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29. Juli 2010, 16:14 Uhr

Backstage bei "Fury"

Die Band, die sich Pferd nannte

Der Name war komisch, ihre Songs internationale Erfolge: In den neunziger Jahren machte die Band Fury in the Slaughterhouse Rockmusik-Karriere. Axel Nerger traf die Hannoveraner, als sie noch ein Geheimtipp waren, auf einem ihrer Konzerte und schoss Fotos vor, auf und hinter der Bühne.

"Was ist das denn für ein bescheuerter Name?" Das war meine erste Frage, als Yogi von der Discothek "Metro" in Oldenburg mir 1988 die Single "Time To Wonder" einer neuen Band aus Hannover zeigte. Sie nannten sich Fury in the Slaughterhouse. Konnte ich ahnen, dass aus ihnen eine der erfolgreichsten deutschen Rockbands der neunziger Jahre werden würde?

"Die Mädels stehen drauf", dozierte Yogi, "Fury spielen in einigen Monaten im Römer in Bremen, da fahre ich dann mit denen hin und seh' mir die Combo mal an." "Fährst du wegen der Mucke oder wegen der Mädels?", fragte ich. Er grinste nur. Mit demselben Grinsen sagte er mir Anfang 1989, dass er Fury in the Slaughterhouse für einen Gig in Oldenburg engagiert hätte.

Die Band galt im restlichen Deutschland bereits als "Next Big Thing", in Hannover sowieso, aber in den hohen Nordwesten war das noch nicht vorgedrungen. Deshalb wollte Yogi kein Risiko eingehen und buchte als Veranstaltungsort vorsorglich nur das Kulturzentrum "Kurlandallee" in Oldenburg.

Bei "Time To Wonder" sang der ganze Saal mit

Der kleine Saal war am 30. Juni 1988 bereits kurz nach Einlass so gut gefüllt, dass die Vorband Billy Moffet's Playboy Club etwas früher als geplant beginnen konnte. Als Lokalhelden der Indie-Szene hatten sie es nicht schwer, die Menge in Stimmung zu bringen. Während ihres Supports trafen immer mehr Besucher ein, und als Fury in the Slaughterhouse endlich die Bühne betraten, tropfte schon das Kondenswasser von der Decke.

Fury spielten damals noch in der Gründungsbesetzung, mit Kai Liekenbröcker an den Keyboards, der bald darauf die Band verlassen sollte und durch Gero Drnek ersetzt wurde. Was allen sofort auffiel, war die in den ach so coolen achtziger Jahren ungewöhnliche Paarung von Spielfreude und professioneller Performance. Da saß jeder Break, die Soli waren alles andere als dilettantisch, und trotzdem hatten sie einen Mordsspaß auf der Bühne.

Dazu kam, dass sie fast nur Eigenkompositionen spielten. Und die hatten es in sich: Irgendwie schien ein Großteil des Publikums die Titel bereits zu kennen - spätestens, als bei "Time To Wonder" und "Kick It Out" der ganze Saal mitsang, war klar, dass hier keine Band auf der Bühne stand, die in einem Jahr vergessen sein würde.

Yogi hatte mich engagiert, den Gig und möglichst auch "den ganzen Kram backstage" zu fotografieren. Technisch war ich mit meiner amateurhaften Ausrüstung überfordert, allerdings wirken nach all den Jahren die grobkörnigen Schwarzweißfotos dieses Juniabends im Jahr 1989 umso authentischer. Nichts an diesen Bildern ist gestellt.

Schlagzeug-Sample von Led Zeppelin

Durch den großen Erfolg ermutigt, wollte Yogi die Band bald darauf für einen weiteren Auftritt in Oldenburg engagieren, dieses Mal in einer größeren Location. Doch mittlerweile waren Fury in the Slaughterhouse kein Geheimtipp mehr, die Strukturen wurden professioneller.

Er hatte trotzdem Erfolg: Am 22. April 1990 standen Fury in der barock anmutenden Atmosphäre des einige Jahre später abgebrannten Clubs "Renaissance" auf der Bühne und boten eine grandiose Vorstellung.

Es gab neue Stücke aus der Feder der Brüder Kai und Thorsten Wingenfelder, Gitarrist Christof Stein-Schneider erinnerte mit seinem Spiel immer gekonnter an die späten Sechziger und ihre großen Saitenhelden - und was "die Mädels" anging: Bassist Hannes Schäfer brachte ohne große Anstrengung Unruhe in vormals glückliche Beziehungen.

Und wieder war da diese Spielfreude, die Bereitschaft, sich auf das Publikum oder kleine Marotten der Mitmusiker einzulassen - es wirkte alles warm und herzlich, hatte nichts von der Coolness, mit der in jenen Jahren viele neue Bands ihr Publikum abfertigten. Einer der großen Momente war "When I'm Dead And Gone" von McGuiness Flint, das Fury damals noch mit einem Sample von John Bonham begannen, dem legendären Schlagzeuger von Led Zeppelin.

Won't forget these days

Wir diskutierten backstage noch eine halbe Stunde lang darüber, dass die Band auf der Bühne sehr "amerikanisch" wirkte, aber "englisch" klang, wie auch auf den ersten Studioproduktionen. Oder "irisch", wie ein befreundeter Musiker immer wieder einwarf.

Kurz zuvor war die LP "Jau!" mit der Single "Won't Forget These Days" erschienen und machte sich in die höheren Regionen der Charts auf. Yogi schaffte es zwei Jahre später noch einmal, die Band nach Oldenburg zu holen.

Das war im April 1993, kurz nach Erscheinen der LP "Mono", die bis heute für viele den musikalischen Höhepunkt des Bandschaffens darstellt. Fury in the Slaughterhouse waren inzwischen oben angekommen. Sie spielten an diesem Abend in der Weser-Ems-Halle, da jede andere Location in Oldenburg zu klein gewesen wäre. Meine Hoffnung, auch hier Fotos machen zu dürfen, zerschlug sich schnell. Nun galten andere Regeln und auch wenn ich eine "Pressekarte" hatte - Fotografieren verboten.

Ich habe kürzlich noch einmal mit Freunden von damals gesprochen, die als Roadies bei den Gigs 1989 und 1990 ausgeholfen hatten. Es herrschte Einigkeit: Fury waren, wie man heute sagen würde, cool, aber dabei nicht eingebildet. Die Band schien sich selber darüber zu wundern, wie schnell damals alles ging.

20 Jahre ist das jetzt her. Eine lange Zeit. Aber es ist so, wie es in einem ihrer größten Hits heißt: Won't forget these days - ich werde diese Tage nicht vergessen.

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