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"Der Stummfilm liegt auf dem Totenbett"

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Frühe Tonfilme in den Zwanzigern "Huppa, huppa, muppa, muppa"

Im Jahr 1929 lernte das Kino in Deutschland sprechen. Die ersten Tonfilme knisterten noch gewaltig, Dialoge klangen unverständlich. Der Wandel mündete in einem Kulturkampf - und trieb einen Stummfilm-Star in den Tod.

Was für eine Sensation: Es klingelte. Im Kino!

Kein störendes Mobiltelefon, das war an diesem 30. September 1929 bei der Premiere des Films "Land ohne Frauen" längst nicht erfunden. Sondern ein echter Ton, der zur Handlung auf der Leinwand passte. Dabei waren Filme bisher stumm gewesen.

Doch nun verdoppelte sich plötzlich die Sinneswahrnehmung. Selbst nüchterne Filmhistoriker sprachen später von einer Revolution. "Babylon Berlin" nimmt das Thema in seiner dritten Staffel  auf. Am plastischsten hat diesen Wandel aber schon ein Zeitgenosse beschrieben. Drehbuchautor Billy Wilder sah die Berliner Uraufführung von "Land ohne Frauen" - und schilderte, was der Filmheld mit einer banalen Handlung auslöste:

"Er ging eine Treppe hinauf und drückte auf eine Klingel. Es klingelte. Tausende Leute sprangen jubelnd und klatschend auf. Kurz darauf hörte ich den ersten Dialog. Es klang wie 'Huppa, huppa, muppa, muppa' und sollte wahrscheinlich 'Heute Nachmittag kommt meine Braut' heißen. Oder genau das Gegenteil. Jedenfalls brach das Publikum erneut in riesigen Jubel aus."

Charlie Chaplin warnte

Es gab auch andere Stimmen. Filmkritiker und Kulturpessimisten warnten vor der großen "Suggestivkraft" der Geräusche, prognostizierten eine "Tonfilm-Verwirrung"; der Reiz des Neuen werde schnell verfliegen. Charlie Chaplin befürchtete gar, die neue Technik vernichte die "die älteste Kunst der Welt", die Pantomime:

"Die sogenannte Sprechfilmkunst will die unerhörte Schönheit des Schweigens zerstören. Und Schweigen ist das Wesen des Films."

So wurde das Mikrofon über Nacht zur Karrierechance oder Existenzbedrohung. Harry Liedtke etwa war ab Mitte der Zehnerjahre einer der beliebtesten deutschen Schauspieler, verehrt besonders von Frauen. Mit der noch unbekannten Marlene Dietrich trat er 1929 in der Stummfilmoperette "Ich küsse Ihre Hand, Madame" auf. Ein Höhepunkt seiner Karriere - die der Tonfilm Monate später jäh stoppte.

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"Der Stummfilm liegt auf dem Totenbett"

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Denn Liedtke hatte nur eine dünne, hohe Stimme. Die passte so gar nicht zu seiner Paraderolle als hinreißend gekleideter Mann von Welt. Schon in "Ich küsse Ihre Hand, Madame" war das ein Problem. Dieser Film enthielt nämlich schon Tonsequenzen - den titelgebenden Schlager. Und so bewegte Liedtke in der Rolle eines russischen Grafen nur schmachtend seine Lippen, während jemand anderes für ihn sang:

"Ich küsse Ihre Hand, Madame, und träum’, es wär' Ihr Mund. Ich bin ja so galant, Madame, und das hat seinen Grund."

Dabei lockten Werbeplakate: "Harry Liedtke singt!" Diese Lüge ließ sich mit vollständig vertonten Filmen, die ab Ende 1929 die deutschen Kinos eroberten, nicht aufrechterhalten. Liedtke fasste im Filmgeschäft nicht mehr Fuß. Schlimmer erging es einem weiteren Strahlemann der Stummfilm-Ära, Bruno Kastner. Denn der "schöne Bruno", wie ihn seine Fans nannten, stotterte. Rollenangebote blieben aus. 1932 nahm sich Kastner das Leben.

"Der Tonfilm ist geistiger Mord!"

Es war nicht die einzige Tragödie in der Umbruchsphase des Kinos. Tausende Musiker waren plötzlich arbeitslos. Einst hatten sie als Schlagzeuger, Trompeter und Orgelspieler in den Kinosälen gespielt und Stummfilme musikalisch untermalt: ein grotesker Sturz auf der Leinwand brauchte den passenden Tusch. Manche Kinos leisteten sich ganze Orchester; der Stummfilm war nie ganz stumm gewesen.

Nun gingen diese Musiker gegen den Tonfilm-"Kitsch" auf die Straße und riefen zum Boykott auf: "Der Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord!", hieß es etwa auf einem Flugblatt des "Deutschen Musiker-Verbands". Und weiter:

"Seine Konservenbüchsen-Apparatur klingt kellerhaft, quietscht, verdirbt das Gehör und ruiniert die Existenz der Musiker und Artisten!"

Dabei war die Idee, das Kino zum Sprechen zu bringen, schon älter. Doch bisher waren alle Vorstöße an Kosten und Technik gescheitert. So gab es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Tonbilder: Kurzfilme, bei denen der Ton zeitgleich von der Schallplatte abgespielt wurde. Doch die Spieldauer der Platten war sehr kurz. Für abendfüllende Filme ließ sich das Verfahren kaum anwenden. Zudem liefen Ton und Bild oft nicht synchron.

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In den Zwanzigern versuchten verschiedene Ingenieure unabhängig voneinander, solche Probleme zu beheben. Den Durchbruch brachte das Lichttonverfahren, bei dem eine Tonspur auf den Rand des Filmstreifens gespeichert und bei der Projektion per Lichtstrahl abgetastet wird. Endlich ließen sich Bilder und Ton verlässlich abspielen - und kopieren.

Das löste eine Goldgräberstimmung aus, die in einem Patentkrieg mündete, besonders zwischen den USA und Deutschland. Denn die ersten Tonfilme kamen ab 1927 aus den USA. Hollywood wollte erzwingen, dass diese Filme nur auf Abspielgeräten der US-Firma Western Electric gezeigt wurden. Daher gab es diese Geräte für deutsche Theaterbesitzer nicht zu kaufen - sondern nur gegen 15.000 Dollar Mietgebühr.

Händeringend versuchte die deutsche Filmwirtschaft, dieses Monopol auszuhebeln. Sie gründete 1928 die Tonbild-Syndikat AG (Tobis), um eigene Techniken zu verbessern und Tonfilm-Patente zu bündeln. Langfristig war die Strategie erfolgreich, mit den USA schloss man schon 1930 in Paris einen "Tonfilmfrieden".

"Noch habt ihr nichts gehört!"

Dass der Tonfilm überhaupt eine lohnende Investition war, hatte erst 1927 "The Jazz Singer" bewiesen. Warner Brothers hatte mit diesem Film alles auf eine Karte gesetzt - und spektakulär gewonnen. Millionen Zuschauer wollten die Geschichte des jüdischen Sängers sehen, der es trotz aller Vorbehalte zum Broadway-Star schafft. Der Kassenschlager rettete das finanziell klamme Warner-Studio vor dem Bankrott.

Im Film begrüßte Hauptdarsteller Al Jolson sein Orchester mit einem bald ikonischen Satz, der für den Zauber der neuen Ära stand: "Wartet kurz, ich sage euch, noch habt ihr nichts gehört!"

Die Filmbosse in Europa hörten genau zu. Wie radikal sie umplanten, zeigte sich 1929 während der Dreharbeiten in Ungarn zum Ufa-Stummfilm "Melodie des Herzens". Hauptdarsteller Willy Fritsch erinnerte sich 1954 im "Hamburger Abendblatt":

"Während der Aufnahmen kam der Anruf aus Berlin: Alles stoppen!" 'König Ludwig' (Ufa-Chef Ludwig Klitzsch - d. Red.) war von der amerikanischen Tonfilm-Front zurückgekommen. Nur blitzschnelles Umschalten auf den Tonfilm ließ den deutschen Film in der Welt konkurrenzfähig bleiben. Viele Millionen wurden investiert. Babelsberg verwandelte sich in eine schalldichte Atelierstadt."

Doch zunächst, so Fritsch, habe man in Ungarn völlig ratlos auf dem Scherbenhaufen des verworfenen Films gesessen. Ein neues Drehbuch musste her, Musik, Dialoge - und die Technik. "Nach vierzehn Tagen kam endlich die mit Spannung erwartete Tonfilm-Apparatur", berichtete Fritsch. "Und wir betraten Neuland."

"Wir waren alle mächtig durchgedreht"

So stieg Fritsch zu einem der ersten deutschen Tonfilm-Stars auf. Da Filme noch nicht nachsynchronisiert werden konnten, musste er seine Rolle gleich vierfach singen und sprechen: auf Deutsch, Englisch, Französisch und Ungarisch. Wer nicht so sprachgewandt war, verlor sein internationales Format. "Wie ein Papagei" habe er die Texte gelernt, sagte Fritsch dem "Abendblatt". Sogar die deutsche Version überforderte ihn:

"Mindestens hundertmal betonte ich einen einzigen Satz verschieden, bis er wirklich natürlich klang. Als Honved-Musketier war in diesem Film mein Streben ein eigenes Pferd. Noch im Traum sagte ich immer und immer wieder: 'Ich spare auf ein Pferd, ich spare auf ein Pferd.' Wir waren alle mächtig durchgedreht."

Zur Sicherheit drehte die Ufa noch eine Stummfilm-Version von "Melodie des Herzens" für alle Kinos, die sich dem Wandel verweigerten - oder ihn sich nicht leisten konnten. Der gesprochene Film aber wurde ein großer Erfolg, auch wenn Kritiker die "viel zu gestellten und unnatürlichen Dialoge" bemängelten.

Der Umbruch ließ sich nicht mehr aufhalten, trotz aller Unzulänglichkeiten: Es pfiff, krachte, knisterte noch gewaltig ungepegelt, wenn auf der Leinwand Züge einfuhren, Bomben fielen, Kleider angelegt wurden. Viele Angestellte in den Studios mussten erst lernen, dass sie bei den Dreharbeiten nicht mehr quatschen durften. Kameramänner mussten wegen der Eigengeräusche ihrer Kameras aus engen, schalldichten Holzkisten filmen. Brummende Verstärker und Scheinwerfer vermiesten dennoch den Ton.

Dramen für Hollywood

Besonders die Dialoge blieben oft unverständlich. Die Technik schluckte Silben und Liebesseufzer, manche Gespräche waren ein Austausch von Zischlauten. Aus der Not setzten Regisseure auf Musikfilme: Da verstand jeder was.

Ende 1929 konnten nur vier Prozent der deutschen Kinos Tonfilme abspielen; drei Jahre später waren es schon 68 Prozent. Sogar Charly Chaplin gab Mitte der Dreißiger seinen Widerstand auf.

Als der Stummfilm schon fast vergessen war, entdeckte Hollywood den Umbruch als Filmstoff. In "Singin' in the Rain" von 1952 wird eine Stummfilmdiva wegen permanent vergeigter Dialoge und ihrer schrillen Stimme flugs von einer jüngeren Kollegin ersetzt.

Die Wirklichkeit war nicht minder brutal. Ida Wüst war jahrelang mit Bruno Kastner verheiratet gewesen. Noch vor seinem Suizid hatte Kastner mitansehen müssen, wie seiner Ex-Frau das gelang, woran er gescheitert war: der Durchbruch im Tonfilm an der Seite von Stars wie Hans Albers und Heinz Rühmann.