DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen" Turbulenzen um ein deutsches Lied

Die Melodie ersann Hanns Eisler an einem Vormittag, Johannes R. Bechers Text war bald nicht mehr tragbar, zur Wendezeit lebte das Lied wieder auf - die Nationalhymne der DDR hat eine lange Geschichte des Streits.


Der Dichter und der Musiker trafen sich zum ersten Mal im Oktober 1949 im Hotel Bristol in Warschau. Als führender Kulturfunktionär (und späterer Kulturminister) der soeben gegründeten DDR hatte Johannes R. Becher in der polnischen Hauptstadt Feiern zum 200. Geburtstag von Goethe organisiert und auch Hanns Eisler eingeladen.

Der Komponist hatte große Teile der Nazizeit wie sein Weggefährte, der Dramatiker Bertolt Brecht, als Emigrant in den Vereinigten Staaten verbracht und war im Zuge der Kommunistenhatz nach Kriegsende ebenfalls ausgewiesen worden; der Literat Becher war nach Moskau geflohen. Als Kommunisten entschieden sich beide für eine Rückkehr in den deutschen Teilstaat im Osten.

Beim Frühstück im Hotel übergab Becher dem Genossen Eisler ein paar Verse: Das sei der Text für eine geplante DDR-Hymne; andere Komponisten hätten ihn schon erhalten, er wäre glücklich, wenn auch Eisler über eine Vertonung nachdenken würde. Als beide am Nachmittag zum Geburtshaus von Chopin fuhren, erlebte Becher eine Überraschung. "Ich hatte inzwischen eine Melodie gefunden", erinnerte sich Eisler, "und auf dem alten Flügel Chopins spielte ich ihm die Nationalhymne vor. Er war sehr erstaunt, dass es so rasch ging."

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DDR-Nationalhymne: "Deutschland, einig Vaterland"

Aufträge schnell umzusetzen - das hatte Eisler während der Emigration gelernt. In Hollywood schrieb er Filmmusiken, 1943 und 1944 waren Arbeiten von ihm für Oscars nominiert. Hanns Eisler (1898-1962) war einer der begabtesten Musiker des 20. Jahrhunderts. Er konnte griffige Kampflieder für die Arbeiterbewegung komponieren, beherrschte aber auch die Avantgarde-Musik seines Lehrers Arnold Schönberg.

Brecht lästerte über "diese meteorologische Hymne"

Eislers DDR-Hymne mit dem Text von Becher erhielt am 5. November 1949 den Segen vom SED-Politbüro und dem Ministerrat der DDR. Tags darauf gingen Text und Noten an den Chor des Berliner Rundfunks, der das neue Werk am 7. November in der Ost-Berliner Staatsoper auf der Festveranstaltung zum 32. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution zur Uraufführung brachte.

Weil Handzettel mit dem Text verteilt worden waren, konnte das Publikum mitsingen. Die erste Strophe:

"Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt,
lass uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
und wir zwingen sie vereint,
denn es muss uns doch gelingen,
dass die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint."

Bechers Worte waren Ausdruck seiner Überzeugung. Der Heimkehrer aus der Sowjetunion hielt die DDR für ein Provisorium und träumte vom Leben in seiner Geburtsstadt München. Natürlich stand der Text auch im Einklang mit der damaligen Politik der DDR. "Deutschland ist eine unteilbare, demokratische Republik", hieß es in der Verfassung. "Spannend", schreibt der Becher-Biograf Jens-Fietje Dwars, war eher das, "was nicht in der Hymne vorkam - die sowjetischen Befreier und der Sozialismus als Ziel" des neuen Staates.

Während wenige den Text beachteten, löste die Melodie eine Kontroverse aus. Eislers Hymne sei ein Plagiat des Liedes "Goodbye Johnny", das Schlagerkomponist Peter Kreuder 1936 für den Hans-Albers-Film "Wasser für Canitoga" geschrieben hatte, berichteten westdeutsche Medien. Und dass DDR-Bewohner sich von ihren Sitzen erheben, wenn irgendwo "Goodbye Johnny" erklang. Tatsächlich sind Teile von Kreuders und Eislers Liedern sehr ähnlich. Aber wahrscheinlicher als Eislers angebliches Abkupfern ist, dass sich beide Komponisten - wohl unbewusst - bei einem Größeren bedienten: Beethovens Opus 119, Nr. 11 .

"Tonstörung" im West-Fernsehen

In der jungen DDR kam "Auferstanden aus Ruinen" gut an. Die meisten Menschen mochten das Lied. Nur Bechers Dichterkollege Bert Brecht lästerte im privaten Kreis über "diese meteorologische Hymne" - eine Anspielung auf die Zeile "dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint".

Indes boykottierte die Bundesrepublik die "Eisler-Becher-Hymne". Botschafter in Entwicklungsländern mussten Protestnoten einreichen, wenn verwirrte Veranstalter das Deutschlandlied und die DDR-Hymne verwechselten. Die ARD kappte zeitweilig den Ton, wenn bei Sportübertragungen ostdeutsche Sieger mit ihrer Hymne geehrt wurden. "Tonstörung - Wir bitten um Entschuldigung und um etwas Geduld" wurde dann eingeblendet.

Johannes R. Becher starb 1958 und erlebte nicht mehr, wie seine Worte in der Versenkung verschwanden. Denn der Text vom "einig Vaterland" wurde unbequem, als die DDR in den frühen Siebzigerjahren offiziell von der Wiedervereinigung abrückte und den eigenständigen sozialistischen Staat propagierte. Die Anweisung, die Hymne sei künftig nur noch instrumental zu spielen, tilgte die bekanntesten Verse des stets linientreuen DDR-Kommunisten.

Aufgegriffen wurde Bechers Schlüsselzeile, als so viele Menschen 1989 für einen anderen Staat auf die Straße gingen. Neben der Hauptparole "Wir sind das Volk" skandierten Demonstranten auch "Deutschland einig Vaterland". Die verfemten Verse waren wieder gefragt. Nach dem Mauerfall und dem Abtritt der SED-Führung verkündete die Ost-Berliner Übergangsregierung Anfang Januar 1990: "Rundfunk und Fernsehen sind zu informieren, dass zum Sendeschluss die Staatshymne der DDR wieder mit dem Text von Johannes R. Becher auszustrahlen ist. Termin: sofort."

Beide Hymnen im Jazz-Mix

Aber wie sollte es weitergehen? Lothar de Maizière, letzter DDR-Ministerpräsident und studierter Bratschist, hatte eine Idee: Bei den Verhandlungen über den Einigungsvertrag regte er im Juli 1990 an, dem Deutschlandlied die erste Strophe der DDR-Hymne als zweite Strophe beizufügen - vergebens. Helmut Kohl sei empört gewesen, sagte Maizière.

Immerhin hatte der Kanzler keine Einwände, als der Jazzmusiker Peter Herbolzheimer 1994 zur Eröffnung der Dauerausstellung "Deutschland seit 1945" im Haus der Geschichte in Bonn ein Arrangement aus dem Deutschlandlied, der DDR-Hymne und der Europa-Hymne "Freude schöner Götterfunken" spielte. Herbolzheimers originelles Potpourri ohne schrille Töne wurde beklatscht. Aber der Pianist Hans Lüdemann erlebte, wie Besucher schimpfend den Saal verließen, als er in jenen Jahren in Free-Jazz-Manier über die beiden deutschen Hymnen improvisierte. Kürzlich hat Lüdemann nachgelegt, die beiden Hymnen am Klavier verschränkt und, mit der Distanz von 30 Jahren, neu interpretiert (mehr dazu in diesem "Zeit"-Text mit der Doppelhymne zum Hören).

Denn der deutsche Hymnenstreit ging auch nach der Entscheidung für "Einigkeit und Recht und Freiheit" weiter. "Ich bekomme die dritte Strophe des Deutschlandlieds einfach nicht runter", sagte 1998 Werner Schulz, Bundestagsabgeordneter und einstiger DDR-Bürgerrechtler, der "Welt". Wie einige Politiker und Kulturschaffende habe er sich die "Kinderhymne" von Brecht als Hymne für das wiedervereinte Deutschland gewünscht. Brecht dichtete sie 1950, als Gegenentwurf zum Deutschlandlied wie auch zur DDR-Hymne.

Eisler vertonte das Gedicht, das mit den Zeilen beginnt: "Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand, dass ein gutes Deutschland blühe wie ein andres gutes Land." Am Ende heißt es: "Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir's. Und das liebste mag's uns scheinen so wie andern Völkern ihr's." Über das Brecht/Eisler-Werk schrieb der Politikwissenschaftler Iring Fetscher: "Es gibt wohl keine Hymne, die die Liebe zum eigenen Land so schön, so rational, so kritisch begründet, und keine, die mit so versöhnlichen Zeilen endet."

Eislers andere Hymne - die mit dem Text von Becher - wurde am 23. November 1995 zum letzten Mal zu einem offiziellen Anlass gespielt. Beim Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Brasilien intonierte die Polizeikapelle von Porto Alegre "Auferstanden aus Ruinen". Roman Herzog ertrug den Irrtum gelassen.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
la thea, 05.11.2019
1. Mir persönlich gefällt die DDR-Hymne....
.....besser als das Deutschlandlied und sie würde auch viel besser zu Deutschland passen. Von mir aus könnte man sie sofort durch das Deutschlandlied ersetzen. Es wäre auch ein moralisches Entgegenkommen und Zeichen der Achtung für all diejenigen Menschen, die - mit allen Einschränkungen - so lange auf die Wiedervereinigung und den Frieden warten mussten.
Bernhard Claushues, 05.11.2019
2. Heidewitzka
Zitat: "Beim Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Brasilien intonierte die Polizeikapelle von Porto Alegre "Auferstanden aus Ruinen". Roman Herzog ertrug den Irrtum gelassen." . . . und Adenauer musste einst "Heidewitzka, Herr Kapitän" über sich ergehen lassen, weil es noch keine Hymne gab. https://de.wikipedia.org/wiki/Heidewitzka,_Herr_Kapitän
Reinhard Hauschild, 05.11.2019
3. Beide Melodien und Texte sind austauschbar
Schade, das in dem Artikel nicht erwähnt wird, das man das Deutschlandlied und Auferstanden aus Ruinen jeweils zur Melodie des anderen Liedes singen kann. Ob nun Zufall oder ein versteckter Trick von Eisler, kann ich nicht sagen. Kann aber jeder selber ausprobieren....
Ursula Hertel, 05.11.2019
4. Späte Folgen
Mit der Verweigerung einer neuen geminsamen deutschen Hymne, der Verweigerung der Erarbeitung einer neuen gemeinsamen deutschen Verfassung und der Verweigerung überhaupt jeglicher Reformen für die gemeinbsame Bundesrepublik Deutschland wurde eine historische Chance vertan. Stattdessen wurden eine neoliberale Wirtschaftsordung etabliert und eine entfesselte Globalisierung losgetreten. Das Ergebnis: eine zutiefst gespaltene bundesrepublikanische Gesellschaft, eine immer stärker werdende Rechtsnationale mit gewaltbereiten Nazis an den Rändern, eine klaffende Schere zwischen Arm und Reich, Rassismus, Antisemitismus und ein von Hass und Hetze geprägter Umgangston in der Gesellschaft.
Harald Fetsch, 05.11.2019
5. Lied der Deutschen
Das Lied der Deutschen hat den gleichen Ursprung wie die Nationalflagge. Auf dem Hamacher Fest wurde eine deutsche Nation gefordert. Sie gehören zur Gründung von Deutschland. Als parlamentarische Demokratie erstmals 1918. Die Melodie war davor Kaiserhymne. Der Ursprung soll ein kroatisches Liebeslied sein. Es gab einmal einen Beitrag in einem Musikkabarett, in dem aufgezeigt wurde, dass die Melodie der DDR-Hymne eine Umkehrung des Motivs der deutschen Nationalhymne sei. Zusammengefasst, die deutsche Nationalhymne besteht seit der Forderung nach einem deutschen Nationalstaat, und der ersten Republik. Wegen Umdeutung des Textes im Nationalfaschismus gilt heute nur noch die dritte Strophe.
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