Ausflug in den Osten "Sie werden platziert"

Auf den Spuren seiner Familie reiste Karl-Wilhelm Meier 1969 in die damalige DDR nach Magdeburg. Es wurde eine Begegnung mit sprachlosen Uniformierten, resignierten Mitmenschen und den Eigenheiten der sozialistischen Mangelwirtschaft.

Das Bundesarchiv/Hubert Link

In die DDR zu fahren - 1969 hatte das was Exotisches, denn da gab es den Eisernen Vorhang. Und wenn da jemand durchkam, dann waren es Rentner, nicht aber Zwanzigjährige, die gerade ihre Gehilfenprüfung bestanden hatten.

So kam es, wie es kommen musste. In Braunschweig stieg der Grenzschutz zu: Passkontrolle. Mit Bitte, Danke und so. Nur an meinem Pass konnten sich die Grenzer nicht satt sehen. Drei oder vier Mal musste ich ihn zeigen. Bis dann ein beherzter Reisender im Abteil fragte: Ist er es nun oder ist er es nicht. Nein, ich war es nicht, den sie suchten.

Dann weiter nach Marienborn. Den Zaun habe ich nicht gesehen. Aber es war so etwas Bleiernes im Zug, ein eisernes Schweigen. Graue Gebäude und Uniformierte, die eilfertig ihren Geschäften nachgingen. Der Zug wurde abgeschlossen. Ein Hundeführer kontrollierte den Zug außen von beiden Seiten. Offensichtlich wollte niemand illegal ins Arbeiter- und Bauernparadies.

Kein Bitte, kein Danke

Dann kamen die Ost-Uniformierten in den Zug. Passkontrolle, Zollkontrolle und alles, was uns verband, war die gegenseitige Sprachlosigkeit. Kein Bitte, kein Danke, alles funktionierte nur noch. Der Deutsche Zoll war brennend an einem meiner Kinderbücher interessiert. Die Genossin konnte gar nicht aufhören, das Buch zu lesen. Wollen sie es haben, lag mir auf der Zunge. Ich unterdrückte es, ich wollte ja noch weiter.

Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Das Schweigen blieb. Da arbeiteten Leute an den Schienen. Neben ihnen junge Soldaten, die Kalaschnikow griffbereit. Betroffenheit, aber kein Wort. Man wusste ja nicht, mit wem man sprach.

Weiter ging es durch die Magdeburger Börde. Felder, Bäume, aber keine Städte. Ich wollte doch wissen, wie es hinter dem eisernen Vorhang aussah. Endlich: Magdeburg. Ein geteerter Bahnsteig. Ein Bahnhof, den die Baubrigaden lange in Ruhe gelassen hatten; der in Bremen sah eigentlich auch nicht anders aus.

Durch die Röhre in die Haupthalle - erste Begegnung mit russischen Soldaten. Denn die Gaststätte war ausschließlich Uniformträgern vorbehalten. So sahen sie also aus, unsere potenziellen Feinde. War ich nicht irgendwie enttäuscht, dass sich die Westpropaganda nicht bewahrheitete?

Eingerichtet und resigniert

Vor dem Bahnhof eine Rasenfläche. Gegenüber große neue Häuser mit Gaststätten. Der kleine Imbiss, das Getränk blieben mir versagt. "Sie werden platziert", hieß es.



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