August Bebel Der Weitersager

Er ist bis heute eines der großen Vorbilder der deutschen Sozialdemokratie: SPD-Mitbegründer August Bebel. Welche ungewöhnlichen Wege der Politiker vor dem Ersten Weltkrieg ging, um eine europäische Katastrophe zu verhindern, ist dagegen kaum bekannt.

SPD-Mitbegründer August Bebel

SPD-Mitbegründer August Bebel

Von Dieter Hoffmann


In seiner letzten außenpolitischen Rede, gehalten anlässlich der zweiten Marokkokrise, hatte August Bebel 1911 im Reichstag eine kühne Voraussage gemacht. Bald, so der führende Kopf der deutschen Sozialdemokraten, werde "in Europa der große Generalmarsch geschlagen, auf den hin 16 bis 18 Millionen Männer, die Männerblüten der verschiedenen Nationen, ausgerüstet mit den besten Mordwaffen, gegeneinander als Feinde ins Feld rücken".

Etwa zur gleichen Zeit hatte Bebel begonnen, heimlich gegen die Kriegsgefahr zu arbeiten - auf eine ungewöhnliche, für den eigenen Ruf wie den seiner Partei höchst riskante Weise.

Seit 1910 führte Bebel regelmäßig Gespräche mit Heinrich Angst, dem britischen Generalkonsul in Zürich, über die politische Lage. Wiederholt warnte er vor dem Hegemoniestreben der deutschen Regierung. Sein Gesprächspartner gab die Äußerungen nach London weiter, was Bebel in Kauf nahm, ja beabsichtigt haben dürfte. Dort stießen die Berichte auf großes Interesse und wurden von Premierminister Herbert Henry Asquith sowie weiteren Kabinettsmitgliedern wie Lord Haldane und Winston Churchill gelesen.

Wiederholt warnte Bebel vor einer Katastrophe. Er mahnte die Briten, bei der Flottenrüstung nicht nachzulassen, mitunter gar begleitet vom Vorschlag, sie sollten eine Anleihe für den Bau neuer Schiffe auflegen. Durch einen Bericht vom 2. Januar 1912 erfuhr das britische Kabinett, Deutschland wolle im Falle eines Krieges gleich zu Beginn angreifen. Seine Regierung habe "im Geheimen gesagt", die "einzige Chance gegen die mächtigere englische Flotte sei, im Augenblick des Losschlagens 'einen zweimonatigen Vorsprung mit unseren Vorbereitungen' zu haben".

Krieg als Flucht nach vorn

Während der Balkankrise von 1912/13 gingen Äußerungen Bebels ans Foreign Office, zwar gebe es "keine offene Mobilisierung", doch habe die deutsche Armee heimlich mit Kriegsvorbereitungen begonnen, wie der intensiven Ausbildung von Rekruten für Kampfeinsätze. Im März 1913 meinte er zu Konsul Angst, Deutschland könne das Wettrüsten zu Wasser gegen England und zugleich zu Lande gegen Frankreich und Russland nicht gewinnen.

Mehrfach wies Bebel sogar darauf hin, ein Krieg habe für das feudal geprägte Regime Wilhelms II. die Bedeutung einer Flucht nach vorn, da bei einem Sieg die liberalen und demokratischen Kräfte für eine ganze Generation geschwächt wären.

Es ist kein Fall bekannt, in dem der Führer der größten Oppositionspartei eines Landes sich so verhielt wie der SPD-Vorsitzende. Juristisch wird man streiten können, ob seine Mitteilungen den Tatbestand des Landesverrates erfüllten. Bebel berichtete wenig Konkretes, und es ist fraglich, inwieweit der Vorsitzende der besonders von Wilhelm II. verfemten Partei überhaupt in der Lage war, Geheimnisse zu verraten.

"So dumm ist Deutschland noch nicht regiert worden"

Moralisch begab sich Bebel in eine schwierige Position. Wäre sein Handeln bekannt geworden, so hätte dies seine eigene Stellung zerstört und die seiner Partei schwer geschädigt. Auch konnte er nicht wissen, was Angst genau weitergab, und seine Äußerungen konnten auch dazu führen, bereits vorhandenes Misstrauen zwischen den Nationen zu vertiefen.

Die Gespräche dauerten bis zu Bebels Tod im August 1913 an. Bereits beim ersten Treffen hatte er Anfang Oktober 1910 gegenüber Angst erklärt: "Obwohl ich selbst gebürtiger Preuße bin, halte ich Preußen für einen schrecklichen Staat, von dem nichts als Schreckliches erwartet werden kann."

Die Außenpolitik der deutschen Regierung hielt Bebel für so gefährlich, dass er Angst im April 1912 bekümmert schrieb: "Man sollte mit Krücken dreinschlagen. So dumm ist Deutschland noch nicht regiert worden, man reitet das Reich immer tiefer in den Sumpf. Und das Schlimmste ist, man sieht nicht wohin man reitet."

Vaterlandsloser Geselle?

Zweifellos trieb Bebel große Sorge um die Zukunft seines Landes an. Zugleich aber erfüllte ihn die fatale Einstellung, die SPD, seit 1912 die stärkste Partei im Reichstag, sei nicht in der Lage, "den Ausbruch eines Krieges zu verhindern, selbst eines Angriffskrieges", wie er Angst im Januar 1913 erklärte. Auch den Versuchen sozialistischer Bewegungen aus anderen Ländern, gemeinsam gegen Rüstungen und Kriegsgefahr zu arbeiten, verweigerte Bebel die Unterstützung. So hatte er eine Initiative britischer Soziallisten im Jahre 1908 abgelehnt, gemeinsam gegen die Flottenrüstung aufzutreten.

Trotz ihrer Größe und Bedeutung hielt Bebel seine Partei für schwach. Angesichts des damals verbreiteten Nationalismus hat zu seiner Mutlosigkeit womöglich auch der Ruf der "vaterlandslosen Gesellen" beigetragen, den die Staatsleitung der SPD zusprach. Doch wäre sein heimliches Vorgehen an die Öffentlichkeit gelangt, so hätte es eben dieses Vorurteil ungemein beflügelt.

In der Hilflosigkeit von Bebels Initiative zeigt sich, wie angespannt die Lage zwischen den Großmächten in den Jahren vor der großen europäischen Katastrophe war. Der Führer der größten Arbeiterbewegung Europas sah keinen anderen Weg, als in aller Heimlichkeit gegen die Gefahr zu arbeiten, die nach seiner Meinung von der eigenen Regierung ausging und die ihm deutlich vor Augen stand.



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