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Jehuda Bacon: "Wer in der Hölle war, weiß, dass es zum Guten keine Alternative gibt"

Foto: Markus Schreiber/ AP

Jehuda Bacon, als Kind in Auschwitz Aus dem Schornstein stieg der Rauch seines Vaters

Sie hielten sich an den Händen, ließen los, der Vater ging ins Gas. Jehuda Bacon, heute 90 und ein berühmter Maler, war einer der "Birkenau Boys" - die SS schickte sie zur Arbeit in die Gaskammern und Krematorien.
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Tim Pröse begegnete für sein Buch "Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler" 18 Gegnern des NS-Regimes und porträtierte sie: unter anderem die Schwester von Sophie Scholl, den letzten Überlebenden von Schindlers Liste oder einen Stalingrad-Veteranen. Dies ist ein überarbeiteter, aktualisierter Auszug aus dem Kapitel über den Auschwitz-Überlebenden Jehuda Bacon.

Oft schon reiste er zurück ins Land, das ihn töten wollte. Dutzende Male machte er sich auf den Weg von Jerusalem nach Deutschland. Meist sei das sogar ganz angenehm gewesen, sagt der Mann, der als Junge in Auschwitz die Asche toter Menschen durchs Lager karren musste.

Nur einmal passierte bei seinen Reisen etwas Verstörendes, erzählt er. Unterwegs zum Vortrag an einer deutschen Schule tuckerte vor dem Wagen ein Traktor auf der Landstraße. Jehuda Bacon wollte erst nicht glauben, welchen Schriftzug er da las. Er sah erneut hin und noch einmal und erkannte das Wort "MENGELE".

Jemand erklärte ihm damals, dass die Firma Mengele immer noch Landmaschinen herstellt und tatsächlich einst vom Vater Josef Mengeles aufgebaut wurde. Jenes Verbrechers, der über Leben und Tod entschied in Auschwitz.

Als Jehuda Bacon im Auto hinter dem "Mengele"-Anhänger durch Deutschland fuhr, stiegen in ihm die Bilder von früher auf. Wie der gefürchtete KZ-Arzt an der Rampe stand im gleißenden Licht der Scheinwerfer, wie die Hunde anschlugen und die Schergen schrien. Wie Mengele dann mit weißen Handschuhen die Neuankömmlinge im Lager selektierte.

Ein Wink bedeutete den sofortigen Tod 

"Mengele war ein gut aussehender und höflicher Mann", erinnert sich Bacon. Ein Wink in die eine Richtung bedeutete den direkten Marsch ins Gas, einer in die andere stand für Zwangsarbeit, für ein paar weitere Wochen Leiden, Warten und Bangen. Oder für Mengeles bestialische medizinische Experimente. Links, rechts, links... so winkte er. Und wie Mengele das tat und dabei Opernarien pfiff, sah er aus, als würde er dirigieren.

Auf wundersame Weise hat Jehuda Bacon jenes Lager überlebt, das die Rote Armee vor genau 75 Jahren befreite. Jehuda Bacon (gesprochen "Bakon") hat die Mordmaschinerie von Auschwitz in ihrem Innersten erlebt. Und als einziger seiner jüdischen Familie überlebt.

DER SPIEGEL

Er war einer der "Birkenau Boys". Die SS-Leute ließen diese 89 Kinder am Leben, damit sie in den Gaskammern arbeiteten und die Asche auf Schubkarren aus den Krematorien schafften. Im Winter durfte sich Jehuda im Krematorium aufwärmen. Die Kinder sollten den Schergen im Fall des Falles als Alibi dienen, wenn etwa das Rote Kreuz einmal das Vernichtungslager inspizieren würde. Dann hätten die Mörder auf den Jungen gedeutet und behauptet: "Hier werden doch keine Kinder getötet!"

Heute lebt Bacon als berühmter Maler und Kunstprofessor in Jerusalem. Mit inzwischen 90 Jahren hat er sich zurückgezogen in seine kleine Wohnung in Jerusalem. Von oben bis unten hängen seine Gemälde an den Wänden, die Bilder seines Lebens. "Ich trete auch kaum noch auf, um über das, was war, zu sprechen. Allenfalls rede ich darüber vor kleinen, ausgewählten Gruppen, die ein besonderes Verständnis für diese Zeit haben", sagt Bacon.

Das Lächeln konnten die Nazis ihm nicht nehmen

Er will niemanden mehr überzeugen oder gar um jemanden kämpfen, der nichts weiß vom Holocaust und den Schrecken vielleicht sogar verdrehen oder kleiner machen will. Dessen ist er müde. Lieber lässt er heute seine Kunst sprechen. Es gibt keine Sprache für die Shoa. Und so begann Jehuda schon als Junge zu zeichnen. All das, was so schwer in Worte zu fassen ist. Damals die Baracken und Gaskammern in Auschwitz-Birkenau. Heute am liebsten nur noch die Farben und Formen seiner Fantasien, abstrakte Ölgemälde. Ja, er malt immer noch.

Im Sommer 1944 ist er 14 Jahre alt und versucht zum ersten Mal, das Unfassbare zu fassen. Er spürt, dass er zeichnen kann und muss, mit einem Stück Kohle in der Hand und wenigen Strichen.

Er sieht seinen Vater in der Gaskammer verschwinden. Und später den Qualm aus dem Schornstein aufsteigen. Diese Rauchsäule bannt er auf ein Stück Papier und zeichnet ein Porträt des Vaters hinein. Es ist sein berühmtestes Bild, überlebensgroß an einem ganz besonderen Ort verewigt: Yad Vashem in Jerusalem. In der Gedenkstätte für den Mord am jüdischen Volk hängt es über dem Modell des Krematoriums und der Gaskammer von Auschwitz.

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Jehuda Bacon: "Wer in der Hölle war, weiß, dass es zum Guten keine Alternative gibt"

Foto: Markus Schreiber/ AP

Wenn er davor steht, muss er zu seinem Vater aufschauen. Bacon ist ein zierlicher Herr. Als wir Ende 2014 gemeinsam die Gedenkstätte besuchen, neigt er vor dem Bild den Kopf zur Seite und lächelt, als wolle er dem Augenblick die Traurigkeit nehmen. Das haben die Nazis ihm nicht nehmen können, er lächelt oft, nie wirkt es aufgesetzt. Vielleicht ist es sein Schutz. Es begleitet auch sein schönes, altes Deutsch und lässt es freundlich klingen.

"22h, 10. VII. 44" steht in der Signatur unter dem Bild (siehe Fotostrecke). Kurz zuvor hatte Jehuda mit seinem Vater in der Schlange gestanden, Hand in Hand mit ihm auf die Selektion gewartet und überlegt, ob er den letzten Weg seines Vaters nicht mitgehen sollte. Der aber sagte ihm: "Es wird alles gut werden. Wir werden uns eines Tages wiedersehen." Dabei wussten beide, dass er gleich sterben würde. Jehuda Bacons Schwester und seine Mutter waren damals schon nicht mehr in Auschwitz. Sie sollten kurz vor Kriegsende im KZ Stutthof sterben.

Aus dem Dunkel ins Licht 

Jeder Gang durch die Gedenkstätte gerät für Bacon zur Zeitreise. Unter seinen Füßen wölbt sich das originale Kopfsteinpflaster, das die Museumsmacher aus dem Warschauer Getto herbringen ließen. Das Licht fällt aus Straßenlaternen von damals. Dann steht er vor den echten Stacheldrahtzäunen aus Auschwitz, streicht mit seiner Hand über einen Rollwagen: "Mit diesem Gerät gelangten wir überallhin." Weil er mit so einem Wagen die Asche aus den Krematorien abtransportierte. Jehuda Bacons Blick irrt durch die Ausstellung. Wenn der Mann sich in den Erinnerungen verliert, schwankt er manchmal und sucht an den Wänden Halt.

70 Jahre nachdem er die Hand seines Vaters losließ, steht Bacon vor einem Berg von Schuhen, wie sie auch die Gedenkstätte in Auschwitz aufbewahrt. "In der Entkleidungskammer sagten die Kapos: 'Hängen Sie Ihre Sachen an den Haken! Merken Sie sich Ihre Nummer!'" Unerbittlich scharf haben sich die Bilder in sein Gedächtnis gebrannt. Das vom Draht über den Lampen in den Gaskammern etwa - der sollte die Birnen schützen, wenn die Eingepferchten in ihrer Qual um sich schlugen. Die Männer vom Sonderkommando, die hinterher die Spuren des Sterbens mit Wasserschläuchen in die Abflüsse schwemmten. Und immer wieder die Duschköpfe, die gar keine richtigen Löcher hatten, nur Einbuchtungen. Denn das Zyklon B rieselte über Schächte in die Hölle aus Beton.

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Am Ende der Ausstellung zeigt ein Bild von Bacon seine Rettung. Mit Wasserfarbe und Kohle hat er gezeichnet, wie ihn jemand durch den zerrissenen Stacheldraht aus dem Lager zieht. An dieser Stelle fällt zum ersten Mal das helle Tageslicht ins Innere von Yad Vashem. Der Weg führt aus dem Dunkeln hinaus zu einem Aussichtspunkt. Von hier aus schaut jeder, der gerade noch in den Abgrund geblickt hat, weit über die buchstäblich biblische Landschaft.

Jehuda Bacon schildert, wie man den Neuankömmlingen, die sofort nach ihrer Ankunft in Auschwitz für den Tod selektiert wurden, noch in der Entkleidungskammer vorlog, sie würden nun duschen. Wie die meisten das auch glaubten und ruhig in die Gaskammer hineingingen. Wie erst Panik ausbrach, als die SS immer mehr Menschen in die Kammer trieb und zusammendrängte, meist 2000 auf einmal. Wie sich einige befreien wollten und niedergeknüppelt wurden, bis die Tür zugeschlagen und verriegelt wurde. Wie die Menschen dann in den überfüllten Gaskammern im Stehen starben. Wie sie sich in ihrem Todesringen ineinander verkeilt hatten und es den Sonderkommandos kaum gelang, die Leichen herauszuschleifen.

Die Mörder wollten keine Spuren hinterlassen 

Blut, Kratzspuren und abgerissene Fingernägel hinterließen die Verzweifelten am Putz der Wände. Kinder und Babys entgingen bisweilen dem Erstickungstod, weil sie sich in den Gaskammern weiter unten befanden und das Zyklon B nach oben stieg. Sie wurden beim Ausräumen der Kammer erschossen. Die SS achtete darauf, dass alle Knochen, die nicht in den Öfen verbrannten, von den Sonderkommandos gesammelt und zermalmt wurden. Die Mörder wollten keine Spuren hinterlassen.

Jehuda Bacon berichtet, wie er vor den Gaskammertüren arbeiten musste, wie dort "Menschen zu Heiligen wurden" und anderen halfen. "Und ich habe sehr gebildete Menschen erlebt, die im selben Moment zu Unmenschen wurden und andere verrieten, nur um ihr Leben um eine Minute zu verlängern."

Grau wie Asche sind Jehuda Bacons Zeichnungen von Auschwitz. Umso reicher an Tönen geraten die Werke des Künstlers nach dem Krieg. Ihre Farbenkraft erzählt von seinem Überlebensglück, so wirkt es zumindest. Wieder andere leuchten voller Zuversicht wie Chagalls Traumbilder. Heute hängen sie nicht nur in Yad Vashem, auch im Israel Museum in Jerusalem, in der Library of Congress in Washington, im British Museum in London - und im Museum am Dom in Würzburg. Einige schmücken die Wohnzimmer des ersten israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann und der Rockefellers.

Am Ende der Ausstellung Yad Vashem geht der Blick über Olivenhügel. In der Luft liegt der Duft von Orangen und Pinien. Die Gebäude der Gedenkstätte hinter uns sind aus schwerem, nackten Beton gegossen, wie jene der Gaskammern. Zum Schluss möchte Jehuda Bacon noch zur Allee der Gerechten, wo auch für Oskar Schindler und Berthold Beitz Bäume gepflanzt sind.

Häftlingsnummer 168194 

Dann fahren wir dorthin zurück, wo wir hergekommen sind: in ein Hotel auf einem Hügel nahe Jerusalem, in dem er gern kurt. Auf dieser Anhöhe fühlt Bacon sich wohl, sie tröstet und inspiriert ihn. Die Luft im Garten ist weich und duftet nach Orangen, wie so oft in Israel. Ein Eichenbaum, der sehr deutsch wirkt an diesem Ort, wirft seinen Schatten auf Bacon, als er auf einer Bank Platz nimmt, einen Arm auf die Lehne legt und seine Häftlingsnummer betrachtet: 168194.

Die an ihren Rändern verwaschenen Ziffern scheinen seit damals mit ihm mitgewachsen zu sein, als hätte sie jemand vor 70 Jahren in die Rinde eines Baumes geritzt. "Dieses Zeichen hat für mich eine enorme Bedeutung", sagt er. Irgendwann beschloss er, die Zahlen, die er nicht ausradieren kann, anzunehmen. Das Zwangs-Mal wurde sein besonderes Kennzeichen. 

Bacon hat sich zeitlebens etwas berührend Kindliches erhalten. Mitten im Hotel steht er vor fremden Gästen, breitet seine Arme aus. Und wenn Bacon bei den Mahlzeiten anderen Opfern der Shoa begegnet, spricht er sie an. Dann legen sie am Frühstücksbüfett Bagels und Datteln auf ihre Teller und reden über Mengele, Heydrich, Himmler. Hinterher gehen sie schwimmen oder spazieren, reden und lachen viel zusammen. 

Beim Anruf in Jerusalem klingt Bacon im Januar 2020 noch zarter, zerbrechlicher. "Unvorstellbarer" seien seine Erinnerungen geworden, sagte er mit sanfter Stimme - "für die meisten Menschen sowieso, aber auch für mich selbst manchmal". Vom neuen Antisemitismus in Deutschland hat er gelesen. Von denen, die dagegen aufstehen. Und denen, die heute wieder gegen Juden hetzen und ihre Synagogen angreifen. Um mit Hass zu reagieren, ist Jehuda Bacon zu weise: "Wenn auch ich hassen würde, dann hätte Hitler doch noch gewonnen."

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