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Klappriger Kult: Einmal Ente - immer Ente

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Autolegende Citroën 2CV Die in Enten hausen

Sie war klein, klapprig und unkomfortabel: die Ente. Millionen konnten sich dem Charme von Citroëns Kultkarre trotzdem nicht entziehen. Für Fans wie Uli Booms war der 2CV mehr als ein Auto - auch wenn Entefahrer häufiger als andere mit Maschinenpistolen bedroht wurden.

In meinem Leben als Autofahrer saß ich hinter dem Steuer von drei Enten. Meine beiden ersten Begegnungen mit dem Citroën 2CV waren eher kurz, fast beiläufig. Dennoch hinterließen sie offenbar einen tiefen Eindruck, denn mein erster Neuwagen wurde - eine Ente. Und das noch Mitte der Achtziger, als Citroën sein schrulligstes Modell schon nicht mehr in Frankreich, sondern in Portugal produzieren ließ.

Da war der 2CV schon lange nur noch automobile Nostalgie, aber noch immer die billigste Form, Cabrio zu fahren. Dass ich mit dem Kauf auch den besonderen Status des Entefahrers erwerben würde, hatte ich allerdings nicht geahnt - obwohl bei meinen Kurzkontakten schon einiges darauf hinwies.

Die erste Ente, sie war dunkelrot, hatte ich mir geliehen. Mit drei Kommilitonen samt Wochenendgepäck gut beladen schaukelten wir flott über enge, kurvenreiche Schwarzwaldstrassen. Ein Heidenspaß - bis wir in die breite Schneise einer großen Bundesstrasse einbogen. Es tat einen Schlag, das Tempo fiel unter dreißig. So fühlt sich ein Motorschaden an, durchfuhr es mich. Ich kuppelte, schaltete, versuchte herauszufinden, ob noch Leben in dem Maschinchen war. Und siehe da, mit einem ächzenden Rüttüütüt kamen die 29 PS bei sechshundert CCM wieder in Schwung. Als die Ente konstruiert wurde, waren Tugenden wie Windschnittigkeit für den Konstrukteur noch Nebensache.

Terroristen in der Ente

Die zweite Ente gehörte meinem WG-Kumpel, war lindgrün und stand auch mir zur Verfügung. Die erstaunliche Außenwirkung dieses 2CV demonstrierten uns die Fahnder während der Terroristenjagd im Gefolge des Deutschen Herbstes. Es hieß zwar, Baader, Meinhof und deren Nachfolger bevorzugten als Fluchtfahrzeuge viertürige Mittelklasse-Limousinen, weshalb besonders entsprechende Modelle eines Münchner Autobauers in Verruf gerieten - scheinbar wurde aber auch am anderen Ende der automobilen Luxusskala gefahndet. Wie wäre es sonst zu erklären, dass wir an einem regnerischen Novembermorgen aus dem der Großstadt zustrebenden Verkehrsstrom gewinkt und mit vorgehaltenen Maschinenpistolen kontrolliert wurden.

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Das Fahrzeug war budgetschonend mit fünf Personen (Mitfahrer gegen Benzinkostenbeteiligung) besetzt, was die Kontrolle entsprechend in die Länge zog. Auf die Frage des Polizisten, ob das nun alle seien, verriet ich ihm, im Kofferraum noch eine weitere Person zu befördern. Dem Spaßfaktor dieses Autos konnte sich auch die deutsche Obrigkeit nicht entziehen. Unser außerplanmäßiger Halt endete mit der freundlichen Empfehlung des Beamten, seine Kollegen von der Verkehrsstaffel mit dieser Besetzung lieber zu meiden. Obwohl natürlich niemand im Kofferraum kauerte.

Die dritte Ente war meine eigene, sie war weiß. Fortan gehörte ich zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, denn vor dem Autogott waren kraft identischer PS-Zahlen und in Ermangelung einer erwähnenswerten Zubehörliste alle Entefahrer gleich. Was gab es erhebenderes, als auf der A 8 im Anflug an die Schwäbische Alb auf der berüchtigten Geislinger Steige - damals noch eine Uraltautobahn ohne Randstreifen und mit engen Kurven - zwei Artgenossen zu treffen. Im sofort gebildeten Formationsflug hielten wir uns gegenseitig den Rücken von drängelnden PS-Protzen frei und entgingen so dem Schicksal, hinter einem der im Schneckentempo kriechenden Lkw an der Steigung zu verhungern - wenigstens dieses Mal.

Cabrio, Funcar und SUV in einem

Klar, es gab auch eine kleine, unbedeutende Entenhierarchie. Eingeteilt war sie nach Kriterien wie runden oder eckigen Scheinwerfern, der Geschmacksverirrung, einen grünen 2CV mit gelben Enten-Aufklebern zu verschandeln oder der zweifelhaften Aura der Möchtegern-Nostalgiker in den "Charleston"-Enten - schwarz-weinroter Lack, verchromte Zierleisten und Weißwandreifen.

Deren Exklusivitätscharme verflog spätestens dann, wenn der Rost die Chromteile mit hässlichen Pickeln überzogen hatte und das Weiß der Reifen im Feinstaub ergraut war. Auch ich erlaubte mir einen für Puristen zweifelhaften Schritt: Ich verkleidete die schnörkellosen grauen Vollfelgen mit zur Wagenfarbe passenden Zierblenden. Damit hatte ich das schönste Cabrio, was zu dieser Zeit für weit unter 10.000 Mark zu kaufen war.

Je länger ich Ente fuhr, desto mehr begeisterte mich auch der praktische Aspekt des Autos. Für Transporte ließ sich die Rückbank mit wenigen Handgriffen ausbauen, was eine zwar nicht ganz ebene, aber doch voluminöse Ladefläche schuf. Die Kapazität konnte bei schönem Wetter durch das aufgerollte Dach noch erweitert werden, was selbst den Transport von drei Meter langen Fußbodendielen problemlos ermöglichte. Für lange Urlaubsfahrten bot diese Fläche, richtig gepackt, sogar Platz genug, um ausgestreckt zu schlafen.

Vorsicht vor der Skibindung unter dem Sitz

Auch den innen liegenden Skisack hatten die Ente-Macher schon erfunden, lange bevor er Einzug in diversen Oberklassemodellen hielt und dort als Innovation gefeiert wurde. Die Skier wurden einfach vom Kofferraum aus unter den Sitzen nach vorne durchgeschoben. Man musste lediglich darauf achten, dass die Bindungen nicht unter dem Gesäß eines Mitfahrers platziert waren. Dann nämlich drohte beim erstbesten Schlagloch eine empfindliche Verletzung des Steißbeins. Die hauchdünnen Polstersitze der Ente waren nicht gerade für ihre dämpfenden Eigenschaften berühmt.

Es war nicht der Urlaub in England, der mich und meine Ente trennte. Obwohl sich dort bei dreiwöchigem Dauerregen doch Schwächen auftaten: Das Faltdach weichte mehr und mehr durch, Lüftungssyteme und Heizung waren überfordert. Die Ente war eben ein Cabrio, ein SUV, ein Funcar, wie es imautomobilen Marketingkauderwelsch heute hieße. Sie musste irgendwann dem Ernst des Lebens und damit einem praktischen Strich Achter von Mercedes weichen. Auch ein schöner Wagen, aber das ist eine andere Geschichte.

Anfangs jedenfalls zuckte mir in dem neuen Auto bei der Begegnung mit Enten die Hand zum Gruß nach oben. Schnell ließ ich sie sinken, denn mir wurde bewusst, dass ich nun zur grauen Alltagsautoklasse gehörte. Und dass niemand mein Verhalten mehr verstand. Etwa, wenn ich auf der Autobahn bremste, um einem einsamen Entlein eine Überholchance an der Geislinger Steige zu lassen.

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