen die verfeindeten Konföderierten Staaten. Allerdings war das Staatsoberhaupt der Südstaaten, Jefferson Davis, laut Zeitzeugenberichten beim Eintreffen der Nachricht von Lincolns Tod aufrichtig getroffen. "Die Nachricht war für mich sehr schlimm", begründete Davis seine Trauer. "Denn ich hatte das Gefühl, dass Johnson ein rachsüchtiger Mann sei, weit entfernt von jener Großmütigkeit, die Lincoln ausgezeichnet hatte." Ein weiterer Untersuchungsausschuss konnte keine Beweise für eine Mitschuld Davis' an Lincolns Tod erbringen.

Später kursierten immer absurdere Verschwörungstheorien - auch antisemitische. Angeblich habe die jüdische Bankiersdynastie Rothschild über Davis' Außenminister Judah Benjamin bei den Mordplänen mitgemischt. Sie hätten darauf spekuliert, dass die Baumwollpreise steigen würden, sobald Lincoln aus dem Amt entfernt wäre. Allerdings fand sich niemals ein Beweis für diese Unterstellung.

Neben den Juden wurde der Papst verdächtigt. 1885 behauptete der Ex-Priester Charles Chiniquy in seinen Memoiren, der katholische Jesuitenorden hätte den amerikanischen Präsidenten im Auftrag des Vatikans ausgeschaltet. Vorgeblich um die mehrheitlich protestantischen USA zu schwächen.

Wahlsieg durch die Kugel

Die Spekulationen rissen auch Jahrzehnte später nicht ab. Lincolns Kriegsminister Edwin Stanton stand 1937 im Fokus der Verdächtigungen. In einem Buch beschuldigte der österreichische Immigrant Otto Eisenschiml den Politiker. Angeblich habe Stanton General Grant, der eigentlich mit Lincoln in der Loge hätte sitzen sollen, untersagt, ins Theater zu gehen. Und einen unfähigen Leibwächter für den Präsidenten abgestellt, der lieber etwas trinken ging, anstatt die Tür zu bewachen. Obendrein habe Stanton dafür gesorgt, dass Booth nach dem Mord aus der Hauptstadt entkommen konnte.

Tatsächlich hatte Grants Nichterscheinen einen simplen Grund. Wie später herauskam, hegte Grants Frau keinerlei Sympathien für Mary Todd Lincoln - und überredete ihren Mann, die Vorstellung nicht zu besuchen.

Juden, Freimauer, politische Feinde - es gibt kaum eine Gruppe, die nicht die Fäden beim Präsidentenattentat gezogen haben soll. Die besiegten Südstaatler entwickelten noch eine ganz eigene Theorie: Demnach habe eine Gruppe einflussreicher Geschäftsleute aus dem Norden Lincoln beseitigen lassen, weil er ihren Plänen im Süden im Wege gestanden habe. Der ermordete Präsident wollte die besiegten Südstaaten mit Milde wieder in die Union zurückführen.

Bestätigt sahen sich Anhänger dieser Theorie durch die Worte des New Yorker Demokraten Benjamin Allen. 1864 hatte er prophezeit: "Wenn sie Lincoln nicht an der Wahlurne besiegen können, dann werden sie es mit der Kugel tun."

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