Schrullige britische Kampfkunst Prügeln wie ein Gentleman

Jiu-Jitsu mit Hut und Spazierstock: Ein weitgereister Brite erfand um 1900 den Kampfsport Bartitsu. Dieser verband Straßenkampf mit feiner englischer Art - und rettete sogar Sherlock Holmes das Leben.

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Leger hatte der Herr im Tweedanzug seinen Mantel über die Schulter geworfen und ein Bein vorangestellt. Die Melone zeugte ebenso von Stil wie sein gezwirbelter Schnurrbart und der gestärkte Kentkragen. Die Fotostrecke, im März 1899 im englischen "Pearson's Magazine" veröffentlicht, schien Herrenmode zu zeigen.

Nur war da auch der Mann mit dem Dolch.

Er attackierte den Gentleman. Würde der Leser so angegriffen, riet der Text: "Umhüllen Sie seinen Kopf und Arme, indem Sie ihren Mantel mit einer Kreisbewegung auf ihn werfen." So sei seine Sicht verdeckt. "Gleiten Sie um ihn herum, greifen sein Fußgelenk und stoßen mit der Hand unter das Schulterblatt." Dann werde der Rüpel stürzen und die Waffe fallenlassen, um sein Gesicht mit den Händen zu schützen. "Er wird in einer Position sein, in der Sie ihm unverzüglich sein Bein brechen können, wenn es Ihnen beliebt."

"Eine Form der Selbstverteidigung, jeder Attacke gewachsen", versprach Edward William Barton-Wright. Als Autor des Artikels stellte er die revolutionäre Kampfkunst Bartitsu vor. Sie verband erstmals asiatische und europäische Methoden und machte Spazierstöcke, Regenschirme, sogar Fahrräder zu Waffen. Und eine 1,50-Meter-Frau zum Schrecken der Londoner Polizei.

Fernostimport gegen Straßenbanden

International war Barton-Wrights Leben von Anfang an: In Indien wurde er 1860 als Sohn britischer Eltern geboren, wuchs in Deutschland und Frankreich auf. Später trieb ihn seine Arbeit als Ingenieur um die halbe Welt - und 1885 nach Japan.

Er war fasziniert von Jiu-Jitsu. In der japanischen Kampfkunst wenden Kämpfer gezielt die vom Gegner aufgebrachte Kraft gegen ihn. Das studierte Barton-Wright jahrelang, auch an der Schule von Jigoro Kano, Begründer des später Judo getauften Kampfstils. Als er 1898 nach London zurückkehrte, nahm er das Erlernte mit.

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Viktorianische Mixed Martial Arts: Prügeln wie ein Gentleman

Im Mutterland des modernen Boxsports war das Interesse an fernöstlichen Kampftechniken zunächst gering. Aber für den rauen Alltag Londons ließen sich die raffinierten Griffe und Würfe nutzen: Straßenbanden, Überfälle und Morde waren im überquellenden Moloch Ende des 19. Jahrhunderts nicht selten, die "Jack the Ripper"-Morde hielten die Stadt in Atem. Vor allem betuchte Londoner konnten kaum sorglos durch die Gassen flanieren.

Barton-Wright ahnte: Eine Methode, sich gegen kriminellen Gassenpöbel zu verteidigen, ohne auf rohe Kraft angewiesen zu sein, müsste auf Interesse stoßen. Und so verband er Jiu-Jitsu mit Elementen des französischen Savate-Boxens und des Spazierstockkampfs La Canne. Er taufte die Selbstverteidigungsmethode nach sich: Bartitsu.

"Halsschlagader durch den Mantelkragen durchtrennen"

"Eine riesige unterirdische Halle mit glitzernden, weiß gekachelten Wänden, elektrischen Lichtern und Champions, die umherstreifen wie Tiger", bestaunte 1901 das "Health and Strength"-Magazin den Bartitsu Club, das Trainingszentrum, das Barton-Wright ein Jahr zuvor in Soho eröffnet hatte.

Zeitungsartikel und Vorführungen hatten die Neugier der Londoner geweckt, auch dank vollmundiger Versprechungen Barton-Wrights: Bartitsu sei "ebenso gut gegen einen Angreifer mit Messer oder Stock anwendbar wie gegen einen Boxer".

Seine Methoden waren kreativ. So zeigte er, wie man Fahrräder zu Waffen macht, indem man sie auf dem Hinterrad vor sich herrollt, um Angreifer zum Sturz zu bringen. Oder das Bein des Kontrahenten zwischen Rad und Rahmen einklemmt, um ihn zu fixieren.

Auch aus Spazierstöcken und Regenschirmen machte Bartitsu Waffen. Erhobenen Hauptes standen sich Herren im Anzug gegenüber, um ihren Stock wie einen Degen zu führen. Barton-Wright erläuterte 1901 im "Pearson's Magazine": "So können Schläge derart gewaltig ausgeführt werden, dass ein gewöhnlicher Malakka-Spazierstock die Halsschlagader eines Mannes durch seinen Mantelkragen durchtrennen kann."

Schlauer schlagen

In Fotoserien demonstrierten erlesen gekleidete Herren solche Bluttaten mit so tadelloser Haltung, als könnten sie mit der freien Hand noch eine Teetasse balancieren. "Wie Barton-Wright die Kampfstile verband, passte zur viktorianischen Idee einer aufrechten, offiziershaften Kampfkunst. Während der Gegner sein Gleichgewicht verlor, behielt man seine Gentleman-Haltung", erklärte Kampfchoreograf Keith Ducklin 2016 der BBC.

Auch der Gedanke des Geists, der über den Körper siegt, passte zum Selbstbild britischer Bildungsbürger. Weil man jedem brutalen Angriff eine elegante, effiziente Abwehrbewegung entgegensetzen konnte. Barton-Wright betonte, es handele sich um eine "wissenschaftliche Methode der Verteidigung". Diese Idee eines intellektuellen Kampfes bescherte Bartitsu sogar literarische Fans:

"Wir schwankten zusammen an der Kante des Wasserfalls. Ich verfüge jedoch über einige Kenntnisse in Baritsu, der japanischen Methode des Ringkampfs (...). Ich entglitt seinem Griff, und er trat für einige Sekunden wild um sich und hieb mit einem schrecklichen Schrei mit beiden Händen nach der Luft. Aber trotz aller Mühen konnte er das Gleichgewicht nicht wiederfinden und fiel über die Kante."
Arthur Conan Doyle, "Das leere Haus" (1903)

Eigentlich hatte Arthur Conan Doyle das Detektivgenie Sherlock Holmes 1893 sterben lassen. Der Schriftsteller war seiner berühmtesten Figur überdrüssig geworden und wollte Zeit für andere Stoffe. Also ließ er Holmes in "Das letzte Problem" am Schweizer Reichenbachfall mit seinem Erzfeind James Moriarty ringen - und mit ihm in die tödliche Tiefe stürzen.

Dojo in Soho

Doch zehn Jahre später sollte Doyle ihn wiederbeleben - mithilfe von "Baritsu", wie er falsch schrieb. In der Kurzgeschichte "Das leere Haus" erzählte Holmes, Meister des logischen Denkens, wie er Moriarty dank Barton-Wrights "wissenschaftlicher" Kampfkunst entronnen war.

Barton-Wrights Kampfsportimport war bald auch unter Damen beliebt

Barton-Wrights Kampfsportimport war bald auch unter Damen beliebt

Ganz neu war die Idee nicht, Bartitsu in der Verbrechensbekämpfung einzusetzen. So hatte schon im März 1899 etwa in einem Zeitungsartikel von Barton-Wright ein Colonel G. W. Fox aus York für Bartitsu-Kurse geworben: "Ich bin sicher, dass unsere Polizei es viel erfolgreicher mit jeglicher Form von Widerstand aufnehmen könnte, wenn sie einige seiner Würfe und Griffe erlernen würde." Tatsächlich aber sollte das Gegenteil geschehen: Bürger würden es mittels Bartitsu mit der Polizei aufnehmen. Genauer: Bürgerinnen.

Niemand hätte die zierliche Edith Garrud mit ihren 1,50 Metern Größe für eine Kampfsportexpertin gehalten. Doch um 1901 trainierten sie und ihr Mann William, ein Sportlehrer, regelmäßig im Londoner Dojo von Barton-Wright, der die Ausbilder in aller Welt rekrutiert hatte - aus Japan etwa Sadakazu Uyenishi. Als der Jiu-Jitsu-Experte nach Japan zurückkehrte, begannen die Garruds 1908 selbst zu unterrichten.

Knüppel unter dem Sporthallenboden

Ihre berühmtesten Schüler wurden die Suffragetten: Aktivistinnen, die mit Demonstrationen und Hungerstreiks für das Frauenwahlrecht kämpften. Zunächst brachte Edith Garrud Mitglieder der Women's Social and Political Union (WSPU) bei, sich gegen gewalttätige Übergriffe zu wehren, dann auch Angriffstechniken.

Garrud wurde Ausbilderin eines Teams von etwa 25 Jiu-Jitsu-Suffragetten namens "Bodyguard". Sie bewahrten die WSPU-Leiterin Emmeline Pankhurst bei öffentlichen Auftritten vor der Verhaftung, wenn die Polizei anrückte: Die Bodyguard-Frauen fingen Kämpfe mit Polizisten an, um sie abzulenken. Unterdessen schaffte man Pankhurst fort.

Das Dojo, das Garrud inzwischen betrieb, diente als Unterschlupf, wie ihr Großneffe Martin Williams 2012 der Zeitung "Islington Tribune" erzählte: "Sie zettelten einen Tumult an der Oxford Street an, rannten zum Dojo zurück und versteckten ihre Knüppel und Schläger unter dem Boden. Als die Polizei eintraf, taten sie, als hielten sie gerade einen Kurs für Leibesertüchtigung."

Sogar das Satiremagazin "Punch" verewigte den Schlägerinnentrupp: In einer Zeichnung von 1910 verdrosch Garrud Londoner Polizisten so, dass die wie nasse Waschlappen über den Zäunen hingen. Titel: "Die Suffragette, die Jiu-Jitsu konnte."

Rückkehr einer totgeglaubten Kunst

Edward Barton-Wright konnte von diesem Boom nicht mehr profitieren. Er war der Kampfsportpionier, aber bald schon hatten viele andere Lehrer Jiu-Jitsu-Schulen eröffnet, auch Barton-Wrights eigene Mitarbeiter.

Bereits 1902, nach nur zwei Jahren, musste der "Bartitsu Club" schließen. Engländer trainierten nun in anderen Jiu-Jitsu-Klubs, auch ohne Spazierstock und Mantelwurf. Der Bartitsu-Erfinder konnte der Konkurrenz nicht standhalten. Er soll zuletzt in ärmlichen Verhältnissen gelebt haben, ehe er 1951 starb.

Die britische Krimiserie "Mit Schirm, Charme und Melone" in den Sechzigerjahren erlebte Barton-Wright nicht mehr: Darin pflegte Agent John Steed seine Widersacher mit Degen-Regenschirm und stahlverstärkter Melone zu erledigen, seine katzenhafte Kollegin Emma Peel beherrschte Karate, beide brillierten mit Scharfsinn, Eleganz und Lässigkeit - ihr Auftreten erinnerte sehr an Barton-Wrights sonderbare Kampfkunst.

Seine Schöpfung sollte 2009 wiedergeboren werden, wie einst Sherlock Holmes. Dank Sherlock Holmes. Denn als Regisseur Guy Ritchie eine Neuverfilmung auf die Leinwand brachte, präsentierte der Meisterdetektiv sich äußerst schlagkräftig: Robert Downey Jr. erwehrte sich der Machenschaften englischer Verbrecher mit seinem scharfen Verstand. Und mit den ausgeklügelten Griffen, Würfen und Spazierstockhieben des Bartitsu.

Was wohl nicht nur Ritchies literaturhistorischer Detailliebe geschuldet war - sondern auch seinem Schwarzgurt in Brazilian Jiu-Jitsu.

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Wolf Palokhan, 05.11.2019
1. Korrektur
Zum Thema Barititsu...gut recheriert, bis auf den Schluß...in der Sherlock Holmes Verfilmung von 2009 benutzt Robert Downey jr. als Kampfkunst Wing Tsun, in der er auch privat Meisterschaft erlangt hat, nicht Barititsu...
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