Auswanderung in die USA "Gewiss heiratest du in Amerika einen Cowboy"

Eine Brosche ihrer Mutter und eine Pferdebürste vom Vater, viel mehr packt Martha Hüner nicht in den Koffer, als sie 1923 ihre Heimat Bremerhaven verlässt. Sie ist 17 Jahre alt und allein auf dem Weg nach New York. In ein besseres Leben. Doch sie wird zurückkommen.

Deutsches Auswandererhaus

Martha Hüner ist 17 Jahre alt und träumt von bescheidenem Wohlstand. Doch ihr Geld reicht nicht einmal für das Stückcken Seife, das verlockend in der Auslage des Friseursalons liegt. Immerhin: Sie hat Arbeit, was 1923 in der von Wirtschaftskrisen erschütterten Weimarer Republik keine Selbstverständlichkeit ist. Seit ihrem 15. Lebensjahr ist Martha als Kindermädchen und Haushaltshilfe angestellt. Mit dem Wenigen, was sie verdient, unterstützt sie ihre Eltern und ihre beiden jüngeren Schwestern Käthe und Hanna. Wie verlockend erscheinen da die Briefe, die ihre Tanten aus Amerika schicken! Sie schreiben von Wohlstand und den Verdienstmöglichkeiten für deutsche Hausgehilfinnen. Stets bitten sie Marthas Vater, die Tochter auswandern zu lassen und bieten an, Schiffspassage und Reisegeld zu bezahlen. Martha ist fasziniert von dem Gedanken und sammelt alles, was ihr über die USA in die Hände kommt: Zeitungsartikel, Dollarkurse, Meldungen der Reedereien und Abfahrtszeiten der Dampfer.

Im Sommer 1923 steht ihr Entschluss fest: Sie, die noch nie aus Geestemünde bei Bremerhaven herausgekommen ist, will in Amerika ihr Glück suchen - und das der Eltern, denn einen Teil des dort verdienten Geldes soll die Familie bekommen. Traurig willigen die Eltern schließlich ein und lassen sie ziehen. Martha schreibt ihrer Tante Käthe in New York und bittet sie um die Bürgschaft und das Geld für die Überfahrt. Mitte November kommen die Bürgschaftspapiere, ein Schiffsbillett und einen Scheck über sagenhafte 200 Dollar als Reise- und Kleidergeld an. Martha kauft sich ihren ersten Mantel und den ersten Hut samt Handtasche.

Nicht ohne ein Stück Heimat

Als sie die Koffer packt, legt ihr die Mutter eine Brosche hinein. Auch der Vater trennt sich von einem Familienerbstück. Es ist eine Pferdebürste, die er vom elterlichen Bauernhof mitgenommen und seither sorgsam verwahrt hatte: "Die nimm du man mit. Ich krieg in Bremerhaven doch kein Pferd mehr. Gewiss heiratest du in Amerika einen Cowboy."

Es ist der 30. November 1923, als sich Marthas Eltern und eine ihrer Schwestern, einige Bekannte und Freundinnen an der Kaje in Bremerhaven versammeln, um ihr Lebewohl zu sagen. Schneeregen fällt vom Himmel, als Martha an Bord des Dampfers "München" geht. Drei lange Töne aus der Dampfsirene sind der Abschiedsgruß. An Bord inspizieren Martha und drei Jugendliche aus der Nachbarschaft gründlich das Schiff, das seine Jungfernreise nach New York erst ein halbes Jahr zuvor angetreten hatte. Martha, die in ihrem Leben vor allem Arbeit und Armut kennen gelernt hat, staunt über den Komfort. Die gedeckten Tische im Speisesaal, die Konzerte, Tanzabende und Spiele im Salon, die Bedienung und das Nichtstun scheinen ihr aus einer anderen Welt. Von alledem schreibt sie noch an Bord in Briefen an die Eltern, denen sie jedes Mal einen Dollarschein beilegt.

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Martha Hüners Reise: Eine Brosche, eine Pferdebürste und Heimweh

Nach zehn Tagen läuft die "München" am 10. Dezember 1923 in New York ein. Eine große Menschenmenge ist gekommen, um die Ankömmlinge abzuholen. Auch Martha wird erwartet. Am Hudson-Pier stehen ihre Tanten und Cousinen. Nachdem alle Einwanderungsformalitäten erledigt sind, fahren sie zusammen mit dem Taxi durch das weihnachtlich geschmückte New York in den Vorort Hoboken. Hier, im Haus der Tante Käthe, wird Martha ein herzlicher Empfang bereitetet. Die Tanten haben nicht übertrieben: Tatsächlich sind sie in Amerika zu einigem Wohlstand gekommen. Martha bekommt ein eigenes Zimmer und Vaters Pferdebürste darin einen Ehrenplatz. Die nächsten Tage verlaufen turbulent. Immer wieder kommen Menschen herbei, die einst aus Bremerhaven und Umgebung ausgewandert sind, um Martha zu begrüßen. Und doch: Am Weihnachtsfest kommt das Heimweh.

Kein amerikanischer Cowboy, sondern ein Bäcker aus Hameln

Im März 1924 wird Martha im Hause eines amerikanischen Diplomaten als Kindermädchen eingestellt. Die Betreuung der beiden Kinder, die im gleichen Alter wie ihre Schwestern Käthe und Hanna sind, lindern ihr Heimweh in den ersten Wochen. Nun kann sie ihren Eltern regelmäßig Geld schicken. In dieser Zeit lernt sie auch den Bäcker Willy Seegers kennen, der bereits 1911 seine Heimatstadt Hameln verlassen hat. Die beiden heiraten Ende 1925 und eröffnen 1932 eine eigene Bäckerei in Weehawken, New Jersey.

Den ersten geplanten Heimatbesuch 1929 macht der "Schwarzen Freitag" zunichte. Alle Ersparnisse der Eheleute Seegers sind verloren. So kehrt Martha erst 1936, 13 Jahre nach ihrer Abreise aus Bremerhaven, zusammen mit ihrem Mann Willy auf dem Lloyd-Dampfer "Columbus" das erste Mal in ihre Heimat zurück. Mehrtägige Besuche in Hameln und Bremerhaven sowie der Besuch der Olympischen Spiele in Berlin sind die Eindrücke dieses ersten Besuches. Weitere Heimatreisen schließen sich an: 1947, 1949, 1954, 1959, 1971, 1981 und 1984. Anfang Dezember 1949 reist Martha nach Deutschland, um ihre schwer kranke Mutter zu pflegen, die an Heiligabend stirbt.

Kurz nach Ausbruch des Zeiten Weltkrieges 1939 bleiben die Kunden in der Bäckerei aus. Der Laden liegt in einem tschechischen Stadtteil und wird nach der deutschen Besetzung und Liquidierung der Tschechoslowakischen Republik 1938/39 gemieden. Wenig später sind die Seegers gezwungen, ihr Haus zu verkaufen.

Das Heimweh hört nie auf

1962 stirbt Willy an einem Gehirntumor. Da die Behandlungskosten alle Ersparnisse aufgezehrt haben, verdient Martha sich ihren Lebensunterhalt zunächst als Diätköchin. Ein glücklicher Zufall lässt sie 1965 Hauswirtschafterin des Unternehmerpaares Adams werden, bei dem sie fortan auch lebt. Nach deren Tod - beide sterben 1985 - zieht Martha zu einer langjährigen Freundin nach Orange City in Florida. Hier erleidet sie Mitte Januar 1986 einen leichten Schlaganfall. Einem Aufenthalt im Krankenhaus folgt ein kurzer in einem Seniorenheim. Doch Martha hat Heimweh, und ihre Schwester Hanna und deren Mann holen sie bald zurück nach Bremerhaven. Am 3. Juli 1987 stirbt Martha nur zwei Tage nach ihrem 81. Geburtstag kinderlos im Hause ihrer Schwester.



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